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Genf ist eine der am stärksten betroffenen Regionen weltweit. Dort hat sich jeder Zehnte mit Sars-CoV-2 infiziert. Ein Update zu den neusten Corona-Studien

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 16.06.2020 NZZ-Redaktion Wissenschaft

Viele haben im Lockdown mehr, dafür schlechter geschlafen. Womöglich schützt die Tuberkulose-Impfung auch gegen Covid-19. Hier tragen wir ausgewählte Forschungsergebnisse zu Sars-CoV-2 und Covid-19 zusammen.

Sechs Monate ist es her, dass das neue Coronavirus in China entdeckt wurde. Seither ist die Welt eine andere geworden, auch die der Wissenschaft. Die Flut an wissenschaftlichen Studien, die sich mit Sars-CoV-2 und Covid-19 befassen, ist kaum noch zu überschauen. Puzzleteil für Puzzleteil erweitern Epidemiologen, Virologen, Mediziner und Statistiker unser Wissen über die Eigenschaften des Virus und die Pandemie.

Damit Sie den Überblick behalten, berichten wir in diesem Blog über eine Auswahl an Publikationen. Die neuesten Ergebnisse finden Sie jeweils am Anfang des Artikels.

15. Juni: Nur 11 Prozent der Genfer haben sich infiziert

lsl. · Das wahre Ausmass der Covid-19-Pandemie ist schwer abzuschätzen, denn viele der Infizierten haben sich nie testen lassen. Um den Verlauf der Epidemie dennoch nachvollziehen zu können, haben Forscher im Kanton Genf breitflächige Antikörpertests durchgeführt. Die Ergebnisse haben sie in der Zeitschrift «The Lancet» publiziert.

Im Blut von fast 2800 zufällig ausgewählten Personen haben die Forscher über fünf Wochen hinweg nach Antikörpern gesucht. Diese Moleküle werden im Körper gebildet, um das Virus abzuwehren, und lassen sich auch mehrere Wochen nach einer Infektion noch nachweisen.

Im Verlauf der Studie nahm der Anteil der Personen, die Antikörper aufwiesen, zu: von 5 Prozent der getesteten Personen in der Woche vom 6. April auf 11 Prozent in der letzten Woche, jener vom 9. Mai. Bei Kindern und älteren Menschen über 65 Jahren fiel das Ergebnis seltener positiv aus. Entweder steckten sie sich weniger häufig an – was bei den alten Menschen auf effektive Schutzmassnahmen zurückzuführen sein könnte – oder sie bildeten seltener Antikörper.

Das bedeutet, dass sich sogar in einem so stark betroffenen Kanton wie Genf nur jeder zehnte Einwohner mit dem Virus angesteckt hat. Zum Vergleich: Mit den gängigen Virustests gab es in Genf auf 10 000 Einwohner 104 positiv Getestete, 35 waren es in der ganzen Schweiz, 44 in Grossbritannien und 63 in den USA (Stand 15. Juni, Quelle: corona-data.ch). Der Kanton Genf gehört demnach zu den am stärksten betroffenen Regionen weltweit.

In einer anderen Publikation in der Zeitschrift «Nature» hat eine Forschergruppe anhand der Todesfälle in Europa berechnet, dass sich zwischen 3,2 und 4 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus infiziert haben – mit starken regionalen Schwankungen.

Damit dürfte nach der ersten Infektionswelle auch erst ein kleiner Teil der Bevölkerung immun gegen eine erneute Infektion sein. Wobei noch nicht klar ist, wie lange die Immunität im Fall von Sars-CoV-2 überhaupt anhält.

12. Juni: Viele haben im Lockdown mehr, aber schlechter geschlafen

ni. · Bis zu 50 Minuten länger haben Personen während des Lockdowns geschlafen. Das zeigt eine Studie der Universität Basel und der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Für ihre Arbeit haben Christine Blume und ihre Forscherkollegen 430 Personen in der Schweiz, Deutschland und Österreich befragt. Da die Probanden zwei Fragebögen ausfüllten – einen für die Zeit vor und einen für die Zeit nach dem Shutdown in ihrem Land –, ähnelt die Untersuchung einem medizinischen Experiment.

Mit der sechs Wochen im März und April abdeckenden Studie wollten die Forscher – zu ihnen zählt auch der Basler Chronobiologe Christian Cajochen – herausfinden, wie sich der Lockdown auf die Schlafdauer und die Schlafqualität der Menschen auswirkte. Fachleute gehen davon aus, dass viele Schlafstörungen das Resultat unseres modernen Lebensstils sind. Dabei diktiert nicht die auf das Sonnenlicht ausgerichtete innere biologische Uhr unsere Schlaf- und Wachphasen, sondern der hektische Arbeitsrhythmus und das Freizeitverhalten. Ist die Diskrepanz zwischen diesen beiden Taktgebern gross, kommt es zu einer Art dauerhaftem Jetlag, was nachweislich die körperliche und geistige Gesundheit schädigt.

Im Lockdown arbeiteten über 85 Prozent der Teilnehmer der Basler Studie im Home-Office. Bei ihnen fiel nicht nur der Arbeitsweg weg. Sie dürften auch ihre Arbeitszeiten flexibler gestaltet haben können. Dadurch sollte sich der sogenannte soziale Jetlag – dieser bemisst sich am Unterschied in der Schlafenszeit und der Schlafdauer zwischen den Arbeitstagen und den freien Tagen – verringert haben. Diesen Effekt konnten die Forscher tatsächlich nachweisen. So reduzierte sich bei den Befragten während des Lockdowns der Unterschied bei der Schlafenszeit (zwischen Werktagen und Freitagen) um durchschnittlich 13 Minuten; bei der Schlafdauer verringerte sich der Unterschied um 25 Minuten.

Wie die Analyse weiter zeigt, schliefen die Befragten während des Lockdowns täglich um durchschnittlich 13 Minuten länger als zuvor; einzelne Probanden schliefen sogar bis zu 51 Minuten länger. Trotzdem führte das Mehr an Schlaf nicht zu einer Verbesserung der wahrgenommenen Schlafqualität. Im Gegenteil: Die Befragten beurteilten ihre Schlafqualität während des Lockdowns sogar als etwas schlechter als in den Wochen zuvor. Wie die Basler Forscher schreiben, dürfte das damit zusammenhängen, dass die Corona-Krise und der damit verbundene Lockdown für die Befragten in vielerlei Hinsicht belastend gewesen ist.

Die Forscher räumen ein, dass ihre Studienergebnisse nicht eins zu eins generalisierbar seien. So waren zum Beispiel drei Viertel der Befragten Frauen. Die meisten Probanden waren zudem eher gut ausgebildete Personen, die insgesamt keine grösseren Schlafprobleme hatten. Gerade letztere Faktoren dürften dazu geführt haben, dass der positive Effekt von flexibleren Arbeitszeiten in der Studie eher unter- denn überschätzt würde, so die Forscher. Am meisten vom Home-Office profitieren dürften die sogenannten späten Chronotypen, also Personen, deren biologische Uhr ein vergleichsweise spätes Aufstehen erfordert.

10. Juni: Traten die ersten Covid-19-Fälle schon im Herbst in Wuhan auf?

ni. · Nach verschiedenen Studien sind die ersten Fälle von Covid-19 in Wuhan, China, Ende November oder Anfang Dezember aufgetreten. Gleichzeitig gibt es aber auch Hinweise darauf, dass das neue Coronavirus schon Wochen oder Monate früher in Südchina zirkuliert haben könnte. Diese Ansicht vertritt nun auch eine amerikanische Forschergruppe der Harvard Medical School in Boston. Für ihre Untersuchung haben John Brownstein und seine Kollegen anhand von Satellitenaufnahmen die Parkplatzbelegung von sechs Spitälern in Wuhan sowie die aus dieser Gegend stammenden Internetanfragen nach Begriffen wie «Husten» und «Durchfall» analysiert.

Obwohl die Parkplatzbelegung der Kliniken zwischen 2018 und 2020 generell zugenommen hat, liess sich laut den Forschern in den über 100 Satellitenbildern ab August 2019 ein starker Anstieg nachweisen. Fünf der sechs Spitäler erlebten zwischen September und Oktober ein besonders grosses Besucheraufkommen. In dieser Zeit verzeichnete die chinesische Suchmaschine Baidu einen deutlichen Anstieg bei den Suchanfragen nach «Husten» und «Durchfall». Der Begriff «Durchfall» sei dabei besonders interessant, schreiben die Forscher. Denn dieser sei spezifischer für Covid-19 als «Husten», der parallel zur Grippesaison jährliche Peaks zeige.

Auch wenn die Befunde mit einem frühzeitigen Auftreten von Sars-CoV-2 im Herbst 2019 vereinbar sind: Ein Beweis sind sie nicht, das schreiben auch die Autoren der Studie. Eindeutiger wäre die Situation, wenn im Nachhinein noch der Virusnachweis bei Spitalpatienten gelänge, die im Spätsommer oder Herbst 2019 wegen unklaren respiratorischen Symptomen in Wuhan hospitalisiert waren. Dass das möglich ist, hat der Fall eines Patienten in Frankreich gezeigt. Dafür muss im Spital aber noch biologisches Material wie Auswurfsekret oder Blut für eine Nachuntersuchung gelagert sein.

9. Juni: Weitere Hinweise für die Wirksamkeit von Remdesivir

ni. · Das ursprünglich gegen Ebola entwickelte Medikament Remdesivir gehört seit Beginn der Corona-Pandemie zu den vielversprechendsten Therapien für Patienten mit Covid-19. Nach positiven Ergebnissen in klinischen Studien erteilten die USA bereits Anfang Mai eine Ausnahmebewilligung für den Einsatz der Substanz in Spitälern. Die amerikanische Herstellerfirma Gilead hat inzwischen auch eine Zulassung in der Europäischen Union beantragt, wie die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) am Montag mitteilte.

Von Remdesivir ist der grösste Nutzen dann zu erwarten, wenn das Mittel möglichst früh im Krankheitsverlauf verabreicht wird. Welchen Effekt es dann erzielen kann, haben Forscher der amerikanischen National Institutes of Health in Hamilton bei Rhesusaffen untersucht. Im Gegensatz zu unbehandelten Tieren entwickelten Rhesusaffen, die 12 Stunden nach der Infektion mit Sars-CoV-2 Remdesivir erhalten hatten, deutlich weniger Schäden in ihren Lungen. Dieses Ergebnis ging mit einem weiteren Befund einher: Bei den behandelten Affen liess sich im tiefen Atemtrakt nur ein Hundertstel der Coronaviren verglichen mit den unbehandelten Tieren nachweisen.

Ihre Ergebnisse unterstützten eine frühzeitige Behandlung von Covid-19-Patienten mit Remdesivir, schreiben Emmie de Wit und ihre Forscherkollegen in ihrem Artikel. Ein Wermutstropfen bleibt allerdings: Trotz der klinischen Verbesserung liess sich bei den behandelten Tieren keine Reduktion der Virusausscheidung nachweisen. Das bedeutet, dass die Therapie mit Remdesivir keinen grossen Einfluss auf die Infektiosität des Individuums haben dürfte.

8. Juni: Schützt die Tuberkulose-Impfung vor Covid-19?

ni. · Seit längerem wird darüber diskutiert, ob die seit Jahrzehnten verwendete Impfung gegen Tuberkulose (BCG) auch vor Covid-19 schützt. Die Idee ist nicht abwegig, gibt es doch wissenschaftliche Evidenz, dass mit BCG geimpfte Personen auch einen gewissen Schutz vor verschiedenen Infektionskrankheiten haben. Fachleute führen dieses Phänomen auf eine unspezifische Wirkung der Vakzine zurück, die vor allem den angeborenen Teil des Immunsystems gegen Eindringlinge stärken soll.

Um den Nutzen der Tuberkulose-Impfung gegen Sars-CoV-2 abzuklären, griff David Levine von der University of California in Berkeley, USA, zu einem Trick. Er verglich die Daten über die bestätigten Covid-19-Fälle und die Covid-19-Sterberaten in Spanien und in Italien. Der Wissenschafter wählte diese beiden Länder für seine Analyse, weil sie sich bei der Häufigkeit der Tuberkulose-Impfung stark unterscheiden. Während Spanien bis 1981 ein nationales BCG-Impfprogramm für alle Bürger betrieb, wurden in Italien nur wenige Risikopersonen geimpft. In anderer Hinsicht wie der Lebenserwartung, der Altersverteilung oder der Häufigkeit von Risikofaktoren wie Diabetes oder Übergewicht seien sich die Länder dagegen sehr ähnlich, so Levine.

Die Analyse, die erst als wissenschaftlich noch nicht begutachteter Preprint vorliegt, zeigt nun folgendes Bild: Vergleicht man die Covid-19-Fallzahlen und -Mortalitätsraten bei Personen, die vor und nach dem Stopp des nationalen BCG-Impfprogramms in Spanien geboren wurden (41- bis 49-Jährige bzw. 31- bis 39-Jährige), scheinen die älteren Semester in Spanien besser mit dem Coronavirus zurechtgekommen zu sein als ihre Altersgenossen in Italien. Das spreche für einen «Fetzen von Evidenz», dass die BCG-Impfung vor einer Covid-19-Erkrankung schützen könnte, schreibt Levine.

Die vorsichtige Formulierung ist mit Bedacht gewählt. Denn erstens ist nur das Resultat bezüglich der Covid-19-Fallzahlen statistisch signifikant; bei der Mortalität liegt dagegen nur ein statistischer Trend für eine Reduktion vor. Zweitens fällt die nachgewiesene Risikoreduktion bei den Covid-19-Zahlen mit 3,8 Prozent (relativer Risikoreduktion) in Spanien minimal aus. Und drittens gibt es viele möglichen Störfaktoren wie zum Beispiel eine in Spanien und Italien unterschiedlich gute Entdeckung und Meldung von Corona-Fällen, die die Ergebnisse verfälscht haben könnte.

4. Juni: Strategien zur Reduktion von Kontakten

kus. · Der erste Höhepunkt der Covid-19-Pandemie in der Schweiz ist vorbei, und die Massnahmen zur Abflachung der Infektionskurve werden zunehmend gelockert. Dabei soll die Zahl der Neuinfektionen trotzdem möglichst niedrig und die Kurve flach gehalten werden. Hierfür braucht es sinnvolle Massnahmen, denn komplett wieder zu einer Normalität zurückzukehren, wie sie vor Beginn der Pandemie herrschte, birgt stets die Gefahr einer zweiten Infektionswelle. Forschende aus England und der Schweiz haben nun modelliert, wie sich verschiedene Strategien zur Reduktion von Kontakten auf die Infektionskurve auswirken.

Sie untersuchten drei Strategien, wie sie in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift «Nature Human Behaviour» beschreiben: Im ersten Szenario haben nur Personen miteinander Kontakt, die wichtige Charakteristika teilen, etwa in der gleichen Nachbarschaft leben. Hier ist es laut den Forschern wichtig, dass die Attribute so gewählt sind, dass die Gruppen nicht zu gross werden. Die zweite Strategie zielt darauf ab, möglichst nur mit solchen Personen persönlichen Kontakt zu haben, die untereinander ebenfalls in Verbindung stehen. Das hiesse beispielsweise, dass ein geschlossener Freundeskreis untereinander den Kontakt hält, aber persönliche Kontakte mit Freunden ausserhalb dieses Kreises meidet. Im dritten Szenario schliesslich wird strategisch ein Netzwerk aus «sinnvollen» Kontakten gebildet, das ausschliesslich untereinander Kontakt hat. Das kann einerseits bei der Arbeit sein, aber andererseits auch die Entscheidung betreffen, welches Familienmitglied den Kontakt zu einer gefährdeten älteren Person hält.

Diese drei Szenarien (mit einer Kontaktreduktion um jeweils 50 Prozent) verglichen sie dann einerseits mit einem, in dem Personen unlimitiert Kontakt zueinander hatten, und einem weiteren, bei dem Kontakte nicht strategisch, sondern ungerichtet um die Hälfte eingeschränkt wurden. Wie sich zeigte, flachten die drei strategischen Interventionen die Kurve am deutlichsten ab, und das auch dann, wenn sie miteinander kombiniert wurden. Dieses Resultat blieb zudem erhalten, wenn die Forscher Faktoren wie die Infektiosität des Virus oder die Menge der Personen änderten. Letztere war aufgrund der Rechenkapazität der Computer auf 4000 beschränkt.

Die Forscher schliessen hieraus, dass drei verhältnismässig einfache Verhaltensmassnahmen – das Suchen von Gemeinsamkeiten, die Stärkung von Interaktionen innerhalb bestehender Gemeinschaften und wiederholte Kontakte mit immer denselben Personen – dazu beitragen können, die Infektionskurve flach zu halten.

3. Juni: Reproduktionsrate in der Schweiz

Spe. · Durch ein Bündel von Massnahmen ist es der Schweiz in den letzten Wochen gelungen, die Corona-Epidemie in den Griff zu bekommen. Aber immer noch ist unklar, welche Einschränkungen dabei eine Schlüsselrolle gespielt haben. Auf der Suche nach einer Antwort haben Forscher der EPFL modelliert, wie sich die Reproduktionszahl seit Ende Februar entwickelt hat. Die Gruppe von Jacques Fellay stützt sich dabei auf öffentlich zugängliche Daten zur Hospitalisierung von Covid-19-Patienten und zu Todesfällen.

Die Reproduktionszahl gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Laut den Forschern sank diese Zahl von 2,8 Ende Februar auf 0,4 Anfang April. Das entspricht einer Reduktion um 86 Prozent. Aus der Modellierung geht hervor, dass der Rückgang bereits am 6. März begann – also vor den Schulschliessungen und bevor der Bundesrat eine Schliessung von Geschäften, Bars und Restaurants anordnete. Als am 20. März Versammlungen mit mehr als fünf Personen verboten wurden, habe die Reproduktionszahl mit grosser Wahrscheinlichkeit bereits unter der kritischen Schwelle von 1 gelegen, schreiben die Forscher im «Swiss Medical Weekly». Das deckt sich mit früheren Modellierungen von Tanja Stadler von der ETH Zürich in Basel.

In den Labors des Instituts für Medizinische Virologie an der Universität Zürich werden derzeit Corona-Tests ausgewertet. Annick Ramp / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung In den Labors des Instituts für Medizinische Virologie an der Universität Zürich werden derzeit Corona-Tests ausgewertet. Annick Ramp / NZZ

Die Forscher warnen allerdings davor, deshalb das Versammlungsverbot oder andere Massnahmen des Bundesrates infrage zu stellen. Dem Lockdown sei eine intensive Informationskampagne des Bundes vorausgegangen. Diese habe vermutlich dazu geführt, dass die Bevölkerung bereits vor den Verboten die Abstands- und Hygieneregeln befolgt habe. Zudem sehen die Forscher einen Zusammenhang zwischen der Reproduktionszahl und dem Mobilitätsverhalten der Bevölkerung. Die Zahl der Fahrten zur Arbeit, zum Einkaufen und zur Erholung sei im fraglichen Zeitraum um 50 bis 75 Prozent zurückgegangen.

2. Juni: Das Virus befällt zuerst die Nase

rtz. · Sars-CoV-2 führt bei einem Grossteil der symptomatischen Infizierten zuerst zu Krankheitsanzeichen der oberen Atemwege, im späteren Verlauf sind auch die unteren Atemwege betroffen. Doch war bisher unklar, ob das Virus als Eintrittspforte das Gewebe im Rachenraum benutzt oder eher die Schleimhäute der Nase. Amerikanischen Wissenschaftern aus North Carolina ist es mit innovativen Methoden gelungen zu zeigen, dass das Virus besonders gut die Zellen der Nasenschleimhaut infizieren kann. Sie vermuten, dass sich das Virus von dort aus den Weg in die unteren Atemwege bahnt. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal «Cell» publiziert.

Dies fanden die Forscher heraus, indem sie zwei Ansätze miteinander kombinierten: Zunächst konstruierten sie anhand vorhandener Erbgutdaten ein künstliches, grün fluoreszierendes Sars-CoV-2-Virus. Ausserdem verwendeten sie eine hochsensible Methode zur Quantifizierung der ACE2-Rezeptormenge in menschlichen Zellen der Nasen-, Rachen- und Bronchialschleimhaut. So konnten sie feststellen, dass einerseits die Menge an ACE2 entlang des Weges von den oberen zu den unteren Atemwegen abnahm und andererseits das Virus die oberen Atemwege besser infizieren konnte.

1. Juni: Maske, Abstand und Visier – was nützt?

rtz. · Wer nach einer eindeutigen Antwort auf die Frage sucht, wie man sich im öffentlichen Raum oder bei der Arbeit am besten vor dem Erreger schützen kann, wird schnell frustriert – zu unterschiedlich sind die Einschätzungen und Empfehlungen. Jede Gesundheitsbehörde, jeder Experte scheint derzeit etwas anderes zu raten. Einen Überblick bietet eine neue Veröffentlichung im Fachmagazin «The Lancet»: Für ihre Metastudie haben die Wissenschafter 172 bis Anfang Mai erschienene Fallstudien aus 16 Ländern und 44 Vergleichsstudien ausgewertet. Insgesamt umfassen diese über 25 000 Fälle von Infektionen mit Sars-CoV-2, aber auch Mers und Sars.

Wer eine Maske trägt, sollte sich trotzdem an die Abstandsregeln halten; Konsumenten in einem Einkaufszentrum in Russland. Andrey Rudakov / Bloomberg © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Wer eine Maske trägt, sollte sich trotzdem an die Abstandsregeln halten; Konsumenten in einem Einkaufszentrum in Russland. Andrey Rudakov / Bloomberg

Demnach ist der effektivste Schutz vor einer Infektion ein Mindestabstand von einem, besser zwei oder sogar drei Metern. Bei Gesichtsmasken und Augenschutz ist die Schutzwirkung schon nicht mehr ganz so eindeutig. Insbesondere sei das Tragen einer Maske keine Alternative zum Abstandhalten, betonen die Forscher. Auch häufiges Händewaschen und generelle Hygiene schützen. Aber selbst alle Massnahmen zusammen böten keinen vollständigen Schutz. Mitarbeiter im Gesundheits- und Pflegebereich sollten Masken mit einem möglichst hohen Schutzniveau verwenden, also jene der Schutzklasse FFP2 oder N95.

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