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Wer ist schöner: USA oder China?

watson.ch-Logo watson.ch 18.05.2020 Philipp Löpfe

Teaserbild © watson/keystone/shutterstock Teaserbild Die Coronakrise wird zu einem Test für die Gesellschaftsmodelle der beiden Supermächte.

Der ehemalige amerikanische Finanzminister Lawrence Summers verglich kürzlich in einer Kolumne in der «Financial Times» die Coronakrise mit so bedeutenden Wendepunkten in der Geschichte wie der Ermordung des österreichischen Thronfolgers 1914 in Sarajevo, dem Crash von 1929 oder der Konferenz von München im Jahr 1938:

«Sollte sich das 21. Jahrhundert als ein asiatisches herausstellen, so wie das 20. Jahrhundert ein amerikanisches war, dann dürfte sich die Pandemie als Wendepunkt erwiesen haben. Wir durchleben nicht nur dramatische Zeiten, sondern auch einen Dreh- und Angelpunkt der Geschichte.»

Auf dem Prüfstand der Geschichte stehen zwei Gesellschaftssysteme. Obwohl sich China immer noch zum Kommunismus bekennt, ist der Gegensatz zwischen freier Marktwirtschaft und Sozialismus wenig zielführend. Es handelt sich um zwei verschiedene Formen von Kapitalismus, Staats- gegen privaten Kapitalismus.

Worum es geht, zeigt Branko Milanovic, einer der bedeutendsten Ökonomen der Gegenwart, in einem Essay in «Foreign Affairs» auf.

China ist ein sehr zentralistisch geführter Staat. Alle Wege führen nach Peking. Die Provinzfürsten erhalten von der Zentrale Vorgaben, die sie einhalten müssen. Wie sie das tun, ist ihre Sache, doch wenn sie diese Ziele verfehlen, gibt es mächtig Ärger.

Die Achillesferse dieses System hat sich beim Ausbruch der Epidemie gezeigt. Die Provinzfürsten wollten keinen Ärger mit Peking und versuchten, das Ganze zu vertuschen. Milanovic stellt fest:

«Die Provinz-Autoritäten reagierten zögerlich – oder gar mit Verleugnung – weil sie nicht den Eindruck erwecken wollten, sie hätten das Ganze nicht im Griff. Sie übermittelten so wenig Informationen über die mysteriöse Infektion an die Zentrale wie möglich, selbst als die Saat der Pandemie bereits ausgestreut war. Erst als es nicht mehr zu verhindern war, dass die Wahrheit ans Tageslicht kommt, schalteten sie die Zentrale ein.»

Sobald Peking Bescheid wusste, zeigte sich jedoch die Stärke des chinesischen Systems. Mit drastischen, zentralistischen Massnahmen wurde das Virus eingedämmt. Mit Erfolg: Obwohl es mehr als drei Mal so viele Chinesen wie Amerikaner gibt, sind die Opferzahlen in China sehr viel kleiner als in den USA. Milanovics Fazit:

«Um den Rückstand wettzumachen, reagierte Chinas zentrale Regierung effizient und professionell.»

Wie die Schweiz sind auch die Vereinigten Staaten ein prinzipiell föderalistischer Staat. Von Washington lässt man sich nur Dinge vorschreiben, wenn es nicht anders geht. Umgekehrt delegiert das Weisse Haus die Verantwortung nach Möglichkeit in die Hauptstädte der einzelnen Bundesstaaten.

Dieses System hat sich bei der Bekämpfung des Virus als extrem untauglich erwiesen. Präsident Trump hat nicht nur öffentlich erklärt, er übernehme keine Verantwortung, er hat es auch nicht getan. Stattdessen führte er täglich idiotische Pressekonferenzen durch und überliess die Arbeit weitgehend anderen.

Stupide Briefings: Präsident Trump. © Oliver Contreras / POOL/keystone-sda.ch Stupide Briefings: Präsident Trump.

Weil eine zentrale Führung fehlte, mussten sich die einzelnen Gouverneure gegenseitig um Masken, Schutzbekleidung und Beatmungsgeräte prügeln. Das erweist sich als extrem ineffizient: Die USA weisen heute die höchste Anzahl von Opfern weltweit auf. Deshalb sieht Milanovic China tendenziell als Gewinner des Systemwettbewerbs.

Ebenfalls in «Foreign Affairs» beschäftigt sich Kevin Rudd, der ehemaliger Premierminister von Australien, mit den Folgen der Pandemie für die beiden Supermächte. Für ihn gibt es nur Verlierer:

«Ob zuhause oder im Ausland, beide sind geschwächt. Und das Resultat wird sein, dass die Welt zunehmend in die globale Anarchie abgleitet, sei es im internationalen Handel oder beim Management der Pandemie.»

Vor allem der Niedergang der USA ist gemäss Rudd dramatisch:

«Mit Schrecken hat die Welt zugeschaut, wie der amerikanische Präsident nicht als Führer der freien Welt gehandelt hat, sondern als Scharlatan, der den Menschen nicht getestete Medikamente angepriesen hat. Die Welt hat erlebt, was ‹America First› in der Praxis bedeutet: Erwartet von den Vereinigten Staaten keine Hilfe in einer globalen Krise, denn sie können nicht einmal für sich selbst schauen.»

Das Versagen der beiden Supermächte sollte gemäss Rudd jedoch kein Grund für Schadenfreude sein. Im Gegenteil, er sieht die Gefahr eines neuen Kalten Krieges am Horizont aufsteigen. Die angeschlagenen Staatsoberhäupter werden nun versuchen, mit Chauvinismus ihr Image aufzupolieren.

Erste Anzeichen dafür gibt es bereits. Der US-Präsident weitet den Handelskrieg zunehmend auf die Finanzmärkte aus. So hat er den amerikanischen Pensionskassen untersagt, in den chinesischen Markt zu investieren. Ebenso denkt er laut darüber nach, chinesische Publikumsgesellschaften von den amerikanischen Börsen zu verbannen. Neuerdings will er gar alle Verbindungen zu China kappen.

Gleichzeitig greift Trump Peking immer heftiger an. Er spricht alternativ vom «Wuhan»- oder «China»-Virus, verlangt Reparationszahlungen von Peking oder behauptet gar, die Pandemie sei ein Angriff auf die USA, der «schlimmer sei als Pearl Harbour».

Leider nur eine Wandmalerei in Berlin. © ALEXANDER BECHER/keystone-sda.ch Leider nur eine Wandmalerei in Berlin.

Xi Jinping seinerseits lässt sich ebenfalls nicht lumpen. China rüstet nicht nur militärisch auf, es verteidigt seinen Platz in der Welt zunehmend militanter. Er bezeichnet seine Diplomaten neuerdings als «Wolfskrieger» und fordert sie auf, die Coronakrise mit Fake News und Attacken auf politische Gegner zu Chinas Gunsten umzudeuten.

Die nationalistische Rivalität der beiden Supermächte ist zu einer Gefahr für die Welt geworden. Kevin Rudd befürchtet einen Rückfall in dunkle Zeiten: «Werden die falschen Entscheide gefällt, dann werden die 2020er Jahre eine hirnlose Wiederholung der 1930er Jahre werden. Nur die richtigen Entscheide (eine Kooperation der beiden Supermächte, Anm. d. Verf.) könnten uns vor dem Abgrund retten.»

Der US-Präsident dankt für die Schweizer Unterstützun:. Trump im Rosengarten des Weissen Hauses in Washinghton. Nächste Geschichte

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