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Seit der Corona-Pandemie arbeiten Israel und seine arabischen Nachbarn enger zu sammen denn je

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 03.06.2020 Inga Rogg, Jerusalem

Die Corona-Krise fördert die Zusammenarbeit zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn. Es könnte der Auftakt zu intensiveren Kontakten sein. Dem stehen jedoch die Pläne der israelischen Regierung im Weg.

Palästinenserinnen vor dem Felsendom in Jerusalem. Der Felsendom ist eines der wichtigsten Heiligtümer in der islamischen Welt, deshalb lehnen arabische Länder die Kontrolle Israels darüber ab. ; Ammar Awad / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Palästinenserinnen vor dem Felsendom in Jerusalem. Der Felsendom ist eines der wichtigsten Heiligtümer in der islamischen Welt, deshalb lehnen arabische Länder die Kontrolle Israels darüber ab. ; Ammar Awad / Reuters

Die Coronavirus-Pandemie lasse sich nur gemeinsam bezwingen, diesen Satz predigten in den vergangenen Monaten auch die Staats- und Regierungschefs im Nahen Osten. Für kurze Zeit drängte das Virus die vielen Konflikte in der Region in den Hintergrund. In Israel und den palästinensischen Gebieten kooperierten Vertreter auf beiden Seiten, inklusive der Hamas im Gazastreifen, um die Epidemie in den Griff zu bekommen. Oft für ihre angeblich fehlende Unterstützung für die Notleidenden der Welt gescholten, haben mehrere Golfstaaten umfangreiche Hilfe sowohl an Länder in der Region wie auch in Afrika, Asien und sogar Europa geleistet.

Dabei streckten Katar, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ihre helfende Hand auch Iran entgegen, dem neben der Türkei am schwersten betroffenen Land in der näheren Nachbarschaft. Katar schickte knapp 60 Tonnen an medizinischen Hilfsgütern, Kuwait sprang Teheran mit Hilfszahlungen in Höhe von 10 Millionen Dollar zur Seite, und die VAE lieferten rund 40 Tonnen an Hilfsgütern. Die Unterstützung von Katar und Kuwait war weniger überraschend: Katar und Iran unterhalten seit der Ächtung des Golfstaats durch seine Nachbarn enge Beziehungen, und Kuwait bemüht sich, soweit es geht, in dem Konflikt um Neutralität. Die VAE standen dagegen auf der Seite von Saudiarabien, wenn sie im Verborgenen auch um eine Deeskalation bemüht waren. Die Hilfe bot nun die Gelegenheit, ein öffentliches Zeichen in diese Richtung zu setzen. Dies passt auch zu den Bemühungen des Herrscherhauses, sich verstärkt mit humanitärer Hilfe zu profilieren. Dabei ist es auch bereit, rote Linien zu überschreiten und sich mit Israel einzulassen.

Austausch unter Fachleuten

Offiziell gilt Israel immer noch als Feind. Mitte Mai landete jedoch erstmals eine emiratische Frachtmaschine mit 16 Tonnen an medizinischer Hilfe für die Palästinenser in Israel.

Israelische Vertreter feierten den von der Uno vermittelten Jungfernflug als weiteres Indiz für das Tauwetter zwischen Israel und dem Golfstaat. Die Palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah fühlte sich freilich übergangen und lehnte die Annahme ab. Damit schoss die palästinensische Führung ein gewaltiges Eigentor. Der Vorfall macht freilich deutlich, wie schnell «humanitäre Diplomatie» im Nahen Osten an ihre Grenzen stossen kann.

Vielversprechender sind möglicherweise Kontakte zwischen Fachleuten. Nach Angaben des Sheba Medical Center in Tel Aviv, das als eines der besten Spitäler weltweit gilt, gab es in den letzten Wochen einen regen Austausch mit Vertretern von Bahrain und den VAE. Berichte über Kontakte mit Kuwait wollte das Spital nicht bestätigen, dementierte sie aber auch nicht. Israel steht in der Bewältigung der neuartigen Infektionskrankheit im Allgemeinen relativ gut da.

Gemäss der Johns-Hopkins-Universität liegt die Zahl der Infektionen pro eine Million Einwohner in den Golfstaaten um ein Vielfaches höher. In den VAE ist die Zahl etwa doppelt so hoch, in Kuwait und Bahrain mehr als drei Mal so hoch und in Katar zehnmal so hoch wie in Israel.

Israel ist guter Durchschnitt im Nahen Osten

Vergleicht man die Zahlen der getesteten Personen pro eine Million Einwohner, landet Israel nach den VAE, Bahrain, Katar und Kuwait freilich nur auf dem fünften Platz. Was es für die Fachleute in der Region dennoch attraktiv macht, sind seine Forschung und seine Innovation im Gesundheitssektor. Am Golf gebe es eine wachsende Bereitschaft, im Gesundheitsbereich mit Israel zu kooperieren, sagte der Leiter der internationalen Abteilung des Sheba-Spitals, Yoel Hareven, kürzlich. Die Öffnung sei der Beginn einer faszinierenden Reise. Wohin diese führt, ist freilich ungewiss.

Nach und nach heben die Länder im Nahen Osten die Bewegungseinschränkungen der letzten Monate auf und versuchen, zu etwas Normalität zurückzukehren. Dabei müssen sie feststellen, dass die Gefahr von Neuansteckungen mit Sars-CoV-2 keineswegs gebannt ist. Die Golfstaaten registrierten in den letzten Tagen jeweils Hunderte von Neuinfektionen, Saudiarabien sogar mehr als 1500. Israel verzeichnete zwar keinen derart starken Anstieg, aber seit dem Tiefstwert von fünf Neuinfektionen vor einer Woche sind die Zahlen wieder kontinuierlich angestiegen. Wie für Israel geht es für die Golfstaaten darum, eine zweite Infektionswelle zu verhindern. Das bietet theoretisch weitere Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch.

Das Virus mag die Konflikte in der Region etwas verdrängt haben, die Positionen der einzelnen Länder haben sich aber nicht geändert. Saudiarabien und in seinem Schlepptau Bahrain sind Katar so spinnefeind wie vor der Corona-Krise. Von einer Entspannung zwischen Riad und Teheran kann trotz der «Virus-Diplomatie» der Emirate ebenfalls keine Rede sein.

Unveränderte politische Verhältnisse

Ob Israel aus den Lockerungsübungen am Golf auch politisches Kapital schlagen kann, hängt von den Plänen der Regierung ab, Teile des Westjordanlands und das Jordantal zu annektieren. Die Palästinenser haben deswegen die Sicherheitskooperation aufgekündigt, die Arabische Liga und der jordanische König haben den Plan verurteilt. Dass die Emirate dabei nicht aus der Reihe tanzen, machte der Staatsminister für auswärtige Angelegenheiten Anwar Gargash unmissverständlich deutlich. «Das ständige Gerede über die Annektierung von palästinensischem Land muss aufhören», twitterte Gargash.

Jeder unilaterale Schritt Israels sei ein schwerer Rückschlag für den Friedensprozess, untergrabe die palästinensische Selbstbestimmung und stelle eine Zurückweisung des internationalen und arabischen Konsenses über Stabilität und Frieden dar.

Die israelische Rechte wischt die Ablehnung der arabischen Monarchen und Regierungsvertreter bis jetzt vom Tisch. Deren Erklärungen seien Lärm um nichts, am Ende werde die Annexion mit einem Wimpernschlag über die Bühne gehen, posaunen sie mit geschwellter Brust. Sie könnten sich täuschen. Dabei sollte sie die Erfahrung lehren: Porzellan, das man einmal zerschlagen hat, lässt sich im Nahen Osten nur schwer kitten.

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