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Italiens Senioren droht die gesellschaftliche Ausgrenzung

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 17.05.2021 Romina Spina, Gagliano del Capo

Die Digitalisierung stellt vor allem Süditalien vor enorme Herausforderungen. Jeder vierte Bürger ist hier über 65 Jahre alt, und nur ein kleiner Teil von ihnen nutzt neue Technologien.

Impfservice: Gesundheits- und Krankenpfleger der italienischen Armee fahren zu den Betagten nach Hause, um sie gegen Covid-19 zu impfen. Antonio Masiello / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Impfservice: Gesundheits- und Krankenpfleger der italienischen Armee fahren zu den Betagten nach Hause, um sie gegen Covid-19 zu impfen. Antonio Masiello / Getty

Im Erdgeschoss des Spitals von Gagliano del Capo wartet Teresa Marzo auf die Verabreichung der Vakzine gegen Covid-19. Gemäss dem Impfkalender der süditalienischen Region Apulien ist heute ihr Jahrgang, 1944, an der Reihe für die erste Dosis. Nach einer halben Stunde ist Teresa bereits wieder auf dem Heimweg. Deutlich länger hat sie gebraucht, um sich für die Impfung anzumelden. Dabei hätte es genügt, den von der lokalen Gesundheitsbehörde automatisch zugeteilten Termin zu bestätigen. Über ein digitales Portal wären die Details im Nu erhältlich gewesen. Doch Teresa hat weder ein Smartphone noch ein Tablet oder einen Computer.

Die beiden Kinder der Rentnerin leben in Norditalien. Über Umwege hat sie sich den Termin von einer Grossnichte bestätigen lassen. Teresa ist eine Frau, die sich immer selbst zu helfen wusste. «Doch was mache ich jetzt, wo alles digital wird? Ich habe keine Ahnung mehr, an wen ich mich wenden soll», sagt sie nüchtern. Die Verwandten im Dorf würden im Notfall schon einspringen, aber man könne ja nicht immer bei anderen Menschen anklopfen.

Digital vereinbarte Impftermine als Stolperstein

In den Regionen Süditaliens kommt die Kampagne zur Impfung älterer Personen nur langsam voran. Viele können ihren Termin nicht selbst digital bestätigen. Sie wissen deshalb auch nicht, wann sie wo hingehen sollen, und bleiben der Impfung fern. Als «Vermisste» bezeichnete sie jüngst Fabrizio Curcio, der Leiter des italienischen Zivilschutzes. Sie seien nicht in der Lage, sich übers Internet anzumelden, und hätten niemanden, der es an ihrer Stelle tue, erklärt er.

In den zehn Impfzentren der Provinz Lecce, wo Gagliano del Capo liegt, hatten an einem Stichtag im April nur 56 Prozent der 79-Jährigen ihren Termin für den Folgetag bestätigt.

Auch in anderen Regionen des Landes kann der Zugang zur Schutzimpfung für Ältere schwierig sein. Wer den Termin telefonisch bestätigen will, kommt nicht durch oder landet in einer endlosen Warteschleife. Dass auch Apotheken die Anmeldung vornehmen, scheinen wenige zu wissen.

Seit dem Start der Impfkampagne hat die ehrenamtliche Organisation Auser, die sich in über 1500 lokalen Büros im ganzen Land für ältere Menschen engagiert, Tausende von Anrufen erhalten. Ihre Freiwilligen helfen bei der digitalen Registrierung und fahren Seniorinnen und Senioren bei Bedarf auch zum Termin.

Mit dem Ausbruch der Pandemie hat sich der Digitalisierungsrückstand in Italien laut der Organisation als Krise offenbart. Betroffen sind vor allem ältere Menschen, die ohne die Hilfe von Kindern oder Verwandten auskommen müssen.

Wer kein Handy hat, hat ein Problem: Ältere Italienerinnen und Italiener verpassen ihre digital vereinbarten Impftermine, wenn sie keine Verwandten haben, die ihnen helfen. Antonio Masiello / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Wer kein Handy hat, hat ein Problem: Ältere Italienerinnen und Italiener verpassen ihre digital vereinbarten Impftermine, wenn sie keine Verwandten haben, die ihnen helfen. Antonio Masiello / Getty

Schere zwischen Nord und Süd

Die Nichtteilnahme älterer Menschen an einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft ist in vielen Ländern ein Problem. In Italien ist die Lage aber besonders dramatisch. 2019 nutzten hier nur knapp 42 Prozent der 65- bis 74-Jährigen das Internet – durchschnittlich waren es im EU-Raum 57 Prozent.

Eine Studie der Mailänder Bicocca-Universität über die Internetnutzung im Alter kam zum Schluss, dass der Rückstand von Italien und Südosteuropa in diesem Bereich gegenüber Skandinavien noch deutlich grösser ist als erwartet. Auch die Diskrepanz zwischen älteren Bürgern und der übrigen Bevölkerung ist in Italien überdurchschnittlich hoch. Das ist umso problematischer, als Italien das Land mit dem höchsten Anteil über 65-Jähriger in Europa ist (23,2 Prozent). Im weltweiten Vergleich in Bezug auf die Überalterung steht es nach Japan an zweiter Stelle.

Im Rahmen der genannten Studie hat das Forschungsteam regionale Daten zum Internetzugang unter den 65- bis 74-Jährigen verglichen. Der Nutzeranteil in Norditalien war laut der Soziologin Alessandra Gaia markant höher als im Süden. In Ligurien etwa nutzen 47 Prozent dieser Altersgruppe das Internet, in Kalabrien nur 18 Prozent. Die Gründe dafür hat die Studie nicht untersucht. Sowohl der fehlende Zugang zu moderner Technologie als auch der Bildungsrückstand dürften dabei aber eine Rolle spielen.

Die fortschreitende Digitalisierung erschwert es betagten Bürgern nicht nur, Dienstleistungen zu beanspruchen, sondern auch, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten. Dabei verschärft die Digitalisierung laut Gaia die bestehende sozioökonomische Ungleichheit weiter. Ältere Menschen, die das Internet nicht nutzten, hätten in der Regel einen tieferen Bildungsgrad, einen schlechteren Gesundheitszustand und ein tieferes Einkommen als Gleichaltrige, die von den neuen Kommunikationsmöglichkeiten Gebrauch machten.

In den Regionen Süditaliens kommt die Impfkampagne bei älteren Personen nur langsam voran. Der Grund: digitale Hürden. Antonio Masiello / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung In den Regionen Süditaliens kommt die Impfkampagne bei älteren Personen nur langsam voran. Der Grund: digitale Hürden. Antonio Masiello / Getty

Es fehlt der politische Wille, das Problem anzugehen

Digitale Hürden würden viele Seniorinnen und Senioren abschrecken, betont auch Enzo Costa, der Präsident von Auser. Der Zugang zu Dienstleistungen des öffentlichen Gesundheitswesens sei für viele schwierig, sie seien nicht in der Lage, Termine für Untersuchungen in einem Spital zu buchen. Viele wenden sich aber auch an Auser, wenn Kontakte mit der Verwaltung online abgewickelt werden müssen. Freiwillige des Vereins helfen Rentnern etwa dabei, die dafür erforderliche digitale Identität einzurichten oder Steuererklärungen herunterzuladen.

«Ältere Menschen kommen zu uns, weil sie einfach nicht mehr weiterwissen», berichtet Lucia Scarafile von Auser in Apulien. In der Region gibt es rund sechzig lokale Büros, die Hilfsbedürftige nach Möglichkeit auch während der Pandemie unterstützen. Im Umgang mit dem öffentlichen Dienst wenden sich Ältere auch an Patronate (Vermittlerorganisationen zwischen Bürgern und Ämtern), die anders als Vereine in jeder Gemeinde vertreten sind.

Es fehlt jedoch am politischen Willen, das Problem anzugehen. «Man kann nicht sagen, dass die Aufmerksamkeit gegenüber Älteren gering ist. Sie ist schlicht nicht vorhanden», sagt Enzo Costa. «Wir können dieses Problem nicht allein auf unseren Schultern tragen. Der Staat muss sich endlich dieser Frage annehmen, die immer aktueller wird.»

Auser in Apulien registriert seit Jahren reges Interesse an Basiskursen zur Anwendung von PC, Tablets und Smartphones. Die meisten Mitglieder wollen etwas über Videotelefonie lernen, um mit ihren Kindern und Enkelkindern interagieren zu können, die auswärts arbeiten oder studieren. Auser organisiert auch Seminare mit Polizeibehörden über die Risiken des Internetbetrugs.

Die Nachfrage nach Lernmöglichkeiten und Informationen ist gross. Die Älteren seien neugierig wie Kinder und sehr motiviert, erzählt der Leiter des Programms, Vittorio Cucci. Basiskurse würden oftmals auch von Senioren geleitet, die sich ehrenamtlich engagierten. So habe in Foggia etwa ein computeraffiner 84-Jähriger eine Anlaufstelle eingerichtet, Lernmaterial zusammengestellt und Nachhilfestunden angeboten, um Gleichaltrigen den Übergang ins Digitale zu erleichtern.

Der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt

Bei Ausers Sorgentelefon gingen schon vor der Pandemie viele Anrufe von einsamen Senioren ein, die sich isoliert fühlten. Während des Lockdowns im Frühling 2020 sprachen Freiwillige in Palermo täglich mit rund 3000 älteren Personen per Videoanruf. Die virtuellen Verabredungen motivierten die Älteren, jeden Tag aufzustehen, sich die Haare zu kämmen und sich schön anzuziehen – kurz: für die Kamera präsentabel zu sein.

Im Dorf von Teresa in Apulien waren ältere Menschen, die wie sie allein leben, bisher praktisch nie auf sich selbst gestellt. Wenn sie etwas nicht selber erledigen konnten, online oder offline, fragten sie Verwandte, Nachbarn oder den ersten Jungen, der vorbeifuhr. In Süditalien ist der familiäre und gesellschaftliche Zusammenhalt vielerorts noch immer stark, man hilft einander aus.

Bei Auser stellt man jedoch fest, dass auch die Senioren im Süden immer häufiger allein bleiben, weil sich die Familienstrukturen verändern. Die Dörfer leeren sich, die Kinder ziehen weit weg. Eine Studie von 2019 zeigt, dass der Anteil alleinstehender Senioren in Süditalien mittlerweile höher ist als im Norden. Laut einer jährlichen Erhebung des Istituto Superiore di Sanità (ISS) fühlen sich Ältere im Mezzogiorno denn auch einsamer und isolierter als jene in anderen Landesteilen. Und sie altern schlechter, weil sie weniger Zugang zu Gesundheitsdiensten haben.

Der italienische Staat kümmert sich noch zu wenig um die Einbindung älterer Italienerinnen und Italiener in die digitale Gesellschaft. Antonio Masiello / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Der italienische Staat kümmert sich noch zu wenig um die Einbindung älterer Italienerinnen und Italiener in die digitale Gesellschaft. Antonio Masiello / Getty

Auch eine Priorität der EU

Teresa will sich ein Smartphone kaufen, sobald ihre Tochter zu ihr in die Ferien kommt. Auch nähme sie gerne an einem digitalen Basiskurs teil, wenn es einen solchen in ihrer Nähe gäbe. Denn sie weiss, dass sie sich früher oder später mit der neuen Technologie auseinandersetzen muss.

Viele andere in ihrem Alter schrecken die Kurse zur Internetnutzung aber ab. Wohl auch, weil viele ältere Jahrgänge nur die Primarschule bis zur fünften Klasse besucht haben. Will man möglichst viele Menschen einbinden, muss man die Lernziele den Bedürfnissen der Teilnehmenden anpassen, gerade in benachteiligten ländlichen Gebieten. «Senioren müssen dort nicht Computerexperten werden, sie brauchen nur ein Minimum an digitaler Kompetenz», betont der Auser-Präsident Costa.

Das aktive Altern und das lebenslange Lernen gehören auch zu den politischen Prioritäten der EU. Ältere Menschen sollen so lange wie möglich ein unabhängiges Leben führen und an der Gesellschaft teilnehmen können. Die Mitgliedstaaten sollen nicht als Last, sondern als Ressource wahrgenommen werden. Vereine wie Auser fördern dies mit Kursen zur digitalen Alphabetisierung und dem Austausch zwischen den Generationen.

Verschiedene italienische Regionen, darunter auch Apulien, haben ein Gesetz über das aktive Altern verabschiedet. Seit Jahren macht man Druck, damit das Parlament in Rom einen entsprechenden Entwurf ebenfalls annimmt. «Die Menschen müssen am Morgen aufstehen und in die Zukunft blicken, nicht in die Vergangenheit. Denn das ist Lebensqualität», betont Costa.

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