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Alter Nato-Bunker war Server-Paradies für Dealer und Rechtsextreme

20 Minuten-Logo 20 Minuten 15.05.2020

Ein Cyberbunker in Rheinland-Pfalz beherbergte neben Drogen- und Waffenmarktplätzen auch einen Server der rechtsextremen «Identitären Bewegung». Der Besitzer der Anlage gibt an, von den Inhalten nichts gewusst zu haben.

Drogendelikte, Handel mit Falschgeld und gestohlenen Daten, Mordaufträge, Waffenhandel sowie Verbreitung von Kinderpornografie: In einem ehemaligen Nato-Bunker in der idyllischen Ortschaft Traben-Trarbach in Rheinland-Pfalz betrieb ein Holländer eine unterirdische Anlage mit rund 2000 Servern, über die Kriminelle aus aller Welt millionenschwere illegale Geschäfte abwickelten. Neben verschiedenen Darknet-Marktplätzen beherbergte das Rechenzentrum auch Inhalte der rechtsextremen «Identitären Bewegung», wie der Sender ARD am Freitag berichtete.

Den Fall machte die deutsche Bundeskriminalamt BKA : Die Behörden führten Ende September eine filmreife Razzia durch, bei der 650 Polizisten den Cyberbunker stürmten. Es wurden insgesamt acht Tatverdächtige festgenommen, darunter der Besitzer des kriminell betriebenen Rechenzentrums, Herman-Johan X.

Herman-Johan X. sitzt seit Ende September 2019 in Untersuchungshaft. © Screenshot ARD Herman-Johan X. sitzt seit Ende September 2019 in Untersuchungshaft.

Der 60-jährige Holländer hatte die 12'500 Quadratmeter grosse Bunkeranlage der deutschen Bundeswehr 2013 abgekauft. Für 450'000 Euro. Jahrelang wurde darüber im Dorf gemunkelt, dass X. im Bunker Drogen anbaue oder sogar radioaktiven Müll lagere. Der Bürgermeister des Moselortes, Patrice Langer, meldete sich zum Besuch an - zu seiner grossen Überraschung bot X. ihm einen Rundgang an. «Wir konnten hinter jeder Türe schauen und es war nichts Offenkundiges, was uns hätte stutzen lassen können», erzählt Langer. Keine Drogen, nur Rechner.

Auf seiner Website beschrieb Herman-Johan X. seine Anlage als «Bulletproof Hoster», der seiner Kundschaft Anonymität garantiert. Bulletproof bedeutet, dass Inhalte von Kunden vor äusseren Angriffen, auch etwa durch Strafverfolgung, geschützt werden. Eine der berüchtigtsten Sites, die von X. gehostet wurde, war «Wall Street Market», der zweitgrösste Online-Drogenmarkt der Welt. Die Website funktionierte wie eine Art Amazon: Es wurden unter anderem Methamphetamin, Kokain, Heroin und MDMA von verschiedenen Anbietern vermittelt, bezahlt wurde ausschliesslich mit virtuellem Geld wie etwa Bitcoins. Die Drogen kamen dann per Post zum Kunden.

Die Polizei hatte von Anfang an Hinweise auf illegale Drogengeschäfte bekommen. Erst zwei Jahre nach Beginn der Ermittlungen kam aber der grosse Durchbruch: Den Behörden gelang es, ein zentrales Datenkabel des Bunkers von aussen anzuzapfen. Es sprudelten zwei Millionen Gigabyte an Daten - den Ermittlern wurde sofort klar, dass X. in seiner Anlage offenbar ein spurensicheres Versteck für weltweite Internetverbrechen geschaffen hatte.

Das deutsche Bundeskriminalamt sperrte sämtliche illegale Seiten auf den Servern in X.s Bunkeranlage. © Screenshot BKA Das deutsche Bundeskriminalamt sperrte sämtliche illegale Seiten auf den Servern in X.s Bunkeranlage.

In der ersten Aprilwoche erhob die Landeszentralstelle Cybercrime der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz Anklage gegen die Tatverdächtigen. Die vier Niederländer, drei Deutschen und ein Bulgare im Alter von 20 bis 60 Jahren müssen sich wegen Beihilfe zum Drogenhandel sowie wegen Gründung einer kriminellen Vereinigung verantworten.

Wir hatten ein reines Gewissen und waren alle im Glauben, legal und korrekt zu handeln.

Für eine Verurteilung muss man Hauptakteur Herman-Johan X. nachweisen, dass er von den illegales Sites in seinem Bunker wusste. Gegenüber dem «Spiegel» äusserte sich der Niederländer aus der U-Haft: «Unsere Server müssen Sie mit Bank-Schliessfächern vergleichen. Kein Bankmitarbeiter prüft nach, was sich in den Schliessfächern befindet. Wir hatten ein reines Gewissen und waren alle im Glauben, legal und korrekt zu handeln.»

Seine Version der Dinge ist schwer zu glauben, aber Zweifel reichen vor Gericht nicht. Die Ermittler müssen nun Beweise vorlegen, dass X. und seine Mitarbeiter wussten, was auf den Servern passierte. Wie der «Spiegel» berichtet, dauere die Auswertung der Cyberbunker-Server zwar noch an, doch bis jetzt hätten die Ermittler «keine einzige legale Seite» gefunden. Der Prozess soll noch in diesem Jahr beginnen.

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