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Einen solchen Shutdown hat selbst Washington noch nie erlebt

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 12.04.2020 Martin Lanz, Washington

Die Bürogebäude in der amerikanischen Hauptstadt sind weitgehend verwaist, die Strassen menschenleer. Das macht etwas möglich, was sonst gar nicht zu empfehlen ist: eine Erkundungstour mit dem Velo. Eine Schlange bildet sich nur vor einem lokalen Waffengeschäft.

Washington steht fast still: Ein Fussgänger überquert die ;Pennsylvania Avenue in der Nähe des Kapitols. Kevin Dietsch / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Washington steht fast still: Ein Fussgänger überquert die ;Pennsylvania Avenue in der Nähe des Kapitols. Kevin Dietsch / Imago

Seit Ende März ist die Bevölkerung der amerikanischen Hauptstadtregion unter Strafandrohung – 5000 $ Busse oder bis zu einem Jahr Gefängnis – angewiesen, zu Hause zu bleiben. Die Schulen sind seit einem Monat geschlossen. Nur lebensnotwendige Besorgungen sind erlaubt.

Es gibt zwar keine Grenzkontrollen zwischen dem District of Columbia mit der Hauptstadt Washington und den Gliedstaaten Virginia und Maryland, aber vom Verlassen des heimischen Rechtsraums wird abgeraten. Wer von einem längeren auswärtigen Aufenthalt, etwa in New York, zurückkehrt, ist aufgefordert, zwei Wochen in Quarantäne zu gehen.

Die meisten Leute halten sich daran. Auf den Strassen verkehren kaum mehr Autos. Das will etwas heissen in Amerika. Was liegt da an einem prächtigen Frühlingstag näher, als eine Velotour zu unternehmen? Die körperliche Ertüchtigung im Freien ist nicht verboten, Cycling ist gar explizit erlaubt, solange angemessen Distanz gehalten wird. Wir machen uns zum eigentlich Undenkbaren auf: einer Stadtrundfahrt per Rad mitten in der Woche.

Die Bundesverwaltung gewinnt an Gewicht

Marylands Gouverneur Larry Hogan, ein Republikaner, hat seine relativ drakonische Stay-at-home-Order mit der Bedeutung der Hauptstadtregion als Arbeitsort für rund 440 000 Bundesangestellte begründet. Er will vermeiden, dass ein unkontrollierbarer Corona-Ausbruch die von der nationalen Krise speziell geforderten Behörden lahmlegt.

Wir nehmen absichtlich die Hauptverkehrsader, die die Vorstädte Rockville und Bethesda mit Downtown Washington verbindet. Und wir fahren um 14 Uhr 45 los, wenn normalerweise der Schultag endet und der Feierabendverkehr so richtig anzurollen beginnt. Wir haben die Strassen zwar nicht ganz für uns. Die Streifenwagen der DC Metropolitan Police scheinen noch zahlreicher als sonst. Aber was sonst ein Kamikaze-Unterfangen wäre, wird zur echten Blustfahrt.

Zustände wie in New York befürchtet

Die Bürgermeisterin von Washington DC, die Demokratin Muriel Bowser, befürchtet Zustände wie in New York City. Dies, obwohl in der Hauptstadt die Bevölkerungsdichte nicht einmal halb so hoch ist wie in New York City. Einer von sieben Bürgern werde sich infizieren, sagt Bowser. Das wären 100 000 Washingtoner. «Wir müssen vermeiden, dass alle auf einmal krank werden», begründet sie ihre Stay-at-home-Order. Die Hauptstadtregion hat über 6 Mio. Einwohner. Am Freitagabend (Ortszeit) waren regional über 13 000 Corona-Fälle bekannt. Gestorben sind bisher 331 Personen.

Wir brausen die Massachusetts Avenue hinunter in Richtung Innenstadt, auch bekannt als Embassy Row. Hier reihen sich die Botschaften aller Herren Länder aneinander. Es herrscht kaum Betrieb, auch hier hat man auf Home-Office umgestellt. Konsularische Dienstleistungen sind auf ein Minimum reduziert. Nachbar Alessandro, auf der italienischen Botschaft für Sicherheitspolitik zuständig, ist seit zwei Wochen nicht mehr ins Büro gegangen. Ein anderer Diplomat sagt, auf die Botschaft gehe nur noch, wer auf spezielle Arbeitsinstrumente wie Chiffriergeräte zurückgreifen müsse.

Zugang zum U-Bahn-System der Hauptstadt, das auf Sparflamme betrieben wird. ; Ken Cedeno / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Zugang zum U-Bahn-System der Hauptstadt, das auf Sparflamme betrieben wird. ; Ken Cedeno / Imago

Auch die Hauptstadtregion erleidet einen riesigen wirtschaftlichen Schaden wegen der Krise. Viele Angestellte sind aber derzeit fieberhaft daran, diesen Schaden zu minimieren. Unweit des Weissen Hauses haben der Internationale Währungsfonds (IMF) und die Weltbank ihre Hauptquartiere. Von den Auswirkungen der Corona-Krise auf die Entwicklungs- und Schwellenländer spricht man noch kaum, obwohl IMF-Chefin Kristalina Georgiewa jüngst erklärt hat, dass bereits über 90 Länder Hilfsgesuche gestellt hätten. Die Weltbank ihrerseits ist im Krisenmodus und unterstützt Gesundheitsprogramme bereits in über 65 Ländern.

Um die Hauptquartiere der beiden Institutionen, die jeweils ganze Häuserblocks einnehmen, ist es gespenstisch ruhig. Die Armee von Ökonomen, Armutsexperten und Entwicklungsspezialisten arbeitet längst von zu Hause aus. Die Frühlingstagung von IMF und Weltbank, welche nächste Woche Tausende Regierungsvertreter und Experten in die US-Hauptstadt gebracht hätte, wurde bereits Anfang März abgesagt. Man wird sich virtuell treffen.

Nur noch wenige Weltverbesserer

Es ist inzwischen 15 Uhr 45, normalerweise wären die Strassen in der Innenstadt verstopft mit Pendlern. Wir aber pedalen mitten auf der Pennsylvania Avenue zum Weissen Haus. Die auch sonst für den motorisierten Verkehr gesperrte Nordseite mit dem Lafayette Square wäre zu dieser Zeit voller Touristen, Demonstranten und sonstigen Fussgängern. Heute sind noch drei Personen da, die für eine bessere Welt demonstrieren. Der Secret Service hat den Sicherheitsperimeter um das Weisse Haus ausgeweitet. Am Abend aber wird die Corona-Task-Force der Regierung wieder ein Briefing geben, mit Präsident Trump mittendrin, vor inzwischen stark ausgedünntem Publikum. Mehrere prominente Medienhäuser nehmen nicht mehr teil, weil im Briefing-Raum kein vernünftiges Social Distancing möglich ist.

Wichtiger ist dieser Tage ohnehin das Finanzministerium gleich nebenan. Es ist dafür zuständig, dass die Gelder aus dem enormen Stützungspaket des Bundes rasch an den Mann und die Frau kommen. Im Gegensatz zu anderen Ministerien müssen hier viele immer noch antraben. Vor dem Eintritt ins Gebäude wird den Mitarbeitern die Temperatur gemessen. Aus der Distanz sieht man, dass die grossen Leuchten in den Konferenzzimmern auch tagsüber an sind; hier wird derzeit Tag und Nacht gearbeitet.

Einfaches Durchkommen für uniformierte Ordnungskräfte beim Anthem-Auditorium im Stadtteil Southwest Waterfront. ; Andrew Harrer / Bloomberg © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Einfaches Durchkommen für uniformierte Ordnungskräfte beim Anthem-Auditorium im Stadtteil Southwest Waterfront. ; Andrew Harrer / Bloomberg

Wir nehmen die 14th Street, die zur National Mall hinunterführt, und fahren am Handelsministerium vorbei. Dessen Vorsteher, der 82-jährige Secretary of Commerce Wilbur Ross, arbeitet dem Vernehmen nach von seiner Residenz in Palm Beach (Florida) aus. Palm Beach ist auch der Ort, wo sich Präsident Trump so gerne in seinem Mar-a-Lago-Anwesen aufhält. Die Corona-Krise verbietet dem Präsidenten derzeit, seine Wochenenden dort auf dem Golfplatz zu verbringen. Nicht nur, weil es sich zu Krisenzeiten in den Augen der Öffentlichkeit nicht gut machen würde. Sondern auch, weil das Resort schliessen musste und deshalb wie praktisch das gesamte Gastgewerbe im Land Staatshilfe beantragt hat.

Millionen Touristen fehlen

So leer hat man die National Mall rund um das Washington Monument noch nie gesehen. Hie und da verliert sich ein Jogger, auch Radfahrer hat es. Aber die Heerscharen von Touristen fehlen. April ist sonst die Zeit, wenn Schulklassen aus dem ganzen Land die Hauptstadt besuchen, sich Familien die Monumente ansehen, Pfadfindergruppen auf und ab marschieren.

Platz zum Parkieren gäbe es normalerweise keinen, und auf der mehrspurigen Constitution Avenue und der Independence Avenue würde sich der Feierabendverkehr stauen. Was machen wir? Wir radeln mitten auf der Independence Avenue zum Lincoln Memorial. Dort sitzen immerhin ein paar Leute in gebührendem Abstand zueinander auf der Treppe, lassen den Blick über den Reflecting Pool zum Washington Monument und zum Kapitol schweifen.

Keine Touristen: Unbehelligtes Seilhüpfen vor dem Lincoln Memorial mit freiem Blick auf den Reflecting Pool und das Washington Monument. ; Win McNamee / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Keine Touristen: Unbehelligtes Seilhüpfen vor dem Lincoln Memorial mit freiem Blick auf den Reflecting Pool und das Washington Monument. ; Win McNamee / Getty Abe ;Lincoln hat zu Corona-Zeiten nur wenig Gesellschaft. Normalerweise ist die Treppe zum Denkmal zu Ehren Abraham Lincolns, des 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten, vollgepackt. Al Drago / Bloomberg © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Abe ;Lincoln hat zu Corona-Zeiten nur wenig Gesellschaft. Normalerweise ist die Treppe zum Denkmal zu Ehren Abraham Lincolns, des 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten, vollgepackt. Al Drago / Bloomberg

Wir machen einen Schwenk zurück auf die Constitution Avenue, zum Hauptquartier der mächtigen amerikanischen Zentralbank. Sie wirkt ebenfalls verwaist. Der Fed-Chef Jerome Powell selber arbeitet so viel wie möglich von zu Hause aus, wie er jüngst an einer Telefonkonferenz verraten hat. Er wolle mit gutem Beispiel vorangehen.

Nur die Velofahrer sind zahlreich

Nach einem Augenschein auf dem menschenleeren Campus der George Washington University beraten wir die Route für den Heimweg. Über ein Dutzend Unis und Colleges mit Zehntausenden Studenten sorgen in der Hauptstadtregion für Betrieb und Einkommen; das höhere Bildungswesen gilt hier als wichtigster privatwirtschaftlicher Arbeitgeber. Die Umstellung auf den Online-Betrieb schmerzt Washington nicht nur in finanzieller Hinsicht.

Wir könnten einfach die Hauptstrasse und damit den kürzesten Weg zurück nach Bethesda nehmen. Es hat auch um 17 Uhr kaum Autoverkehr. Wir nehmen trotzdem den Capital Crescent Trail, den auf dem ehemaligen Gleisbett der B&O Railroad gebauten Radweg zwischen Georgetown und Bethesda. Und siehe da: Statt in ihren Autos nerven sich die vielen Velofahrer und Jogger hier über ein krisenbedingt höheres, wenn auch nichtmotorisiertes Verkehrsaufkommen. Noch aber machen die Behörden keine Anstalten, den Trail aufgrund von ungenügendem Social Distancing zu schliessen.

Der Sitz des US-Finanzministeriums: Hier wird auch während der Corona-Krise vor Ort Tag und Nacht gearbeitet. ; Andrew Harrer / Bloomberg © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Der Sitz des US-Finanzministeriums: Hier wird auch während der Corona-Krise vor Ort Tag und Nacht gearbeitet. ; Andrew Harrer / Bloomberg Selbst auf der engen North Capitol Street in Richtung Kapitol könnte man derzeit Rad fahren. ; Kevin Dietsch / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Selbst auf der engen North Capitol Street in Richtung Kapitol könnte man derzeit Rad fahren. ; Kevin Dietsch / Imago

Waffen und Alkohol sind unentbehrlich

Für Einkäufe geht man in Washington aber nicht in die City, sondern fährt in die Läden entlang der Ausfallrouten. Am nächsten Tag verlassen wir Bethesda erneut auf dem Velo, aber dieses Mal in die andere Richtung. Alles ist auf den Autoverkehr ausgerichtet, das Radfahren in normalen Zeiten nicht empfehlenswert. Nicht so in der Corona-Krise: Die Strassen wie die Parkplätze vor den Läden in Rockville sind leer, mit Ausnahme natürlich der Supermärkte und der Drogerien mit integrierten Apotheken. Etwas abseits von der Hauptverkehrsader, der MD 355, gibt es auch ein Waffengeschäft, den United Gun Shop.

Das Geschäft macht auf seiner Website klar, dass auch zu Corona-Zeiten jeder, der will, zu seiner Feuerwaffe kommt. Es hat die Öffnungszeiten zwar stark eingeschränkt auf Dienstag bis Samstag, 11 bis 15 Uhr. Im Notfall macht man aber einen individuellen Besuchstermin ab. Verkaufsstellen für Waffen – wie auch für alkoholische Getränke – gelten in Maryland auch jetzt als «essential business».

Anekdotisch wird berichtet, dass die Waffen- und Schnapsläden derzeit das Geschäft ihres Lebens machen. Wie gut der United Gun Shop läuft, ist unklar. Anfragen bleiben unbeantwortet. Beim Augenschein vor Ort ist es aber das einzige Gebäude weit und breit, vor dem sich an diesem Dienstagmittag eine Schlange gebildet hat. Wir drehen mit dem Rad eine Runde auf dem Parkplatz und versuchen nicht zu starren.

Selber werden wir aber so grimmig von den Wartenden beäugt, dass wir verzichten, nach den Gründen für den Waffenkauf zu fragen. Es wäre auch eine idiotische Frage. Die Statistik der Bundespolizei FBI spricht eine deutliche Sprache. Im März 2020 hat das FBI 2,375 Mio. Personenüberprüfungen im Zusammenhang mit Waffenkäufen durchgeführt, so viele wie noch nie seit Einführung des gegenwärtigen Systems im Jahr 1998. Im März 2019 waren es 1,3 Mio. Überprüfungen.

Die Autos sind noch da

Wir geniessen an diesem neuerlichen Prachtstag die unbehelligte Rückfahrt auf der sechsspurigen Hauptstrasse. Bis wir dann doch noch von einem Pick-up-Truck-Fahrer bedrängt werden, der auch bei leeren Strassen das Gefühl hat, dass Fahrräder da nicht hingehören. Zurück in der eigenen Nachbarschaft, wird uns bestätigt, dass sich all die Autos tatsächlich nicht einfach in Luft aufgelöst haben. Wie auch? Es gibt in der Hauptstadtregion so viele registrierte Personenwagen wie in der ganzen Schweiz.

So sind denn auch die Autos in unserer Strasse derzeit dicht an dicht parkiert. Von den rund zwanzig in der Strasse wohnhaften Familien arbeiten und lernen jetzt alle von zu Hause aus. Sie alle haben mindestens zwei Autos, und vorübergehend noch mehr, weil die Kinder von den Unis und Colleges nach Hause geschickt worden sind. Vor der Corona-Krise war die Wohnstrasse tagsüber leer. Nur der Wagen von Alkis ist auch während der Pandemie weg: Der Immunologe mit griechischen Wurzeln hat derzeit erst recht an seinem Arbeitsplatz bei den Nationalen Gesundheitsinstituten zu sein.

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