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Schweizer Tierheime kämpfen in der Corona-Krise ums Überleben

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 02.04.2020 Flavia von Gunten

Die meisten Tierheime haben ihren Betrieb zwar nicht eingestellt, operieren aber unter schwierigsten Bedingungen. Vor allem Personalengpässe und die Geldbeschaffung stellen sie vor grosse Probleme.

Die Vermittlung von Tieren ;– im Bild besitzerlose Hunde in einem Tierwaisenhaus – ist derzeit eine riesige Herausforderung. Gaëtan Bally / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die Vermittlung von Tieren ;– im Bild besitzerlose Hunde in einem Tierwaisenhaus – ist derzeit eine riesige Herausforderung. Gaëtan Bally / Keystone

Spontane Besuche im Tierheim Untersiggenthal sind neuerdings tabu. Wer Katzen, Hunde oder Kaninchen adoptieren will, muss wegen des neuartigen Coronavirus seit über einer Woche seinen Besuch per Telefon anmelden. Und könnte selbst dann vertröstet werden. «Wir haben die Tiervermittlung so stark wie möglich heruntergefahren», sagt Astrid Becker, Präsidentin des Aargauischen Tierschutzvereins, welcher das Tierheim Untersiggenthal betreibt.

Die meisten Tierheime in der Schweiz operieren nach dem gleichen Modell: Türen zu, Vermittlung per Telefon. Nur einzelne verzichten komplett auf die Platzierung von Haustieren. Etwa das Tierheim Oberbottigen des Berner Tierschutzes.

Personal erkrankt

Ganz einstellen will Becker vom Tierheim Untersiggenthal die Vermittlung nicht. Denn im Tierheim würden einige Katzen leben, die sich dort nicht wohl fühlten. Für diese sei es nötig, rasch einen neuen Platz zu finden, sagt Becker. Wie schwierig das im Moment ist, erlebte die Präsidentin des Aargauischen Tierschutzvereins vor ein paar Tagen. Nur eine Person sei vorbeigekommen, um eine Katze abzuholen. Normalerweise fänden pro Woche rund acht Katzen ein neues Zuhause.

Dabei sei die eigentliche Vermittlung trotz strengeren Hygienemassnahmen kein Problem, erklärt Becker am Telefon, während es im Hintergrund miaut. Wolle eine Besucherin ein Tier begutachten, müsse sie einfach mindestens zwei Meter Abstand zur Tierpflegerin wahren. Auch werde nur eine Besucherin aufs Mal ins Tierheim gelassen.

Eine grössere Herausforderung sei es, so Becker, trotz dezimiertem Personal alle Heimtiere zu pflegen und zu füttern. Zwölf Leute umfasst das Pflegeteam im Normalfall, einige von ihnen sind zurzeit jedoch krank und fallen aus. Ob sie Covid-19 haben, ist noch nicht bekannt.

Tierhalter sind verunsichert

Becker beobachtet, dass viele Leute unsicher sind, wie es sich mit der Ansteckungsgefahr zwischen Tier und Mensch verhält: «Es wird viel geredet, und da kursieren viele Informationen, die nicht stimmen.» Die Wahrscheinlichkeit, dass «Haustiere bei der Ansteckung eine Rolle spielen», sei «sehr gering», schreibt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen auf seiner Website. Zwar können sich Hunde und Katzen mit Coronaviren anstecken, diese unterscheiden sich aber von Sars-CoV-2 und bergen kein Risiko für den Menschen.

Auch umgekehrt besteht keine Gefahr. Es gebe keine Hinweise, dass Hunde und Katzen an Covid-19 erkrankten, schreibt die Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich auf einem Merkblatt für Tierhalterinnen und Tierhalter. Der Hund, der in Hongkong – wie sein Besitzer – positiv auf das Virus getestet wurde, zeigte keine Krankheitssymptome. Forscher nehmen an, dass das positive Testresultat zustande kam, weil Viren aus der kontaminierten Umgebung sich in seiner Nasen- und Maulschleimhaut festsetzten.

Diese Informationen gibt auch Becker vom Tierheim Untersiggenthal an besorgte Tierhalter weiter. Eine weitere Sorge von diesen sei, dass sie ihr Tier nicht mehr versorgen könnten, wenn sie erkrankten oder gar ins Spital eingeliefert würden. Ihnen versichert Becker, dass sich in einem solchen Fall die Tierheime um das Tier kümmerten. Denn obwohl im Moment nur wenige Hunde und Katzen das Heim verliessen, seien genügend Plätze vorhanden, um im Notfall neue Tiere aufzunehmen. «Zwischen Januar und März haben wir in der Regel nur wenige Eintritte. Danach ist es jeweils streng, weil dann sehr viele Katzenbabys abgegeben werden», sagt Becker. Sie hofft, dass sich die Corona-Krise bald abschwächt, damit ihr Personal diese strenge Phase bewältigen kann.

Spenden und Sponsorenbeiträge annulliert

Einen Personalengpass fürchtet auch Nathalie Genilloud, die Präsidentin des Freiburger Tierschutzvereins, welcher in Font ein Tierheim betreibt. Um die Ansteckungsgefahr im Team zu minimieren, setzt sie im Moment keine freiwilligen Helferinnen und Praktikanten ein. Zusätzlich sorgt sie sich um das wirtschaftliche Überleben ihres Betriebes. «Wir haben schon in normalen Zeiten Mühe, Geld zu beschaffen. Und jetzt sind viele versprochene Spenden und Sponsorenbeiträge annulliert oder aufgeschoben worden», so Genilloud.

Auch das Tierheim in Font platziert weiterhin Tiere. Genilloud stellt fest, dass die Anfragen für Adoptionen stark zugenommen haben, seit viele Berufstätige ihre Zeit in der Wohnung verbringen müssen und sich vermutlich vierbeinige Gesellschaft wünschen. Da müsse sie als Tierschützerin sehr wachsam sein: «Viele Personen haben gegenwärtig Zeit, sich um ein Tier zu kümmern. Wenn sie dann aber wieder im Büro arbeiten, haben sie vielleicht keine Kapazität mehr.» Genilloud betont darum, dass sich Menschen, die sich für eine Adoption interessierten, diesen Schritt insbesondere in der jetzigen Lage gründlich überlegen sollten.

Aktuelle Informationen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG)

Hotline: +41 58 463 00 00, täglich 24 Stunden

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