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11 Zukunftsbilder: So wird die Welt nach der Virus-Krise

Handelszeitung-Logo Handelszeitung vor 4 Tagen Redaktion Handelszeitung
Zukunft Future Vision Coronavirus © Getty Images Zukunft Future Vision Coronavirus

Das Coronavirus, der Lockdown und der wirtschaftliche Einbruch werden bleibende Spuren hinterlassen. Welche? Wir haben 11 Persönlichkeiten gefragt.

Münzen und Noten, diesen Stolz der Schweiz, hat das Virus bereits ausgelöscht. Keiner zahlt heute noch cash, alle digital. Wird dies auch nach der Corona-Krise so bleiben? Kann sein. Klar ist dies: Diese Pandemie hat die Wucht, die Schweiz und die Welt zu verändern – wie wir arbeiten, kommunizieren, reisen, investieren, essen, führen oder uns informieren und unterhalten. Und weil wir vor einem Bruch stehen, der ungleich einschneidender ist als die globale Finanzkrise 2008/09, haben wir elf Expertinnen und Experten angefragt, ob sie uns in ihren Fachgebieten erklären, was sich ändert – und was bleibt. Wie sieht unsere Gesellschaft, wie unsere Wirtschaft, wie unser Leben danach aus? Beispielsweise im Jahr 2025?

Entstanden ist eine Bestandsaufnahme aus dem Jetzt, die eines spüren lässt: Viele Trends der letzten Jahre – Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Eigeninteresse von Staaten, Qualität der Arbeit – erhalten durch die Krise weiteren Schub. 

Von Jill Ader, Anton Affentranger, David Bosshart, Arturo Bris, Daniel Grieder, Simon Evenett, Bea Knecht, Isabel Martinez, Stefan Pfister, Mirjam Staub-Bisang, Rudolf Strahm.

Aktuelle Informationen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG):

https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/krankheiten/ausbrueche-epidemien-pandemien/aktuelle-ausbrueche-epidemien/novel-cov.html

Hotline: +41 58 463 00 00, täglich 24 Stunden

Für unsere umfassende Corona-Berichterstattung laden Sie sich die Microsoft News App auf Windows 10, iOS oder Android herunter.

«Die Ungleichheit verschärft sich»

Von Isabel Martinez. 2025 wird die Pandemie überstanden sein, die Ungleichheit wird aber wegen der wirtschaftlichen Folgen in den meisten Ländern zugenommen haben. Arbeitnehmende in schlecht bezahlten Dienstleistungsjobs und Selbstständige wird es besonders hart treffen. Auch wenn alle Staaten jetzt schwindelerregend hohe Summen bereitstellen, wird es vielerorts nicht reichen, alle diese Menschen aufzufangen. Jobs werden verloren gehen. Viele Länder haben zudem gemessen an ihrer Wirtschaftsleistung bereits jetzt hohe Schulden; ihr Handlungsspielraum ist nicht unendlich. Die Schweiz und Deutschland stehen diesbezüglich gut da. Sie haben zudem Erfahrung mit Kurzarbeit, welche darauf ausgerichtet ist, Jobs zu erhalten. Bezüglich Staatsverschuldung und gut austarierten automatischen Stabilisatoren haben Länder wie Italien oder die USA eine weit ungünstigere Ausgangslage.

Reiche Haushalte werden zwar ebenfalls betroffen sein, doch sie stehen auch in einer Krise auf dem Arbeitsmarkt mit besseren Karten da. Die letzte Krise 2008 hat zudem gezeigt, dass sie sich relativ schnell von Verlusten an den Kapitalmärkten erholen. Für Investoren bietet der Crash sogar Chancen für lukrative Geschäfte an den zuvor heiss gelaufenen Finanzmärkten.

Durch den notwendigen Schuldenabbau und die gestiegene Ungleichheit werden in fünf Jahren Fragen nach einer gerechten Besteuerung neu entflammen. Man wird sich darauf berufen, dass kleine und grosse Unternehmen aus allen Wirtschaftsbereichen diese Krise nur dank direkten Staatshilfen überlebt haben. Neben der Frage, wie stark Reiche zur Kasse gebeten werden sollen, werden deshalb Unternehmenssteuern in den Fokus der Diskussionen rücken.»

  • Isabel Martinez ist Ökonomin bei der ETH-Konjunkturforschungsstelle Kof, Mitglied Wettbewerbskommission und Fellow beim World Inequality Database Project.
/ © Bereitgestellt von Handelszeitung /

«Erfolgreiche Unternehmen werden verantwortungsvoll geführt»

Von Mirjam Staub-Bisang. Die Corona-Krise zwingt uns zum Stillstand, zum Innehalten. Vieles wird sich danach verändert haben. Gilt das auch für das Bestreben, nachhaltiger zu wirtschaften und gemeinsam den Klimawandel zu bekämpfen? Kaum zwei Monate ist es her, als sich am WEF Staatschefs und Wirtschaftsführer gemeinsam auf den Kampf gegen den Klimawandel einschworen. Oder treten diese Anstrengungen im Lichte der gigantischen Schuldenprogramme in den Hintergrund?

Denkbar. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass wir mit einem verstärkten gesellschaftlichen Bewusstsein für Nachhaltigkeit aus dieser Krise herauskommen. So wie sich die Pandemie nur mit kollektiver Anstrengung bekämpfen lässt, können auch Nachhaltigkeitsrisiken nicht im Alleingang angegangen werden. Dieses neue ‹Wir›-Gefühl dürfte den Weg zu nachhaltigen Anlagen als ‹new normal› unterstützen.

Der Trend zu nachhaltigen Anlagen hat sich in den letzten zwölf Monaten weltweit dramatisch verstärkt. Bei der ETF-Sparte von Blackrock (iShares) entwickelt sich derzeit kein anderes Produktsegment so dynamisch wie Nachhaltigkeits-ETF. Und der Trend bestätigt sich sogar im krisenbedingten Sell-off seit Mitte Februar: Nachhaltige ETF verzeichneten global Nettozuflüsse, während traditionelle ETF Abflüsse verbuchen mussten.

Die Corona-Krise schärft das Bewusstsein für die Fragilität unserer Welt und Gesellschaft. Inskünftig erfolgreiche Unternehmen werden verantwortungsvoll und umsichtig im Interesse sämtlicher Stakeholder geführt. Persönlich hoffe ich, dass wir 2025 auf die aktuelle Krise als Treiber hin zu einem kollektiven Nachhaltigkeitsbewusstsein auch bei Kapitalanlagen zurückschauen werden.»

  • Mirjam Staub-Bisang ist Chefin von Blackrock Schweiz.«Es entwickeln sich 'leichte' Businessmodelle.

Von Anton Affentranger. Die Bewältigung von Covid-19 wird uns erlauben, Kräfte für einen Neustart freizusetzen. Dieser wird uns allen neue Chancen offenbaren. Als Individuen, gegenüber dem Staat, in der Verantwortung in der Wirtschaft und – entscheidend – gegenüber der Erde.

Es gibt ein paar Industriesektoren, welche sich bereits heute als Gewinner der Krise herauskristallisieren. So dürften gut geführte Pharmafirmen und generell das Gesundheitswesen zu den Gewinnern zählen. Auch Telekommunikation und Software werden stark gefragt bleiben, dazu jene, welche im Umweltbereich tätig sind. Gerade in Zeiten der Unsicherheit steigt die Sorge um die Umwelt.

Und die anderen? Viele Wertfragen dürften neu gestellt werden: Welche Industrien sind lebensnotwendig? Welche Werte werden neu wie bewertet? Zweifellos werden sich einige Industriesegmente auf etwas gefasst machen müssen: Automobilindustrie, Tourismus, Immobilien und generell die zumindest kurzfristig nicht dringend ‹lebensnotwendigen› Industrien.

/ © Bereitgestellt von Handelszeitung /

Schliesslich wird das Homeoffice-Arbeitsmodell verstärkt. Damit verbunden kann ich mir die Entwicklung oder die Beschleunigung von neuen ‹leichten› Businessmodellen vorstellen. Businessmodelle, welche sich auf Kompetenz stützen und keine bremsenden hierarchischen Strukturen benötigen. Vernetztes Know-how dürfte die Kraft noch so grosser Konzerne übersteigen und so zu sinnvollen Dienstleistungen führen. Künstliche Intelligenz wird an Bedeutung gewinnen, laufend neue Anwendungen finden – hoffentlich weniger, um uns zu kontrollieren – und so physische Tätigkeiten mehrheitlich übernehmen. Unnötige CO2-Produktion durch das tägliche Hin und Her wird so grossteils entfallen. Damit hätten wir einen gewaltigen Schritt gegen die Klimaerwärmung gemacht. Daraus kann man sich eine fantastische Verbesserung unserer Produktivität vorstellen.

Wofür? Warum nicht, um aus einem ‹even playing field› – einem weissen Blatt Papier – Kräfte für einen Neustart freizusetzen.»

  • Anton Affentranger ist Startup-Investor, Buchautor und ehemaliger CEO von Implenia.«Die Zeit des reinen Konkurrenzdenkens ist vorbei»

Von Jill Ader. Die Corona-Krise ist eine gigantische humanitäre Katastrophe, die uns vor unabsehbare ökonomische und gesellschaftliche Herausforderungen stellt. Schon jetzt zeigt sich, dass diese Krise ein Katalysator sein könnte – für eine moderne Leadership, die Purpose, Diversität und Agilität vereint. Purpose-Orientierung - das erfahren wir mehr denn je in diesen Tagen in Zoom-Calls mit CEO und Verwaltungsratspräsidenten – macht den entscheidenden Unterschied aus. Unternehmer, Politiker und Persönlichkeiten aus der Zivilgesellschaft tauschen sich über Grenzen und Sektoren hinaus aus und agieren, um ihre Organisationen zu erhalten und die Ausbreitung des Virus einzudämmen.

Ein kollaborativer Führungsstil, der auf echte Diversität setzt, schaut dabei über den Tellerrand und führt zu besseren Entscheidungen – und schafft bleibende Werte. Die Zeit des reinen Konkurrenzdenkens ist vorbei.

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Heute sind mehr denn je Führungspersönlichkeiten gefragt, die es verstehen, sowohl persönliche Präsenz als auch Tatkraft zu zeigen, und die ihren Blick auf Stakeholder – und nicht nur Shareholder – ausrichten. Diese Leadership ist jetzt und in den kommenden Jahren gefragt. Für Leadership-Beratungen heisst das: Die Werteorientierung bei der Identifikation, Evaluation und Entwicklung von Spitzenmanagern wird einen noch grösseren Raum einnehmen. Es geht um eine neue Balance von Profit und Purpose, von Neugierde und Entschlossenheit, von Shareholder- und Stakeholder-Orientierung.

Das funktioniert nur, wenn sich diese Werteorientierung auch in der DNS und den Persönlichkeiten der Beratungen manifestiert. Dann entsteht ein Dialog, der es Führungspersönlichkeiten ermöglicht, die beste Version ihrer selbst zu werden.

Digitales Arbeiten und künstliche Intelligenz spielen ebenfalls eine dominante Rolle. In diesen Wochen sehen wir bereits, wie professionelle Intimität – untereinander und mit Klienten – ohne physische Nähe gelebt werden kann. Die Zukunft erfolgreicher Führung: weniger kompetitiv, weniger Top-down, weniger technokratisch, dafür menschlicher.

  • Jill Ader leitet die Executive-Search-Firma Egon Zehnder«Wir müssen uns eine höhere Leidensfähigkeit antrainieren»

Von David Bosshart. In den vergangenen zwei Jahrzehnten breitete sich in unserer westlichen Komfortzone zunehmend ein Gefühl der Angst aus. Dieser Ausdruck diffuser Befindlichkeit kristallisierte sich um mindestens acht Ereignisse und erfasste auch die Schweiz:

  • 2001 kam mit 9/11 die Angst vor dem ideologisch-religiösen Terror. Ende 2001 trat China in die WTO ein und veränderte die wirtschaftliche Machtbalance rasant. Die neue Angst vor der «gelben Gefahr» hat aber erst in den letzten Jahren ihre Virulenz entfaltet.
  • 2007 kam das iPhone und bald darauf die mobile digitale Vernetzungsrevolution. Doch statt auf ihre Potenziale zu setzen, zum Beispiel auf die Stärkung des zivilen Engagements und der Gesundheit, diskutierten wir lieber Negativszenarien aus China: die totalitäre Überwachung.
  • 2007/08 steigt die Angst vor den Finanzmärkten: vom Unbehagen gegenüber Quantitative Easing und Billiggeld bis zur nackten Angst vor Hyperinflation.
  • 2015: Die Angst vor der Migration hat sich in den Köpfen der Menschen tief verankert – Gesellschaft und Kultur fragmentieren sich.
  • 2016 hat mit Brexit, Trump, Erdogan et cetera den Populismus hoffähig gemacht. Globalisierungsangst verdrängt die Angst vor krudem Autoritarismus.
  • 2018/19 explodieren die Klima-Ängste. Das Greta-Phänomen erobert die Welt insbesondere der jungen Menschen. Öko-Ängste sind im öffentlichen Mainstream angekommen.
  • 2020: Mit Covid-19 gesellt sich zu den sozio-ökonomischen Ängsten die Angst vor der Biologie: Was bislang eine Metapher war (Computer-Viren), geht nun ans Lebendige.

Für die Schweiz bedeutet das, Abschied zu nehmen vom gleichgültigen Superhedonismus der vergangenen Jahre. Globalisierung und Verletzlichkeiten werden weitergehen. Wir werden bislang ungekannte Propagandaschlachten zu dechiffrieren haben. Wir müssen uns daher eine höhere Leidensfähigkeit antrainieren.

Welche Partnerschaften wir bilden, wie wir Vertrauen generieren und mit wem wir kooperieren, wird immer wichtiger. Leistungsfähige Kleinstaaten sehe ich deutlich besser gewappnet als grosse Gebilde. Staatskapitalismus versus neoliberalen Kapitalismus wird zur Systemfrage. Deglobalisierung und Wachstumsverzicht sind keine Optionen.»

  • David Bosshart leitet das Gottlieb Duttweiler Institut
/ © Bereitgestellt von Handelszeitung /

«Die Schweiz wird die Verschuldung im Griff behalten»

Von Rudolf Strahm. Die Regierungen werden in fast allen Nationalstaaten als Führungsinstanzen gestärkt aus dieser Krise hervorgehen. Die neoliberale Orthodoxie, die den Staat glaubensmässig für ineffizient hält, wird sich einige Jahre kleinlaut ducken. Die Staaten werden mit einer noch grösseren Schuldenlast das Jahrzehnt 2020 bis 2030 durchlaufen. Gleichzeitig wird die Geldmenge in allen Währungsräumen eine noch grössere Ausdehnung erfahren. Dadurch werden weltweit die Zinsen tief bleiben.

Vielleicht wird in diesem Jahrzehnt die Zeit reif, dass sich die Staaten koordiniert oder unkoordiniert entschulden: Nicht etwa durch Schuldenrückzahlung, das ist politisch unrealistisch. Vielmehr indem die Notenbanken die aufgekauften Staatspapiere abschreiben oder – noch eleganter – diese Staatsschulden in unverzinsliche, nicht rückzahlbare (‹ewige›) Darlehen umwandeln. Damit werden Austerity-Würgeaktionen vermieden. De facto wird auch in diesem Jahrzehnt die Staatstätigkeit über die Notenpressen finanziert und legitimiert werden.

Die strukturellen Nord-Süd-Disparitäten innerhalb der EU werden sich verschärfen. Entweder werden sie durch einen institutionellen internen Finanzausgleich in der EU überbrückt oder der Ausgleich findet durch noch stärkere Wanderbewegungen Süd–Nord statt.

Die USA können sich nur durch weitere Dollar-Abwertungen international entschulden – wie sie dies seit 1971 tun. Das hegemoniale Gewicht wird sich in der globalisierten Welt weg vom Atlantik hin nach China verschieben. Das ‹asiatische Jahrhundert› wird sich 2025 noch stärker manifestieren.

Die Schweiz wird international konkurrenzfähig bleiben. Sie wird die Staatsverschuldung im Griff behalten und weiterhin fast ‹unanständig› hohe Zahlungsbilanzüberschüsse generieren. Sie wird – hoffentlich – ihre multilateralen und bilateralen Wirtschaftsbeziehungen nach allen Azimuten des Globus weiterführen und mit allen Wirtschaftsräumen ihre Geschäfte weiterbetreiben.

  • Rudolf Strahm ist Ökonom, ehemaliger Preisüberwacher und SP-Nationalrat.«Die erste Krise, in der uns Roboter weich betten»

Von Bea Knecht. Ärzte kümmern sich um die Notfälle. Politiker setzen die Leitplanken neu. Sie machen die Schlagzeilen. Was uns aber die Musse gibt, darüber zu diskutieren, was als Nächstes zu tun ist, sind IT-Systeme. Wir durchleben nun die erste Krise, in der uns Roboter weich betten. IT-Systeme kümmern sich um unsere täglichen Bedürfnisse. Anlagenautomatisierung sorgt für Strom, Heizung, Wasser und – ganz wichtig – Abwasser. Warenwirtschaftssysteme identifizieren, wo wie viel Brot nachgeschoben werden muss. Bankensysteme wickeln unseren Zahlungsfluss ab. Video-Streaming-Dienste von Netflix und Zattoo bringen Unterhaltung und Nachrichten ins Haus, damit wir nicht durchdrehen. Unternehmen wie Facebook und Linkedin verbinden uns emotional und professionell mit unserem Freundes- und Bekanntenkreis. Video-Chat-Systeme wie Zoom und Microsoft Teams bauen virtuelle Nähe zwischen Gruppen auf.

All dies geschieht über die Leitungen von Telekomanbietern, die einen Anstieg des Datenverkehrs wie nie zuvor meistern. Es ist ein Thema, über das bis jetzt nur wenige sprechen: Dürfen wir damit rechnen, dass IT-Systeme noch lange so einwandfrei funktionieren?

/ © Bereitgestellt von Handelszeitung /

Nein. Sie wurden nicht dafür gebaut, monatelang mit wenig technischen Eingriffen auszukommen. Typischerweise werden unsere IT-Systeme dazu ausgelegt, die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr autonom zu laufen, aber nicht monatelang.

Wenn ich die Quarantäne bedenke, erkenne ich Bedarf für neue IT-Systeme, um die Koexistenz von Wirtschaft mit dem Virus zu regeln: etwa für einen QR-Code für die SBB-App, der den Corona-Status zeigt und den Zutritt zu öffentlichen Räumen dosiert.»

Akzeptieren wir also, dass IT uns gerade den Hintern rettet. Das wäre eigentlich auch ein Beklatschen wert. Nur, wohin klatscht man? In Richtung Rechenzentrum? Wissen wir überhaupt, wo diese Systeme stehen? Nein, aber wir alle kennen Informatiker. Ich komme selber aus dieser Berufsgruppe und sage «Dankeschön» an meine BerufskollegInnen.

  • Bea Knecht ist Technologie-Unternehmerin. Sie gründete die TV-Plattform Zattoo und ist dort im Verwaltungsrat.«Wenn der Staat grösser wird, müssen wir ihn stärker zur Verantwortung ziehen»

Von Simon Evenett. In Krisen erhalten die Regierungen Befugnisse, die sie danach nicht mehr vollständig abgeben. Wir müssen damit rechnen, dass auch die Krise, welche durch die Covid-19-Pandemie ausgelöst wird, diesem Muster folgen wird. Der Staat wird danach nicht bloss stärker im Gesundheitswesen oder im Pharmasektor intervenieren, sondern die Regierungen werden auch darauf beharren, modernste Informationstechnologien einzusetzen, um die Ausbreitung von Viren schneller und genauer verfolgen zu können.

Ausserdem wird – wie zuvor die Landwirtschaft und die Banken – der Dienstleistungssektor staatlich gerettet und dabei rasch Gefallen an den Subventionen finden. Viele Dienstleistungsbetriebe sind klein und mittelgross, und so darf man erwarten, dass PR-Kampagnen weitergeführte Subventionen als Unterstützung des Mittelstandes rechtfertigen werden.

/ © Bereitgestellt von Handelszeitung /

Wir, die einzelnen Bürger, stehen nicht hilflos vor diesem stetigen Druck hin zu grösserer Einmischung des Staates in unser Leben. Die gleichen Smartphones, welche die Regierungen dazu einsetzen werden, um unsere Stimmung und unsere Gesundheit zu überwachen, eröffnen uns viele Informationen darüber, was der Staat tut. Wir können damit auch Fakten unter informierten Bürgern austauschen und gezielte Social-Media-Kampagnen auslösen.

Normalerweise hassen Regierungen Transparenz. Also liegt es an Bürgerinitiativen, den Staat zur Rechenschaft zu ziehen. Denn jetzt, wo nur noch wenige Menschen bereit sind, für hochwertige Zeitungsinhalte zu bezahlen, sind die Medien dazu weniger in der Lage. In lebendigen Demokratien wie der Schweiz muss mit der Ausweitung des Staates eine neugierigere und mutigere Bürgerschaft gleichziehen. Das dritte Gesetz von Isaac Newton trifft auch hier zu: Für jede Aktion gibt es eine ebenso starke entgegengesetzte Reaktion.

  • Simon Evenett ist Professor für Internationalen Handel und wirtschaftliche Entwicklung an der Universität St. Gallen.«Das Risikomanagement wird revolutioniert»

Von Arturo Bris. Die Covid-19-Pandemie hat uns zwei Dinge gelehrt: Erstens ist eine Pandemie kein Schwarzer Schwan. Es wäre zu einfach, nun dem Unerwarteten die Schuld zu geben für das, was geschehen ist. Vielmehr war eine Coronavirus-Pandemie wahrscheinlich; dies zeigt beispielsweise die Ausgabe von Pandemie-Bonds durch die Weltbank im Jahr 2017.

Folglich – und dies ist die zweite Lektion – sind Pandemien ein neues Risiko, mit dem Unternehmen wie auch Individuen konfrontiert sein werden. Neue Risiken verlangen neue Werkzeuge des Risikomanagements. Abgesehen von wenigen Ausnahmen waren die betroffenen Länder nicht in der Lage, mit der raschen Ausbreitung, der grossen Zahl infizierter Personen und mit den massiven Opferzahlen umzugehen.

Üblicherweise beinhaltet Risikomanagement Messungen (Wahrscheinlichkeit, erwartete Schäden und so weiter) und den anschliessenden Umgang damit. Jetzt wissen wir, was der Schaden einer Pandemie sein kann – eine weltweite Rezession.

Doch immer noch fehlen uns die Werkzeuge, um die Wahrscheinlichkeit einer Pandemie zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort einzuschätzen. Daher müssen wir zwei Fähigkeiten entwickeln: Resilienz und Risikomodellierung. Also die Widerstandsfähigkeit, Schocks dieser Art abzufedern. Und Risikomodelle, die uns vorbereiten auf den Fall, dass uns wieder eine Pandemie trifft.

Gemessen daran, wie wir die Risiken bislang gemanagt haben, ist dies eine Revolution: Risikomanagement ist keine quantitative Aufgabe mehr. Es verlangt Voraussicht, Intuition und Wissen. Daneben sind die traditionellen Werkzeuge zur Risikokontrolle – Diversifikation Risikostrukturierung, Hedging, Versicherungen – im Angesicht weltweiter Pandemien nutzlos. Wir müssen in eine neue Ära des Risikomanagements eintreten.»

  • Arturo Bris ist Professor für Finanzwesen an der IMD Lausanne und Leiter des IMD World Competitiveness Center«Wir werden Ideen zum Leben erwecken, die wir zuvor nur als wünschenswerte Extras betrachteten»

Von Daniel Grieder. Während wir durch den Sturm navigieren, sind zwei Dinge klar. Erstens: Es wird schlimmer, bevor es besser wird. Zweitens: Wie Firmen mit der Krise umgehen, bestimmt, wer sie in Zukunft sind. Wie wird die neue Normalität nach der Pandemie aussehen? Wir werden weiter arbeiten, aber das Wie hat sich geändert. Die Krise hat die Bedeutung der Digitalisierung noch verstärkt, und obwohl Social Distancing in der Krise das Gebot der Stunde ist, sind wir uns jetzt näher als je zuvor – online.

Covid-19 hat den Wandel in den sich längst verändernden Branchen weiter beschleunigt. Die Rolle von Marken und die Art, wie Konsumenten mit ihnen interagieren, hat eine neue Bedeutung erlangt. Alles ist tangiert: Wir erleben diese Transformation selbst dort, wo es in der Vergangenheit bloss eine geringe oder gar keine Online-Präsenz gab. Sie alle nutzen digitale Plattformen, um Produkte und Dienstleistungen jederzeit und überall bereitzustellen. Von Online-Fitnesskursen und virtuellen Museumsführungen bis hin zu Live-Streaming-Events und Konzerten sehnen sich die Menschen nach sozialen Interaktionen im Cyberuniversum. Marken und Unternehmen, die diese neue Realität rasch umgesetzt haben, florieren.

Die Krise hat die Kraft, die gesamte Wertschöpfungskette unserer Geschäfte radikal zu verändern. Wir werden noch stärker in Digitalisierung und Innovation investieren und Ideen zum Leben erwecken, die wir zuvor bestenfalls als wünschenswerte Extras betrachteten. Ich denke an die zunehmende Bedeutung von Avataren, künstlicher Intelligenz oder Hologrammen. Marken werden eine zentrale Rolle im Leben der Konsumenten spielen. Gerade in der Mode wird sich die Art, wie Konsumenten einkaufen, besonders stark transformieren.

Wir müssen offen sein für all die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, für Innovation, für Experimente. Mutige Führung, Unternehmergeist, Schnelligkeit und Beweglichkeit sind mehr denn je gefragt.

  • Daniel Grieder ist Chef von Tommy Hilfiger Global and PVH Europe«Dem Innovationsdruck stellen»

Von Stefan Pfister. Wer die Frage nach der Zukunft beantworten will, muss die Gegenwart verstehen. In Zeiten von Covid-19 kein einfaches Unterfangen. Und gleichwohl: Die Prüfungs- und Beratungsgesellschaften verfügen über das relevante Know-how, entsprechend dem gesetzlichen Auftrag, Sicherheit bei der finanziellen Unternehmensberichterstattung zu schaffen. Zudem bieten sie einer ganzen Reihe von Anspruchsgruppen Gewähr für eine einwandfreie Geschäftstätigkeit in rechtlichen, organisatorischen, sozialen und ökologischen Belangen. Sie helfen zudem den Kunden, ihre unternehmerischen Spielräume rechtskonform optimal zu nutzen und so ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Zu den treibenden Kräften unserer Branche gehören die grossen volkswirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen sowie davon ausgelöste politische Forderungen und Regulierungen. Letztere werden im Zuge der Corona-Krise mit Sicherheit weiter an Brisanz gewinnen. Mittelfristig bestimmen fünf Themenbereiche unsere Zukunft:

  1. Gut ausgebildete, anspruchsvolle Mitarbeitende mit Karrierehunger und grossem Drang, etwas zu verändern.
  2. Gut (vor-)informierte Kunden, die nur für Mehrwert zahlen.
  3. Cloudbasierte Technologien, unbeschränkte Speicher- und Bandbreiten sowie mobile Nutzungsmöglichkeiten.
  4. Disruptiver Wettbewerb mit branchenfremden Mitbewerbern und unerbittlicher internationaler Standortwettbewerb.
  5. Sprunghafte, von politischen Grossakteuren und demokratisch wenig legitimierten Organisationen bestimmte Regulierungen und permanente Reputationsrisiken.

Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften tun daher gut daran, ihre Firmenkultur, ihre Governance und ihr Risikomanagement auf die neuen Bedürfnisse von Kunden, Behörden, Mitarbeitenden und Allianzpartnern auszurichten:

  • Sie müssen in Digitalisierung, modular nutzbare Logistik und eine motivierende Innovationskultur investieren.
  • Sie müssen innovative Dienstleistungen, Allianzen und Referenzprojekte entwickeln.
  • Sie müssen Mitarbeiterloyalität belohnen und Spezialisten einstellen. Unsere Branche muss sich also bei fortschreitender Digitalisierung einer wachsenden, durch die Krise noch verstärkten Disruption stellen.
 
  • Stefan Pfister ist Chief Executive Officer von KPMG Schweiz
Members of the Swiss Government (Bundesrat) attend a parliamentary session at the Swiss Parliament in Bern, Switzerland December 11, 2019. REUTERS/Denis Balibouse Nächste Geschichte

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