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Aus dem Reporter-Tagebuch: Ein Roadtrip von Dakar nach Bissau

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 12.04.2020 David Signer, Bissau

Natürlich ist der Schmiergeldhunger afrikanischer Polizisten ermüdend. Aber zugleich ist Korruption selten so charmant und manchmal sogar lustig.

Die kürzlich eingeweihte ;Senegambia-Brücke zwischen Soma und Farafenni in Gambia. Zohra Bensemra / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die kürzlich eingeweihte ;Senegambia-Brücke zwischen Soma und Farafenni in Gambia. Zohra Bensemra / Reuters

Reisen in Afrika ist kompliziert, und ein Teil der wirtschaftlichen Probleme des Kontinents hat mit all der Zeit und dem Geld zu tun, die auf den verschlungenen Transportwegen flöten gehen. Nehmen wir zum Beispiel eine Autofahrt von der senegalesischen Hauptstadt Dakar nach Bissau, der Hauptstadt von Guinea-Bissau. Die Distanz beträgt 590 Kilometer. 11 Stunden Fahrzeit gibt das Navi an. In Wirklichkeit brauchten wir zwei volle Tage. Dabei fuhren wir um fünf Uhr morgens los. «Dann erwischt ihr die erste Fähre über den Gambia-Fluss», sagten die Leute. Auch das erwies sich als Illusion. Die Schwierigkeiten haben in diesem Fall mit schlechten Strassen, schlechter Infrastruktur, Bürokratie, aber auch mit skurrilen Grenzverläufen zu tun.

Die Tücken der Geografie

Um in den südlichen Teil Senegals zu kommen, muss man nämlich Gambia durchqueren, das Senegal wie ein Keil in zwei Hälften teilt. Zudem waren sich die beiden Länder lange spinnefeind, so dass insbesondere die Regierung Gambias eine diabolische Freude daran hatte, den Senegalesen das Leben möglichst schwer zu machen. Das Projekt einer Brücke über den Gambia-Fluss wurde vom gambischen Diktator Jammeh jahrelang sabotiert. Erst jetzt, nach seinem Sturz, konnte die Brücke gebaut werden, und die stundenlange Warterei auf die rostige Fähre bei Farafenni ist zu Ende. Aber der kürzeste Weg führt über die gambische Hauptstadt Banjul, und dort ist man noch immer auf die Fähre angewiesen. Der Betrieb am Hafen ist chaotisch, undurchschaubar und unberechenbar. Der Verdacht liegt nahe, dass das nicht nur am Schlendrian liegt, sondern Methode hat. So lässt sich mehr Schmiergeld aus den verzweifelten Passagieren herauspressen.

Eine Frau auf der Fähre, die den Gambia-Fluss überquert. Im Hintergrund die neue Senegambia-Brücke. ; Zohra Bensemra / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Eine Frau auf der Fähre, die den Gambia-Fluss überquert. Im Hintergrund die neue Senegambia-Brücke. ; Zohra Bensemra / Reuters

Ein senegalesischer Freund ist mitgefahren, um seine Verwandten im Süden zu besuchen. Kurz vor dem Hafen überlasse ich ihm gerne das Steuer und die Verhandlungen mit all den Beamten, Schleppern und Betrügern, die sich hier unentbehrlich zu machen versuchen. Es ist zehn Uhr, die erste Fähre haben wir schon längst verpasst. Leider verlieren wir abermals viel Zeit in einer Autoschlange, die sich nur schneckengleich vorwärtsbewegt, bis uns jemand erklärt, dass wir die Kolonne überholen könnten. Sie besteht aus Lastwagen, Lieferwagen und Bussen. Personenwagen müssen hier nicht warten. Als wir an der Schranke ankommen, ist die Fähre gerade abgefahren. Immerhin ist es beruhigend, zu merken, dass die Lage für meinen einheimischen Freund offenbar genauso verwirrend ist wie für mich.

Dass die Warterei dieses Mal noch länger dauert als sonst, liegt daran, dass eine der zwei Fähren eine Panne hatte. Es wird also mindestens eine Stunde vergehen, bis die Klapperkiste wieder hier ist.

Als es so weit ist, haben wir abermals Pech. Wir können zwar das grosse Gittertor passieren und sind nun gewissermassen im inneren Tempelbezirk, aber schaffen es wieder nicht auf die Fähre, weil die Verantwortlichen in ihren Gelbwesten dauernd Autos durchwinken, die wohl entweder einem VIP gehören oder einem, der gutes Schmiergeld bezahlt hat. Nun reisst meinem Mitfahrer der Geduldsfaden, und er nimmt ebenfalls Verhandlungen auf. Das Resultat ist bemerkenswert. Der Aufseher und seine zwei Mitarbeiter schlagen vor, wir sollten ihm den Autoschlüssel geben und uns ins Hafenrestaurant verziehen – damit der Deal weniger auffällt. Er selber wird den Wagen nach vorn fahren, das sorgt für weniger Aufsehen, als wenn er uns, und dann erst noch einen Weissen, durchwinkt. Können wir ihm den Schlüssel wirklich so mir nichts, dir nichts anvertrauen? Kein Problem, meint mein Kollege.

Im Restaurant kommen wir mit einer Polin ins Gespräch, die erzählt, dass sie ihre Jugend in Libyen, zu Zeiten von Ghadhafi, verbracht habe.

Und, war es schlimm?

«Es war die schönste Zeit meines Lebens», sagt sie.

Dann taucht der Aufseher mit dem Schlüssel auf. Er will 350 Dalasi, etwa sechs Franken. «Falls euch jemand fragt, sagt, ihr habt mir 300 gegeben. Ich gebe den anderen beiden je 100.» So kann er zusätzlich 50 für sich selbst einsacken – gewissermassen eine zweite Korruption innerhalb der ersten.

Der Streber verdirbt der Polizistin den Tag

Wir verbringen ein paar Tage in Gambia, besuchen eine Ziegelbrennerei, die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag und einen Teich mit heiligen Krokodilen, dann fahren wir am frühen Morgen weiter. Kaum haben wir die Grenze nach Guinea-Bissau passiert, hält uns eine Polizistin an. Sie will die Papiere sehen, die alle in Ordnung sind. Dann muss ich die Scheibenwischer anstellen, mitsamt Wasserspritzer. Dann hupen. Schliesslich will sie sehen, ob ich wirklich einen Wagenheber und zwei Pannendreiecke habe. Alles da. Sie überlegt ein Weilchen, dann verlangt sie, den Feuerlöscher zu sehen. Ich muss lachen über so viel Pedanterie. Sie nicht. Sie schnappt sich den Feuerlöscher, und nachdem sie das Ablaufdatum überprüft hat, kontrolliert sie, ob er wirklich funktioniert. Der weisse Schaum spritzt auf die Strasse. Vielen Dank. Das bedeutet, dass ich einen neuen kaufen muss, weil ich mit einem gebrauchten nicht durch die jährliche Fahrzeugkontrolle in Dakar komme.

Die Polizistin ist nicht glücklich, dass alles in Ordnung ist. Im Gegenteil. Sie hoffte auf einen Mangel, den ich mit etwas Schmiergeld beheben würde. Solche Perfektionisten wie ich verderben ihr den Tag. Sie befiehlt, ich solle die Scheinwerfer anmachen. Sie geht um den Wagen herum und sagt, ich müsse eine Busse bezahlen, weil die Beleuchtung des Nummernschilds defekt sei. Ich muss wieder lachen. Die Situation ist umso absurder, als alle diese alten, rostigen Autos an uns vorbeifahren, bei denen man von Glück sprechen kann, wenn wenigstens die Bremse funktioniert. Ich könnte die Komödie beenden, indem ich ihr etwas zustecken würde. Aber je länger das Pingpong dauert, umso weniger Lust habe ich darauf. Ich soll bestraft werden, weil alles in Ordnung ist. Ich steige aus und knie nieder, um das Licht zu kontrollieren.

«Die Beleuchtung funktioniert», sage ich.

«Sie ist zu schwach», entgegnet sie.

Als sie sagt, ich solle die Motorhaube öffnen, flüstert ihr der Kollege, der bemerkt, dass mir langsam der Kragen platzt, etwas zu, und sie gehen wortlos davon.

Hätten sie doch nie eine Strasse gebaut

Die Strassen zwischen dem Grenzübergang bis in die Hauptstadt Bissau sind unvorstellbar schlecht. Die Schlaglöcher sind so häufig und so tief, dass man mit höchstens 40 Kilometern pro Stunde fahren kann. Ein Moment der Unachtsamkeit, und schon knallt man wieder in einen kleinen Abgrund und hofft, dass sowohl der Rücken wie die Achse noch intakt sind. Natürlich ist man aus lauter Ungeduld immer wieder versucht, doch schneller zu fahren, versucht dann beim nächsten Loch im letzten Moment auszuweichen, anstatt abzubremsen, und fährt prompt ins übernächste.

Interessant ist, dass viele Autofahrer dazu übergehen, neben der Strasse zu fahren, so dass sich dort mit der Zeit eine Laterit-Piste bildet, die zwar holprig ist, aber wenigstens keine so tiefen Scharten aufweist wie die «geteerte» Strasse. Jeder versucht, der «richtigen» Strasse auszuweichen, so gut es geht. Mit anderen Worten: Man hätte die ehemalige Piste besser einfach belassen, ohne Strassenbau. Mit dem Asphaltieren hat man die Sache auf lange Sicht schlimmer anstatt besser gemacht.

Seit dem Bau der Senegambia-Brücke hat sich die Fahrzeit von Dakar in den Süden Senegals massiv verkürzt. Zohra Bensemra / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Seit dem Bau der Senegambia-Brücke hat sich die Fahrzeit von Dakar in den Süden Senegals massiv verkürzt. Zohra Bensemra / Reuters

Höfliche Bitte um Bezahlung einer angemessenen Bestechung

In Bissau herrscht eine melancholische Lebensfreude. Nirgends ist sie so greifbar wie in Bissau Velho, dem ehemaligen Portugiesenviertel: eine Art tropisches Venedig, mit zerfallenden Kolonialbauten, abblätternden Fassaden in Ocker, Rostrot, Himmelblau und Hellgrün, gusseisernen Balkonen mit verstaubten Blumentöpfen, alten Männern und Frauen, die im Abendlicht vor den Haustüren auf ihren Plastikstühlen sitzen und die letzten Sonnenstrahlen geniessen.

Die Strassen werden wegen des Karnevals ab 16 Uhr gesperrt, obwohl dieses Jahr gar keine öffentlichen Umzüge mehr stattfinden. Die Defilees wurden aus unerfindlichen Gründen ins Stadion verbannt, in den Strassen promenieren am Abend nun vor allem Familien mit verkleideten Kindern. Als wir am Nachmittag eine Maskengruppe in einem Quartier besuchen, schaffen wir es nicht mehr rechtzeitig vor 16 Uhr ins Hotel und werden auf halber Strecke von einem Polizisten angehalten. Da ich weder Kreol noch Portugiesisch spreche und der Uniformierte weder Französisch noch Englisch, wird es kompliziert. Radebrechend versuche ich die Situation zu erklären. Schliesslich zückt sein Kollege ein Smartphone und sagt, ich solle zehn Minuten warten. Der Kollege tippt und tippt in sein Handy, und wir fragen uns, welches Schicksal uns nun erwarte. Schliesslich hält er uns das Smartphone hin. Nun verstehen wir: Er hat einen Text auf Portugiesisch geschrieben und ihn mit Google-Translator übersetzt. Der Text lautet sinngemäss so:

«Sehr geehrter Herr, wir können Sie nach Bezahlung einer Busse gerne passieren lassen. Allerdings werden Sie wohl bis zum Hotel noch mehrmals angehalten. Wir geben Ihnen unsere Telefonnummer, dann können andere Polizisten uns anrufen. Sie können uns so viel bezahlen, wie Sie für richtig erachten.»

Noch nie bin ich dermassen höflich um die Bezahlung einer Busse ersucht worden.

Ich reiche ihm umgerechnet ein paar Franken, er schreibt seine Nummer auf ein Stück Papier, das wir an die Frontscheibe klemmen, und gelangen, ohne noch einmal gestoppt zu werden, zum Hotel.

Grenzübergang geschlossen wegen Essen

Als wir nach ein paar Tagen Bissau verlassen und uns wieder Richtung senegalesische Grenze aufmachen, sehe ich plötzlich, in voller Fahrt, wie uns zwei Uniformierte zuwinken, nachdem wir sie bereits passiert haben. Ich befürchte schon Ärger, stoppe brüsk und fahre zurück.

«Entschuldigen Sie, ich habe Sie übersehen», sage ich. «Wollen Sie meine Papiere sehen?»

«Nein, nein», sagt der Jüngere. «Ich suche lediglich eine Mitfahrgelegenheit bis nach São Domingos für meinen Vorgesetzten.»

Nun kann ich nicht mehr zurückkrebsen und öffne die Türe. Vielleicht ist es ja angesichts der vielen Kontrollen nicht schlecht, einen Polizisten dabei zu haben.

Wenige Minuten später ist er eingeschlafen. Nach zwei Stunden lässt meine Konzentration etwas nach, und ich fahre mehrmals mit ziemlichem Karacho in Schlaglöcher, so dass wir alle brutal durchgeschüttelt werden. Unser Mitfahrer öffnet kurz die Augen, zeigt mit dem Zeigefinger auf einen besonders grossen Krater vor uns und schläft, nachdem ich das Loch umrundet habe, wieder ein. Dieses Mal geraten wir seltsamerweise in keine einzige Kontrolle. Als wir beim Polizeigebäude in São Domingos ankommen, schüttelt mir der Mitfahrer, nachdem er vorher die ganze Zeit über eher mürrisch, wie mir schien, geschwiegen hat, überschwänglich wie einem alten Freund die Hand und überschüttet mich mit Dankesbezeugungen.

An der Grenze ziehen sich die Formalitäten wie immer hin. Beim letzten Posten auf guineischer Seite sagt der Beamte: «Eigentlich wollte ich grad essen, aber ausnahmsweise lasse ich Sie noch durch.» Doch der Schlagbaum auf der senegalesischen Seite bleibt unten. Der Zöllner sitzt im Schatten und ruft: «L’heure du repas!» – Mittagessen.

Ich stelle den Motor ab, aber er sagt, ich könne nicht hier bleiben und müsse auf die guineische Seite zurück. Also mache ich rechtsumkehrt, aber inzwischen ist auch hier die Barriere geschlossen, und der Uniformierte schickt uns weg. Wir fahren bis in die Mitte des Niemandslands unter einen Baum, ausser Sichtweite sowohl des guineischen wie des senegalesischen Postens, und warten, bis alle gegessen haben.

Als der senegalesische Grenzübergang wieder öffnet, zeige ich meine Papiere. Nachdem alles abgestempelt ist, fragt er, warum ich so lange zwischen den Posten parkiert hätte. «Ich konnte nicht durch, weil Ihr Kollege erst essen wollte», sage ich. Er blickt mich regungslos an. Ich frage mich, ob meine Bemerkung irgendwie respektlos war, und füge hinzu: «Nun ja, der Mensch muss ja schliesslich essen!» Er blickt noch eine Weile regungslos weiter durch mich hindurch, dann ruft er plötzlich: «Ich habe aber noch nicht gegessen!» Ich weiss, dass das ein Aufruf ist, ihm etwas zuzustecken. Aber ich habe auf dieser Reise schon genug Geldscheine zugesteckt und fahre schnell weiter. Abgesehen davon ist auch für mich langsam «l’heure du repas».

Wir nehmen die Route über die neue Brücke zwischen Soma und Farafenni. Was für ein wunderbares Gefühl, den Gambia-Fluss auf der elegant geschwungenen Senegambia-Brücke zu überqueren, deren Realisierung sage und schreibe 42 Jahre dauerte. Wie oft habe ich halbe Tage verbracht, um in der Hitze auf die blöde Fähre zu warten, und jetzt dauert die Überfahrt ein paar Minuten!

Vielen Dank f¨ür die korrekte Busse

Nach einer Übernachtung steht die letzte Etappe der Rückreise an.

Wie immer dauert diese länger als gedacht, und wir haben keine Lust, nach Einbruch der Dunkelheit zu fahren. Also drücke ich aufs Gas und überhole in einem Dorf einen unvorstellbar langsamen Lastwagen. Leider stehen zwei Polizisten am Strassenrand, die mein Manöver aufmerksam verfolgen. Weil mir der Laster die Sicht auf sie verdeckt, höre ich ihre Trillerpfeifen erst, als ich dank meinem halsbrecherischen Tempo schon fast am Dorfausgang bin. Im Rückspiegel sehe ich sie wild gestikulieren und fahre zurück.

«Überhöhte Geschwindigkeit innerorts und Überholen trotz Verbot», lautet das Verdikt. Sie kontrollieren meine Papiere – den Feuerlöscher wollen sie immerhin nicht sehen – und füllen einen Bussenzettel aus. Ich muss zugeben, dass mein Manöver tatsächlich etwas riskant war, auch angesichts all der Kinder, Schafe und Hühner, die die Dorfstrassen oft als Spiel- und Siestaplatz benützen, und reiche dem Polizisten den Geldschein ohne Diskussionen. Zudem ist es das erste Mal, dass ich eine elaborierte Quittung erhalte, was darauf hinweist, dass es sich tatsächlich um eine Busse und nicht um Schmiergeld handelt.

«Danke», sage ich, als er mir den blauen Zettel reicht.

«Es ist an mir, Ihnen für Ihr Verständnis zu danken», antwortet er.

Eine gambische Strassenverkäuferin zwischen der alten Fähre und der neuen Brücke. Zohra Bensemra / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Eine gambische Strassenverkäuferin zwischen der alten Fähre und der neuen Brücke. Zohra Bensemra / Reuters
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