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Das sind die Gesichter der Corona-Krise

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 13.04.2020 NZZ-Redaktion

In Zeiten der Pandemie schlägt die Stunde der Macher. Doch einen kühlen Kopf zu bewahren und alle zu überzeugen, ist gar nicht so einfach. Acht Porträts von Menschen, die helfen, die Krise zu meistern.

Denis Prozenko: Russlands «Chefarzt», der Vertrauen schafft

mac. Moskau ·

Spätestens ein Handschlag und seine Folgen haben Denis Prozenko in ganz Russland bekannt gemacht. Der 44-Jährige mit Glatze und Vollbart ist Chefarzt des Städtischen Spitals Nummer 40 in Moskau, einer erst vor einem Jahr in Betrieb genommenen Klinik. Diese liegt am südlichen Rand der russischen Hauptstadt in der Siedlung Kommunarka. Seit deren Abteilung für Infektionskrankheiten zum wichtigsten der auf Covid-19-Patienten und -Verdachtsfälle spezialisierten Spitäler in Moskau wurde, ist Kommunarka das Symbol für den Kampf gegen das Coronavirus und Doktor Prozenko dessen Gesicht.

Am 24. März besuchte auch Präsident Putin, angeblich überraschend, die Klinik, hüllte sich in einen gelben Schutzanzug und ging an Prozenkos Seite durch die Räume mit den Corona-Infizierten. Eine Woche später wurde bekannt, dass Prozenko positiv auf das Virus getestet worden sei und sich in Selbstisolation begeben habe. Hätte er auch Putin und dessen Begleiter anstecken können, zumal ihm der Präsident die Hand zum Gruss gereicht hatte? In der Gerüchteküche brodelte es, obwohl es hiess, zum Zeitpunkt von Putins Besuch in Kommunarka sei der Chefarzt kaum schon infiziert gewesen.

Den Rummel um seine Person hat Prozenko nicht gesucht. Dass er von den Medien wenig hält, verhehlt er nicht. In Interviews und auf seiner Facebook-Seite warf er diesen immer wieder vor, unnötig Hysterie zu schüren und Fakten zu verdrehen. Er selbst machte sich im Internet ab März, als die Zahl der Corona-Fälle in Russland zu steigen begann, mit spröden Zahlen einen Namen: Er vermeldet jeden Morgen, wie viele Patienten mit vermuteter oder bestätigter Covid-19-Erkrankung eingetreten sind, wie viele auf der Intensivstation liegen, wie viele «nur» an Lungenentzündung (ohne Covid-19) leiden und wie viele das Spital verlassen konnten. Mit diesen nüchternen Fakten gewann er in einem von Argwohn gegenüber dem Staat, Verschwörungstheorien und Panikmache geprägten Umfeld das Vertrauen Tausender von Lesern. Für sie ist er ein Held des Anti-Corona-Kampfes – erst recht, seit er, mit nur leichten Symptomen, selbst erkrankt ist.

Bei aller Unaufgeregtheit diente sich der im damals sowjetischen Turkmenistan geborene und aufgewachsene Anästhesie- und Reanimationsspezialist nie den Verharmlosern an. Ruhig, sachlich und mit dem nötigen Ernst wies er frühzeitig auf die Gefahr der Seuche hin. Er nahm mit russischen Ärzten in Norditalien Kontakt auf und sprach sich in einem Interview mit dem russischsprachigen Dienst der BBC für Ausgangsbeschränkungen in Moskau aus, als sich Gesellschaft und Politik noch im Glauben wähnten, Russland werde kaum stark betroffen sein. Auch Putin gegenüber sagte er, man müsse sich immer auf das schlimmste Szenario vorbereiten – das italienische. Vor dem Präsidenten blieb er seinem Credo treu: der maximalen Offenheit in einer so schwierigen Situation.

Anders Tegnell – Architekt des «schwedischen Sonderwegs»

ruh. ·

«Wir haben ja dasselbe Ziel wie alle anderen», sagt Anders Tegnell, «nämlich die Ausbreitung der Seuche so gut wie möglich zu verlangsamen.» Tegnell ist leitender Epidemiologe bei Folkhälsomyndigheten, der staatlichen schwedischen Gesundheitsbehörde, und damit einer der Architekten der nationalen Strategie zur Bekämpfung des neuartigen Coronavirus.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, soll schon der russische Revolutionsführer Lenin gesagt haben. Schwedens Chef-Epidemiologe Anders Tegnell sieht das umgekehrt, mindestens im Kontext seines Heimatlands. Maxim Thore / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, soll schon der russische Revolutionsführer Lenin gesagt haben. Schwedens Chef-Epidemiologe Anders Tegnell sieht das umgekehrt, mindestens im Kontext seines Heimatlands. Maxim Thore / Imago

Schweden jedoch ist das Land, das dabei alles ein bisschen anders zu machen scheint als der Rest der Welt. Während viele andere Länder längst schon den Notstand erklärt sowie Schulen, Geschäfte und Freizeiteinrichtungen geschlossen haben, hat das Parlament in Schweden erst dieser Tage überhaupt darüber debattiert, der Regierung solche Instrumente in die Hand zu geben. Mit den wenigen verbindlichen Regeln, die bisher erlassen wurden (etwa, öffentliche Versammlungen auf 50 Teilnehmer zu beschränken oder in Restaurants nur Tisch-, aber nicht Barbetrieb zuzulassen), hat man sich reichlich Zeit gelassen. Generell setzt man auf Empfehlungen und geht davon aus, dass die Bevölkerung diese respektiert.

Das hat auch mit Tegnells Überzeugungen zu tun. Obwohl er kein politischer Entscheidungsträger ist, sondern bloss ein – wenn auch wichtiger – Angestellter einer staatlichen Behörde, vermochte er der nationalen Strategie seinen Stempel aufzudrücken. Die Meinung von Experten wie ihm hat bei der Regierung in Stockholm viel Gewicht.

Tegnells Ansicht, dass der Gesellschaft einschneidende Restriktionen wie eine Quarantäne oder ein Notstands-Regime nur über kurze Zeit zugemutet werden sollten, und zwar dann, wenn man sie am dringendsten benötige, ist auch zum Mantra der Regierung geworden. In der Bevölkerung findet diese Linie weitgehenden Rückhalt. Von Journalisten allerdings wird Tegnell hin und wieder gefragt, ob das bedeute, dass also alle anderen Länder falsch lägen, wenn Schwedens relativ sanfter Weg der richtige sei.

Es ist eine Frage, auf die der allgemein stoisch auftretende Funktionär mit einem Anflug von Ungehaltenheit zu sagen pflegt, jedes Land habe seine spezifischen Bedingungen. In Schweden gehe man den Weg, der den eigenen Umständen und dem hohen Vertrauen der hiesigen Öffentlichkeit in staatliche Strukturen entspreche. Die bisherigen Resultate seien «ziemlich gut», und man glaube auch nicht, dass im Endeffekt die Länder, die strengere Regeln erlassen hätten, damit so viel weiter gekommen seien. Eine abschliessende Beurteilung zum gegenwärtigen Zeitpunkt sei aber selbstverständlich nicht möglich. Und ja, besorgt sei er schon – aber ruhig sei in diesen Zeiten wohl niemand.

Steven Mnuchin – der US-Finanzminister muss Billionen von Dollar unter die Leute bringen

mla. Washington ·

Finanzminister Steven Mnuchin könnte zum Helden dieser Krise werden. Er hat es geschafft, das Weisse Haus, die Republikaner und die Demokraten vorübergehend zusammenzubringen. Resultat der Bemühungen war die «Cares Act», das 2-Bio.-$-Stützungspaket Washingtons zur finanziellen Überbrückung der Corona-Krise.

Während der Verhandlungen, die mehrere Tage rund um die Uhr währten, bezog der 57-Jährige Quartier im Kongressgebäude und hatte eine Reihe von nicht einfachen Charakteren bei Laune zu halten: zuallererst natürlich seinen eigenen Chef, Präsident Donald Trump, dann vor allem den Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell, und die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi. Das Schnüren und Verabschieden des grössten Hilfspakets der US-Geschichte war eine bemerkenswerte Leistung.

Nun muss Mnuchin aber feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, Hunderte von Milliarden Dollar an den Mann und an die Frau zu bringen. Mit dem bedingungslosen Bürgergeld, einer Einmalzahlung von 1200 $ pro Erwachsenen, hat die US-Regierung grosse Hoffnungen geweckt. Auch die grosszügige Aufstockung der Arbeitslosenhilfe und das riesige Kreditprogramm zugunsten von kleinen und mittleren Unternehmen kommen gut an. Bei der Umsetzung hapert es aber, das Geld fliesst bis jetzt nur zögerlich.

Wenn sich das nicht bald ändert, könnte Steven Mnuchin rasch vom Helden zum Sündenbock mutieren. Es könnte sich rächen, dass die Krise das Finanzministerium auf dem falschen Fuss erwischt hat. So pragmatisch und zielgerichtet Mnuchin in den vergangenen Tagen vorgegangen ist: Der eigentlich als Mikromanager bekannte Ex-Financier hatte es versäumt, frühzeitig die nötigen Strukturen zu schaffen und genügend Personal – auch hochrangiges – zu rekrutieren. Das Finanzministerium leidet während der Präsidentschaft Trump wie die gesamte amerikanische Bundesverwaltung unter hoher Fluktuation, und viele wichtige Kaderstellen bleiben unbesetzt. Mnuchin selber ist eine der wenigen Konstanten des Trumpschen Kabinetts.

Er war eine der ersten namhaften Ernennungen der Ära Trump, und er ist immer noch dabei. Der ehemalige Goldman-Sachs-Banker mit der markanten Hornbrille scheint die stetige Gratwanderung besser als andere zu meistern: Er schmeichelt dem Präsidenten immer gerade genug, um in dessen Gunst zu bleiben, ohne dabei den Respekt der Wall Street, der übrigen Bundesverwaltung und der massgebenden politischen Kräfte zu verlieren.

Didier Raoult – der Unbequeme aus dem Süden

nbe. Paris ·

Didier Raoult ist einer von jenen Ärzten, die im Kampf gegen das Coronavirus an die Kraft von Chloroquin glauben. Das macht der Spezialist für Infektionskrankheiten nicht still und leise. Seit Ende Februar plädiert er offensiv für den Einsatz des Wirkstoffs, der unter anderem gegen Malaria eingesetzt wird: via Youtube-Channel seines Instituts, in Interviews und inzwischen auch auf Twitter. Am Institut für Infektionskrankheiten, einer öffentlichen Klinik in Marseille, die der 68-Jährige leitet, hat er in den letzten Wochen eine zweite Front in Frankreichs Kampf gegen das Coronavirus aufgebaut.

Seit dem 22. März können sich dort alle, die denken, dass sie an Covid-19 erkrankt sind, kostenlos testen lassen. 600 bis 900 Personen sind das seither pro Tag. Ausserdem verschreibt Raoults Team Erkrankten systematisch eine Behandlung mit Hydroxychloroquin in Verbindung mit dem Antibiotikum Azithromycin. Und das nicht ohne Erfolg: In regelmässigen Abständen informiert er über die vielversprechenden Ergebnisse seiner Versuche, wonach der Einsatz des Wirkstoffs die Symptome von Covid-19 abschwächt und die Krankheit verkürzt – und zwar bei ungefähr drei Vierteln seiner Patienten. Mit beiden Massnahmen konterkariert er die offizielle Strategie der Regierung in Paris: mit Tests für jedermann und mit seiner offensiven Kommunikation, über ein Mittel zu verfügen, welches das Virus wirksam bekämpft.

Obwohl die Ergebnisse aus Marseille eine grosse Kritikwelle in der Fachwelt ausgelöst haben – unter anderem weil sie auf zu wenigen Patienten basieren und eine Kontrollgruppe fehlt –, hat Didier Raoult viele Unterstützer gewonnen. Zu den Hunderttausenden in den sozialen Netzwerken gesellen sich Politiker und Mediziner, vor allem aus Südfrankreich. Der bekannteste ist der konservative Bürgermeister von Nizza. Selbst an Covid-19 erkrankt, nach Raoults Methode behandelt und nach sechs Tagen angeblich wieder gesund, setzte sich Christian Estrosi dafür ein, dass die Spitäler in Nizza ebenfalls über genug Hydroxychloroquin verfügen.

Die Regierung in Paris versucht seit Wochen, den eigensinnigen Mikrobiologen aus dem Süden einzufangen: Sie hat ihn in das Expertenkomitee berufen, das den Präsidenten berät. An dessen Sitzungen habe er bisher nie teilgenommen, liess Raoult kürzlich mitteilen, aus Zeitgründen. Der Gesundheitsminister Olivier Véran sagt, er sei in regelmässigem Kontakt mit Raoult, es sei jedoch zu früh, um über die Ergebnisse seiner Tests zu urteilen. Ausserdem warnte Véran vor Selbstmedikation mit dem Malariamedikament und empfiehlt, es nur bei schweren Krankheitsverläufen zu verschreiben. Raoult stellt sich auf den Standpunkt, dass es unmoralisch wäre, auf die Therapie zu verzichten, und wendet sie nun systematisch an.

Die Regierung in Paris versucht seit Wochen, den eigensinnigen Mikrobiologen aus dem Süden einzufangen: Sie hat ihn in das Expertenkomitee berufen, das den Präsidenten berät. An dessen Sitzungen habe er bisher nie teilgenommen, liess Raoult kürzlich mitteilen, aus Zeitgründen. Der Gesundheitsminister Olivier Véran sagt, er sei in regelmässigem Kontakt mit Raoult, es sei jedoch zu früh, um über die Ergebnisse seiner Tests zu urteilen. Ausserdem warnte Véran vor Selbstmedikation mit dem Malariamedikament und empfiehlt, es nur bei schweren Krankheitsverläufen zu verschreiben. Raoult stellt sich auf den Standpunkt, dass es unmoralisch wäre, auf die Therapie zu verzichten, und wendet sie nun systematisch an.

Mit dieser Haltung findet Raoult auch Zuspruch in den Reihen jener Bevölkerungsschichten, welche der Regierung schon länger nicht mehr über den Weg trauen: von Gelbwesten bis hin zu Verschwörungstheoretikern. Raoult hat zwar keine mustergültige Karriere hinter sich, vor allem am Anfang tat er sich schwer. Aber er hat in seiner Laufbahn mehrere hundert wissenschaftliche Artikel veröffentlicht und seltene Bakterien entdeckt. Für seine Arbeit ist er auch vom nationalen Forschungsinstitut Inserm ausgezeichnet worden. Zu viel der Leistung, um ihn nun einfach als Scharlatan abzutun.

Natalie Rickli – von der SVP-Hardlinerin zur Krisenmanagerin

lkp. ·

Am 13. März tritt Natalie Rickli zum vierten Mal innert zwei Wochen vor die Medien. Es ist ein einschneidender Moment im Kampf gegen das Coronavirus. Rickli wirkt müde. Die Zürcher Gesundheitsdirektorin – noch kein Jahr im Amt – arbeitet seit Wochen im Krisenmodus. Sie muss die medizinische Versorgung sicherstellen, in der sich ständig ändernden Lage beinahe täglich neue Vorschriften erlassen und zugleich die Bevölkerung informieren.

Natalie Rickli steht während der Krise in Zürich besonders im Rampenlicht. Alexandra Wey / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Natalie Rickli steht während der Krise in Zürich besonders im Rampenlicht. Alexandra Wey / Keystone

An jenem Freitag verkündet Rickli die Schliessung der Schulen und die weitere Einschränkung der Veranstaltungen mit fester Stimme und neutralem Gesichtsausdruck. Sie vermittelt Fakten, verzichtet auf Floskeln und lässt ihre Regierungskollegen und Berater zu Wort kommen. Lob an sich und ihrer Gesundheitsdirektion überlässt sie anderen – etwa den Spitälern.

Ihre Nüchternheit wirkt beruhigend. Täuscht die Fassade? Die «WOZ» schreibt Anfang März von den «Chaostagen in der Gesundheitsdirektion». Rickli, so heisst es im Artikel, nutze das Krisenmanagement zur Selbstprofilierung. Dem widersprechen mehrere Zürcher Gesundheitspolitiker. Rickli meistere die schwierige Situation trotz ihrer fehlenden Erfahrung gut, heisst es einstimmig. Der CVP-Kantonsrat und Präsident der Ärztegesellschaft Josef Widler sagt: «Natalie Rickli hat rechtzeitig Berater zugezogen und sich keineswegs in den Vordergrund gespielt.» Ähnliches sagt auch ein Parteikollege Ricklis, der SVP-Kantonsrat Claudio Schmid. Statt die gesamte Direktion auszuwechseln, baue Rickli auf das Vorwissen ihrer Mitarbeiter. Allerdings hatte die Verwaltung nach gewichtigen Abgängen einen Erfahrungsverlust zu beklagen.

Die FDP-Kantonsrätin und Kinderchirurgin Bettina Balmer anerkennt Ricklis liberalen Ansatz. «Sie sucht nach den richtigen Massnahmen und setzt dabei auch auf Eigenverantwortung und zeitnahe Information.» Es gibt aber auch kritische Stimmen. Josef Widler, der Ricklis Vorgehen im Grunde positiv bewertet, kritisiert, dass sie die Heime und ambulanten Ärzte zu wenig in das Krisenmanagement einbezogen habe. Die grüne Kantonsrätin Esther Guyer moniert, dass im Kanton Zürich zu wenig Verdachtsfälle getestet würden. «Das ist ein grosser Fehler.» Auch seien die zuständigen Stellen ungenügend auf die Pandemie vorbereitet gewesen, die Materialvorräte hätten schlicht gefehlt.

In Bezug auf die Tests hat die Gesundheitsdirektion bereits reagiert und den Spitälern letzte Woche nahegelegt, alle neu eintretenden Patienten auf das Coronavirus zu testen. Eine abschliessende Bilanz wird man erst nach der Krise ziehen können. Fürs Erste scheint die ehemals als SVP-Hardlinerin bekannte Rickli aber in der Exekutive angekommen zu sein.

Luiz Henrique Mandetta – die Stimme des Vertrauens

ann. Rio de Janeiro ·

Seit Wochen wird er von Präsident Jair Bolsonaro öffentlich kritisiert und gedemütigt, Anfang dieser Woche wollte ihn dieser sogar aus dem Amt entlassen. Doch Brasiliens Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta lässt sich davon nicht unterkriegen. «Ein Arzt lässt seinen Patienten nicht fallen», meinte er darauf. Und der Patient, so stellte der 55-jährige Orthopäde klar, sei Brasilien.

Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta ist während der Corona-Krise für viele Brasilianer zur Stimme des Vertrauens geworden. Während Präsident Bolsonaro die Pandemie verharmlost, verweist Mandetta ruhig und nüchtern auf die Gefahren hin, die davon ausgehen, und betont die Notwendigkeit der sozialen Distanzierung. Bei seinem Chef hat er sich damit unbeliebt gemacht. Adriano Machado / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta ist während der Corona-Krise für viele Brasilianer zur Stimme des Vertrauens geworden. Während Präsident Bolsonaro die Pandemie verharmlost, verweist Mandetta ruhig und nüchtern auf die Gefahren hin, die davon ausgehen, und betont die Notwendigkeit der sozialen Distanzierung. Bei seinem Chef hat er sich damit unbeliebt gemacht. Adriano Machado / Reuters

Doch Mandettas nüchterne Antwort widerspiegelte sein Verhalten in der heutigen Corona-Krise geradezu beispielhaft: Er lässt sich nicht provozieren, gibt sich professionell und vor allem stets diplomatisch. Seit Beginn der Krise präsentiert der davor weitgehend unbekannte Gesundheitsminister bei Pressekonferenzen am Fernsehen ruhig und mit didaktischem Geschick die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse im Zusammenhang mit der Pandemie. Er warnt vor deren Gefahren und betont die Notwendigkeit der sozialen Distanzierung, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu stoppen. Mandetta stellt sich damit diametral gegen Bolsonaro, der das Virus verharmlost und von den Abschottungsmassnahmen wenig hält.

Mandetta entpuppte sich mit seiner unbeirrten Art zum Mann der Stunde. Für viele Brasilianer stellt er in diesen ungewissen Zeiten die vertrauenswürdige Stimme aus Brasilia dar. Dies beweisen die jüngsten Umfragewerte: Laut Datafolha bewerten 76 Prozent der Befragten das Verhalten von Mandetta als positiv. Bolsonaros Krisenmanagement wird hingegen bloss von 33 Prozent gutgeheissen, 39 Prozent empfinden dieses als schlecht.

Auch auf politischer Ebene kommt Mandetta breite Unterstützung zu. Nicht nur der Kongress und einflussreiche Militärs haben sich hinter ihn gestellt. Auch Justizminister Moro und Wirtschaftsminister Guedes bilden gemeinsam mit einer Reihe von Gouverneuren und Bürgermeistern eine informelle Front zugunsten der sozialen Isolierung und damit gegen den Präsidenten.

Der Mediziner Mandetta aus dem Gliedstaat Mato Grosso do Sul ist politisch kein unbeschriebenes Blatt. 2004 übernahm er in Campo Grande sein erstes politisches Mandat als städtischer Gesundheitsminister. Betrugsvorwürfe aus dieser Zeit streitet er bis heute ab. Von 2010 bis 2018 war er Kongressabgeordneter für die liberal-konservative Partei Democratas. Dabei trat er als Gegner der Gesundheitspolitik der linken Arbeiterpartei auf, er stellte sich insbesondere gegen das Programm «Mais medicos», welches kubanische Ärzte in abgelegene Ecken Brasiliens entsandte. Mandetta gilt als praktizierender Katholik, ist Abtreibungsgegner, setzte sich in der Vergangenheit aber auch für die Verwendung von Marihuana für medizinische Zwecke ein.

Lothar Wieler – der Virologe, auf den die Kanzlerin hört

hmü. Berlin ·

In der Krise erhoffen sich die Bürger Orientierung von den Experten. Mittlerweile sind die Namen der führenden Virologen vielen Deutschen so geläufig wie jene von Fussballstars oder Politikern. So etwas wie Deutschlands Chef-Virologe ist Lothar Wieler, der Präsident des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI), einer Behörde, die seit 1891 darum bemüht ist, gesundheitlichen Schaden von den Deutschen abzuwenden. Zweimal pro Woche sitzt Wieler nun in einem grösstenteils leeren Hörsaal vor der Kamera, informiert über steigende Infektionszahlen und mögliche Szenarien, wie sich das Virus weiterverbreiten könnte.

Orientierung scheint sich auch die Politik von ihm zu erhoffen: Im März sass der 59-jährige Rheinländer gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn in der Berliner Bundespressekonferenz. «Wir halten uns an den Rat der Experten», sagte Merkel und schaute zu Wieler hinüber. Dankbarkeit wollte das «Handelsblatt» in ihrem Blick gesehen haben.

Seine Auftritte absolviert Wieler mit stoischer Ruhe. Das Milieu, aus dem er stammt, legt einen gewissen Hang zur Unaufgeregtheit nahe: Seine Mutter war Landwirtin, sein Vater Tierarzt. Lothar Wieler selbst ist ebenfalls Veterinär. Als junger Mann arbeitete er eine Zeitlang als Tierarzt im Allgäu. Schliesslich zog es ihn doch in die Forschung: «Mein wissenschaftliches Interesse und meine Neugier kann ich im Labor besser ausleben», sagte er der «Ärztezeitung». Seit 2005 ist er Präsident des RKI.

Je länger die Corona-Krise andauert, desto häufiger wird Kritik an Wieler laut. Den einen tönt er zu alarmistisch, den anderen zu gelassen. Dass er sich zunächst gegen das Tragen von Schutzmasken aussprach, später aber verkündete, ein Mundschutz könne das Risiko vermindern, andere anzustecken, irritierte Teile der deutschen Öffentlichkeit ebenso wie die Tatsache, dass die Johns-Hopkins-Universität im fernen Baltimore besser (oder zumindest früher) über die aktuelle Zahl der Infizierten in Deutschland Bescheid weiss als das heimische RKI.

Alexander Kekulé, der Chef des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle, beklagt, durch seine dominante Stellung verhindere Wielers Behörde, dass die Politik ein grösseres Spektrum an Meinungen anhöre, bevor sie entscheide. Es ist wie so häufig, wenn Wissenschafter einander kritisieren: Was daran lediglich auf Rivalenkämpfe unter Fachkollegen zurückzuführen ist und welche Einwände berechtigt sind, ist für Aussenstehende oft schwer zu beurteilen. Sicher ist nur eines: Auch Experten haben keine objektiven Wahrheiten zu verkünden. In einer Situation wie der jetzigen scheint dies für manche besonders schwer zu verkraften zu sein.

Valentin Vogt – erprobter Krisenmanager

nrü. ·

Valentin Vogt, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes (SAV), kann poltern und hartnäckig die Interessen seines Verbandes verteidigen. Doch die Corona-Krise hat ihm zu einer neuen Rolle verholfen. Zusammen mit dem Chefökonomen des Gewerkschaftsbundes, Daniel Lampart, gehört er zu den Inspiratoren des bundesrätlichen Hilfspaketes, das sich aus stark ausgeweiteter Kurzarbeit, staatlich garantierten Krediten sowie einer Erwerbsausfallentschädigung für betroffene Selbständige zusammensetzt. Wirtschaftsminister Guy Parmelin soll dieses mit dem Bundesrat gegenüber einer anfänglich zögerlichen Verwaltung durchgesetzt haben.

Valentin Vogt ist sich als ;Miteigentümer und Präsident von Burckhardt Compression sowie als oberster Arbeitgeber des Landes so einiges gewohnt. Karin Hofer / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Valentin Vogt ist sich als ;Miteigentümer und Präsident von Burckhardt Compression sowie als oberster Arbeitgeber des Landes so einiges gewohnt. Karin Hofer / NZZ

Tatsache ist jedenfalls, dass das Gespann Daniel Lampart / Roland Müller (Direktor des SAV und fundierter Kenner des Arbeits- und Sozialversicherungsrechts) sowie Valentin Vogt / Pierre-Yves Maillard (Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes) gut funktioniert hat. Während Erstere sich mit all den Detailfragen auseinandersetzten, bestand die Aufgabe der beiden Präsidenten nicht zuletzt darin, das Hilfsprogramm in den eigenen Reihen und in der Öffentlichkeit zu vertreten.

Vogt, der dafür bekannt ist, anzuecken, hörte sich derweil beinahe wie ein Pressesprecher des Bundesrates an: «Was der Bundesrat innerhalb kurzer Zeit auf die Beine gestellt hat, verdient grossen Respekt», sagte er beispielsweise im «Club» von SRF. Überhöhte Forderungen von Gewerkschaften, aber auch aus den eigenen Unternehmerreihen blockte er derweil ab, indem er an die Selbstverantwortung appellierte. «Jeder Unternehmer, der Angestellte hat, schaut, dass er Löhne für ein bis zwei Monate weiterbezahlen kann, unabhängig von dem, was passiert.» Und als der Streit im Tessin mit den einseitig beschlossenen Betriebs- und Baustellenschliessungen zu eskalieren drohte und die Gewerkschaft Unia einen Shutdown à la Italien forderte, warnte er zusammen mit anderen Wirtschaftsvertretern vor den drastischen Folgen eines kompletten Stillstands.

Auch das sogenannte Krisenfenster, das es dem Kanton Tessin erlaubte, das Gesichts zu wahren, und den Föderalismuskonflikt entschärfte, ist eine Kompromisslösung zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden. Aus liberaler Sicht kann man sich darüber streiten, ob weitgehende Kompromisse zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebervertretern beispielsweise bei der BVG-Reform der richtige Weg sind. In der Krise scheint sich die Zusammenarbeit jedoch bewährt zu haben. Ebenso der Umstand, dass Vogt als früherer Manager bei Sulzer, als Miteigentümer und Präsident von Burckhardt Compression sowie als oberster Arbeitgeber des Landes Erfahrungen im Krisenmanagement mitbringt.

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