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Öl-Branche in der Krise: Wo sich jetzt Invest-Chancen bieten

Handelszeitung-Logo Handelszeitung 05.06.2020 Alex Reichmuth
Ölförderung: Die Branche steckt in der Krise. © Getty Images Ölförderung: Die Branche steckt in der Krise.

Öl-Firmen stehen unter Druck: Klimaproteste, Nachfragekollaps und negative Preise. Trotzdem haben Anleger Optionen für Profit mit gutem Gewissen.

In diesen Zeiten hat «Big Oil» gleich zwei Probleme. Zum einen stehen die grossen, integrierten Mineral­ölkonzerne als Klimasünder am Pranger. Ob die Gesellschaft bis in einigen Jahrzehnten es noch erlaubt, fos­sile Brennstoffe zu fördern und zu ver­kaufen, ist ungewiss.

Zum anderen ist der Ölpreis wegen Corona ins Bodenlose gefallen. Das hat sich verheerend auf die Aktienkurse dieser Firmen ausgewirkt. Kein Zweifel: Das Ölbusiness ist in einer Krise.

Um über 50 Prozent sind Titel wie BP, Shell oder Exxon auf dem Höhepunkt der Krise getaucht und auch heute noch stehen sie gegenüber den Kursen zu Beginn des Jahres um 20, 30 oder gar über 40 Prozent im Minus. Sind solche Umstände Grund genug, um die Finger von Inves­titionen in die Ölbranche zu lassen?

Oder bieten sich für Anleger gerade jetzt inte­ressante Gelegenheiten, gewinnträchtige Aktien zu kaufen – in der Überzeugung, dass die Nachfrage nach Öl und Gas mangels valabler Alternativen noch viele Jahre auf hohem Niveau bleiben wird?

Musterschüler Shell und BP

«Shell tötet!» – so tönte es im April 2019 vor dem Sitz des britisch-niederländischen Konzerns in London. Klimaaktivisten besprühten Wände mit Graffiti und prangerten Shell als einen Hort von «Kriminellen» an. Auch die britische Firma BP bekam ihr Fett ab, erfolgten doch gegen diesen Energiekonzern ebenfalls Klimaproteste. Das Londoner Hauptquartier war deswegen während Stunden lahmgelegt.

Dabei gehören Shell und BP in der Ölbranche zu den Musterschülern, was das Entgegenkommen in der Klimaproblematik angeht. Zumindest unternehmen die europäischen Konzerne deutlich grössere Anstrengungen, sich in die klimaneutrale Welt einzufügen, als ihre US-Konkurrenten wie Exxon Mobil oder Chevron.

Ist ein Investment in die Ölbranche moralisch noch zulässig?

► Daniel Benz, Zürcher Kantonalbank: «Die Welt wird auf absehbare Zeit noch auf Öl angewiesen sein. Von daher macht eine Geldanlage in dieser Branche Sinn. Wer mit besserem Gewissen investieren will, kann gezielt fortschrittliche Konzerne berücksichtigen. Dies sollte sich auch performancemässig auszahlen.»

► André Frick, Vontobel: «Fossile Brennstoffe machen über 80 Prozent der weltweit verbrauchten Energie aus. Wir haben vorläufig keine Alternative dazu. Ein Ziel muss sein, Kohle durch Gas und alternative Energien zu ersetzen, denn Kohle setzt am meisten CO₂ frei. Öl hat als zweitgrösster Emittent nur zweite Priorität. Es lohnt sich, beim Investieren auf Nachhaltigkeitskriterien zu achten.»

► Rudolf Leemann, UBS: «Es muss den Anlegern überlassen werden, ob sie in die Ölbranche investieren wollen. Diese stellt sich auf den Standpunkt, dass es einen Markt für ihre Produkte gibt, den die Konsumenten geschaffen haben. Die Produkte sind nun mal mehrheitlich klimaschädigend. Aber die Konzerne verbessern den Umwelteinfluss ihrer Wertschöpfungskette und passen ihr Geschäftsmodell der Energiewende an.»

► Sandro Merino, Basler Kantonalbank: «Eine Investition in aufgeschlossenere Firmen wie Shell oder BP kann kompatibel mit den Klimazielen sein. Denn für die Energiewende braucht es viel Kapital – und solche Unternehmen stecken viel Geld in Wind- und Solaranlagen. Aber man muss natürlich vom Transformationsprozess dieser Firmen überzeugt sein, wenn man in sie investiert.»

► Matthias Müller, St.Galler Kantonalbank: «Jeder Investor muss mit sich selber ausmachen, ob er in die Ölbranche investieren will. Wir nutzen dauernd Produkte, die aus Öl entstehen, sei es Benzin, Kerosin oder Plastik. Diese Produkte zu benutzen, aber Investments in die Ölbranche komplett abzulehnen, ist inkonsequent.»

So kündigte Shell bereits im März 2019 an, sich bis in 15 Jahren zum weltgrössten Stromproduzenten zu wandeln. Der ­Konzern will zudem jährlich bis zu 3 Milliarden Dollar für neue Energien ausgeben, was knapp 10 Prozent seines Gesamtbudgets ausmacht. Zudem hat sich Shell das Ziel gesetzt, den CO₂-Ausstoss beim Verbrauch seiner Produkte bis 2035 um 20 Prozent und bis 2050 um 50 Prozent zu reduzieren.

«Wenn wir nicht Schritt halten mit dem gesellschaftlichen Wandel oder nicht die gewünschten Produkte für die Energiewende bieten, könnte sich das ­wesentlich auf unsere Finanzlage aus­wirken», heisst es mahnend in einem ­Geschäftsbericht von Shell.

Üppige Gewinnausschüttungen

Das Unternehmen BP, das sich vor zwanzig Jahren unter dem Slogan «Beyond Petroleum» eine blutige Nase mit Investments in erneuerbare Energie geholt hat, ist daran, Shell punkto grüner Engagements gar zu überholen. Im Februar kündigte der neue Konzernchef Bernard Looney an, «BP zu einer Kraft des Guten in einer klima­neutralen Welt zu machen».

Alle von BP ­geförderten Kohlenwasserstoffe sollten bis Mitte des Jahrhunderts nicht nur klima­neutral produziert, sondern auch so verbraucht werden. Möglich sein soll das mittels Effizienzgewinnen, CO₂-Speicherung und Kompensationen. «Viele halten uns für ­einen Teil des Problems», verkündete Looney. «Lassen Sie mich deutlich sein: Ich habe verstanden.»

Solche Töne mögen einem Teil der Investoren im Ölbusiness gefallen – etwa denjenigen, die in der Gruppe Climate Action 100+ engagiert sind und von den Konzernen einen grünen Kurswechsel verlangen. An­dere Anleger rümpfen darüber aber die Nase.

Viele von ihnen sind vor allem an üp­pigen Gewinnausschüttungen interessiert und blicken darum mit Sorge auf die Ausgaben für Alternativenergie, weil hier die Rentabilität weitaus geringer ist als im ­traditionellen Geschäft.

Anzumerken ist, dass alle grossen Ölkonzerne noch immer weitaus am meisten Geld ausgeben, um fossile Brennstoffe zu finden, zu fördern und zu verarbeiten, und von daher auf ­absehbare Zeit wohl «Cash-Maschinen» bleiben werden. Ob die Welt bis in dreissig oder vierzig Jahren wirklich wegkommt von fossilen Brennstoffen, muss sich erst noch zeigen.

Analysten und Anlageexperten geben sich zurückhaltend

Zumindest kurzfristig ist es allerdings vorbei mit dem grossen Reibach im Öl­geschäft. Schon vor der Corona-Krise bewegte sich der Ölpreis auf einem vergleichsweise tiefen Niveau. Der weltweite Shutdown liess die Leute dann zu Hause bleiben, was den Benzin- und den Kerosinverbrauch regelrecht einsacken liess. Der Welthandel stockte. Die Nachfrage nach Öl tauchte um 25 bis 30 Prozent.

Der Ölpreis (Sorte Brent) sank auf 20 Dollar pro Barrel (159 Liter), in Nordame­rika resultierten bei den Futures der Sorte WTI kurzfristig gar negative Preise. Die im Kartell Opec+ organisierten Förderländer haben im April zwar eine Reduktion des Angebots um 10 Prozent beschlossen, doch die Kürzung ist weit kleiner als der Einbruch bei der Nachfrage. Der Ölpreis hat sich inzwischen nur ein Stück weit erholt und liegt bei etwas über 30 Dollar.

So beurteilen Banken die Attraktivität der «Big Five»

Shell (NL/UK) Sowohl die St.Galler Kantonalbank (SGKB) als auch die Zürcher Kantonalbank (ZKB) und die Basler Kantonalbank (BKB)* empfehlen diesen Titel. Die SGKB spricht von einer günstigen Bewertung der Aktie. «Shell hat hochwertige Assets im Portfolio, ein gutes Management und generiert solide Cashflows», sagt André Frick von Vontobel Asset Management. Das Engagement der Firma im Bereich Alternativenergie wird einhellig gelobt.

BP (UK) Die SGKB hat BP auf neutral gestellt, die ZKB spricht von einem «wenig interessanten» Titel. Empfohlen wird BP jedoch von der BKB und der UBS. «Das Unternehmen hat sich verjüngt. 

Es hat einige signifikante Veräusserungen gemacht, aber auch Akquisitionen getätigt und neue Projektentwicklungen initiiert», schreibt die UBS.

Total (F) Die ZKB bezeichnet den Titel als «Topfavorit». Die Dividendenrendite mit über 8 Prozent sei sehr attraktiv. Auch die BKB und die UBS empfehlen Total. «Der Konzern kann durch die relativ tiefe Verschuldung sowie die moderate Kostenstruktur eine hohe Dividende ausschütten und richtet sich mit der steigenden Stromproduktion proaktiv für die Zukunft aus», lobt die BKB. André Frick von Vontobel Asset Management bezeichnet Total ebenfalls als attraktiv und spricht von einem «soliden Unternehmen mit guter Bilanz, guten Projekten, ausgezeichnetem Management und solider Cashflow-Generierung». Die SGKB stuft den Titel als neutral ein.

Exxon Mobil (USA) Für die SGKB und die ZKB drängt sich der Titel nicht auf. «Mit dem grundsätzlichen Festhalten an der massiven Investitionsoffensive stösst Exxon Mobil bei den Investoren weiterhin auf viel Skepsis», schreibt die ZKB. «Die Aktie ist im Peer-Vergleich überbewertet.» Die BKB hat den Titel auf «marktgewichten» gestellt: Exxon Mobil könne operativ nicht mehr richtig überzeugen.

Chevron (USA) Die SGKB und die ZKB geben keine Kaufempfehlung für Chevron ab. «Die Fundamentaldaten sind zwar gut, aber viele gute Nachrichten sind mittlerweile im Kurs enthalten», so die ZKB. André Frick von Vontobel Asset Management merkt an, dass Chevron wie auch Exxon Mobil stärker im Schieferölgeschäft engagiert sind als ihre europäischen Pendants, was im gegenwärtigen Umfeld die höheren Kurs-Gewinn-Verhältnisse im Vergleich zu den Europäern nicht rechtfertige.

*Die BKB betont, dass sie auf nachhaltige Anlagestrategien setzt, bei denen der fossile Sektor von untergeordneter Bedeutung ist. Die Bank analysiert diesen Sektor vornehmlich für die Beratung von Kunden, die in Eigenregie investieren.

Die Aktien der grossen Ölfirmen hinken darum ihren Kursen, die sie vor der Corona-­Krise hatten, noch immer deutlich hinterher. Wie es weitergeht mit den Titeln, hängt wesentlich davon ab, ob und wie schnell das Virus besiegt wird. Entsprechend zurückhaltend geben sich Analysten und ­Anlageexperten, was ein finanzielles Engagement in der Ölbranche angeht.

«Tiefe Aktienkurse sind grundsätzlich ein gutes Umfeld, um zu investieren», sagt André Frick, Aktienanalyst bei Vontobel Asset Management. «Aber es gibt grosse Unsicherheiten, und das ist normaler­weise Gift für Investoren.» Es gelte, Firmen auszusuchen, die tiefe Breakeven-Kosten aufwiesen, also niedrige ­Ölproduktionskosten. Zudem sollten die berücksichtigten Unternehmen eine gesunde Bilanz haben und breit diversi­fiziert sein, so Frick.

«Man muss bereit sein, Risiken einzugehen», sagt Rudolf Leemann, Analyst bei der UBS. «Kurzfristig wissen wir gar nicht, wohin sich der Ölpreis und die Kurse der Ölmultis entwickeln.» Es gelte darum, Firmen auszusuchen, die nicht darauf angewiesen seien, dass sich der Ölpreis schon in den nächsten Monaten erhole.

«Langer Schnauf» ist nötig

Es brauche einen «langen Schnauf» bei Investitionen in «Big Oil», sagt Matthias Müller, Finanzanalyst bei der St. Galler Kantonalbank (SGKB). Bevor das Ölgeschäft wieder auf Touren komme, sei ein neues Marktgleichgewicht notwendig: «Einerseits muss die Nachfrage zurückkommen. Anderseits sind wohl weitere Förderkürzungen nötig.» Solange die Welt aber auf Öl und Ölprodukte angewiesen sei, mache es durchaus Sinn, in ausgewählte Firmen in diesem Bereich zu investieren.

Es sei wahrscheinlich, dass die Corona-­Krise bis in zwei Jahren überwunden sei, meint auch Sandro Merino, Anlagechef der Basler Kantonalbank (BKB). «Ein Investment in der Ölbranche ist von daher eine Wette auf die Erholung der Wirtschaft.» Das gelte aber für den Aktienmarkt insgesamt. Wer die Anlagethese vertrete, dass dieje­nigen Titel sich am meisten erholen, die am meisten verloren haben, sei nicht zwingend auf das Ölbusiness angewiesen.

Daniel Benz, Rohstoffanalyst bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB), weist darauf hin, dass sich die grossen Öl- und Energiekonzerne schon in der Ölpreis-Baisse vor fünf Jahren fitgetrimmt hätten. «Sie haben damals die Kosten deutlich gesenkt.» Die Branche leide zwar in der gegenwärtigen Krise. Sie sei wegen der Restrukturierungen aber in besserer Verfassung als noch vor ein paar Jahren, sagt Benz. «Es geht nicht um das Überleben von Big Oil.»

Kleinere Unternehmen bald wieder gewinnbringend

Das Ölbusiness besteht allerdings nicht nur aus den sogenannten Supermajors, also den grössten Mineralölkonzernen, sondern auch aus vielen etwas kleineren Zulieferern. Zu ihnen zählen Servicefirmen wie Halliburton, Schlumberger oder Transocean, die Ölfelder explorieren oder Bohrtürme liefern.

Daneben gibt es namentlich in den USA eine Reihe von Unternehmen, die auf die Ölproduktion fokussieren – wie Chesapeake Energy, Occidental Petroleum oder Devon Energy. An der Börse haben solche Titel noch stärker nach unten reagiert als die grossen Shell, BP, Total, Exxon und Chevron: Ihre Kurse sind um bis zu 90 Prozent gefallen.

Die Investoren erachten es offenbar als sehr unsicher, dass solch kleinere Unternehmen bald wieder gewinnbringend arbeiten können. Insbesondere bei der Förderung von Schieferöl und Ölsand liegen die Produktionskosten denn auch deutlich höher als die jetzigen Marktpreise.

Die angefragten Analysten raten mehrheitlich zur Zurückhaltung, was Investi­tionen in die kleineren Service- und Produktionsunternehmen angeht. «Die meisten von ihnen haben keine Alternative zur Ölexploration», sagt Sandro Merino von der BKB. Es bestehe die Gefahr, dass ihnen bis in einigen Jahren das Geschäftsfeld ­abhandenkomme.

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