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Sorge vor Ausbreitung des Coronavirus in der grössten Stadt Europas

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 07.04.2020 Volker Pabst, Istanbul

In der Türkei streiten Regierung und Opposition über den richtigen Umgang mit dem Coronavirus. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Millionenmetropole Istanbul.

Seit diesem Wochenende ist in der Türkei an stark frequentierten Orten wie diesem Obstmarkt im Istanbuler Stadtteil Besiktas ;das Tragen von Schutzmasken obligatorisch. Chris Mcgrath / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Seit diesem Wochenende ist in der Türkei an stark frequentierten Orten wie diesem Obstmarkt im Istanbuler Stadtteil Besiktas ;das Tragen von Schutzmasken obligatorisch. Chris Mcgrath / Getty

Seitdem die Türkei am 11. März als letzter grosser Staat Europas ihren ersten Covid-19-Fall gemeldet hat, steigen die Fallzahlen rasant an. Am Wochenende überholte das Land die – allerdings zehnmal kleinere –Schweiz und liegt nun mit mehr als 30 000 Ansteckungen und 649 Todesfällen unter den am härtesten vom Coronavirus betroffenen Ländern an neunter Stelle weltweit. Noch macht die Kurve keinerlei Anstalten abzuflachen. 3148 neue Fälle wurden am Montag gemeldet. Auch davor waren die Fallzahlen täglich um 10 bis 15 Prozent gestiegen.

2 von 3 Fällen in Istanbul

Seit vergangener Woche ist auch bekannt, wo das türkische Epizentrum der Pandemie liegt: am Bosporus. Die Behörden hatten lange keine geografisch aufgeschlüsselten Statistiken veröffentlicht, wohl vor allem, um Fluchtbewegungen innerhalb des Landes zu verhindern. Am Mittwoch erklärte Gesundheitsminister Fahrettin Koca jedoch, dass Istanbul mehr als 60 Prozent der türkischen Covid-19-Fälle verzeichne; es folgen Izmir und Ankara.

Damit sind die wichtigsten ökonomischen Zentren des Landes besonders stark vom Ausbruch betroffen. Istanbul allein erwirtschaftet mehr als 30 Prozent des türkischen Bruttoinlandprodukts. Zudem werden die drei grössten Städte des Landes allesamt von der grössten Oppositionspartei CHP regiert. Beides hat Auswirkungen auf den Kampf gegen das Virus im Land.

Fokus auf nicht erwerbstätigen Personen

Die türkische Regierung hat relativ früh entschlossene Massnahmen zur Eindämmung ergriffen. Bereits zwei Tage nach dem ersten offiziell bestätigten Fall wurden alle Schulen geschlossen. Die Türkei war das erste Land, das eine Ausgangssperre für Senioren ab 65 verhängte. Seit diesem Wochenende dürfen auch Personen unter 20 Jahren nicht mehr auf die Strasse treten. Eine Ausnahme gilt lediglich für die 18- bis 20-Jährigen, die einer Arbeit nachgehen.

An stark frequentierten Orten wie Märkten gilt mittlerweile eine Maskenpflicht. Personenverkehr zwischen den Provinzen des Landes ist nur noch im Ausnahmefall erlaubt. Es ist kein Zufall, dass die stärksten Einschränkungen für Personen gelten, die nicht im erwerbstätigen Alter sind. Die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan will die wirtschaftlichen Verwerfungen möglichst gering halten.

Das Land spürt die Folgen der schweren Währungskrise vom Sommer 2018 noch immer. Bereits vor der Pandemie verzeichnete die Arbeitslosigkeit Höchststände. Und nun drohen für das Tourismusjahr 2020 dramatische Einbrüche. Auch die Währung ist auf Talfahrt und befindet sich mit 6 Lira 76 pro Dollar fast auf dem Niveau von August 2018. Die wirtschaftlichen Probleme waren einer der Hauptgründe für den Erfolg der Opposition bei den Lokalwahlen vor einem Jahr.

Ruf nach Ausgangssperre

Führende Ärzte – aber auch die Opposition um ihren Hoffnungsträger, den Istanbuler Oberbürgermeister Ekrem Imamoglu – meinen warnend, dass zumindest in der 16-Millionen-Metropole am Bosporus eine allgemeine Ausgangssperre nötig wäre, damit die Situation nicht ausser Kontrolle gerate. Ohne Ankaras Zustimmung kann Imamoglu allerdings eine solche Massnahme nicht verhängen.

Istanbuls Oberbürgermeister Ekrem Imamoglu ;bei einer Verteilaktion von Lebensmitteln für Bedürftige. Der Oppositionspolitiker liegt mit der Regierung im Streit über den richtigen Umgang mit der Pandemie. Onur Gunal / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Istanbuls Oberbürgermeister Ekrem Imamoglu ;bei einer Verteilaktion von Lebensmitteln für Bedürftige. Der Oppositionspolitiker liegt mit der Regierung im Streit über den richtigen Umgang mit der Pandemie. Onur Gunal / Reuters

Obwohl städtische Tummelplätze wie der Taksim-Platz oder die Einkaufsstrasse Istiklal dieser Tage weitgehend ausgestorben wirken, ist das öffentliche Leben in Istanbul keineswegs zum Erliegen gekommen. Imamoglu sagte am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters, dass täglich weiterhin 2 Millionen Menschen in seiner Stadt unterwegs seien, viele von ihnen mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Diese Kritik steht vor dem Hintergrund eines weitverbreiteten Misstrauens gegenüber den offiziellen Angaben. Dass die Türkei als wichtiges internationales Drehkreuz und Nachbarland Irans fast bis Mitte März Corona-frei geblieben sein soll, bezweifelten schon damals viele Türken. Entsprechend kursieren Spekulationen über weit höhere Fallzahlen. Ankara reagiert darauf jeweils sehr gereizt.

Doch auch in der Regierung scheint es Meinungsverschiedenheiten über den richtigen Kurs zu geben. Gesundheitsminister Koca sagte vergangene Woche, gegenüber dem weltweiten Durchschnitt von 2,6 stecke ein Kranker im äusserst dicht besiedelten Istanbul 16 weitere Personen an. Obwohl die Aussage von Ärzten relativiert wurde, kann dies als Aufforderung zu drastischeren Massnahmen verstanden werden. Präsident Erdogan will davon aber nichts wissen.

Der Staat als Spendensammler

Allerdings würde eine allgemeine Ausgangssperre neue Probleme schaffen, vor allem sozialer Natur. Die Regierung hat gewisse Entlastungsmassnahmen für bedrängte Unternehmen ergriffen, Unterstützung für die einzelnen Bürger gibt es aber kaum. Ganz durchs Raster fallen die ohnehin unterprivilegierten Bevölkerungsschichten, die im grossen informellen Sektor beschäftigt sind.

Vergangene Woche lancierte Erdogan eine Spendenkampagne für die Ärmsten, bei der Unternehmer und Bürger aufgerufen wurden, auf Bankkonten der Regierung zu spenden. Die ungewöhnliche Aktion warf Fragen über den Zustand der türkischen Staatsfinanzen auf. Neben Kritik an den hohen Kosten für die Präsidialverwaltung und teuren Infrastrukturprojekten geraten dabei erneut auch die syrischen Flüchtlinge in der Türkei zwischen die Fronten. Wie im Vorfeld der Lokalwahlen kritisieren Teile der Opposition die Ausgaben des Staates für die 3,6 Millionen Syrer im Land, wenn doch viele Türken Not litten.

Auch auf lokaler Ebene gab es Spendenaufrufe. Die oppositionellen Bürgermeister von Istanbul und Ankara, die seit ihrem Amtsantritt mit der Landesregierung um Budgetmittel streiten, hatten sich noch vor Erdogan mit Solidaritätsappellen an die Bewohner ihrer Städte gewandt. Nach Erdogans Aufruf erklärte Innenminister Süleyman Soylu jedoch die lokalen Initiativen für illegal und liess die Bankkonten sperren. Wenn der Staat als Wohltäter auftritt, soll das Licht nur auf eine Partei fallen.

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