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Schockbilder, Solidarität – und Trump lässt irres Informationskonfetti regnen

watson.ch-Logo watson.ch 12.04.2020 Simone Meier
In Krisenzeiten ist er besonders illuminiert: Trump, am 3. April, auf dem Weg zu einer Pressekonferenz. © AP In Krisenzeiten ist er besonders illuminiert: Trump, am 3. April, auf dem Weg zu einer Pressekonferenz. Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft in Tübingen. Er erklärt uns Trumps spektakuläre Krisenrhetorik, gegensätzliche Expertenmonopole, die Tragödie der Medien und wieso die Romantisierung der Entschleunigung verlogen ist.

Herr Pörksen, wo erreiche ich Sie und wie geht es Ihnen?

Mir geht es gut. Ich sitze hier in der Idylle von Tübingen auf einem Hügel, wobei man wissen muss: In Tübingen sitzt man eigentlich immer auf einem Hügel. Aber auch hier, in dieser kleinen heilen Welt kann ich mich dem Bann des Corona-Geschehens nicht entziehen – und mir wird klar: Noch nie in der Mediengeschichte hat sich ein globales Publikum derart intensiv und über Wochen hinweg um ein einzelnes Thema gruppiert.

Was haben Sie durch Corona gelernt?

Ich würde sagen, diese Krise hat mich – wie wahrscheinlich viele andere Menschen auch – in eine Atmosphäre der totalen Gleichzeitigkeit hineingestürzt. Es gab Phasen der Angst, geprägt durch den Panik-Modus der Liveticker. Begeisterung über die Zeichen berührender Solidarität und künstlerischer Kreativität im Netz. Entsetzen über die Horrorstory von jenem reichen Russen, der Beatmungsgeräte vom Markt wegkauft, um sie für sich und seine Familie zu horten. Es gab und gibt die Sehnsucht nach Abstand und Ignoranz.

Abstand – nur von der Information oder auch von andern Menschen?

... nicht von anderen Menschen, von den Medien, dem Tropf der Newsticker. Für mich besteht das Stimmungsschicksal dieser Krisenerfahrung in der Gleichzeitigkeit des Verschiedenen, das einen erreicht, verstört, berührt, irritiert und inspiriert. Wir sind unter vernetzten Bedingungen in eine Welt der grellen Kontraste hineinkatapultiert worden.

Sind denn die Kontraste wirklich so grell? Ist das, was wir an Informationen aus allen Weltgegenden erfahren, wirklich so unvereinbar? Ist es nicht eher ein Gebet des Immergleichen? Zahlen. Infizierte. Tote. Geheilte. Masken. Beatmungsgeräte.

Das sehe ich anders. Natürlich, die Grundstimmung signalisiert Verunsicherung, Krankheit und Tod. Aber im Detail und im Zusammenspiel mit den digitalen Medien wirkt diese Krise doch als eine Art hoch wirksames Kontrastmittel. Sie macht den Schock der Unterschiedlichkeit auf der Weltbühne des Netzes in radikaler Unmittelbarkeit erfahrbar. 

Das müssen Sie jetzt erläutern.

Alles wird gleichzeitig sichtbar. Solidarität. Empathie. Pöbelei. Hass auf Asiaten. Die bizarre Verschwörungstheorie. Die verantwortungslose Verharmlosung. Das wunderbare Video eines Klavierkonzerts. Und alle verhalten sich auf unterschiedliche Weise und werden im Spiegel dieser Krise sichtbar.

Aber denken Sie nicht auch, dass die Leugner und Verschwörungstheoretiker im Lauf dieser Wochen etwas in den Hintergrund gerückt sind? Zugunsten einer zunehmenden und vernünftigen, schon fast harmonischen Einigkeit, wie man sich angesichts der Katastrophe zu verhalten habe?

Da bin ich mir nicht so sicher. Ich beobachte eher eine Zweiteilung von Öffentlichkeit. Es gibt etwas, was man die Harmonie des Erschreckens in den klassischen Medien nennen könnte. Und es gibt, etwa im Paralleluniversum von YouTube und in einzelnen Selbstbestätigungsmilieus, eine eigene Harmonie des Bagatellisierens, des Verharmlosens, frei nach dem Motto: alles nur Panikmache. Hier haben sich längst eigene Deutungsmonopole herausgebildet.

Die gibt es in den klassischen Medien auch.

In den klassischen Medien gab und gibt es vor allem das Expertenmonopol der Virologen, die meiner Ansicht nach zu lange und mit zu grosser Ausschliesslichkeit nicht wirklich korrigiert durch den politischen Journalismus die Debatte bestimmten. Im Kuriositätenkabinett von YouTube haben wir Deutungsmonopole von Pseudo-Experten, die zu ungeahnter Prominenz gelangen, weil sie die Skrupellosigkeit besitzen, selbst die Bilder von Leichenwagen aus Bergamo – visuelle Ikonen des jetzigen Schreckens – als Fake News zu etikettieren.

Sie haben neulich in der «Zeit» einen Text über Angela Merkel geschrieben, die Sie für eine grossartige Krisenkommunikatorin halten. Ist Ihnen als Deutscher Angela Merkel im Moment näher als vorher?

Ich muss sagen, dass ich ihre systematische Diskursverweigerung eigentlich ausserordentlich kritisch sehe, weil sie im Grunde genommen all die grossen Reden, die sie in ihrer Amtszeit hätte halten können, nicht gehalten hat. Es gab keine erklärende Rede, die die Entscheidung begründet hätte, nach Fukushima aus der Atomenergie auszusteigen. Es gab keine Rede zum Disput über die Ehe für alle; hier hat sie die Diskussion befördert, aber dann gegen den Gesetzentwurf gestimmt. Es gab keine Rede zur Flüchtlingskrise, sondern eigentlich nur eine Überschrift, leider ohne den nachfolgenden Text: «Wir schaffen das.» Aber wer ist «wir», was heisst «schaffen» und was ist «das»?

Jetzt hat sie geredet.

In der aktuellen Krise hat sie zu Beginn eine aus meiner Sicht ausserordentlich kluge, vor allem an die Mündigkeit des Einzelnen appellierende Rede gehalten. Hier wurde das Credo einer Demokratin und einstigen DDR-Bürgerin offenbar, der es ungeheuer schwer fällt, sich Kontaktsperren und weitere mögliche Massnahmen überhaupt nur vorzustellen. Und: In dieser ersten Phase haben auch der Journalismus und die Krisenkommunikation gut und situationsgerecht funktioniert. 

Und danach?

In einer zweiten Phase hiess es von Seiten der Bundesregierung «Bloss keine Exit-Debatte». Und das bedeutete auch: keine Diskussion über Zukunftsperspektiven, Szenarien und die langfristige Strategie. Das halte ich für einen schweren Fehler. Überdies hat der politische Journalismus dieses Diskurs-Tabu viel zu lange akzeptiert, vielleicht aus einem falsch verstandenen staatsbürgerlichen Verantwortungsbewusstsein heraus. Aber die jetzige Krise ist so sehr auf Dauer angelegt und wird in der Bewältigung so lange brauchen, dass man einfach in der Breite debattieren muss, schon um die breite Akzeptanz der Massnahmen zu sichern. Und in dieser Hinsicht halte ich die jetzige Krisenkommunikation und den politischen Journalismus für kritikwürdig. Der Journalismus hat zu lange gezögert, kritisch nachzufragen und den Blick zu weiten – weg von einer rein virologischen Perspektive. Und hin zu einer gesellschaftlichen, ökonomischen und psychologischen Analyse der Massnahmen.

18. März 2020: Angela Merkel bittet die Deutschen, zuhause zu bleiben. © EPA 18. März 2020: Angela Merkel bittet die Deutschen, zuhause zu bleiben.

Lange hatte man die absolute Unterwerfung der Politik unter die Naturwissenschaften. Ein ganz neues Setting, wie es eigentlich auch schon in der Klimakrise denkbar gewesen wäre. Aber da ist nichts passiert.

Am Beispiel von Corona versteht man, welcher Typ von Krise eine besonders verändernde Kraft besitzt. Und die Corona-Gefahr erschüttert deshalb so sehr, weil sie wie eine Zusammenballung mobilisierender Krisenfaktoren wirkt. Sie ist global und nicht lokal wie 9/11. Sie ist konkret und nicht abstrakt wie die Finanzkrise 2008. Es gibt – im Unterschied zur Klimakrise – aufwühlende Schockbilder, eine eigene Ikonographie des Schreckens. Jeder ist potentiell betroffen, anders als etwa die Flüchtlingskrise 2015, die eine Krise der Anderen oder «Fremden» war. Und das Virus ist demokratisch, nicht hierarchisch. Es zwingt auch Angela Merkel und Boris Johnson in Quarantäne oder aufs Krankenlager. Das heisst: Diese Krise ist kein Distanzereignis mehr, sondern unmittelbar in die eigene Lebenswelt hineingerückt.

Darf ich noch einmal auf Frau Merkel zurückkommen?

Ja, gern!

Selbst Jan Böhermann hat getwittert, dass es «geil» sei, jetzt eine trockene, rationale Persönlichkeit wie Merkel an der Spitze zu haben. Und die Amerikaner sähen lieber die Queen im Weissen Haus statt Trump. Zwei ältere Damen also, die viel gesehen haben und gut darin sind, jetzt klare und zugleich mütterliche Durchhalteparolen rauszugeben. Betreiben Frauen gerade das bessere Krisenmanagement?

Ich glaube nicht, dass es da um die Unterscheidung von Mann und Frau geht. Es ist eher eine gewisse Unerschütterlichkeit und Ruhe, die Aura von Besonnenheit und umsichtiger Analyse, die jetzt Angela Merkel zu neuen Popularitätswerten verhilft. Allerdings muss man konstatieren, dass auch ein Donald Trump mit seiner Strategie aus Lügen, Propaganda, Verwirrung und Nonsens-News erstaunliche Zustimmungswerte behält.

Die Strategie also, die er immer schon hatte. Jetzt einfach in einer «extended version».

Wenn wir den Typus Trump und den Typus Merkel vergleichen, dann ist der Umgang mit dieser Krise auch eine Abstimmung im globalen Massstab, und zwar über das Prinzip der Realität. Gelingt es Trump, mit der Strategie der Leugnung, der Verwirrung, der polternden Schuldzuweisung durchzukommen? Behält er seine Popularitätswerte? Oder wenden sich Menschen entsetzt von ihm ab und eben doch dem Typus eines Politikers zu, der sich tatsächlich einzuarbeiten vermag, der konzentriert eine Strategie entwickelt, der mit Umsicht agiert, der die Wirklichkeit dieser Krise ernst nimmt und begreift? 

9. April 2020: Donald Trump versucht bei einer seiner täglichen Pressekonferenzen, die Medien in die totale Konfusion zu führen. © AP 9. April 2020: Donald Trump versucht bei einer seiner täglichen Pressekonferenzen, die Medien in die totale Konfusion zu führen.

Lässt sich sagen, dass die einen der Realität realistisch begegnen, während die andern irgendeine Art von Metafiktion produzieren?

Ja. Trumps Strategie heisst: Desinformation durch Rauschen, censorship through noise. In hoher Schlagzahl Angriffe auf Twitter, Pöbeleien, absurde Vorhaltungen, Verschwörungstheorien, dann wieder personalisierte Schuldzuweisungen – dies alles nicht, um sich mit einem einzelnen Thema oder einer speziellen Idee durchzusetzen, sondern um eine Atmosphäre des totalen Relativismus zu erzeugen und die eigene Macht zu demonstrieren. Trump sagt permanent metakommunikativ: «Ich kann mir alles erlauben! Das Realitätsprinzip gilt nicht!» Die Frage, vor der er jetzt steht ist, ob dieser Total-Relativismus unter den Bedingungen einer Pandemie weiterhin durchhaltbar ist. Und auch der kommende US-Wahlkampf erscheint, so gesehen, wie eine Abstimmung über das Prinzip der Realität.

Er geht so weit, Dinge zu leugnen, die er selbst vor zwei Wochen noch gesagt hat. Er leugnet also selbst sich selbst. Das ist schon eine Leistung.

Er feuert immer neue Nonsens-News ab und produziert ein wild umher flirrendes, maximal spektakuläres Informations- und Desinformationskonfetti. Das ist nicht einfach nur dumm. Weil man auf diese Weise auch das Erinnerungsvermögen der Menschen defokussiert. Und man gar nicht mehr danach fragt, ob Trump vor zwei Wochen zusammen mit seinen Freunden von Fox News womöglich genau das Gegenteil dessen gesagt hat, was er heute mit grosser Geste erklärt.

In Ihrem neuen Buch «Die Kunst des Miteinander-Redens» beschreiben Sie und ihr Mitstreiter Friedemann Schulz von Thun sehr schön den Horror, der aus zu viel Information entsteht, nämlich eine Überreizung, die unter anderem eine radikale Sehnsucht nach Rückzug, nach Entspannung, nach Safe Spaces zur Folge hat. Kommt Corona dem nicht ein wenig entgegen? Schliesslich werden wir gerade zu einem Leben in ganz realen, privaten Safe Spaces gezwungen, oder nicht?

Das sehe ich anders. Wir erfahren doch gerade, dass es gar keinen Safe Space mehr gibt. Keine Idylle des Rückzugs. Keine Möglichkeit, sich noch irgendwie im eigenen Behaglichkeitskosmos zu verschanzen. Ich würde sagen: Öffentliche und private Sphäre fliessen momentan ineinander. Der Makrokosmos der äusseren Welt konfektioniert den Mikrokosmos des Privaten. Öffentlich wird über Corona geredet und an jedem Abendbrot-Tisch in Zürich oder Tübingen wird auch über Corona gesprochen. Man sieht: Unter den Bedingungen der globalen Vernetzung gibt es keine Rückzugsorte mehr. Die Romantik der Entschleunigung, die jetzt von manchen empathiefreien Intellektuellen propagiert und gefeiert wird, halte ich daher für eine reine Luxusfantasie von Privilegierten. Sie ist praktisch illusionär und hat so überhaupt nichts mit der Realität derjenigen zu tun, die nicht wissen, ob sie nächsten Monat ihre Miete bezahlen können oder ob sie überhaupt noch einen Job haben, wenn das alles vorbei ist.

25. März 2020: Eine Leichenwagen-Karawane in Bergamo als entsetzlich reales Gesicht der Pandemie. © EPA 25. März 2020: Eine Leichenwagen-Karawane in Bergamo als entsetzlich reales Gesicht der Pandemie.

Was möchten Sie als Medienwissenschaftler den Medien mit auf den Weg geben? Was können sie besser machen?

Die Perspektive erweitern und die langfristige Strategie und den umfassenden Plan einfordern, der aus meiner Sicht nicht ohne ein feinkörniges, regionales und gruppenbezogenes Risikomanagement auskommen wird. Ich bin kein Gegner der jetzigen Lockdown-Politik, aber sie ist keine Strategie, sondern ein Versuch, Zeit zu gewinnen.

Und was machen sie gut?

Wir erleben gerade, wie ungeheuer wichtig, seriös recherchierte, professionell aufbereitete Information tatsächlich ist. Vor dreissig Jahren glaubten wir noch, dass uns immer mehr Information mündiger mache. Heute müssen wir anerkennen, dass immer mehr Information unklarer Herkunft die Chancen der Desinformation erhöht. Wir erleben aktuell den Wert von Journalismus. Aber die Lage ist paradox. Denn die Anzeigenmärkte brechen ein, in vielen Medienunternehmen gibt es Kurzarbeit, Entlassungen drohen. Man sieht, dass Krisen bereits laufende Entwicklungen verschärfen. Und das ist tragisch. Kurzum: Der seriöse Journalismus ist so wichtig und so gefährdet wie noch nie.

Lesetipp: Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun analysieren den kommunikativen Klimawandel und die Gefahren der Polarisierung. Ihr Buch «Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik» ist 2020 im Hanser Verlag erschienen und kostet ca. 25 Franken.

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