Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

«Wir werden das ein Leben lang mit uns herumtragen»: In Bergamo ist man es gewohnt, über Sorgen nicht zu sprechen – nicht einmal über das Trauma der Corona-Epidemie

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 25.09.2020 Andrea Spalinger, Bergamo

In der Psyche vieler Menschen in der norditalienischen Stadt hat dieses Frühjahr tiefe Spuren hinterlassen. Doch sie gehen sehr unterschiedlich mit dem Erlebten um.

Cristina Longhini, deren Vater an Covid-19 verstorben ist, auf dem grossen Friedhof von Bergamo. Andrea Wyner für NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Cristina Longhini, deren Vater an Covid-19 verstorben ist, auf dem grossen Friedhof von Bergamo. Andrea Wyner für NZZ

Sergio Solivani ist 21 Jahre alt und studiert Philosophie an der Universität in Bergamo. Nebenbei arbeitet er als Freiwilliger für das Italienische Rote Kreuz. In normalen Zeiten fahren er und seine Kollegen, begleitet von einem Arzt, Notfallpatienten ins Spital. Während der Corona-Krise war der junge Sanitäter jedoch völlig auf sich gestellt und musste plötzlich über Leben und Tod entscheiden.

«Die meisten Infizierten konnte ich nicht mitnehmen, weil mir die Zentrale keinen Platz in einem Spital zuweisen konnte. Ich musste hilflos zusehen, wie Patienten starben, und mich um verzweifelte Angehörige kümmern, was mich völlig überforderte», erzählt der schmächtige junge Mann im Büro des Roten Kreuzes in Alzano Lombardo, nördlich von Bergamo. Selbst für diejenigen, die er mitnehmen konnte, bedeutete dies oft keine Rettung. Alle Spitäler in der Provinz waren heillos überfüllt. Kranke starben nach stundenlangem Warten in seinem Ambulanzfahrzeug oder auf den Fluren der Spitäler.

«Es war niederschmetternd! Ich war fünfzehn Stunden täglich im Einsatz. Abends kam ich völlig erschöpft nach Hause und konnte doch nicht schlafen. Ich fragte mich ständig, ob ich mehr hätte tun können.»

Der freiwillige Sanitäter ;Sergio Solivani in einem der Krankenwagen des Roten Kreuzes. Andrea Wyner für NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Der freiwillige Sanitäter ;Sergio Solivani in einem der Krankenwagen des Roten Kreuzes. Andrea Wyner für NZZ

Eine mahnende Psychologin

Die Provinz Bergamo gehört zu den vom Coronavirus am schwersten betroffenen Gegenden Italiens. Laut Schätzungen sind hier allein im März 4500 Personen an Covid-19 verstorben, insgesamt dürften es deutlich über 6000 gewesen sein. Mittlerweile hat man das Virus mit radikalen Massnahmen in den Griff bekommen. Während in anderen italienischen Regionen zum Ende der Sommerferien die Infektions- und Todeszahlen wieder leicht gestiegen sind, werden in Bergamo kaum mehr Todesopfer verzeichnet, und die täglichen Neuinfektionen sind weiterhin niedrig. In der Psyche der Bergamasker hat die Pandemie jedoch tiefe Wunden hinterlassen, die nicht so schnell verheilen dürften.

Fast jeder hier hat Angehörige verloren – unter Umständen, die er sich in den schlimmsten Albträumen nicht hätte ausmalen können. Die Zahl derer, die unter Panikattacken, Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten und anderen psychischen Problemen leiden, ist bereits deutlich angestiegen. In den kommenden Monaten dürften auch die Fälle klassischer posttraumatischer Störungen stark zunehmen.

«Keiner von uns hat so etwas je erlebt», sagt Chiara Bignamini, Psychotherapeutin am Ospedale Papa Giovanni XXIII, dem grössten staatlichen Spital in Bergamo. «Innert weniger Tage wurden wir von einer Welle schwerkranker Patienten überschwemmt. Es war wie im Krieg. Zudem wussten wir anfangs kaum etwas über das Virus. Auch viele von uns wurden krank, und wir hatten grosse Angst, unsere Liebsten zu Hause anzustecken.»

Das Risiko einer Traumatisierung sei hoch, wenn Menschen über längere Zeit grossem Stress ausgesetzt seien und das Gefühl von Machtlosigkeit hinzukomme, erklärt die Expertin in ihrem Büro, in das nach vielen Monaten wieder eine gewisse Normalität eingekehrt ist. «Wir stehen vor einer enormen Aufgabe. Es könnte Jahre dauern, bis wir das überwunden haben.» Bignamini und ihr Team haben während der Krise Einzelgespräche und Gruppentherapien für Spitalmitarbeiter angeboten, doch nur ein kleiner Teil von diesen hat davon Gebrauch gemacht.

Die Stadt Bergamo war eine der am schwersten von der Pandemie betroffenen Städte Italiens. Andrea Wyner für NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die Stadt Bergamo war eine der am schwersten von der Pandemie betroffenen Städte Italiens. Andrea Wyner für NZZ

Ein erschöpfter Bestattungsunternehmer

Die meisten Gesprächspartner, die wir in diesen Sommertagen in Bergamo treffen, wollen keine psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Man redet nicht gerne über Angst, Schmerz und Wut. «Wir Bergamasker fressen alles in uns hinein», erklärt Nicolas Facheris, ein junger Bestattungsunternehmer aus einer kleinen Gemeinde westlich von Bergamo. «Alle hier waren krank oder haben Familienmitglieder verloren. Doch wir reden nicht darüber. Das ist unsere Kultur. Wenn wir hinfallen, stehen wir auf und machen weiter. Wir schauen nicht, ob wir uns weh getan haben.»

Der 29-Jährige hat im März so viele Menschen beerdigt wie sonst in zwei Jahren. Der Abschied von den Toten ist in dieser Gegend sonst eine wichtige Sache, doch während der Pandemie konnten sich die meisten nicht mehr von ihren Liebsten verabschieden. Facheris und seine Mitarbeiter nahmen die Leichen im Spital meist allein in Empfang und brachten sie zum Friedhof oder ins Krematorium. «Ich war völlig überarbeitet und schlief kaum noch. Das Schlimmste waren die bangen Fragen der Angehörigen. Bis heute kommen Leute auf mich zu, um über ihren Ehepartner oder ihre Mutter zu sprechen, die ich beerdigt habe.»

«In den ersten zwei Monaten hatte ich keine Zeit zum Nachdenken. Erst im Mai, als sich die Lage etwas entspannt hat, ist alles über mich hereingebrochen», erzählt der Jungunternehmer. «Wenn ich nun einen Krankenwagen höre, bekomme ich Panik. Ich werde dies wohl mein Leben lang mit mir herumtragen.»

Ein rastloser Pfarrer

Auch der Pfarrer Mario Carminati hat die Monate der Pandemie in einer Art Schockzustand verbracht. «Wenn Sie mich fragten, welches Wetter zwischen Februar und Juni gewesen sei, könnte ich Ihnen nicht antworten», sagt der 75-Jährige. Don Marios Gemeinde Seriate liegt östlich von Bergamo und hat während der Pandemie über 200 Mitglieder verloren. Hinzu kamen 270 Verstorbene aus umliegenden Orten. Da Friedhöfe und Krematorien in der ganzen Lombardei völlig überlastet waren, öffnete der Pfarrer eine seiner Kirchen für Corona-Opfer aus der Nachbarschaft. Die Bilder der dort aufgereihten Särge, die alle paar Tage von Armeelastwagen abgeholt wurden, gingen um die Welt.

«Auf dem Höhepunkt der Pandemie habe ich rund um die Uhr Verstorbene gesegnet und beerdigt», erzählt der umtriebige Seelsorger im Arbeitszimmer seines Kirchgemeindehauses. Hinzu kamen persönliche Sorgen. Ein Priester aus Don Marios Gemeinde starb an Covid-19. Ebenso sein 36-jähriger Neffe.

«Das war eine harte Probe. Ich gehöre einer privilegierten Generation an. Wir haben keinen Krieg und keine grösseren Katastrophen erlebt und dachten, wir hätten alles unter Kontrolle. Und dann wirft uns ein unsichtbares kleines Virus zu Boden. Natürlich stellt sich da für viele auch die Frage, wieso Gott so etwas zulässt.»

Wie der junge Bestatter hat auch der betagte Seelsorger in den letzten Monaten ununterbrochen Mitmenschen trösten und ihnen mit Rat zur Seite stehen müssen. Er selbst hatte niemanden zum Reden. «Ich arbeite noch immer auf Hochtouren und habe keine Zeit dafür», sagt er.

Der Pfarrer Don Mario Carminati musste sich während der schlimmsten Phase der Pandemie fast rund um die Uhr um verstorbene Gemeindemitglieder und deren Angehörige kümmern. ; Andrea Wyner für NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Der Pfarrer Don Mario Carminati musste sich während der schlimmsten Phase der Pandemie fast rund um die Uhr um verstorbene Gemeindemitglieder und deren Angehörige kümmern. ; Andrea Wyner für NZZ

Viele können nicht mehr abschalten

«Über ein traumatisches Erlebnis zu reden, ist ein wichtiger Teil der Verarbeitung. So kann man eine Situation wiedererleben und überwinden», erklärt Doktor Bignamini. Wenn sich der Mensch bedroht fühle, reagiere das Gehirn unterschiedlich: mit Kampf, Flucht oder Erstarren. Das sei dem Überlebensinstinkt geschuldet. Probleme gebe es, wenn eine Stresssituation über eine lange Zeit anhalte und zu viel Cortisol und Adrenalin ausgestossen würden. Die Betroffenen könnten dann nicht mehr schlafen, essen oder sich konzentrieren. Selbst wenn die Bedrohung einmal vorbei sei, hätten viele Mühe, wieder aus dieser Hyperaktivität herauszukommen. In der Therapie erkläre man den Betroffenen als Erstes, dass dies eine natürliche Reaktion des Körpers sei und kein pathologisches Verhalten, betont die Psychologin.

Solivani ist einer von wenigen, die sich haben helfen lassen. Das Rote Kreuz habe den Mitarbeitern psychologische Hilfe angeboten, erzählt der junge Sanitäter. Sowohl in Einzelgesprächen als auch in Gruppensitzungen mit Kollegen hat er versucht, das Erlebte einzuordnen. «Am schwierigsten war die Zeit, als es wieder weniger zu tun gab. Ich fühlte mich traurig und nutzlos und hatte ein schlechtes Gewissen deswegen. Ich hätte mich ja eigentlich über den Rückgang der Infektionen freuen sollen», betont der Student. Die Therapeuten hätten ihm gesagt, dass dies normal sei. Wie bei einer Maschine, die auf Hochtouren laufe und dann plötzlich abgewürgt werde. Diese Erklärung habe ihm geholfen.

Viel zu wenig Psychologen an staatlichen Spitälern

Zur kostenlosen staatlichen Gesundheitsversorgung in Italien gehört auch die mentale Betreuung. Psychologische Hilfe anzunehmen, sei in Italien noch nicht so breit akzeptiert wie in anderen westlichen Ländern, erklärt Luca Pezzullo, Psychologieprofessor an der Universität von Padua, im telefonischen Gespräch. In den letzten Jahren habe es diesbezüglich aber Fortschritte gegeben.

Die Corona-Krise habe allerdings deutlich gemacht, dass die Kapazitäten bei weitem nicht ausreichten, betont der Experte. Von den insgesamt 110 000 Psychologen in Italien seien nur 6000 im öffentlichen Sektor tätig, das heisst einer pro 10 000 Einwohner. Das sei selbst in normalen Zeiten viel zu wenig.

Die Politik sei sich dessen in der gegenwärtigen Notlage bewusst geworden, glaubt der Psychologieprofessor. Nun gelte es, Mittel und Personal aufzustocken. Umso mehr, als die Zahl der Patienten in den kommenden Monaten noch deutlich ansteigen werde, weil sich psychische Störungen oft erst mit etwas Verzögerung manifestierten.

Pezzullo untersucht die Folgen von Katastrophen auf die Psyche seit vielen Jahren. Strenggenommen könne man nur im Fall von Leuten, die an vorderster Front gegen das Virus gekämpft hätten, von einer klassischen posttraumatischen Belastungsstörung reden, erklärt er. Die soziale Isolation, die Angst vor dem Virus, der Verlust von Angehörigen und die harten wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise könnten jedoch diverse andere psychische Folgeerscheinungen mit sich bringen wie Schlafstörungen, Panikattacken, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Spielsucht oder häusliche Gewalt. Die Weltgesundheitsorganisation hat denn auch gewarnt, dass die Pandemie die mentale Gesundheit breiter Bevölkerungsschichten gefährden könnte und die Regierungen Dienstleistungen in diesem Bereich dringend verstärken müssten.

Ein Trauernder mit Blackout

Armando Persico hat seinen Vater und drei Tanten während der Pandemie verloren. Der 53-jährige Familienvater war anfangs selbst ein paar Tage krank, zum Glück aber nur leicht. So konnte er sich um den sterbenden Vater kümmern und gleichzeitig seine schwer erkrankte Frau sowie eine Schwägerin und deren Mann pflegen, die sich ebenfalls infiziert hatten.

«März und April waren grauenhaft! Ich war Krankenpfleger und Sterbebegleiter im Dauereinsatz. Ich weiss nicht, wie ich das alles geschafft habe. Ich habe bis heute nicht ganz realisiert, was passiert ist.» Persico ist ein preisgekrönter Hochschullehrer für Management, er ist in der Kirche engagiert und auch sonst sozial sehr aktiv. Doch über die letzten Monate spricht er mit niemandem. «Ich sage höchstens, mein Vater sei verstorben. Basta! Ich denke auch nicht an diese Zeit. Es ist wie ein Blackout.»

Wie die grosse Mehrheit der Gesprächspartner in Bergamo ist er nicht wütend auf lokale, regionale oder nationale Politiker, welche die Gefahr trotz Warnzeichen lange verkannt und die Abriegelung Bergamos aus wirtschaftlichen Gründen abgelehnt hatten. In solchen Momenten sei es schwierig, die richtige Entscheidung zu treffen, sagt er. Auch den Verantwortlichen im Gesundheitswesen wirft er nicht vor, dass die Spitäler schlecht vorbereitet waren. Kein Gesundheitssystem hätte so etwas standgehalten, ist er überzeugt.

Auf dem grosse «Monumentale»-Friedhof in Bergamo ist eine gespenstische Ruhe eingekehrt. Im März und im April war man hier mit den Bestattungen nicht mehr nachgekommen. Verstorbene konnten teilweise ;erst Tage oder Wochen später beigesetzt werden. Andrea Wyner für NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Auf dem grosse «Monumentale»-Friedhof in Bergamo ist eine gespenstische Ruhe eingekehrt. Im März und im April war man hier mit den Bestattungen nicht mehr nachgekommen. Verstorbene konnten teilweise ;erst Tage oder Wochen später beigesetzt werden. Andrea Wyner für NZZ

Eine kämpferische Tochter

Doch nicht ganz alle nehmen das Erlebte so stoisch hin. «Sehr vieles ist schiefgelaufen, und keiner will dafür Verantwortung übernehmen», sagt Cristina Longhini im Gespräch in ihrer Wohnung in Mailand. Die 39-jährige Apothekerin stammt aus Bergamo, wo ihre Familie bis heute lebt. Ihr Vater war 65 Jahre alt und kerngesund, bevor er sich Anfang März mit dem Coronavirus infizierte.

«Er hatte starken Durchfall und hohes Fieber. Zehn Tage lang versuchten wir vergeblich, medizinische Hilfe zu bekommen. Der Hausarzt behauptete am Telefon, es handle sich um eine Magen-Darm-Grippe, die Notrufzentrale weigerte sich, eine Ambulanz zu schicken, weil er anfangs keine Atemnot hatte», erzählt die verheiratete Mutter eines zweieinhalbjährigen Sohnes.

Als der Vater endlich von einem Arzt ins Papa-Giovanni-XXIII-Spital eingewiesen wurde, war er nur noch ein Schatten seiner selbst. Longhini war erleichtert darüber, dass er nun endlich ärztlich betreut würde. Mit der Einlieferung begann aber ein neuer Albtraum. Die Familie hörte rein gar nichts mehr von ihm. Nach einer Woche rief ein Arzt an und sagte, es gehe dem Vater sehr schlecht. Er müsste dringend an eine Beatmungsmaschine, leider gebe es aber keinen Platz auf der Intensivstation. Sie sollten doch selber versuchen, irgendwo ein Bett für ihn zu finden, riet der Arzt.

Die Apothekerin versuchte verzweifelt, all ihre Kontakte zu nutzen. Nicht nur in Bergamo war die Lage freilich völlig ausser Kontrolle. Alle Spitäler in der Lombardei waren überfüllt. Einen Tag später starb der Vater. Die Tochter fuhr ins Spital nach Bergamo, um ihn zu identifizieren. «Der Anblick war schockierend. Seine Augen waren aufgerissen, sein Mund stand offen, und sein Pyjama war blutgetränkt. Papa sah aus, als habe er unglaublich gelitten. Ich bekomme dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf», erzählt Longhini und kann die Tränen nur mit Mühe unterdrücken.

Im Spital hatte sie einen schwarzen Müllsack mit den Sachen des Verstorbenen in die Hand gedrückt bekommen. Sonst nichts. Keinen Trost, keine Erklärungen. Die Odyssee war damit aber noch nicht vorbei. Der lokale Friedhof war überfüllt, das Krematorium auch. Der Sarg wurde deshalb von einem Armeelastwagen weggebracht. Dann war der geliebte Vater einmal mehr wie vom Erdboden verschluckt.

Bis Anfang April eine Rechnung aus einem Krematorium in Ferrara kam. Die Urne erhielt die Familie erst am 18. April. «Es war ein absolutes Desaster. Da ist jede Menschlichkeit verloren gegangen», kritisiert Longhini. «Die Bergamasker tendieren dazu, alles hinunterzuschlucken. Auch meine Mutter und meine Schwester haben so reagiert. Aber ich will, dass bekanntwird, was wir durchgemacht haben.»

Nach der Beerdigung hat die trauernde Tochter ihre Geschichte auf Facebook publik gemacht und festgestellt, dass viele Ähnliches erlebt haben. Mit Gleichgesinnten hat sie eine Facebook-Gruppe und einen Verein mit dem Namen «Noi denunceremo» («Wir werden anklagen») gegründet. Als die Staatsanwaltschaft in Bergamo eine Untersuchung einleitete, begannen sie mit ihr zusammenzuarbeiten und Beweismaterial zu sammeln.

Cristina Longhini will den Tod ihres Vaters nicht widerstandslos hinnehmen. Mit einer Gruppe von Gleichgesinnten fordert sie, dass das Versagen ;von Politikern und der Behörden untersucht werden müsse. Andrea Wyner für NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Cristina Longhini will den Tod ihres Vaters nicht widerstandslos hinnehmen. Mit einer Gruppe von Gleichgesinnten fordert sie, dass das Versagen ;von Politikern und der Behörden untersucht werden müsse. Andrea Wyner für NZZ

Ein paar hundert Klagen hat die Gruppe bisher eingereicht. Auf den sozialen Netzwerken zählt sie über 64 000 Mitglieder, öffentlich exponieren wollen sich aber nur wenige. Die kämpferische Longhini ärgert sich, dass keiner aufmuckt. Nicht nur Patienten und Angehörige, sondern auch Ärzte und Pfleger hätten in den Spitälern Schockierendes erlebt und sollten darüber sprechen, fordert sie. «Politiker auf allen Ebenen haben völlig versagt. Ebenso die Verantwortlichen des hochgelobten Gesundheitssystems der Lombardei. Doch niemand hat sich bisher entschuldigt. In Italien übernimmt nie jemand Verantwortung, das ist das Schlimmste an der Sache.»

Professionelle Hilfe wäre dringend nötig

Cristina Longhini versucht, ihren Schmerz mit Aktivismus zu überwinden. Tagsüber steht sie in der Apotheke. Abends trifft sie sich mit anderen Mitstreitern, Anwälten und Journalisten. Über ihre Situation zu sprechen, helfe ihr, sagt sie. Längerfristig dürften sie und andere Traumatisierte in der Krisenregion aber doch professionelle Hilfe benötigen. Insbesondere wenn es zu einer zweiten Welle kommen sollte, vor der hier in Bergamo alle grosse Angst haben.

«Wenn ein Unglück erneut zuschlägt, sind die Menschen theoretisch zwar besser vorbereitet», erklärt Luca Pezzullo. «Mental ist eine zweite Welle aber viel schwieriger zu meistern. Man hat das Gefühl, eine Gefahr überstanden zu haben. Dann bricht diese Sicherheit zusammen, und man ist extrem anfällig.» Auch bei der Spanischen Grippe nach dem Ersten Weltkrieg habe die zweite Welle sehr viel grössere soziale Probleme ausgelöst als die erste, erklärt der Professor.

Italien muss seine Spitäler also auch im Bereich der mentalen Gesundheit dringend aufrüsten. Die Regierung in Rom hat neue Initiativen und mehr Geld versprochen. Die Verantwortlichen am Papa Giovanni XXIII und an anderen Spitälern der Region haben sich zudem um Mittel aus EU-Fonds beworben. Doch die Zeit drängt. Wenn den traumatisierten Menschen in der Lombardei nicht geholfen wird, könnte das mittelfristig dramatische gesellschaftliche Folgen haben.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Neue Zürcher Zeitung

Neue Zürcher Zeitung
Neue Zürcher Zeitung
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon