Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

«Okay, Sie haben Angst», sagt Klaus, «wenn man eine erste Investition macht, fühlt es sich immer so an.» - mit welchen Tricks uns Anlagebetrüger in die Falle locken wollen

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 27.07.2020 Florian Schoop, Fabian Baumgartner

Online-Anlagebetrüger versprechen schnellen Reichtum und knöpfen ihren Opfern die gesamten Ersparnisse ab. Doch wie funktioniert die Masche? Wir haben uns mit den Tätern in Verbindung gesetzt.

Der Betrug ist nur ein paar wenige Klicks entfernt: Einschlägige Plattformen locken mit dem schnellen Reichtum. Christoph Ruckstuhl / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Der Betrug ist nur ein paar wenige Klicks entfernt: Einschlägige Plattformen locken mit dem schnellen Reichtum. Christoph Ruckstuhl / NZZ

Der Weg zum Ruin ist gepflastert mit den blumigsten Versprechungen. Schnell reich werden, mit dreissig in Frührente gehen, ein Luxusauto kaufen. All das versprechen dubiose Webseiten im Internet.

So auch die Plattform «Bitcoin Revolution». Auf professionell geschossenen Porträts sind junge, glückliche Menschen zu sehen – alles angeblich erfolgreiche Krypto-Investoren. «Nun weiss ich endlich, wie es ist, seinen Traum zu leben», schreibt etwa Emil G. aus München. Es scheint so einfach: Alles, was es braucht, sind ein paar hundert Euro Startkapital – und die fetten Renditen kommen von alleine.

Doch die Investitionen ins angebliche Glück enden im finanziellen Desaster. Zurück bleiben zerstörte Existenzen.

Inzwischen stapeln sich bei den Ermittlern die Akten zu den Betrugsfällen. Allein im Kanton Zürich sind 246 Strafverfahren im Zusammenhang mit sogenanntem Online-Anlagebetrug aktenkundig. Es sind jene Fälle, welche die Behörden seit Beginn des Jahres 2018 registriert haben. Die Schadenssumme beträgt rund 46 Millionen Franken. Doch die Dunkelziffer dürfte hoch sein.

Auch schweizweit gibt es einen Trend. Laut dem Bundesamt für Polizei sind in den letzten zwei Jahren rund 1000 Anzeigen im Bereich Cyberanlagebetrug eingegangen. Die Zahl ist jedoch unvollständig, noch nicht alle Kantone haben ihre Fälle übermittelt.

Wer sind die Betrüger? Wer steckt hinter dem Phänomen des Online-Anlagebetrugs, das laut Schätzungen jährlich weltweit Schäden im Milliardenbereich verursacht? Wir haben mit Ermittlern und Staatsanwälten gesprochen, haben auf einschlägigen Webseiten recherchiert – und wir haben uns als Kunden bei einer mutmasslich betrügerischen Handelsplattform registriert. Zum Vorschein gekommen ist eine professionelle kriminelle Maschinerie, die sich die Digitalisierung zunutze macht.

Eine Google-Suche, und man ist in den Fängen der Betrüger

Als wir uns auf die Suche nach den Plattformen machen, merken wir schnell: Der Betrug lauert nur ein paar Klicks entfernt. Wir geben auf Google «in Bitcoin investieren» ein und gelangen sogleich auf ein paar marktschreierische Seiten – unter anderem auf die Homepage «Bitcoin Revolution». Alles kommt etwas zu bunt, zu dick aufgetragen daher, um seriös zu wirken. Dennoch ist die Webseite professionell gestaltet. «Du könntest der nächste Millionär sein», heisst es da, «ändere dein Leben heute». Nach nur drei Schritten ist man dabei.

Um herauszufinden, mit welchen Tricks hier gearbeitet wird, entschliessen wir uns zur Anmeldung. Wir geben Vorname, Nachname und E-Mail-Adresse an und erhalten sogleich ein Passwort. Danach verlangt der Anbieter eine Handynummer. Wir tippen sie ins Feld, klicken auf «Weiter» – und schon wird unser Profil für eine Handelsplattform erstellt.

Eine Minute später klingelt bereits unser Telefon. Auf dem Display erscheint eine Nummer. Sie beginnt mit +44, der Vorwahl für Grossbritannien. Ein Mann meldet sich, auf Deutsch, mit osteuropäischem Akzent.

Hallo?

Schönen guten Tag, ich grüsse Sie von Grandefex, der Bitcoin-Software. Ich rufe Sie in Bezug auf ihre Handelskontoregistrierung an. Richtig?

Grandefex, das ist der Finanzdienstleister, der hinter «Bitcoin Revolution» steckt. Nach unserer Anmeldung wurden wir direkt auf diese Handelsplattform weitergeleitet, hier hat man ungefragt gleich ein Konto für uns eröffnet. Im Hintergrund ist der typische Callcenter-Sound zu hören, ein Sprachenwirrwarr wie in einem vollen Restaurant.

Sie sind gerade auf unserer Plattform, richtig?

Ja. Ich habe mich jetzt da angemeldet.

Wissen Sie, wie unsere Software funktioniert?

Nein, ich weiss nicht, wie das funktioniert.

Das ist eine Software, die automatisch die Bewegung des Bitcoins berechnet, ob der Kurs also nach oben oder nach unten geht. Wenn Sie in der richtigen Zeit kaufen und verkaufen, machen Sie einen Profit. Sie müssen sich nur auf Ihrem Handelsportal einloggen und dort Ihr Kapital verfolgen. Alles andere läuft automatisch. Haben Sie ein bestimmtes finanzielles Ziel, das Sie erreichen wollen?

Nein, nicht wirklich.

Okay, wir empfehlen immer, mit dem Mindestkapital zu starten. Das sind 99 Euro. Sie können Visa oder Mastercard verwenden. Welche Karte möchten Sie nehmen?

In Wahrheit gibt es keinen Kurs, keinen Gewinn

Das Ziel ist klar: Wir sollen möglichst schnell einen relativ tiefen Betrag einzahlen. Dies ist quasi der kleine Finger, den man den Betrügern reicht. Eine Masche, die auch André Basler kennt. Basler arbeitet bei der Ermittlungsabteilung für Wirtschaftskriminalität der Kantonspolizei Zürich und hat täglich mit Anlagebetrugsfällen im Internet zu tun.

Er sagt: «Mit dem tiefen Betrag versuchen die Betrüger das Vertrauen zu gewinnen. Sie sagen: Schaut doch erst mal, ob das was für euch ist.» Schon wenige Tage später wird den Anlegern weisgemacht, dass sie hohe Profite erwirtschafteten. Sie sehen in ihrem Anlegerkonto, wie der Kurs steigt, wie die Kurve ihrer Investition steil nach oben geht. In Wahrheit gibt es keinen Kurs, keinen Gewinn. Alles ist erlogen.

Euphorisiert von den vermeintlichen Profiten sind die Anleger bereit, mehr einzuzahlen. Nun hat die Stunde der Broker geschlagen. Die angeblichen Finanzprofis stellen zu ihren Kunden ein Vertrauensverhältnis her, fragen, wie es den Kindern geht, und erzählen aus ihrem eigenen, erfundenen Leben. Gleichzeitig fordern sie ihre Kunden auf, mehr zu investieren. Der Moment sei gerade sehr günstig. Man müsse sofort handeln. Ermittler Basler sagt: «Es wird immer mehr Druck aufgebaut und auf weitere Investitionen gedrängt.» Manchmal würden gar kleinere Beträge ausbezahlt, um das Vertrauen weiter zu steigern.

Wer sind die Menschen, die uns mit Mails und Anrufen eindecken? In unserem ersten Telefonat erklärt der Grandefex-Berater, er wohne in Luxemburg. Dies sei auch der Sitz der Firma, ein Unternehmen, das angeblich vor drei Jahren gegründet wurde und laut eigenen Angaben über mehr als 800 000 Kunden verfügt. Auf der Webseite hingegen steht, der Sitz von Grandefex befinde sich auf dem ostkaribischen Inselstaat Dominica. Die Alarmzeichen sind also bereits nach dem ersten Anruf vorhanden.

Wer die Firma im Internet googelt, stösst auf zahlreiche schlechte Bewertungen und Warnungen. «Ich habe das Konto gekündigt und um Rückzahlung gebeten», schreibt ein User bei der Vergleichsplattform Stiftung Warentest, «da tut sich leider bis heute gar nichts. Gehe jetzt zum Anwalt und zur Polizei.» Auch auf der Bewertungsseite Trustpilot sind nebst einigen positiven Rückmeldungen mutmasslicher Kunden auch viele negative zu lesen («Lassen Sie die Finger von Grandefex!»).

Eine Antwort bleibt aus

Die Behörden sind inzwischen auf das Unternehmen aufmerksam geworden. Die britische Finanzmarktaufsichtsbehörde FCA etwa hat das Unternehmen auf ihre Warnliste gesetzt. Eindringlich rät auch Patrick Wilson von der Nutzung der Handelsplattform ab. Er ist Rechtsanwalt bei der deutschen Herfurtner-Kanzlei und hat sich auf die Machenschaften der Anlagebetrüger spezialisiert.

Wilson sagt: «Bei Grandefex handelt es sich unserer Einschätzung nach um eine betrügerische Plattform.» Wilsons Kanzlei vertritt rund zwanzig Anleger, die bei diesem Anbieter ihr Geld verloren haben. Die ersten Anfragen zu Grandefex seien im Mai eingetroffen. Doch der Rechtsanwalt rechnet damit, dass es bald noch mehr werden. «Sobald das Portal wegen zu vieler negativer Bewertungen vom Netz genommen wird, merken auch die letzten Investoren, dass hier etwas faul ist.»

Wir haben das Unternehmen per Mail mit den Vorwürfen konfrontiert. Doch eine Antwort blieb aus. Auch unser Kundenberater will von der Kritik nichts wissen. Er wiegelt ab.

Wenn ich Grandefex google, dann lese ich Sachen wie «Abzocke» und «Betrug».

Wir können nicht alle glücklich machen. Es gibt eben Leute, die hören nicht darauf, was unser Handelsexperte sagt. Es ist eben wie im Restaurant: Wenn Sie zufrieden sind, geben Sie keine Bewertung ab. Wenn aber jemand unzufrieden ist, schreibt er zwanzig, dreissig negative Bewertungen.

Ist das so?

Ich habe nachgerechnet: Fünfzig negative Bewertungen kommen von fünf Personen. Das ist halt normal. Sie können die Software mit dem Mindestbetrag ausprobieren und werden selber die Resultate sehen.

Als wir uns weigern, den geforderten Betrag zu überweisen, erhöht der Kundenberater den Druck:

Ich werde mir das sicher noch überlegen.

Was genau möchten Sie hier überlegen? Sie haben doch bis jetzt schon überlegt. In fünf, sechs Tagen können Sie schon Resultate sehen.

Ich will mir das trotzdem nochmals überlegen.

Ja, aber Sie haben ja keine Erfahrung.

Gerade deshalb will ich es mir nochmals überlegen.

Aber wissen Sie, manche Leute warten zu lange und verpassen dann den richtigen Moment.

Ist denn jetzt gerade der richtige Moment?

Jeder Moment ist richtig für eine Investition.

Dann wäre es ja auch richtig, wenn ich erst später investiere.

Man muss aktiv werden. Es gibt zwei Arten von Menschen. Die einen überlegen zu viel und machen nix, die anderen sind aktiv und verdienen Geld. Sie müssen aktiv werden.

Aber es gibt ja auch die, die aktiv werden und Geld verlieren.

Das ist möglich, aber ein guter Investor ist zufrieden, wenn am Ende des Jahres von zehn getätigten Investitionen zwei bis drei erfolgreich sind. Die Software kann zwar Verluste machen, aber am Ende machen Sie einen Profit. Sie können Ihr Handelskonto mit Visa oder Mastercard aktivieren. Welche Möglichkeit wollen Sie wählen?

Wir vertrösten den Berater auf den Abend. Danach schalten wir das Handy für zehn Tage aus. Als wir es wieder anstellen, sind fünf verpasste Anrufe vermerkt – alle stammen von +44-Nummern. Wir versuchen, auf jede einzelne zurückzurufen, kommen aber nicht weiter. Ein Teil der Nummern ist ungültig, bei den anderen gibt es angeblich technische Probleme.

Während es telefonisch nicht mehr weitergeht, lesen wir die Mails, die unterdessen eingetroffen sind. In einer schreibt ein gewisser Robert Wagner: «Wenn Sie bereit sind, unabhängig zu sein, dann sollten Sie das zu Ende bringen, was Sie begonnen haben.» Es folgt ein Link mit der Aufschrift: «Der zweite Schritt beginnt hier.» Als wir draufklicken, bleiben wir an der NZZ-Firewall hängen.

Das zweite Schreiben stammt von einem, der sich Jordan Kaplan nennt. Die Welt sei dem totalen Chaos verfallen, heisst es auf Englisch. Dank der Kryptowährung Bitcoin aber gewinne man, egal, ob der Markt boome oder in sich zusammenfalle. Die Grussformel: «Stay healthy, stay wise, stay rich. Jordan.» Auch hier werden wir angewiesen, auf einen Link zu klicken, auch hier wird die Seite aus Sicherheitsgründen blockiert.

Doch dann erhalten wir wieder einen Anruf. Wir gehen ran:

Hallo?

Hallo, da ist Klaus von Grandefex am Telefon. Sie haben sich vor zwei Wochen interessiert, unsere Software über «Bitcoin Revolution» auszuprobieren.

Das Gespräch gleicht am Anfang unserem ersten Telefonat. Der Call Agent scheint seinen Fragenkatalog durchzugehen. Wir entscheiden uns, ihn mit den Vorwürfen gegen die Plattform zu konfrontieren.

Im Internet gibt es viele schlechte Bewertungen über Grandefex.

Sie können schlechte Bewertungen für jede Firma in der Welt lesen. Wir haben Leute ohne Erfahrung wie Sie, die sich anmelden und sofort investieren. Sie wollen dann eine Auszahlung sofort. Diese dauert aber drei bis fünf Werktage. In dieser Zeit schreibt die Person eine schlechte Bewertung. Wenn sie dann aber das Geld zurückerhält, hat sie keine Zeit mehr, eine gute Bewertung zu schreiben.

Viele schreiben aber, dass Sie denen das Geld gar nicht mehr zurückzahlen, auch nicht drei bis fünf Tage später.

Was soll ich sagen, ich kann Ihnen nur das Beispiel von vorher geben.

Aber es gibt ja schon auch Finanzinstitute, die bessere Bewertungen haben.

Niemand schreibt gute Bewertungen.

Doch, es gibt auch gute Bewertungen …

… jetzt können wir anfangen mit der Einzahlung dieses mikroskopischen Betrags.

Ich muss mir das nochmals überlegen.

Sie haben schon zwei Wochen lang überlegt. Das ist keine grosse Entscheidung. Sie haben mich jetzt am Telefon, ich kann alles für Sie machen, und Sie sind fertig.

Es fühlt sich nicht gut an.

Warum möchten Sie das nicht machen?

Weil es sich nicht gut anfühlt.

Okay, Sie haben Angst, Ihr Geld zu verlieren. Wenn man eine erste Investition macht, fühlt es sich immer so an. Sie können nicht wissen, wie das ist, ohne dass Sie es ausprobieren.

Ich möchte das lieber nicht.

99 Euro ist nicht viel für eine Person aus der Schweiz.

Wo befindet sich denn Ihre Firma?

Wir sind in Luxemburg.

Aber Sie haben ja eine +44-Nummer, die Vorwahl Grossbritanniens.

Ja, ich rufe Sie aus einem Callcenter an. Diese Nummer, die Sie sehen, existiert nicht.

Wie geht das?

Ich rufe Sie mit einem Programm an.

Dann kann ich nicht zurückrufen?

Nein, aber wenn Sie die erste Investition machen, dann erhalten Sie einen Finanzexperten unserer Firma. Mit ihm können Sie immer sprechen, ihn immer anrufen.

Der schnelle Profit, das einfache Geld – und ein Broker, der Tag und Nacht nur das Beste für den Anleger will. Wer fällt auf so eine Masche rein? Oliver Otto ist Staatsanwalt, spezialisiert auf den Bereich Wirtschaftskriminalität bei der Staatsanwaltschaft III des Kantons Zürich. Er weiss, welche Schicksale sich hinter den Betrugsdelikten verbergen.

Otto sagt: «Zu den Opfern gehört ein breites Spektrum der Gesellschaft, vom Zwanzigjährigen bis zur Rentnerin.» Oft kratzten die Betrugsopfer ihr ganzes Erspartes zusammen, um zu investieren – und landeten nicht selten in der Armut. «Man hat ja immer das Gefühl, bei Betrugsdelikten gebe es keine Blutlachen, keine Schmauchspuren. Aber bei uns melden sich Menschen, die vor dem Nichts stehen. Das sind tragische Schicksale.»

«What is going on???»

Wer also ist für die vielen gebrochenen Leben verantwortlich? Ermittler André Basler von der Kantonspolizei Zürich versucht, die Netzwerke der Täter zu entschlüsseln. Er sagt: «Es handelt sich um ein internationales Betrügernetzwerk. Möglich ist beispielsweise, dass die Server und die Callcenter in Bulgarien stehen und die Eigentümer der Firma irgendwo in Israel sitzen. Das Geldwäschenetzwerk agiert hingegen global. Die Arbeit wird aufgeteilt.»

Die Betrugsmasche gibt es nicht erst seit dem Aufkommen der Kryptowährungen. Schon früher waren die sogenannten Boiler-Room-Scams berüchtigt, Anrufe von Verkäufern, die aus einem Hinterzimmer per Telefon fiktive Aktien anboten. Abgelöst wurden sie von Callcentern, die ihren Opfern binäre Optionen unterjubeln wollten. Als diese 2018 von der EU verboten wurden, begannen die Täter, auf Kryptowährungen wie Bitcoin zu setzen.

Die Ursprünge haben diese Betrugsmaschen laut Rechtsanwalt Patrick Wilson in Israel. Dort kamen die ersten Callcenter auf. «Auch heute noch werden die Strippen von Israeli gezogen, die das Geschäft vor vielen Jahren aufgebaut haben.» Nur operierten sie nun von Osteuropa aus und rekrutierten ihr Personal in Ländern wie beispielsweise der Ukraine oder Bulgarien.

Die Halbwertszeit der Betrugsportale ist kurz. Denn je länger eine solche Webseite existiert, desto mehr häufen sich die negativen Bewertungen. Irgendwann ist die Plattform ausgebrannt. Sie verschwindet vom Netz – und wird sogleich durch eine neue ersetzt. Die Callcenter jedoch bleiben die gleichen, genau wie die Kundenberater. Spezialist Wilson schätzt, dass eine Tätergruppe etwa zehn bis fünfzehn Portale gleichzeitig betreut. Insgesamt erhält seine Kanzlei Anfragen zu rund 200 Portalen.

So dreist die Täter vorgehen, so schwierig ist es, ihnen das Handwerk zu legen. Deren Infrastruktur befindet sich meist in Ländern, mit denen eine Kooperation schwierig ist. Hinzu kommt, dass es bei den Schweizer Strafverfolgungsbehörden Doppelspurigkeiten gibt.

Das bestätigt Staatsanwalt Oliver Otto: «Die Verfahren müssen wegen fehlender Hinweise auf die Täterschaft gegen Unbekannt geführt werden. Deshalb weiss ein Staatsanwalt in Glarus nicht, dass seine Kollegen in St. Gallen und in Zürich eigentlich am genau gleichen Fall ermitteln.» Die Strafverfolgung im Einzelfall sei zudem grundsätzlich als aussichtslos einzustufen, es brauche also Sammelverfahren. «Die nationale und die internationale Zusammenarbeit ist absolut zentral. Wir wollen das Big Picture.»

Der Ermittler Basler pflichtet ihm bei. «Nur gesammelt können wir erkennen, wie die Strukturen funktionieren, wo das Geld abfliesst, wie es sich bewegt. Und nur im Grossen entdecken wir die Fehler im System der Betrüger.» Um genau diese Lücken ausfindig zu machen, fliessen die Informationen der angezeigten Betrugsdelikte seit kurzem in die interkantonale Datenbank «Picsel». Momentan werden die Daten aufbereitet und die gebündelten Fälle an die Kantone verteilt. Die kantonsübergreifende Arbeit steht aber noch am Anfang.

Im Februar dieses Jahres konnten Schweizer Ermittler dennoch bereits einen Erfolg verbuchen. Bei einer Aktion in mehreren Kantonen verhaftete die Polizei drei Personen – unter anderem auch in Zürich. Den Beschuldigten wird vorgeworfen, grössere Geldbeträge von Online-Handelsplattformen illegal erlangt, gewaschen und weitergeleitet zu haben. Ein einträgliches Geschäft, wie sich zeigte: Die Ermittler beschlagnahmten bei den Hausdurchsuchungen acht Luxusautos und sperrten mehrere Konten, auf die Millionenbeträge eingezahlt wurden.

Solche Rückschläge machen den Betrügern jedoch kaum Eindruck. Mit immer neuen Webseiten und grossen Versprechungen gehen sie auf Kundenfang. Sie decken ihre Opfer mit Anrufen ein und bedrängen sie mit Mails.

Auch uns. Als wir das Handy nach einer Woche wieder anstellen, werden uns zwölf verpasste Anrufe angezeigt. Auch in der Mailbox sind zehn Schreiben eingegangen. Das letzte trägt den Betreff: «What is going on???»

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Neue Zürcher Zeitung

Neue Zürcher Zeitung
Neue Zürcher Zeitung
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon