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Pandemie: Die Delta-Variante weckt Furcht vor neuer Corona-Welle

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 10.06.2021 Herwartz, Christoph Klöckner, Jürgen Koch, Moritz
Die Bedeutung des Tourismus bei der Verbreitung von Virusvarianten ist umstritten. © dpa Die Bedeutung des Tourismus bei der Verbreitung von Virusvarianten ist umstritten.

Die Zahlen in Deutschland machen Hoffnung auf einen fast normalen Sommer. Doch Wissenschaftler warnen vor der erstmals in Indien entdeckten Mutation. Die wichtigsten Fragen und Antworten

Obwohl die Infektionszahlen zurückgehen, wächst die Sorge in der EU: Die aus Indien eingetragene Delta-Variante des Coronavirus hat in Großbritannien die Fallzahlen wieder steigen lassen, obwohl dort 60 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Dosis Impfstoff erhalten haben.

„Die Bedrohung durch die ansteckenderen Varianten wie die Delta-Variante bleibt sehr real und ernst für ungeimpfte Menschen. Das sehen wir in Großbritannien. Dies ist derzeit die größte Herausforderung für uns“, sagte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides dem Handelsblatt. Was ist bisher zur Delta-Variante bekannt? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

1. Wie gefährlich ist die Delta-Variante?

Dass sich die erstmals in Indien entdeckte Delta-Variante besonders schnell ausbreitet, kann als sicher gelten. In Großbritannien lässt sie die Fallzahlen rapide steigen. Nachdem die Sieben-Tage-Inzidenz lange Zeit nur knapp über 20 lag, ist sie derzeit wieder bei rund 46 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Das britische Gesundheitsministerium geht davon aus, dass sie etwa 40 Prozent ansteckender ist als die Alpha-Variante B.1.1.7, die in Deutschland derzeit dominiert.

Eine Studie legt nahe, dass die Impfstoffe gegen die Variante weniger wirksam sind, besonders nach nur einer Dosis. Während vollständig geimpfte Personen nach zwei Dosen noch immer gut vor einer Infektion geschützt sind, ist das bei den einfach geimpften Personen anders.

Eine Dosis Impfstoff reduziert das Risiko einer Ansteckung mit Variante Alpha um die Hälfte. Bei der Variante Delta ist es nur noch ein Drittel. Untersucht wurden die Impfstoffe von Astra-Zeneca und von Biontech/Pfizer. Der Schutz vor schweren Verläufen ist deutlich höher.

Ob die Variante auch eine schwerere Krankheit hervorruft, dazu äußern sich die Experten bisher nur vorsichtig. Analysen aus England und Schottland zeigten ein steigendes Risiko von Krankenhauseinweisungen, heißt es im aktuellen Bericht der europäischen Seuchenschutzbehörde ECDC. Wie stark sich die Risiken unterscheiden und wie sehr sie mit dem Impfstatus verbunden sind, sei aber noch nicht klar.

2. Wie stark verbreitet sich die Mutation in Deutschland?

In Deutschland ist die Delta-Variante noch relativ selten. Ihr Anteil an den untersuchten Proben betrug laut Robert Koch-Institut (RKI) Ende Mai 2,5 Prozent. Dennoch geben Experten keine Entwarnung, im Gegenteil. „Momentan scheint noch der kombinierte Effekt der Kontakteinschränkungen und Impfungen die Verbreitung des Virus zu beschränken“, sagte der Epidemiologe Rafael Mikolajczyk von der Uniklinik Halle dem Handelsblatt. Da die Impfstoffe weniger wirksam seien, reiche die Impfung allein nicht mehr für die Eindämmung der Pandemie aus. Insbesondere bei weiteren Lockerungen sei eine weitere Welle möglich.

„Impfungen bleiben unser stärkstes Mittel gegen die Varianten“, sagte Gesundheitskommissarin Kyriakides. „Wir müssen sicherstellen, dass so viele Bürger wie möglich vollständig geimpft sind.“ Bislang sind etwas mehr als 20 Prozent der Menschen in Deutschland vollständig geimpft.

Der Virologe Christian Drosten sagte am Dienstag im NDR-Podcast, dass Delta oder ähnliche Varianten „sicherlich bis zum Herbst hier auch das Feld dominieren“. Es gelte, bis dahin eine möglichst hohe Impfquote bei Erwachsenen zu erreichen. „Dann werden wir keine großen Probleme haben.“ Offen sei allerdings, ob sich das mutierte Virus unter Kindern leichter verbreitet. In England würden Ausbrüche in Schulen durch Delta beobachtet. Bisher gibt es keine zugelassenen Impfstoffe für Kinder unter zwölf Jahren.

Auch deshalb fordert Gesundheitskommissarin Kyriakides, die Ausbreitung der Variante europaweit stärker zu kontrollieren: „Wir müssen EU-weit mindestens zehn Prozent der positiven Proben sequenzieren“, sagte sie. „Wir können es uns nicht leisten, blind für die Varianten zu sein. Die EU unterstützt die Sequenzierungen mit 100 Millionen Euro.“ Deutschland erfüllt die Vorgabe. Hier wurden zuletzt zwölf Prozent der positiven Proben sequenziert, also so genau untersucht, dass die Varianten unterscheidbar sind.

3. Was bedeutet Delta für Lockerung der Beschränkungen?

Die EU-Seuchenschutzbehörde ECDC warnt vor einem zu schnellen Aufheben von Beschränkungen: „Modellrechnungen legen nahe, dass ein signifikanter Anstieg an Covid-19-Fällen in der EU möglich bleibt, wenn nicht-pharmazeutische Interventionen schnell aufgehoben werden oder sich die Impfkampagne verzögert“, heißt es im neuen Bericht der ECDC.

Wie schnell die einzelnen Staaten ihre Coronamaßnahmen lockern, ist aber eine politische Entscheidung, die in Deutschland vor allem von den Bundesländern getroffen wird. Solange die Zahlen in Deutschland auf niedrigem Niveau bleiben, sind neue Lockdown-Maßnahmen nicht zu erwarten.

„Es gibt keinen Grund zu Panik in Deutschland“, sagt der Gesundheitspolitiker Peter Liese (CDU). „Selbst wenn die Inzidenzen wieder steigen sollten, wird unser Gesundheitssystem nicht überlastet werden. Einen neuen Lockdown erwarte ich nicht.“ Und er rät dazu, sich so viel wie möglich draußen aufzuhalten: „Das funktioniert bei jeder Variante.“

Auch Kyriakides zeichnet ein insgesamt positives Lagebild: „Wir sehen nun die positiven Effekte der Massenimpfungen in der EU: Die Zahlen sinken stetig seit zwei Monaten. Mehr als 50 Prozent der Erwachsenen haben ihre erste Dosis erhalten, 30 Prozent sind vollständig geimpft. Das sind Gründe für Optimismus, wenn auch nicht für Selbstzufriedenheit.“

4. Wie gefährlich sind Urlaubsreisen?

Trotz der Impffortschritte warnt ECDC-Epidemiologie Pasi Penttinen: „Es gibt Grund, darüber nachzudenken, ob Reisen in diesem Sommer wirklich notwendig sind. Und wenn Sie reisen, unternehmen Sie Ihre Reise so sicher wie möglich.“

Deutsche, die in Großbritannien Urlaub machen wollen, können das nur, wenn sie sich nachher in Quarantäne begeben. Denn Deutschland hat Großbritannien als Virusvariantengebiet eingestuft – selbst vollständig geimpfte Reiserückkehrer müssen 14 Tage in Quarantäne. Andere Länder wie Portugal hießen britische Urlauber willkommen und hoffen auch weiter auf Touristen aus Deutschland. Auf diese Weise könnte die Sommersaison dazu beitragen, dass sich die Delta-Variante auf dem Kontinent verbreitet.

Der Leipziger Epidemiologe Markus Scholz rät zu Tests bei Reiserückkehrern. Dass sich die Entwicklung damit stoppen ließe, glaubt er aber nicht: „Dauerhaft kann man neue Varianten aufgrund der zentralen Lage Deutschlands nicht heraushalten.“

Auch Ulf Dittmer, Direktor für Virologie an der Uniklinik Essen, sieht im Tourismus eine Gefahr: „Vor allem wenn sich ungeimpfte Menschen aus vielen Ländern an einem Urlaubsort wie Spanien treffen, kann sich das Virus bei der Rückreise in viele Länder verteilen“, sagte er.

Allerdings ist die Bedeutung des Tourismus umstritten. „Da die Virusvariante viele Länder in Europa bereits erreicht hat, wird die Verbreitung innerhalb der Länder die entscheidende Rolle spielen, nicht die Einschleppung durch Touristen“, erläutert der Epidemiologe Mikolajczyk.

5. Könnte der Sommerurlaub noch untersagt werden?

Das ist unwahrscheinlich, aber womöglich drohen Beschränkungen. Die Botschafter der EU-Staaten wollen am Freitag neue Reiseempfehlungen aushandeln, die dann am 15. Juni beschlossen werden könnten, wie das Handelsblatt aus EU-Kreisen erfuhr. Dabei sollen Mutationen stärker berücksichtigt werden. Die Reiseempfehlungen richten sich nach Daten zum Infektionsgeschehen, die die EU in einer Karte zusammenfasst, in der europäische Länder und Regionen in ein Farbschema eingeordnet werden – von Grün bis Warnstufe Dunkelrot. Die meisten EU-Staaten orientieren sich bei ihren Reisebeschränkungen grob an diesen Warnstufen. Für Reisende aus dunkelroten Zonen wird dringend eine Quarantänepflicht angeraten.

Die bisher gültigen Reiseempfehlungen stammen aus dem vergangenen Jahr. Jetzt soll die Regelung angepasst werden, etwa um die steigende Zahl vollständig Geimpfter zu berücksichtigen – aber auch die Gefahr durch Virusvarianten. So sollen die Mitgliedstaaten auch für innereuropäische Mutantengebiete Quarantänevorschriften erlassen können – unabhängig von den Infektionsraten.

Sollte ein Land über die Empfehlungen hinausgehen wollen, muss es das gut begründen. Denn vom 1. Juli an gilt das europäische Covid-19-Zertifikat. Wer damit einen negativen Test nachweist, darf nicht ohne Weiteres in Quarantäne geschickt werden. Solche Maßnahmen müssten die Mitgliedstaaten der EU-Kommission vorher ankündigen, begründen und zeitlich befristen.

6. Was hilft gegen die Ausbreitung von Mutanten?

Solange sich das Virus weltweit ausbreitet, können auch immer wieder neue Varianten entstehen. Schlimmstenfalls können sie die Impfungen weniger wirksam machen. Darum haben die westlichen Länder auch ein eigenes Interesse daran, die Ausbreitung im ärmeren Teil der Welt aufzuhalten. Die USA, die bisher kaum Impfstoff exportiert haben, wollen 500 Millionen Dosen des Wirkstoffs von Biontech/Pfizer an ärmere Länder spenden.

Die EU hat zugesagt, bis Ende 2021 mindestens 100 Millionen Impfdosen an Schwellen- und Entwicklungsländer zu spenden. 30 Millionen Dosen davon stellt Deutschland zur Verfügung. Zudem will die EU Afrika bei der Herstellung von Vakzinen helfen und ist mit Südafrika, Senegal, Ägypten, Marokko und Ruanda im Gespräch. Die Pharmakonzerne Pfizer/Biontech, Moderna und Johnson & Johnson haben versprochen, bis Jahresende insgesamt 1,3 Milliarden Impfstoffdosen für ärmere Länder zur Verfügung zu stellen.

Ob das reicht, ist fraglich. Daher werden weiter Forderungen nach einer Freigabe von Impfstoffpatenten laut. Unterstützung gibt es dafür aus Washington, Widerstand von der EU.

Mehr: Biontech, Moderna, Astra-Zeneca, Johnson & Johnson - Die vier zugelassenen Impfstoffe im Vergleich

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