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Jogi Löw und sein letzter Showdown: Ich spüre sehr viel Energie

GQ-Logo GQ vor 4 Tagen Patrick Strasser
jogi-loew-em-sport.jpg © Getty Images jogi-loew-em-sport.jpg

Jogi Löw vor seinem letzten Turnier: Wie viel geht noch für den dienstältesten Nationaltrainer?

Vor jedem Turnier freut sich Joachim Löw auf ein liebgewonnenes Ritual. Den Besuch im Kanzleramt zu Berlin bei Bundeskanzlerin Angela Merkel. Nicht allein wegen der anregenden Gespräche, sondern auch wegen des Cordon Bleu mit Bratkartoffeln. Denn die seien, so Löw, „einsame Spitze“ und er betonte, der Koch stamme aus Südbaden. Wie Löw, der unweit in Schönau im Schwarzwald geboren ist und im südbadischen Freiburg lebt.

„Wir haben über verschiedene Dinge gesprochen, die uns bewegen, unter anderem über Politik und über Corona“, verriet Löw über das Wiedersehen mit Merkel. Den 61-Jährigen und die fünf Jahre ältere Kanzlerin verbindet eine lose Freundschaft. Man kennt sich seit der Sommermärchen-WM 2006. Im Jahr zuvor wurde Merkel Kanzlerin, nach dem Turnier übernahm Löw das „zweitwichtigste Amt“ der Republik von Jürgen Klinsmann. Im Herbst werden beide Geschichte sein: Bundestrainer Löw verabschiedet sich nach der anstehenden EM – vorzeitig und auf eigenen Wunsch. Merkel wird zur Bundestagswahl am 26. September nicht mehr antreten. Was beide eint: Sie können nicht aus dem Amt gewählt bzw. nicht mehr unehrenhaft entlassen werden. Doch welchen Abschied werden sie haben?

Jogi Löw und die Todesgruppe: Ein Vorrunden-Aus wäre ein Desaster

Bei Löw steht es spätestens in etwas mehr als vier Wochen fest. Am 11. Juli steigt das Finale der 11-Länder-EM in London. Mindestens drei Spiele wird Löw die deutsche Nationalmannschaft noch coachen, dann ist der Bundestrainer mit den meisten Länderspielen in der DFB-Historie Vergangenheit. Die Anzahl drei ist jedoch aus der Abteilung Schwarzmalerei, da sie lediglich die Vorrunde dieser um ein Jahr verschobenen Endrunde beinhaltet. Das Aus nach den drei Gruppenspielen wäre – analog zum blamablen wie historischen Ausscheiden bei der WM 2018 in Russland – ein Desaster. Trotz der prominenten Gruppengegner der Deutschen, mit dem amtierenden Europameister Portugal, dem amtierenden Weltmeister Frankreich und der Überraschungsmannschaft Ungarn.\\Erreicht Löw das EM-Finale, käme er auf vier weitere K.o.-Spiele und würde mit dann noch insgesamt neun Partien auf 201 Einsätze für Deutschlands Elite-Auswahl kommen. Nach Ende der Vorbereitung lautet seine Bilanz: 123 Erfolge in 194 Länderspielen – bei bisher 39 Unentschieden und 32 Niederlagen. Weltweit dienstältester Nationaltrainer ist er bereits, verantwortete acht Turniere als Chefcoach, inklusive des siegreichen Confed-Cup 2017. Keiner hat mehr.

Lesen Sie auch: Benedikt Höwedes über Joachim Löw: “Er hat uns immer eine lange Leine gelassen”\\Viel Zahlenwerk – dabei geht es beim Jogi-Countdown um Emotionen. Der von ihm im März verkündete Rücktritt für diesen Sommer trotz seines Vertrages bis einschließlich der Winter-WM im November/Dezember 2022 in Katar hat die Anti-Löw-Stimmung im Lande etwas gedreht. Viel Lob, viel Ehr' prasselte seitdem auf ihn hernieder. Sein Lebenswerk in DFB-Diensten wurde gepriesen als wäre er schon nicht mehr im Amt. Allen voran den WM-Titel 2014 in Brasilien, aber auch die Tatsache, bei allen Turnieren seit 2008 (mit Ausnahme der WM 2018) mindestens das Halbfinale erreicht zu haben, kann sich Löw ans Revers heften.

Einen personellen Umbruch moderieren? Nicht mehr Löws Ding!

Nun coacht Löw sein finales Turnier. Ohne seine Entscheidung, den Rückzug vorab anzukündigen und den Weg zu einem Neuanfang freizumachen, wäre die EM zum Scharfrichter-Event geworden. Denn nach der historisch schlechten 0:6-Klatsche im November letzten Jahres gegen Spanien stand Löw mit dem Rücken zur Wand, viele Experten und Fans hatten seine Entlassung gefordert. Nun sieht die Sache ganz anders aus. Löw geht befreit in sein letztes Abenteuer.\\Ohne Kompromisse in Sachen Kaderzusammenstellung machen zu müssen, ohne zugleich den Blick in die Zukunft richten zu müssen. Also holte er die im Frühjahr 2019 vergraulten und vorschnell verabschiedeten Thomas Müller und Mats Hummels zurück, machte die Ü30-Kicker ad hoc zu Führungsfiguren. Einen personellen Umbruch moderieren? Nicht mehr Löws Ding! Heißt: Die Abschiedstournee kann auch befreiende Facetten haben. „Ich bin nicht wehmütig oder besonders motiviert, weil nun mein letztes Turnier bevorsteht“, sagt er. Im Gegenteil. „Ich spüre sehr viel Energie. Ich bin ungeduldig und freue mich auf den Beginn des Turniers. Ich bin guten Mutes und sehr optimistisch.“

Lesen Sie auch: Kevin Trapp: Wie man Drucksituationen meistert\\Paart Löw seine zum Teil überdimensionierte Selbstsicherheit und Gelassenheit nun mit Entschlossenheit und der nötigen Prise Lockerheit in seinem Führungsstil als auch im Coaching könnte der große Wurf gelingen: der erste EM-Titel seit 1996. Der Pokal, der seinen mit allen Titeln dekorierten Leitwölfen, sprich Kapitän Manuel Neuer, Toni Kroos & Co., noch fehlt.

Er wirkt entschlossen und willens

Löws angekündigter Abschied soll neue Kräfte freisetzen, soll für zusätzliche, personalisierte Motivation sorgen. „Ich will ihm den Abschied bereiten, den er auch verdient“, sagte Ilkay Gündogan. Welttorhüter Neuer meinte: „Wir wollen die erfolgreiche Ära mit einem schönen Abschluss krönen und ihm ein Geschenk machen. Er hat es einfach verdient, mit einem Höhepunkt aufzuhören.“ Dass der Bundestrainer auf Abruf zur „lame duck“ werden könnte, dem widersprach Neuer energisch: „Man hat gemerkt, dass er sehr motiviert, ehrgeizig und enthusiastisch ist. Er will unbedingt.“ In der Vorbereitung, vor allem in den Tagen des Trainingslagers in Seefeld (Tirol), wirkte er entschlossen und willens, sich mit einem positiven Knall zu verabschieden und mit den höchsten Weihen den Stab an seinem Kumpel und ehemaligen Assistenten Hansi Flick weiterzugeben, mit dem er 2014 in Rio triumphierte.

Lesen Sie auch: Robert Lewandowski: “Ich dachte früher, dass ich alle Probleme selbst verarbeiten kann und sie dann verschwinden”\\Noch ein letztes Mal muss Löw den Coach aus sich herausholen, der eine Mannschaft nur alle paar Monate bei sich hat, noch ein letztes Mal kann er den pragmatischen Gelegenheitstrainer geben. „Wir wollen uns den Fans und Zuschauern zuhause gegenüber positiv zeigen.“ Der Grund: Die TV-Einschaltquoten hatten im Jahr der Geisterländerspiele aufgrund der Corona-Pandemie dramatisch abgenommen, sanken auf Werte, die so niedrig wie seit 20 Jahren waren. DFB-Direktor Oliver Bierhoff sprach bildhaft von einer „dunklen Wolke“, die über der Nationalelf schwebe. Löw glaubt: „Die Fans kann man nur mitreißen, wenn man gewinnt.“ Er gibt sich optimistisch: „Die Mannschaft hat wirklich Potenzial. Wenn wir da noch ein paar Dinge korrigieren, können wir uns darauf freuen. Was ich sehe und spüre an Energie und Einsatz in der Mannschaft, ist top.“ Der Mythos von der Turniermannschaft lebt.

Was Jogi Löw wirklich auszeichnet

Er selbst ist längst verschwunden. Ein letztes Mal im Turnier-Tunnel, in den er „praktisch schon ein halbes Jahr davor“ eintaucht und „nirgendwo anders mit den Gedanken als beim Fußball“ ist. In Sachen eigener Denkmalpflege – der letzte Eindruck zählt! - soll nun ein Erfolg her. Wie auch immer man den definiert nach der Blamage von Russland. Halbfinale? Finale? Zählt nur der Titel? Nach Helmut Schön (1972 und 1974) wäre Löw dann der zweite Nationaltrainer, der beide Trophäen gewonnen hätte. Es wäre ein märchenhafter Abschied. Ein erneutes Vorrunden-Aus würde das Denkmal Löw zu Fall bringen.\\„Wir wollen das Finale erreichen und gewinnen“, sagt Löw und betont: „Turniere sind für mich das Salz in der Suppe. Das finde ich spannend. Dann alles herauszuholen, das macht es aus. Darauf freue ich mich.“ Ein letztes Mal muss er das sein, was ihn auszeichnet: ein Turniertrainer.

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