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«Willst Du mehr sehen, dann bezahl mich»: Die Plattform Onlyfans erlebt in der Pandemie einen Hype, doch sie hat einen kontroversen Ruf

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 25.10.2020 Corinne Plaga

Immer mehr Influencer, die auf Instagram oder Tiktok gross geworden sind, locken ihre Follower auf die Bezahlplattform Onlyfans. Dabei werden dort auch pornografische Inhalte angeboten. Kann das Geschäftsmodell gutgehen?

Nicht alle «Publisher» auf Onlyfans zeigen sich freizügig. Doch die Plattform lebt vor allem von Einnahmen mit Erotik- und Porno-Inhalten. Marco Bello / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Nicht alle «Publisher» auf Onlyfans zeigen sich freizügig. Doch die Plattform lebt vor allem von Einnahmen mit Erotik- und Porno-Inhalten. Marco Bello / Reuters

Die 32-jährige Schweizerin Pamela* hat vier Millionen Follower auf Instagram. Dort zeigt sich das Model gerne in erotischer Unterwäsche, engen Kleidern oder knapper Bademode. Seit acht Jahren ist die Influencerin erfolgreich auf der Fotoplattform aktiv, verdient dort ihr Geld mit Werbung und Sponsorendeals. Doch seit Anfang dieses Jahres hat sie eine neue Einnahmequelle für sich entdeckt: Onlyfans.

«In der ersten Woche sind meine Abonnentenzahlen quasi explodiert», erzählt Pamela am Telefon. Dabei hatte sie anfangs noch Bedenken, sich überhaupt auf Onlyfans anzumelden. «Ich habe mir das Ganze immer etwas schmuddelig vorgestellt», sagt sie. Da sie aber selbst bestimmen könne, was sie von sich zeige, habe sie ihre Meinung geändert. Ausserdem ist die Plattform durchaus lukrativ, denn anders als bei Instagram oder Facebook müssen die Follower auf Onlyfans für die angebotenen Inhalte bezahlen. Bis zu 50 Dollar, also rund 45 Franken, sind für ein Monatsabo fällig.

Boom dank Promis

Obwohl das soziale Netzwerk bereits seit 2016 existiert, sind die Anmeldezahlen erst mit Beginn der Corona-Pandemie in die Höhe geschnellt. Zwischen März und August haben sich die Anmeldungen verdoppelt – auf über 50 Millionen registrierte Nutzer weltweit. Laut CEO Tim Stokely melden sich täglich 200 000 neue User an, darunter seien 8000 sogenannte Content Creators, also Personen, die Inhalte gegen Geld bereitstellen. Inzwischen sollen mehr als 60 Millionen Nutzer und 750 000 Anbieter angemeldet sein. Zum Vergleich: Snapchat zählt etwa 249 Millionen Nutzer weltweit.

In den USA ist um die Plattform ein regelrechter Hype ausgebrochen, da immer mehr Persönlichkeiten und Stars auf Onlyfans auftauchen. Prominentes Beispiel ist die amerikanische Schauspielerin Bella Thorne, die einen Skandal auslöste, da sie laut eigenen Angaben innerhalb eines Tages eine Million Dollar mit Onlyfans verdiente. Für diese Rekordsumme musste die 23-Jährige heftige Kritik einstecken, da sich weniger bekannte Anbieter auf der Plattform benachteiligt fühlten. Kurz darauf änderten die Betreiber sogar die Nutzungsbedingungen.

Die ;amerikanische Schauspielerin Bella Thorne verdiente offenbar eine Million Dollar mit Onlyfans – an einem einzigen Tag. Jennifer Graylock / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die ;amerikanische Schauspielerin Bella Thorne verdiente offenbar eine Million Dollar mit Onlyfans – an einem einzigen Tag. Jennifer Graylock / Imago

Musiker wie die Rapperin Cardi B werben seit kurzem auf Onlyfans bei ihren Anhängern – das Versprechen: exklusive Inhalte, ein Blick hinter die Kulissen und persönlicher Austausch mit den Followern. Auch die Sängerin Beyoncé verhalf der Plattform dank einer Textzeile, in der sie Onlyfans erwähnt, zu mehr Zugriffszahlen. Selbst hat sie dort aber kein Profil. Andere Promis wie Aaron Carter nutzen die Seite, um Nacktbilder an die zahlenden Fans zu schicken. Denn anders als bei den grossen Social-Media-Playern sind sogenannte Nudes, also Nacktaufnahmen, bei Onlyfans ausdrücklich erlaubt.

Ein «Instagram für Pornos»?

Wer sich auf Onlyfans anmeldet, muss mindestens 18 Jahre alt sein und eine Kreditkarte hinterlegen. Das Alter wird allerdings nicht überprüft. Nur die Ersteller von Inhalten müssen per Selfie und Ausweisdokument beweisen, dass sie bereits volljährig sind. Aufgrund der lockeren Richtlinien ist eine Kontroverse um die Plattform entstanden. Da auch pornografische Inhalte erlaubt sind, versammeln sich auf der Seite immer mehr Sexarbeiter, Erotikmodels und Pornodarsteller. Aber auch immer mehr Menschen wollen dort Geld verdienen, die bisher nicht in der Branche tätig waren. Der «Spiegel» bezeichnete die Anbieter deshalb bereits als «Intimfluencer». «Deutschlandfunk» nennt Onlyfans das «Instagram für Pornos».

Die «New York Times» behauptet in einem Artikel sogar, Onlyfans habe die Sexarbeit für immer verändert, da die Ersteller der Inhalte selbst bestimmen könnten, was sie von sich preisgeben und wie sie ihre Körper darstellen – ganz ohne zwischengeschaltete Produktionsfirma oder Agentur. Das Geschäftsmodell scheint attraktiv: Onlyfans behält nur 20 Prozent der Einnahmen, die Content-Anbieter 80 Prozent. Und da es keine grosse Gefolgschaft braucht, reichen ein paar hundert Fans bereits aus, um eine beträchtliche Summe einzunehmen.

«Ich frage mich schon, wo das noch hinführen soll»

Auch Pamela verdient als Model auf Onlyfans ganz gut, wie sie erzählt. Die genaue Anzahl ihrer Fans und ihre Einnahmen möchte sie aber nicht öffentlich machen. Die Inhalte würden aber ihrem Instagram-Profil gleichen: «Ich poste aber nie dieselben Fotos», beschreibt die Schweizerin mit brasilianischen Wurzeln, «das wäre ja unfair.» Besonders sei zudem der enge Kontakt zu ihren Fans. Täglich kommuniziert sie mit ihnen via Privat-Chat. Geld nimmt sie nach eigenen Angaben dafür aber nicht. Theoretisch wäre dies auf der Plattform möglich. Onlyfans sei für sie derzeit lukrativer als Instagram.

Was hält sie davon, dass viele Publisher keine Tabus kennen? «Das muss jeder selbst wissen, aber ich würde mich nie komplett nackt zeigen», so Pamela. «Ich frage mich schon, wo das noch alles hinführen soll mit der Pornografie. Irgendwann gibt es keine Grenzen mehr in unserer Gesellschaft.» Die Grenze für die Betreiber von Onlyfans liegt laut Guidelines dort, wo illegales Verhalten ins Spiel kommt, unter anderem der Missbrauch von Minderjährigen und Gewaltverherrlichung.

Tatsächlich trifft die abgegriffene Marketing-Floskel «Sex sells» derzeit auf keine Plattform so gut zu wie auf Onlyfans. Neben den Monatsabos, die Geld in die Kasse spülen, zahlen die Nutzer mitunter extra für Fotos und Videos, Livestreams und private Nachrichten. Dazu kommen «Trinkgelder», die jeder Anbieter individuell bestimmen kann. Obwohl die Plattform für jeden offen ist, sind es doch zum Grossteil Frauen, die ihre Körper zur Schau stellen – und Männer, die dafür bezahlen.

Den Stars so nah wie möglich sein

Das Geschäftsmodell von Onlyfans ist im Grunde eine Mischung aus erfolgreichen Netzwerken wie Instagram oder Tiktok und Bezahlseiten wie Patreon, die laut Richtlinien keine pornografischen Inhalte erlauben. Onlyfans macht also konsequent da weiter, wo andere soziale Netzwerke aufhören. Nach aussen wirbt Onlyfans allerdings lieber mit Künstlern, Musikern, Fitnessmodels und anderen Social-Media-Stars. Dabei spielen explizite Inhalte die weitaus wichtigere Rolle – ein Grund, warum Onlyfans nicht als App in den Stores von Google oder Apple zum Download angeboten wird.

Der amerikanische Musiker Aaron Carter beispielsweise nutzt die Plattform Onlyfans, um Nacktbilder an die zahlenden Fans zu schicken. Jared Milgrim ;/ Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Der amerikanische Musiker Aaron Carter beispielsweise nutzt die Plattform Onlyfans, um Nacktbilder an die zahlenden Fans zu schicken. Jared Milgrim ;/ Imago

Dr. Iren Schulz, Mediencoach bei der Initiative «Schau hin!», beschäftigt sich unter anderem mit Gefahren von digitalen Medien. Sie findet es problematisch, dass auch Minderjährige zu Onlyfans finden könnten, da immer mehr Influencer ihre teilweise sehr jungen Follower von anderen, harmlosen sozialen Netzwerken auf die Plattform locken. «Teenager wollen ihren Stars so nah wie möglich sein, das ist der Anreiz bei Onlyfans», sagt Schulz. Die Influencer hätten eine Verantwortung ihren jungen Fans gegenüber, wenn sie sie zu Onlyfans holen und ihnen versprechen, dass es dort noch mehr zu sehen gebe, meint die Medienexpertin.

Zwischen Selbstermächtigung und sexueller Ausbeutung

Für Pamela ist Onlyfans schlicht eine Plattform zur freien Entfaltung. «Niemand wird verurteilt, man zeigt sich so, wie man ist», sagt sie im Gespräch. Für sie habe die Seite zu Unrecht einen schlechten Ruf. Und Personen, die sich dort anmelden, würden vorschnell verurteilt. «Das ändert sich aber langsam», meint Pamela. Manche Medien und Experten behaupten gar, Onlyfans sei positiv für den Feminismus und trage zur Selbstermächtigung von Frauen, Transmenschen und anderen teilweise benachteiligten Personengruppen bei.

Laura Eigenmann, Doktorandin im Zentrum Gender Studies an der Universität Basel, sieht zwar eine gewisse Unabhängigkeit für die Content-Creators, hält aber den Aspekt der Selbstbestimmung für überzogen. «Man verdient dort nur Geld, wenn man bestimmte Interessen bedient. Es gibt eine gewisse Illusion der Wahlfreiheit.» Besonders der Umstand, dass sich Menschen dort anmelden, weil sie sich in einer prekären Arbeitssituation befinden, hält die Expertin für problematisch. Sie weist zudem warnend darauf hin, dass das Versprechen, schnelles Geld zu verdienen, nicht für jeden erfüllt werden könne. Sie sagt: «Der Hype ist ziemlich übertrieben.»

Auch die Schweizer Influencerin Andrina Santoro, die mit Instagram ihr Einkommen sichert, hält nicht viel von Onlyfans. «Ich finde es zu billig, sich dort für Geld nackt zu zeigen», sagt sie. Für sie sei da ganz klar eine Grenze erreicht. In ihrem Freundes- und Kollegenkreis spiele das Thema Onlyfans bis jetzt keine grosse Rolle.

* Name der Redaktion bekannt.

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