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Johnson stoppt geplante Corona-Lockerungen

Basler Zeitung-Logo Basler Zeitung 14.06.2021 Peter Nonnenmacher

Eigentlich hatte die britische Regierung so gut wie alle Restriktionen aufheben wollen. Nun sieht sie sich zum Warten gezwungen. Lockdown-Gegner im Lande sind empört.

Die pure Lebensfreude ist das noch nicht: Abstandsregeln in den britischen Pubs gelten einen Monat länger als erwartet. © Foto: Andy Rain (Keystone) Die pure Lebensfreude ist das noch nicht: Abstandsregeln in den britischen Pubs gelten einen Monat länger als erwartet.

Wegen der nun grassierenden «indischen Variante» des Coronavirus muss die Bevölkerung Englands mindestens einen Monat länger als geplant auf den lang verheissenen «Tag der Freiheit» warten. Eigentlich hatte die britische Regierung am kommenden Montag so gut wie alle Covid-Restriktionen aufheben wollen, nachdem sich die Lage in den letzten Monaten so günstig entwickelt hatte im Vereinigten Königreich. Stattdessen sollen die bisher geltenden Lockdown-Regeln in England mindestens vier Wochen lang weiter in Kraft bleiben. Das beschloss am Montagmorgen das Kabinett in London. Schottland dürfte schon am Dienstag mit der Bekanntgabe einer ähnlichen Verzögerung nachziehen.

Zornige Lockdown-Gegner in der Konservativen Partei prophezeiten, nun werde man womöglich bis zum nächsten Frühjahr mit «gänzlich überflüssigen» Restriktionen leben müssen. Restaurants, Pubs, Theater und Kinos, in denen weiter Distanz gehalten werden muss, befürchten Millionenverluste und vielfache Pleiten durch den Beschluss.

Die rechten Medien toben

Ergrimmt reagierte auf den Aufschub auch die Londoner Rechtspresse, die den 21. Juni seit längerem zum «Tag der Freiheit» stilisiert hat. Für dieses Datum hatte Premierminister Boris Johnson praktisch die gesamte Aufhebung des Lockdown in England, samt Distanzierungsvorschriften, in Aussicht gestellt. Erste Schritte zur Lockerung waren in den letzten Monaten unternommen worden.

Bisher gilt freilich immer noch, dass sich im Normalfall in Innenräumen in England höchstens 6 Personen oder die Mitglieder zweier Haushalte und im Freien maximal 30 Personen gemeinsam aufhalten dürfen. Pubs und Restaurants operieren ebenfalls unter speziellen Auflagen. Barbetrieb ist untersagt. Nur an Tischen darf serviert werden. Nachtclubs müssen geschlossen bleiben. Bei Hochzeiten haben wechselnde Beschränkungen der Teilnehmerzahlen viele Paare schon mehrfach zur Verschiebung entsprechender Feiern gezwungen. Weiterhin begrenzt bleiben die Möglichkeiten für Reisen ins Ausland ohne Pflicht zur Quarantäne bei der Rückkehr.

Allerdings wird das Reisen auch immer schwieriger, weil immer mehr Nachbarländer sich nun abzuschotten suchen gegen die «neue Gefahr» von jenseits des Kanals. Die Hauptsorge gilt dabei der rasanten Ausbreitung der zuerst in Indien gesichteten und inzwischen als «Delta» registrierten Variante B.1.617.2 auf den Britischen Inseln – und die noch unbeantwortete Frage, in welchem Masse die jetzt erwartete neue Woge an Infektionen auch zu Klinik- und Todesfällen führt. Tatsächlich sind binnen einer einzigen Woche die Ansteckungszahlen in England um 50 Prozent gestiegen.

Den Briten ist mittlerweile bewusst, dass die «indische Variante» neuerdings über 90 Prozent aller Infektionsfälle in Grossbritannien bestreitet und dass sie um mindestens 60 Prozent leichter übertragbar ist als noch die alte «Kent-Variante» B.1.1.7 («Alpha»). Sie soll bei infizierten Personen mindestens doppelt so oft zu schweren Erkrankungen führen und ist offenbar auch resistenter gegen die gängigen Impfstoffe. Englands Gesundheitsbehörden gehen davon aus, dass die Effizienz einer Impfung mit Pfizer oder AstraZeneca nach Verabreichung einer ersten Dosis nur noch 33 Prozent statt 50 Prozent beträgt bei der Abwehr von «Delta»-Infektionen. Dieser Grad der Effizienz steigt nach einer zweiten Dosis plus zwei Wochen Wartezeit auf 81 (statt 88) Prozent.

Selbst in Grossbritannien, wo schnell geimpft wird, sind aber bisher noch 43 Prozent aller Erwachsenen nicht vollständig immunisiert, darunter zwei Millionen der über 50-Jährigen. Im Laufe der vier Wochen, die die Regierung nun mit der weiteren Lockerung des Lockdown warten will, hofft sie zehn Millionen Briten zu ihrer zweiten Dosis und so zu wesentlich mehr Schutz zu verhelfen als bisher.

Die Bevölkerung verstehe das durchaus, hat der prominente Professor Stephen Reicher versichert. Einer Umfrage zufolge halten 54 Prozent der Briten eine Verzögerung der Lockerungsmassnahmen für richtig. 37 Prozent halten sie für falsch.

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