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«Unsere Ausweise beginnen mit 4201. Das ist der Seuchen-Code»

Tages-Anzeiger-Logo Tages-Anzeiger 14.04.2020

Nach 76 Tagen kompletter Corona-Abriegelung ist Wuhan wieder geöffnet. Eindrücke aus einer Stadt, in der jetzt das Smartphone entscheidet, wie frei ein Mensch ist.

Das neue Normal in Wuhan: Die Menschen tragen Masken, oft auch Taucherbrillen und Einweg-Schutzanzüge. © Roman Pilipey (Keystone) Das neue Normal in Wuhan: Die Menschen tragen Masken, oft auch Taucherbrillen und Einweg-Schutzanzüge.

Wuhan ist heute weltberühmt – wie Fukushima und Tschernobyl, wie Hiroshima und Stalingrad. Wuhan steht für den Ausbruch des Coronavirus und die wohl grösste Massenquarantäne der Geschichte. 76 Tage war die Stadt abgeschottet.

Erst seit vergangener Woche ist die Stadt wieder geöffnet, wer durch die Strassen läuft, sieht die Spuren des Virus überall. Die Menschen tragen Mundschutz, an den Bahnhöfen dazu oft noch Taucherbrillen und Einweg-Schutzanzüge, weiss, steril. Aber: Auch das Leben ist zurückgekehrt.

Am ersten Wochenende nach der Öffnung drängeln sich die Menschen beinahe in der grössten Einkaufsstrasse der Stadt, sie bummeln an den Schaufenstern vorbei, stehen für Milchtee an, gehen zum Friseur. Abends tanzen Rentner auf der Strasse, morgens trainieren sie Tai-Chi. Sie machen das zwar mit Maske und ein bisschen mehr Abstand als früher, aber der Alltag ist zurück, nachdem das Leben am 23. Januar plötzlich eingefroren worden war.

Abends tanzen Rentner auf der Strasse, morgens trainieren sie Tai-Chi: Hier in einem alten Stadtviertel am 12. April 2020. © Ng Han Guan (Keystone) Abends tanzen Rentner auf der Strasse, morgens trainieren sie Tai-Chi: Hier in einem alten Stadtviertel am 12. April 2020.

Einen Tag vor dem chinesischen Frühlingsfest gaben die Behörden nachts um zwei Uhr bekannt, dass sie Wuhan von der Aussenwelt abriegeln, um das Virus einzudämmen. Keine Flüge und Schnellzüge mehr, U-Bahnen und Busse stellten den Verkehr ein. Das Militär verbarrikadierte die Ausfallstrassen. Und Politikwissenschaftler Lu Xiaoyu begann damit, im Internet Blogeinträge zu verfassen, 76 Tage lang war er der Chronist des Wahnsinns.

Der Chronist

Der Politologe Lu Xiaoyu ist ins Westin gekommen, eines der wenigen Hotels in Wuhan, die bereits geöffnet haben. Gäste müssen ihre Temperatur messen lassen, der Portier überreicht ein Thermometer. «Nehmen Sie dort drüben Platz, einmal unter die Achseln bitte, ich komme in fünf Minuten wieder.» Wer eine höhere Körpertemperatur hat als 37,4 Grad, darf nicht rein. Im Garten des Hotels nimmt Lu seine Maske ab, Vögel zwitschern, es ist Frühling, die schönste Jahreszeit. Im Winter ist es oft kalt, viele Wohnungen haben keine Heizungen, über der Stadt hängt eine dichte Smogglocke. Im Sommer ist es brütend heiss. Einen der «drei Öfen» nennen die Chinesen Wuhan.

Am Tag des Lockdowns hatte es morgens gerade mal vier Grad, Lu notierte: «Meine Familie verwarf die Pläne, unsere Vorfahren auf dem Friedhof zu besuchen. Die Lebenden können die Toten nicht sehen, sagte meine Grossmutter und spielte mit einem chinesischen Sprichwort, dass die Toten die Lebenden nicht sehen können. Meine Eltern gingen einkaufen.» Vergeblich. Der Supermarkt schloss bereits am Morgen.

«Zuerst kommen die Gerüchte, dann die Dementi und schliesslich die Bestätigung.»

Natürlich kam es schnell zu Fragen und Gerüchten. Wann wird es wieder Toilettenpapier geben? Wann neue Schutzmasken? Wer ist schon krank? Wie lang sind die Schlangen vor den Krankenhäusern? «Wir haben uns rasch an die Art gewöhnt, wie sich Nachrichten verbreiten. Zuerst kommen die Gerüchte, dann die Dementi und schliesslich die Bestätigung. Man kann nicht automatisch jedem Gerücht glauben. Den ganzen Tag wird man davon überschwemmt», schrieb Lu.

Ein Wachmann misst bei den Café-Gästen die Temperatur und sprüht sie mit Alkohol ab. Er feierte noch mit Frau und Kind das chinesische Neujahr. Dann, Anfang Februar, flogen die beiden mit einer Maschine der Bundeswehr aus, über Helsinki nach Frankfurt, in die Heimat seiner Frau. Lu blieb in Wuhan bei seinen Eltern und der Grossmutter. «Ich dachte anfangs, das dauert maximal zwei, drei Wochen, länger lässt sich das nicht durchhalten.»

Zum Glück haben auch die Friseure wieder geöffnet: «Nägel und Haare wachsen wild wie Gras», schrieb während der Ausgangssperre Lu Xiaoyu in seinem Blog. © Wang Yuguo (picture alliance / Photoshot) Zum Glück haben auch die Friseure wieder geöffnet: «Nägel und Haare wachsen wild wie Gras», schrieb während der Ausgangssperre Lu Xiaoyu in seinem Blog.

Mitte Februar wurden die Regeln weiter verschärft, niemand durfte mehr auf die Strasse. Nur zum Einkaufen, pro Haushalt ein Familienmitglied. «Wir schicken alle drei Tage eine Person, um Lebensmittel zu kaufen. Wir geben diese wertvolle Gelegenheit immer demjenigen, der am meisten Bewegung braucht», notierte Lu in seinem Tagebuch.

«Unser Gewicht erreichte ein Allzeithoch. Ausser Grossmutter trainierte niemand von uns zwei Mal am Tag. Wenn ich mein Gesicht wasche, stelle ich fest, dass sich mein Körper verändert hat.» Fülliger ist er geworden, die Wangen so dick wie noch nie. «Nägel und Haare wachsen wild wie Gras. Die Haare meines Vaters waren die längsten seit zehn Jahren.»

Vorgetäuschte Mobilitätsfreiheit

Wochenlang konnte auch die Buchhalterin Zhang Yi ihre Wohnung nicht verlassen. «Ich weiss es noch wie heute», sagt sie. «Um 2.17 Uhr in der Nacht hat mir eine Freundin eine Nachricht geschickt.» Sie zeigt die SMS auf ihrem Smartphone: «Sie machen Wuhan dicht!!!» Drei Ausrufezeichen, gefolgt von einem Smiley, das eine Träne vergiet. «Ich habe selbst angefangen zu weinen», sagt sie. Das Neujahrsfest wollte sie bei Oma und Opa auf dem Land feiern. «Ich hatte schon alles eingekauft.»

Als Treffpunkt hat sie ein Café im Süden der Stadt vorgeschlagen. Ihre erste heisse Schokolade seit Januar, an einem der Tische draussen, in der Frühjahrssonne. «Ganz surreal ist das, es fühlt sich so leicht an», sagt sie. Das Bestellen aber ist eine Herausforderung. Um ins Gebäude zu gelangen, misst ein Wachmann Fieber und sprüht jeden Besucher mit Alkohol ab, das Café selbst darf man nicht betreten, stattdessen muss man eine App herunterladen und online bestellen. Erst dann bekommt man die Getränke ausgehändigt.

Passagier stehen sin der Schlange um den ersten Wuhan verlassenden Zug zu erwischen: 8.April 2020. © Roman Pilipey (Keystone) Passagier stehen sin der Schlange um den ersten Wuhan verlassenden Zug zu erwischen: 8.April 2020.

Ohne Smartphone geht so gut wie nichts mehr in Wuhan. Hunderttausend, vielleicht auch zweihunderttausend Menschen haben die Stadt in den vergangenen Tagen verlassen können, aber das Reisen ist massiv eingeschränkt. Wer nach Peking möchte, muss das per App beantragen, nur wenn die Verwaltung der Hauptstadt es genehmigt, darf man fahren. Und selbst dann muss man geduldig auf das Ticket warten. Maximal zwei Züge fahren täglich von Wuhan nach Peking. 

«Unsere Personalausweise beginnen alle mit der Zahlenreihe 4201. Das ist der Seuchen-Code.»

Bevor man einsteigt, muss man sich für 260 Yuan, umgerechnet 35 Schweizer Franken, auf Corona testen lassen. In Peking erfolgt ein zweiter Test, dann muss man für zwei Wochen in Quarantäne. «Auf dem Papier können wir wieder frei reisen», sagt die Buchhalterin Zhang Yi. «Die traurige Wahrheit aber ist, dass wir wie Aussätzige im Rest des Landes behandelt werden. Unsere Personalausweise beginnen alle mit der Zahlenreihe 4201. Das ist der Seuchen-Code.»

Für das Leben in Wuhan ist ein anderer Code entscheidend. Egal, ob man mit der U-Bahn fahren möchte oder mit einem Taxi, ob man in den Supermarkt geht oder in ein Hotel, ohne den «grünen Code» kommt man nicht rein. Der Code ist eine Art Gesundheitszertifikat, um ihn zu bekommen, muss man eine App auf dem Smartphone haben, die entweder mit Alipay, dem Bezahldienst des Internetgrosshändlers Alibaba, verknüpft ist oder mit Wechat, dem wichtigsten Messengerdienst. Es gibt drei Farben: Grün bedeutet, dass man sich frei bewegen darf. Gelb: sieben Tage Quarantäne. Rot: zwei Wochen Isolation.

Vor allem ältere Menschen tun sich schwer mit den Veränderungen: Wer zum Beispiel kein Smartphone hat, darf nicht in den Bus. © Aly Song (Reuters) Vor allem ältere Menschen tun sich schwer mit den Veränderungen: Wer zum Beispiel kein Smartphone hat, darf nicht in den Bus.

Welche Farbe man bekommt, errechnet ein Algorithmus, basierend auf Reiseinformationen und Herkunft. Auch die Bewegungsdaten fliessen ein. Zu jeder Zeit lässt sich so für den Staat nachvollziehen, wo man sich aufhält. «Wir sind gläsern geworden», sagt die Buchhalterin Zhang Yi. «Jeder Schritt ist nachvollziehbar. Jedes Treffen lässt sich rekonstruieren.» Und vor allem für ältere Menschen sind die Veränderungen zu viel. «Ich habe Rentner gesehen, die aus dem Bus geworfen wurden, weil sie kein Smartphone haben.»

Neue Sperrzonen

Aber selbst mit dem grünen Code darf man manche Orte in der Stadt nicht besuchen. Zum Beispiel den Huanan-Fischmarkt im Zentrum. Hier brachen die ersten Fälle im vergangenen Dezember aus. Ein blauer Zaun ist als Sichtschutz errichtet worden, Absperrband flattert im Wind, Kameras filmen die Strassenflucht. An der Kreuzung steht ein Polizeiauto mit eingeschaltetem Blaulicht, ein rotes Propagandabanner verkündet: «Distanz schafft Schönheit». Noch stärker werden nur die letzten Ruhestätten bewacht. Der Biandanshan-Friedhof wird von Sicherheitsleuten und Beamten abgeschirmt wie eine Garnison. Bis zum 30. April sind die Friedhöfe gesperrt, und auch danach wird man sie nur mit Genehmigung betreten dürfen.

Ein Mann zwängt sich durch eine Barriere, die nach dem Lockdown errichtet worden sind um Gebäude von der Strasse zu trennen. © Aly Song (Reuters) Ein Mann zwängt sich durch eine Barriere, die nach dem Lockdown errichtet worden sind um Gebäude von der Strasse zu trennen.

Warum die Furcht? Weil sich anhand der frischen Gräber Rückschlüsse ziehen lassen, wie viele Menschen in Wuhan tatsächlich gestorben sind? Offiziell zählte die Stadt bis zur Aufhebung der Absperrung 50’008 Infizierte und 2574 Tote. Aber diese Zahlen glaubt niemand wirklich ().

In den ersten Wochen zogen sich viele Krankenschwestern und Ärzte Windeln an, um die Schutzanzüge möglichst nicht ausziehen zu müssen.

Auch Lu Xiaoyu, der Politikwissenschaftler, hält sie für zu niedrig. Damit er während der Ausgangssperre wenigstens etwas tun konnte, schloss er sich mit Freiwilligen zusammen, um über Telefon und Internet Masken und Schutzanzüge für die Mediziner zu organisieren. In den ersten Wochen zogen sich viele Krankenschwestern und Ärzte Windeln an, um die Schutzanzüge möglichst nicht ausziehen zu müssen - so wenig Material hatten sie. Für Infizierte versuchte die Gruppe um Lu, freie Betten in Krankenhäusern zu finden, was oft ein aussichtsloser Kampf war.

Für den Vater eines Freundes, der schon über 90 Jahre alt ist und dringend operiert werden sollte, versuchte Lu, einen Transport ins Krankenhaus zu finden. Privatautos durften nicht fahren, und das Nachbarschaftskomitee teilte mit, es gebe keinen Wagen. Barsch, bürokratisch und empathielos, wie so oft in dieser Krise.

Auch bei einem achtjährigen Kind scheiterte Lu. Es war alleine zu Hause, der Vater wohnt in der Kaserne in einer anderen Stadt, die restliche Familie lag infiziert im Krankenhaus. Die Armee stimmte zwar zu, das Kind könne zum Vater. Doch die Stadtverwaltung lehnte ab. Blockade ist Blockade.

Der Fall Li Wenliang

Auch am 6. Februar reagierte der Apparat zunächst wie gewohnt. Als kurz vor Mitternacht chinesische Medien meldeten, dass der Augenarzt Li Wenliang mit 33 Jahren an Corona gestorben sei, dementierten die Behörden zunächst.

Ende Dezember 2019 hatte Li in einer Wechat-Gruppe seine Arztkollegen über sieben Patienten informiert, die mit Verdacht auf eine Infektion mit dem Sars-Virus im Zentralkrankenhaus Wuhan behandelt wurden. Kurz darauf bestellte ihn das Sicherheitsbüro der Stadt ein, die Beamten nötigten ihn, eine Erklärung zu unterschreiben, in der er beschuldigt wurde, «unwahre Behauptungen gemacht» zu haben, die die «gesellschaftliche Ordnung ernsthaft gestört» hätten.

Das Schreiben endete mit den Worten: «Wir wünschen, dass Sie sich beruhigen und sorgfältig nachdenken, und möchten Sie ernsthaft warnen: Wenn Sie weiter halsstarrig bleiben, Ihre Vergehen nicht bedauern und mit diesen illegalen Aktivitäten fortfahren, werden Sie strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen – haben Sie das verstanden?» Li unterzeichnete mit «Ich habe verstanden.» Dazu ein offizieller Stempel und drei Fingerabdrücke des Arztes. ()

Das neue Normal in Wuhan: Die Menschen tragen Masken, oft auch Taucherbrillen und Einweg-Schutzanzüge. © YFC China Out (Keystone) Das neue Normal in Wuhan: Die Menschen tragen Masken, oft auch Taucherbrillen und Einweg-Schutzanzüge.

Am 7. Februar starb Li Wenliang, der Mann, der früh vor dem Virus gewarnt hatte. «Das Internet ist in jener Nacht förmlich explodiert», sagt Zhang Yi, die Buchhalterin. «Lis Tod hat mich aufgewühlt, ich habe viele Nachrichten gesichert, für den Fall, dass sie einmal gelöscht werden.»

Sieben Mal fuhr sie mit ihrem kranken Vater ins Hospital, sieben Mal gab es kein freies BettAuch der Politikwissenschaftler Lu Xiaoyu erinnert sich an diesen Tag. «Li Wenliangs Tod hat für eine bemerkenswerte Anteilnahme gesorgt. Gerade weil er kein Held war.» Statt als Whistleblower zu einer Zeitung zu gehen, habe er seine Freunde und Kollegen informiert. Und als die Behörden ihn aufforderten, seine Aussagen zu widerrufen, tat er genau das. So wie die meisten Chinesen es wohl auch getan hätten.

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