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Zuckerberg lag falsch: Nach Stämmen, Städten und Nationen kommt nicht die «global community». Wir kehren zu den Stämmen zurück

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 02.08.2020 Adrian Lobe

Amerikanische Konservative wenden sich von den grossen Online-Plattformen wie Twitter ab. Wohin das führt, zeichnet sich bereits ab: Die umstrittene Öffentlichkeit wird zur gesitteten Geschlossenheit.

Wenn wir uns digital zurückziehen und mit Gleichgesinnten verschanzen, geraten wir seltener in Streit. Doch genau so wenig stossen wir auf neue Erkenntnisse. Anthony Anex / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Wenn wir uns digital zurückziehen und mit Gleichgesinnten verschanzen, geraten wir seltener in Streit. Doch genau so wenig stossen wir auf neue Erkenntnisse. Anthony Anex / Keystone

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hegt die Vision, eine globale Gemeinschaft aufzubauen. In einem öffentlichen Beitrag entwickelte er 2017 die Utopie einer kulturübergreifenden Weltgemeinschaft, in der die Menschheit zusammenkommt. Nach Stämmen, Städten und Nationen, so sein geschichtlicher Abriss, sei nun die Zeit reif für die «global community».

Natürlich war klar, dass dieses idealistisch überzuckerte «Manifest» nicht viel mehr war als Eigen-PR. Und ebenso dass die Statik eines windschief konstruierten Hauses, unter dessen Dach über zwei Milliarden Menschen aus den verschiedensten Kulturen leben, unter Spannung geraten würde.

Zuckerberg, dessen Idealismus zuweilen etwas Doktrinäres hat, musste mittlerweile einsehen: Sein soziales Netzwerk wird von Personen bevölkert, die man nicht so gerne als Nachbarn hat. Auch Hetzer, Hassprediger, Rechtsextreme, Trolle, Terroristen tummeln sich auf Facebook.

Die Reaktionen der Plattformen

Nachdem namhafte Unternehmen mit der Kampagne «Stop Hate for Profit» zum Werbeboykott aufgerufen und Anzeigen bei Facebook ausgesetzt hatten, reagierte der Internetkonzern und sperrte 300 Konten der rechtsextremen Boogaloo-Bewegung, einer Truppe von Waffennarren im Hawaii-Hemd. Und Twitter hat jüngst Tausende Accounts der rechtsextremen Verschwörungsclique QAnon ausgesperrt.

Die sozialen Netzwerke sind einst mit dem Versprechen angetreten, geschlossene Diskussionsrunden zu öffnen und Hierarchien einzuebnen. Doch jetzt müssen sie angesichts von Verschwörungstheorien und Fakes feststellen, dass der herrschaftsfreie Diskurs womöglich eine Illusion war. Ganz ohne Hierarchie funktionieren Diskussionen eben doch nicht.

Ende Mai hat Twitter einen Tweet von US-Präsident Donald Trump mit einem Warnhinweis versehen. Jahrelang konnte Trump ungehindert Hassbotschaften und Verschwörungstheorien verbreiten – ohne dass der Kurznachrichtendienst interveniert hätte. Doch dann zog Twitter die Notbremse und unterzog Trump einem Faktencheck. Ein Affront. Trump feuerte postwendend zurück: Twitter, geiferte er, unterdrücke die Meinungsfreiheit und mische sich in den Wahlkampf ein.

Die Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley sehen sich schon länger mit dem Vorwurf konfrontiert, sie hätten eine antikonservative Haltung – eine Kritik, die, zumindest was die eigene Belegschaft betrifft, nicht ganz unberechtigt ist und durch die Intervention neue Nahrung erhielt.

Aus Ärger über diese als belehrend empfundenen Hinweise wandern Konservative in Scharen zu alternativen Plattformen wie Parler ab. Renommierte Politiker wie der republikanische Senator Ted Cruz sowie der ehemalige Breitbart-Journalist und Blogger Milo Yiannopoulos, der von Twitter gesperrt wurde, haben dort Accounts eröffnet.

Cruz sagte in einem raunenden Video: «Twitter, Facebook, Google, Youtube – dies sind einige der meistbesuchten Seiten der Welt, geführt von linkslastigen Silicon-Valley-Milliardären. Sie haben eine beispiellose Fähigkeit zu formen, was Amerikaner sehen, hören und letztlich denken. (. . .) Lasst uns die Silicon-Valley-Zensur beenden!»

Der Konflikt wirft ein Schlaglicht auf eine digitale Debattenkultur, in der es längst nicht mehr um das Ringen um das beste Argument geht, sondern um die Legitimierung bzw. Delegitimierung von Sprecherpositionen, um Deutungshoheit über Wahrheit, Fakten und Geschichte.

Digitaler Stellungskrieg

Die politische Willensbildung im Netz ist zum Kulturkampf degeneriert: Klimaschützer und Klimaleugner stehen sich in den digitalen Schützengräben ebenso unversöhnlich gegenüber wie Feministen und Genderkritiker, Rassismusgegner und Identitäre. Es tobt ein zäher Abnutzungskrieg. Die Geländegewinne sind minimal, doch der stete Strom an Nachrichten sorgt zuverlässig für Munitionsnachschub.

Zuckerberg schreibt in seinem «Manifest»: «Wenn wir uns mit Menschen über das vernetzen, was wir gemeinsam haben – Sportteams, TV-Shows, Interessen –, dann ist es einfacher, einen Dialog darüber zu führen, worin wir nicht übereinstimmen.» Nichts illustriert den Konstruktionsfehler sozialer Netzwerke besser als dieser Satz. Denn die algorithmisch optimierte Gruppierung gleichgesinnter Menschen hat ja offensichtlich nicht die Dialogfähigkeit der digitalen Gesellschaft verstärkt. Im Gegenteil, sie hat zu einer zunehmenden Polarisierung und Fragmentierung geführt.

Zugegeben: Plattformen wie Facebook oder Twitter waren nie ein repräsentatives Abbild der Gesellschaft. Gemäss einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center sind Twitter-Nutzer jünger, gebildeter und wohlhabender als der amerikanische Durchschnitt. Auch neigen sie mehr den Demokraten als den Republikanern zu.

Menschen mit geringem Einkommen, niedriger Bildung und weisser Hautfarbe sind in dem Kurznachrichtendienst unterrepräsentiert. Das heisst, die Themen, die auf Twitter verhandelt werden, sind auch tendenziell eher Themen, die in den liberaleren und wohlhabenderen sozialen Milieus diskutiert werden (zum Beispiel Genderthemen).

Das sorgt dafür, dass sich wertkonservative Milieus, die in dem Kurznachrichtendienst mitdiskutieren wollen, wenn nicht zahlenmässig, so doch habituell marginalisiert fühlen, weil sie bestimmte Codes nicht beherrschen. Und daher rührt auch das diffuse Gefühl, dass bestimmte Dinge im Netz nicht mehr sagbar sind, weil sie schlicht weniger rezipiert werden.

Man kann es sich wie in einem Fussballstadion vorstellen: Wenn die Anhänger der Heimmannschaft ihr Team anfeuern, müssen die Gästefans umso lauter brüllen, um sich im Stadionrund Gehör zu verschaffen. Genauso ist es in der politischen Arena der Netzöffentlichkeit: Die eher liberalen Akteure geben den Ton an, weshalb die Nutzer am rechten Rand immer lauter trommeln.

Blockieren ist noch Kommunikation

Doch zumindest findet noch Kommunikation zwischen den verfeindeten Lagern statt. Selbst wenn man einen Nutzer blockiert, ist das noch eine Form der sozialen Interaktion. Wenn nun aber immer mehr konservative Nutzer Plattformen wie Facebook oder Twitter den Rücken kehren und sich in alternativen Foren organisieren, droht die Öffentlichkeit in immer kleinteiligere Neben- und Scheinöffentlichkeiten zu zerfallen – in homogene «gated communities», in denen man gar nicht merkt, was auf der anderen Seite der Mauer stattfindet. Die Diskussionen verlaufen dann zwar gesitteter, sind aber auch tendenziell selbstreferenzieller.

Twitter und Facebook könnten zu Wohlfühlveranstaltungen verkommen, wo man sich in einem geschützten Bereich seiner Werte versichert und mit jedem Like die eigene Toleranz beklatscht: Drinnen dudelt der Gospel der Weltoffenheit, während draussen vor den Toren der Hass lodert. Ein Disneyland, perfekt inszeniert von Algorithmen. Nicht der Zugang zur Öffentlichkeit ist dann entscheidend, sondern die Zugehörigkeit zu einer Gruppe; die umstrittene Öffentlichkeit wird zur gesitteten Geschlossenheit.

Die Gefahr dieser Ghettoisierung der (Netz-)Öffentlichkeit besteht nicht nur in einer Tribalisierung und Ideologisierung von Gemeinschaften. Sie findet sich auch im schleichenden Bedeutungsverlust der Öffentlichkeit als Verhandlungsraum für Werte.

Wo man seine Truppen im eigenen Kasernenhof versammelt, braucht man den öffentlichen Raum allenfalls noch als erweiterte Kampfzone. Es scheint, als hätte Zuckerberg in seiner historischen Aufzählung lediglich die Reihenfolge verwechselt: Von den Nationen und Städten führt die Entwicklung zurück zu Stämmen.

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