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Das Tessin rechnet mit dem Corona-Peak in zwei Wochen

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 28.03.2020 Peter Jankovsky, Bellinzona

Die Verantwortlichen in den Covid-19-Spitälern geben sich optimistisch – wenn die Bevölkerung tatsächlich zu Hause bleibt

Im Schnitt werden jeden Tag drei Intensivbetten mehr gebraucht. Die Kapazitätsgrenze dürfte in etwa zwei Wochen erreicht sein. Alessandro Crinari / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Im Schnitt werden jeden Tag drei Intensivbetten mehr gebraucht. Die Kapazitätsgrenze dürfte in etwa zwei Wochen erreicht sein. Alessandro Crinari / Keystone

Im Südkanton liegen die Corona-Patienten in zwei eigens für sie eingerichteten Spitälern. Das Krankenhaus La Carità in Locarno kann man als eigentliches Covid-19-Zentrum bezeichnen, die Privatklinik Moncucco in Lugano ist die zweite Adresse für akute Fälle. In der gleichen Stadt nimmt auch das Ospedale Italiano Corona-Patienten auf, und zwar solche, die auf dem Weg der Besserung sind.

Man habe die Situation aus jetziger Sicht unter Kontrolle, sagt der Direktor des Carità-Krankenhauses Luca Merlini. Und er sieht noch einigen Spielraum, was die Belegung der Betten für Corona-Patienten betrifft. Denn laut seinen Worten treffen pro Tag 20 neue Erkrankte im Locarner Spital ein, und 10 bis 15 verlassen es. Somit sieht sich das Personal immer noch in der Lage, sich um jeden Patienten ausreichend zu kümmern.

Doch wie gross ist der Spielraum noch? Die aktuellen Zahlen legen eine Zeitdauer von etwa zwei Wochen nahe. Gemäss Paolo Ferrari, dem medizinischen Direktor der Tessiner Kantonsspitäler, zu welchen auch das Carità-Krankenhaus gehört, stehen im Tessin 498 Betten für Corona-Patienten ohne künstliche Beatmung zur Verfügung. Und von diesen Betten sind seit Freitag 317 belegt. Bisher wurden 1688 Ansteckungen verzeichnet, die Zahl der verstorbenen Personen stieg auf 76 an.

Soziale Distanz ist entscheidend

Nun stehen auf den Tessiner Intensivstationen insgesamt 98 Betten für Corona-Patienten zur Verfügung. Davon waren am Freitag 63 besetzt, 57 Personen wurden künstlich beatmet. Weil man laut Ferrari momentan im Schnitt jeden Tag drei Intensivbetten mehr braucht, dürfte die Kapazitätsgrenze in etwa zwei Wochen erreicht sein. «Uns steht das Wasser nicht bis zum Hals, und das wird es auch später nicht, wenn das Gebot der sozialen Distanz genügend greift.» Falls die Kurve der Ansteckungen in den nächsten zwei Wochen nicht allzu schnell und zu steil ansteige, werde man den Höhepunkt der Erkrankungen bewältigen können. Diesbezüglich zeigt sich Ferrari zuversichtlich, zumal sich das Tessin schon seit längerem auf einen solchen Peak vorbereite.

Um rechtzeitig vorzusorgen, bringt man unter anderem die allmählich genesenden Corona-Patienten so früh wie möglich aus den drei Covid-19-Spitälern in andere Krankenhäuser. Dort leitet man ihre Erholungs- und Rehabilitationsphase ein. So sollte die Bettenauslastung in den Corona-Spitälern möglichst langsam an ihre Grenzen stossen. Wie zudem Carità-Direktor Merlini erklärt, könnten in seinem Spital maximal 75 Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen, in der Moncucco-Klinik 45 und im Tessiner Herzzentrum weitere 6. Das wären insgesamt 126 Geräte bei momentan 98 vorhandenen Covid-19-Intensivbetten.

Ist aber eine weitere Aufstockung an Betten für Corona-Patienten überhaupt noch möglich? Das scheine nicht sehr realistisch, meint der medizinische Direktor Ferrari. Was vor allem daran liege, dass bereits alles verfügbare qualifizierte Personal im Einsatz sei. In seinen Augen können praktisch keine zusätzlichen Personen aufgeboten werden, und auch die bisherige punktuelle Hilfe aus der Deutschschweiz dürfte wegfallen. Denn dort steht eine massive Zunahme der Erkrankungen erst noch bevor. Also wird Tessiner Personal, das zwar Corona-positiv ist, aber nach 48 Stunden Beobachtungszeit keine Beschwerden aufweist, wieder in den Spitälern eingesetzt.

Dankbarer Festivalpräsident

«Wir alle geben unser Bestes, niemand lässt den Mut sinken», erklärt Carità-Direktor Merlini. Das an seine Grenzen gehende medizinische Personal müsse jeden Tag neue Probleme lösen, so dass niemand ins Grübeln gerate. Dies helfe auch, die starke seelische Belastung im Zusammenhang mit den Todesfällen auszuhalten. Und schliesslich spreche man sich gegenseitig Mut zu.

Genau für diese Haltung dankbar ist auch Marco Solari, Präsident des Filmfestivals Locarno. Er wurde vor etwa zwei Wochen ins Carità-Spital eingeliefert und am Dienstag nach Hause entlassen. Ärzte und Pflegende hätten sich trotz der unglaublichen Belastung ihre Freundlichkeit und Zuversicht bewahrt, erklärte Solari. Und er selber habe den Sensenmann schon sehr nahe vor sich gesehen. Doch er habe sich nicht aufgegeben.

Aktuelle Informationen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG):  

Hotline: +41 58 463 00 00, täglich 24 Stunden

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