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Donald Trump geht die grösste Wette seiner Karriere ein. Der Einsatz ist das Leben von 40 000 Amerikanern

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 05.04.2020 Niall Ferguson

Der amerikanische Präsident hat sich in seiner Karriere als erfolgreicher Glücksspieler erwiesen. Wie verrückt ist seine Wette auf die Anzahl möglicher Coronavirus-Opfer?

Donald Trump mag ein Gambler sein. Aber vielleicht ist seine Wette auf die Anzahl möglicher Coronavirus-Opfer in den USA gar nicht so verrückt. Bettmann / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Donald Trump mag ein Gambler sein. Aber vielleicht ist seine Wette auf die Anzahl möglicher Coronavirus-Opfer in den USA gar nicht so verrückt. Bettmann / Getty

Die meisten von uns sind keine Zocker. Vielleicht wetten wir gelegentlich bei einem berühmten Pferderennen mit, doch die Einsätze sind immer klein. Die meiste Zeit ziehen wir es vor, unser Geld nicht zu riskieren, selbst wenn die Quoten verlockend sind. Wir bevorzugen diese langweilige Form des umgekehrten Glücksspiels, die als Versicherung bekannt ist.

Jahr für Jahr bezahlt jeder von uns Hunderte, wenn nicht Tausende Euro Prämien an Versicherungsgesellschaften. Und auch wenn wir das nicht so sehen, schliessen wir letztlich Wetten darauf ab, dass unser Haus niederbrennt, unser Auto in einen Unfall verwickelt wird, unsere Gesundheit leidet oder unsere Ferienreise ausfällt. Die Versicherer wissen, dass all diese Missgeschicke vorhersagbar selten vorkommen, und nehmen die Wette an. Wir verlieren unser Geld immer wieder aufs Neue, doch wir haben unseren Seelenfrieden.

Die drei Spielertypen

Wir, die wir nur so anspruchslose Wetten abschliessen, sind fasziniert von wahren Glücksspielern: von denen, die nicht nur in Kasinos und auf Aktienmärkten unterwegs sind, sondern auch die Seiten der Geschichtsbücher bevölkern. Dabei denken wir Normalos für gewöhnlich an zwei Arten von Spielern. Auf der einen Seite ist das Fjodor Dostojewskis zwanghafter Spieler, der den Verlockungen des Roulette-Rades nicht widerstehen kann – er ruiniert sich, indem er immer wieder wettet, obwohl er weiss, dass in allen Glücksspielstätten mit höherer Wahrscheinlichkeit das Haus gewinnt.

Dann haben wir den Spieler als Meisterspekulanten: Charles Dickens’ Merdle, Anthony Trollopes Augustus Melmotte – beide sind an Nathan Rothschild angelehnt – oder George Soros in unseren Tagen. Dieser Spielertyp kalkuliert die Chancen jeder Wette äusserst sorgfältig. Er wägt jeden Einsatz entsprechend der Stärke seiner Überzeugung und der Relation von Gewinn und Risiko ab. Der Spekulant gewinnt nicht immer, doch er gewinnt weit häufiger, als er verliert, und manchmal macht er einen richtig grossen Gewinn. Dieser zweite Spielertyp wird sehr, sehr reich.

Doch es gibt noch eine dritte Art des Spielers, die zwischen diesen beiden Extremen liegt. Dieser Zocker ruiniert sich nicht, wird aber auch nicht reich wie Krösus. Mal gewinnt er, mal verliert er. Er spielt nicht, um Milliardär zu werden. Er spielt allein aus Liebe zum riskanten Spiel.

Wer das Risiko liebt, kalkuliert nicht wie Soros. Er wettet jeden Tag, geleitet von seiner Intuition – seinem Bauchgefühl. Für ihn ist die Wette ein Willensakt, der dazu dient, die Gegenpartei zu dominieren und gleichzeitig Geld zu machen. Unabhängig von der Grössenordnung der Wette geht es darum, sich als Draufgänger zu beweisen. Ich wette mit dir, dass ich diese Golfrunde gewinne. Ich wette, ich kann dieses Kasino profitabler machen, wenn du mir das Geld leihst, um es zu kaufen. Ich wette, ich kann Präsident der Vereinigten Staaten werden. Ich wette, dass dieses Coronavirus nichts Schlimmeres ist als die normale Grippe.

Die Wette: 100 000 Amerikaner sterben

Donald Trump ist, wie Sie sicher erraten haben, ein Spieler dieser dritten Art. Er hat das von seinem Vater ererbte Geld nicht verjubelt, aber er hat es auch nicht in ein Megavermögen verwandelt. Er hat so manche desaströse geschäftliche Wette abgeschlossen, wie seine Gläubiger auf die harte Tour erfahren mussten. Doch Trump hat sich auf seinem Weg vom Besitz über Reality-TV zu richtiger politischer Macht durchgespielt. Und jetzt geht er die grösste Wette seines gesamten Lebens ein.

Er wettet, dass die Zahl der Amerikaner, die an Covid-19 sterben werden, bei etwa 100 000 liegen wird – anders gesagt, ist das ungefähr die doppelte Zahl von Menschen, die jeden Winter an der Grippe sterben. Ganz offensichtlich hängt Trumps Chance auf eine Wiederwahl davon ab, wie stark Amerika durch die Pandemie getroffen werden wird. Naturkatastrophen können, wenn sie anscheinend falsch angegangen worden sind, auch politische Katastrophen werden – man denke an George W. Bushs Popularitätsverlust nach dem Hurrikan «Katrina». Und Rezessionen sagen für Amtsinhaber zuverlässig Unheil voraus.

Amerika befindet sich inzwischen in einer von der Pandemie induzierten Rezession. Der Aktienmarkt liegt trotz der beachtlichen Hausse der letzten Woche immer noch mehr als 20 Prozent unter dem Februar-Hoch, was den grössten Teil der Gewinne vernichtet hat, die die Investoren seit Trumps Wahl verzeichnet haben.

Die Kombination aus öffentlicher Panik, rationaler sozialer Distanzierung und der auf Ebene der Bundesstaaten erfolgten Anordnung, zu Hause zu bleiben, hat die US-Wirtschaft von einer Klippe gestossen. Die Zahl der Anträge auf Arbeitslosenunterstützung ist in der letzten Woche auf fast 3,3 Millionen hochgeschossen. Das ist der grösste Sprung – fast auf das Fünffache – seit Beginn der Aufzeichnungen.

Ein Nachruf auf Trump wäre verfrüht

Die Wette des Präsidenten ist dennoch nicht so verrückt, wie man vielleicht denkt. Es ist, wie ich letzte Woche geschrieben habe, unwahrscheinlich, dass Amerika insgesamt so katastrophal von Covid-19 getroffen wird wie Italien. Amerikaner leben weniger dicht zusammen, nutzen weniger öffentliche Transportmittel und küssen einander weniger als Italiener.

Es ist auch möglich, dass das Virus in den grossen, demokratisch wählenden amerikanischen Küstenstaaten – New York und Kalifornien – mehr Opfer fordert als in den kleineren, republikanisch wählenden Staaten des Binnenlands. Bis jetzt werden nur 19 Prozent der Covid-19-Toten in Bezirken gezählt, die Trump 2016 gewonnen hat.

Diejenigen, die Nachrufe auf diese Präsidentschaft verfasst haben, haben sie schon vorher viele Male geschrieben, und sie lagen falsch. Die Ergebnisse der Gallup-Umfrage aus der letzten Woche müssen sie voller Unglauben gelesen haben – sie zeigten, dass eine Mehrheit der Wähler und insbesondere eine Mehrheit (60 Prozent) der registrierten unabhängigen Wähler Trumps Umgang mit der Pandemie gutheissen.

Dieses Mal besteht das Problem darin, dass Trump nicht auf der Basis eines kalkulierten Risikos mit Menschenleben spielt, sondern aufgrund absoluter Ungewissheit. Wir wissen einfach nicht genug über Sars-CoV-2, als dass wir irgendwie überzeugend angeben könnten, wie viele Amerikaner es töten wird. Angesichts der fehlenden Tests in aller Welt wissen wir immer noch nicht genau, wie viele Menschen sich das Virus schon eingefangen haben und sich nicht krank fühlen. Wir wissen nicht einmal, wie ansteckend es ist. Und wir können nur raten, wie letal es ist – auf der Grundlage von weit voneinander abweichenden Todesfallzahlen aus aller Welt.

Pandemien sind anders als Wohnungsbrände oder Autounfälle – sie sind nicht wie auf einer Glockenkurve verteilt, sondern folgen einem Potenzgesetz. Das heisst, dass wir den zeitlichen Verlauf oder die Grössenordnung einer Pandemie nicht mit einer Wahrscheinlichkeit verknüpfen können.

Covid-19 könnte 40 000 Amerikaner töten. Wenn das Virus sich jedoch so weit verbreitet wie H1N1 – die Schweinegrippe – im Jahr 2009, so dass sich 20 Prozent von uns damit infizieren, und in den USA die (sehr niedrige) deutsche Sterblichkeitsrate von 0,6 Prozent eintritt, könnten es 400 000 Tote werden.

Wie mein Beinahe-Namensvetter, der Epidemiologe Neil Ferguson, gezeigt hat, könnten kleine Änderungen bei den Variablen eines epidemiologischen Modells zu vorhergesagten Sterblichkeitsraten führen, die sich um eine Grössenordnung unterscheiden.

Mit Gewissheit können wir nur sagen, dass Ostasien und Europa zum grössten Teil weit drastischere Massnahmen zur Eindämmung von Covid-19 ergriffen haben als Amerika. Und der Präsident will selbst diese Einschränkungen binnen lediglich zwei Wochen aufgehoben sehen.

Das ist Trumps Spiel mit amerikanischen Menschenleben. Zu seiner Verteidigung lässt sich anführen, dass er wie sein britischer Kollege – der beinahe auf eine Strategie der Herdenimmunität gesetzt hätte und nun positiv auf Covid-19 getestet wurde – auch persönlich seine Haut riskiert.

Auch Trump wird in Gefahr sein, wenn dieses Spiel schiefgeht. In Italien liegt die Sterblichkeitsrate für die Altersgruppe des Präsidenten bei eins zu zwanzig.

Niall Ferguson ist Senior Fellow am Zentrum für europäische Studien in Harvard und forscht gegenwärtig als Milbank Family Senior Fellow an der Hoover Institution in Stanford, Kalifornien. Der obenstehende Essay ist eine Kolumne, die Ferguson für die britische «Sunday Times» verfasst hat – sie erscheint hier exklusiv im deutschen Sprachraum. Wir danken der «Sunday Times» für die Möglichkeit des Wiederabdrucks. – Aus dem Englischen übersetzt von Helmut Reuter.

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