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«Interkontinental reisen können wir bestenfalls wieder 2021 – und auch das nur begrenzt»

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 05.04.2020 Susanna Müller

In der Schweizer Tourismusbranche werde es leider mit Sicherheit zu Konkursen kommen, sagt Christian Laesser, Touristik-Professor an der Universität St. Gallen.

Die Corona-Krise trifft die Reisebranche brutal. Einstige Touristen-Hotspots wie Mailand, Paris oder Barcelona sind heute menschenleer. Herr Laesser, hat uns das Coronavirus vom Massentourismus befreit?

Nein, was wir gerade erleben, ist eher ein temporäres Phänomen. Dieses Jahr sehen die Hotelübernachtungen katastrophal aus, das ist unbestritten. Aber die Nachfrage ist grundsätzlich noch vorhanden. Früher oder später werden wir wieder zum nicht unumstrittenen Massentourismus zurückfinden, da bin ich fast sicher.

Ist die derzeitige Krise nicht auch eine Chance, über Probleme nachzudenken, die der Tourismus mit sich bringt?

Diese Probleme kommen nicht erst heute an den Tag. Klar, es wird uns jetzt überdeutlich vor Augen geführt, wie es ist, wenn Städte nicht von Touristen überlaufen sind, wenn das Wasser wieder klar ist wie derzeit in Venedig. Aber man sieht auch die negativen Seiten, die Schäden. Die sozialen Auswirkungen des Lockdown, also Isolation in Einzelhaushalten und «Zwangsfeiertage» in Mehrpersonenhaushalten, sind nicht zu unterschätzen, insbesondere wenn der Ausnahmezustand noch lange andauert. Auch die ökonomischen Auswirkungen sind gross. Der totale Stillstand führt uns vor Augen, wie wenig es braucht, bis sicher geglaubte Rahmenbedingungen plötzlich wegkippen und es uns nicht mehr gut geht. Wir werden, wie es einzelne Psychologen prophezeien, alle mit einer Art posttraumatischer Belastungsstörung aus dieser Krise hervorgehen.

Wie lautet Ihre Prognose: Wann und wie werden wir wieder reisen können?

Ich gehe nicht davon aus, dass alle Beschränkungen aufs Mal aufgehoben werden. Wahrscheinlich tritt zuerst im Inland eine Lockerung ein, wodurch es mehr Inlandreisen gäbe. In einer weiteren Phase ist eine europäische beziehungsweise eine kontinentale Lockerung denkbar. Erst in einer letzten Phase, wenn wirklich alle Restriktionen aufgehoben sind, wird der Tourismus wieder zwischen den Kontinenten stattfinden, erst dann kommen wieder Asiaten und Amerikaner zu uns. Das wird im besten Fall und begrenzt 2021 so weit sein, jedenfalls erst dann, wenn es wirksame Medikamente oder idealerweise eine Impfung gegen das Virus gibt.

Warum fällt uns der Gedanke so schwer, aufs Reisen zu verzichten?

Wenn der Mensch die Voraussetzungen dazu hat, will er mobil sein. Das ist zum Teil genetisch bedingt. Wir waren schon immer Entdecker, Herumtreiber. Erste Studien in den USA zeigen, dass diejenigen, die sich jetzt zurückhalten müssen, sofort wieder reisen werden, sobald es möglich ist. Zugespitzt formuliert: Wenn uns die Mobilität nicht am Herzen läge, würden wir uns alle im Gefängnis wohl fühlen. Aber eine Einschränkung der Mobilität, eine Beschränkung auf wenige Quadratmeter empfindet der Mensch als Strafe. Wir wollen nach draussen, ins Freie.

. . . aufs Wasser zum Beispiel. Nun wurden aber verschiedentlich Kreuzfahrtschiffe unter Quarantäne gestellt, weil Passagiere positiv auf das Virus getestet wurden. Ist damit das Ende des Kreuzfahrtbooms absehbar?

Wer in einer Gruppe reist, geht das Risiko ein, bei Ausbruch einer Infektion unter Quarantäne gestellt zu werden – und die Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs sind nichts anderes als eine grosse Gruppe. Ausserdem ist ein Schiff ein geschlossener Raum. Ich kann mir vorstellen, dass es im Bereich Kreuzfahrten kurzfristig einen kleinen Durchhänger gibt. Gut möglich, dass auch Hygiene hier vorübergehend stark an Bedeutung gewinnt. Relativierend könnte man einzig hinzufügen, dass es nichts Neues ist, dass Schiffe unter Quarantäne gestellt werden.

Auch Hotels sind ja in letzter Zeit vermehrt in den Ruf gekommen, dass ihre Hygiene mangelhaft sei . . .

Das ist mir nicht bekannt. Aber Hygiene könnte bei Hotels tatsächlich zu einem sehr wichtigen Qualitäts- und Profilierungsmerkmal werden, auch wenn die bestehenden Regulierungen eigentlich schon eine hohe Latte setzen. Dennoch bin ich gespannt, wie lange es dauert, bis in diesem Bereich vielleicht sogar der Ruf nach Zertifizierungen laut wird. Bei Online-Plattformen wie Airbnb ist Hygiene nochmals ein anderes Thema. Anders als bei Hotels kann dort niemand belangt werden, wenn gewisse Ansprüche nicht erfüllt sind, zumal bis heute für solche Anbieter nicht die gleichen Sicherheits- und Hygienevorschriften gelten wie für Hotels.

Airbnb ist bereits jetzt stark unter Druck geraten.

In der Vergangenheit haben etliche Lifestyle-Unternehmer Wohnungen angemietet, ausgestattet und auf Airbnb weitervermietet. Viele dieser Vermieter sind aber mit ungenügenden finanziellen Reserven ins Geschäft eingestiegen. Nun bleiben plötzlich die Kunden weg – aber die laufenden Kosten müssen trotzdem bezahlt werden. Das ist für viele ein grosses Problem. Wer Glück hat, kann die Wohnung innerhalb von drei Monaten künden. Die anderen suchen nach langfristigen Mietern. Man sieht derzeit in verschiedenen europäischen Staaten, wie sich die Zahl der Angebote für Langfristmieten erhöht.

Wie sieht es im Geschäftsleben aus: Wird man künftig noch für Meetings um die halbe Welt fliegen?

Hier wird mit einem länger anhaltenden Einbruch zu rechnen sein. Das Fluggeschäft ist zyklisch, und in einer Rezession geht die Nachfrage immer markant zurück. Darüber hinaus zwingt die Corona-Krise viele Unternehmen dazu, virtuelle Konferenzen abzuhalten, anders zu kommunizieren – und man stellt fest, dass das ganz gut funktionieren kann. Kommt hinzu, dass Geschäftsreisen auch schnell «sättigen», sprich: dass man genug davon bekommt. Besonders im Bereich Flugverkehr werden Geschäftsreisen auf lange Zeit hinaus nicht wieder das frühere hohe Niveau erreichen. Ob sich grundsätzlich etwas verändert oder ob wieder der Courant normal zurückkehrt, wird man allerdings erst in der nächsten Hochkonjunktur sehen.

Könnte der virtuelle Aspekt auch beim Reisen selbst zentral werden? Mit Google Earth kann man ja bereits heute den ganzen Erdball umrunden.

Nein, Virtualität kann nur ein vorübergehender Ersatz sein. Soziale Netzwerke etwa helfen, über grössere Distanzen hinweg den Kontakt aufrechtzuerhalten. Wenn ich aber mit jemandem in Kontakt bleiben kann, habe ich auch das Bedürfnis, diesem Menschen physisch zu begegnen. Man darf nicht vergessen: Wir sind multisensorische Wesen. Was wir in der jetzigen Krise erleben, geschieht primär übers Sehen und übers Hören. Alles andere aber fehlt: das Spüren des Gegenübers, die direkt erlebbare Empathie und die Authentizität der Begegnung. Sobald es wieder möglich ist, werden die Menschen mehr reisen, um den Kontakt, den sie während Wochen oder Monaten nur über soziale Netzwerke pflegen konnten, endlich auch wieder physisch zu erleben.

Alles steht still: Für den Tourismus in der Schweiz werden im April Umsatzeinbussen von über 90 Prozent erwartet. Im Bild die Luzerner Kapellbrücke. ; Arnd Wiegmann / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Alles steht still: Für den Tourismus in der Schweiz werden im April Umsatzeinbussen von über 90 Prozent erwartet. Im Bild die Luzerner Kapellbrücke. ; Arnd Wiegmann / Reuters Nach Angaben von Hotellerie Suisse werden für den Tourismus in der Schweiz im April Umsatzeinbussen von über 90 Prozent erwartet, und auch für den Mai rechnet man noch immer mit einem Minus von 73 Prozent. Das tönt alarmierend.

Es wird in der Schweizer Tourismusbranche leider mit Sicherheit zu Konkursen kommen. Wie gross der Schaden sein wird, können wir heute noch nicht abschätzen. Dies hängt auch davon ab, wie der Staat in dieser Krisensituation agiert. Es sind genügend Mittel vorhanden, die Frage ist nur, wie sie verteilt und wie sie genutzt werden. Ich mache mir für die Schweiz durchaus Sorgen; wir sind – anders als viele andere Länder – jedoch in der glücklichen Lage, notfalls ein paar Monate durchhalten könnten.

Dies ist nicht die erste Krise, welche die Reiseindustrie empfindlich trifft: Beispiele sind der Terroranschlag in Luxor 1997, der Anschlag auf das New Yorker World Trade Center 2001 oder der Tsunami an der Küste Thailands 2004. Nach Katastrophen bleiben die Touristen vorerst aus – aber je nachdem erholen sich die Zahlen sehr schnell wieder. Wie wird es diesmal sein?

Es wird genau gleich sein. Die jetzige Situation ist jedoch insofern einmalig, als derzeit sowohl Angebot als auch Nachfrage blockiert sind. Das heisst, die Leute können nicht reisen, und gleichzeitig sind auch die touristischen Produkte nicht verfügbar: Hotels haben geschlossen, Flugzeuge stehen am Boden usw. So etwas gab es noch nie. Bei Luxor oder Nine-Eleven zum Beispiel reisten die Leute kurzfristig nicht, weil sie Angst hatten – obwohl Reisen grundsätzlich möglich gewesen wäre. Einen kompletten Stopp und einen so tiefen Fall, wie wir das derzeit haben, hat es meines Wissens noch nie gegeben.

Ist es denkbar, dass Reisen teurer wird und damit einen neuen Stellenwert erhält?

Reisen wird kaum teurer werden, denn der globale Wettbewerb wird weiterhin spielen. Allerdings denke ich, dass diese Krise unsere Wahrnehmung der Dinge, unsere Werte adjustieren wird. Man kann es bei den Medien beobachten: Fast alle sind von ihrem schrillen Ton abgerückt und sind sachlich-nüchtern geworden. Man sieht, dass es auch ganz anders geht. Die gegenwärtige unfreiwillige Pause zwingt darüber hinaus die Menschen zum Innehalten und zur Neubewertung von vielem.

Wie wird es weitergehen?

Was diese Krise mit uns anrichtet, können wir heute noch nicht abschätzen. In China beispielsweise sind nach dem zweimonatigen Lockdown die Scheidungsraten gestiegen. Hotels sollten sich überlegen, auf diese Situation zu reagieren: Angebote für gestresste Familien, Wellness-Tage für Frauen, die nach langer Zeit wieder einmal unter sich sein wollen, solche Dinge. Nach all dem «Wir» brauchen die Menschen vielleicht wieder Raum fürs «Ich». Sie müssen die Spannungen lösen können, die sich in der Zeit des Eingeschränktseins, ja des Arrests aufgebaut haben. Touristische Anbieter könnten substanziell dazu beitragen, die Schäden etwas abzufedern, die wir alle aus dieser Krise davontragen.

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