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Chaos, das Geld der «Gottéron-Mafia» und die letzten goldenen Zeiten für die Chronisten

watson.ch TEST 05.05.2020 Klaus Zaugg
So sah es in den 1990er-Jahren im Berner Allmendstadion aus. © ALESSANDRO DELLA VALLE/KEYSTONE So sah es in den 1990er-Jahren im Berner Allmendstadion aus.

2. Mai 1990: Die Eishockey-WM in Bern und Fribourg geht zu Ende. Wehmütige Erinnerungen an das Ende der «Belle Epoque», an eine wilde Zeit im Sport und im richtigen Leben, die leider nie mehr wiederkehren wird.

Im Frühjahr 1990 gastiert der WM-Wanderzirkus vom 16. April bis zum 2. Mai sozusagen vor unserer Haustüre in Bern und Fribourg. Auf dem Eis wird rasanter Sport geboten. Neben dem Eis ist es wahrhaftig ein Zirkus. In dieser Zeit lernt der Sport-Kapitalismus laufen und es geht manchmal zu und her wie in einem hölzernen Himmel. Es ist die Abendröte der «Belle Epoque» des Sports und des «goldenen Zeitalters» für Sportchronisten (Chronistinnen gibt es noch fast keine).

Den Rückblick auf diese WM im schönen Bernbiet schreibe ich für einmal nicht ganz objektiv (wofür ich mich gleich entschuldige) und aus meiner ganz persönlichen Optik. Denn nur so kann ich all die Irrungen und Wirrungen rund um dieses Turnier erklären.

Die Hauptattraktionen an der WM 1990: Andrej Chomutow und Slawa Bykow. © STR/KEYSTONE Die Hauptattraktionen an der WM 1990: Andrej Chomutow und Slawa Bykow.

Den Ticketvorverkauf haben die tüchtigen und umsichtigen Verbandsoberen in guter Absicht einem vermeintlichen Spezialisten überlassen. Sein Name ist mir inzwischen entfallen. An das Wesen und Wirken dieses Party-Löwen erinnere ich mich hingegen noch sehr lebhaft und ich weiss, dass er nachher nie mehr im helvetischen Sport tätig war.

Wir sitzen also im April 1990 in seinem Büro im Allmend-Tempel unter der grossen Stehrampe, die jetzt für die WM in eine Sitzplatztribüne umgebaut worden ist. Er hat die Beine lässig auf dem Pult (ich auch) und um ihn herum stecken in Stapeln von Kartonschachteln Tausende von Tickets.

Ein Blick in den VIP-Bereich des Allendstadion im Jahr 1998. © EDI ENGELER/KEYSTONE Ein Blick in den VIP-Bereich des Allendstadion im Jahr 1998.

Wir amüsieren uns gut, schmauchen dicke Zigarren (ja, damals durfte man noch rauchen!) und er sagt, ich solle mir für die Spiele vom nächsten Tag einfach wiederum so viele Tickets nehmen, wie ich und meine Freunde brauchen.

«Tuuut-tuuut-tuuut» beim Vorverkauf

Ab und zu rasselt der Festnetz-Apparat. Es ist die Zeit vor dem Hosentelefon. Mein Kumpel hebt den Hörer ab. «Guten Tag Frau Meier…ja, ja, Sie sind hier richtig beim Vorverkauf ... drei Tickets fürs Spiel der Russen gegen die Kanadier? Ja, klar ... alle drei nebeneinander? Kein Problem ... ja, Sie können die Tickets an der Vorverkaufskasse abholen und dort bezahlen ... danke und uf Wiederluege.»

Er notiert nichts. Auf mein erstauntes Nachfragen sagt er leichthin: «Ach, die Mühe sparen wir uns. Das Spiel wird schon nicht ausverkauft sein. Die soll einfach an der Abendkasse drei Tickets kaufen ...». Weil die Anrufe bald lästig werden und immer wieder unsere Gespräche unterbrechen legt er den Höher aufs Pult. «Tuuut-tuuut-tuuut».

Es ist aber nicht so, dass ich nur profitiere. Dank mir haben die Organisatoren viel Geld gespart. Das kommt so: Wir sitzen also wieder mal in seinem Büro und schmauchen Zigarren. Da klopft es und sogleich tritt ein etwas mürrischer älterer Herr ein. Bevor ich reagieren kann, blafft mein WM-Freund den Eindringling durch den Zigarrenrauch hindurch an: «Sofort raus, Sie haben hier nichts zu suchen!» Worauf der ungebetene Gast rechtsumkehrt macht und wieder geht.

Wer ein Ticket für die Hockey-WM 1990 in der Schweiz wollte, brauchte viel Geduld. © ARCHIVE/KEYSTONE Wer ein Ticket für die Hockey-WM 1990 in der Schweiz wollte, brauchte viel Geduld.

Gott sei Lob und Dank kenne ich den Mann. Es ist der Chef des städtischen Billett-Steueramtes. Als Hobby trainiert er die Drittliga-Fussballmannschaft in Langnau, bei der ich die chancenlose Nummer 2 im Tor bin. Damals gibt es noch diese inzwischen längst abgeschaffte Billett-Steuer. Sie wird auf allen verkauften Tickets – Kinos, Tanzveranstaltungen und eben auch Sportanlässen wie einer Eishockey-WM – erhoben. Ein Relikt aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise vor dem 2. Weltkrieg. Wer sich damals ein Vergnügen leisten konnte, musste auch etwas für die Allgemeinheit tun.

Also laufe ich ihm nach, hole ihn zurück und mit allem Charme und einer ganzen Reihe von Tickets für die besten Spiele sorgen wir für freundliche Stimmung. Beim Chaos des Ticketvorverkauf wäre eine korrekte Abrechnung ganz und gar unmöglich gewesen. Es gelingt uns, einen Pauschalbetrag auszuhandeln, der viel, viel günstiger ist als eine tatsächliche Abrechnung.

Junger Chronist verzichtet auf Polemik

Ja, ja, so ist 1990 bei dieser WM im Bernbiet gefuhrwerkt worden. Ich bin auf jeden Fall nicht überrascht, als es während der WM immer wieder heftigste Kritik an den Organisatoren gibt, weil Tickets an den Vorverkaufskassen nicht parat liegen. Wahrscheinlich gibt es sogar noch diesen oder jenen Leser, der sich über diese Missstände im Vorverkauf auch geärgert hat.

Niemand ahnt, niemand kann wissen, dass es diesen Vorverkauf ja praktisch nicht gibt. Nach der WM bilanziert die hoch angesehene und jeder Polemik abholde Stadtberner Tageszeitung «Der Bund»: «250'970 Zuschauer oder 6274 im Durchschnitt verfolgten die 40 Partien. Eine recht ansehnliche Zahl, die allerdings noch viel höher hätte ausfallen können, wäre der Vorverkauf nicht derart anfängerhaft organisiert gewesen.»

Weltmeister wurde 1990 die Sowjetunion. © STR/KEYSTONE Weltmeister wurde 1990 die Sowjetunion.

Natürlich hätte ich meiner Chronisten-Pflicht nachkommen und auf das allerheftigste gegen das mir wohlbekannte Missmanagement des Vorverkaufs polemisieren sollen. Aber ich war halt noch jung, ein wenig naiv und pflegte einen Lebensstil, der eher an Ernest Hemingway als an Mahatma Gandhi mahnte. Und ich war anständig wie es Berner nun mal sind. Ich konnte doch nicht gegen den WM-Macher anschreiben, der mir freien Zugang zu den Tickets und sonstigen Annehmlichkeiten gewährte. Ja, heute darf ich das zugeben, schliesslich ist niemand ohne Fehl und Tadel. Auch ein Chronist nicht und wer ohne Jugend-Sünden ist, werfe den ersten Stein.

Seither habe ich natürlich viel gelernt und bin nicht mehr so leicht zu besänftigen und von einer Polemik abzubringen. Es sind eben die «goldenen Jahre» des Sportjournalismus. Eine Epoche, in der ein Chronist noch ein König ist. Zu dieser Zeit pflegt beispielsweise «Bund»-Sportchef Pierre Benoit – die Edelfeder wird später Kommunikations-Direktor des Verbandes auch im Fussball Kultstatus erlangen – von Belp aus mit der Crossair zu den Auswärtsspielen des SC Bern nach Lugano zu fliegen. Heute sind die Spesenbudgets so klamm, dass nicht einmal mehr die lokalen Medienfürsten jedes Mal zu den SCB-Auswärtspartien nach Lugano reisen dürfen. Und wenn sie dürfen, dann reisen sie mit der Eisenbahn oder organisieren eine automobile Fahrgemeinschaft.

Pierre Benoit war unter anderem Pressesprecher beim SFV. © EDI ENGELER/KEYSTONE Pierre Benoit war unter anderem Pressesprecher beim SFV.

Die WM von 1990 ist aus organisatorischer Sicht ein Anlass der Pleiten und Pannen. Das Unglück hat schon ein Jahr früher angefangen. 1990 ist der Gastgeber noch nicht wie heute automatisch qualifiziert. Also muss die Schweiz 1989 in Norwegen unbedingt die B-WM gewinnen und aufsteigen. Aber es geht alles schief. Die Mannschaft von Simon Schenk ist dem Erwartungsdruck nicht gewachsen. Norwegen gewinnt das B-Turnier, steigt auf und fährt nach Bern zur WM.

Tja, eine WM in Bern und Fribourg ohne Schweiz kann nicht rentieren. Zumal auch noch das Stadion in Bern auf WM-Standard umgebaut werden muss (alles Sitzplätze). Mit gutem Marketing und tipptoppem Vorverkauf wäre natürlich mehr möglich gewesen. Aber es hat wahrscheinlich nie einen grossen Sportanlass in der Schweiz gegeben, der zumindest in einem Teilbereich so miserabel gemanagt worden ist. Und doch resultiert am Ende ein schöner Gewinn von etwas mehr als einer Million für die Verbandskasse. Es geschieht nämlich ein Wunder, durchaus vergleichbar mit der Speisung der Fünftausend im Buch der Bücher, als Jesus aus einem einzigen Korb 5000 Menschen satt gemacht hat.

Fasel richtet es

In Bern haben nicht göttliche Kräfte gewirkt. Sondern die irdische Schlauheit von Verbandspräsident René Fasel, eines Funktionärs, der später einer der mächtigsten der Welt wird und heute im 26. Jahr dem internationalen Eishockeyverband (IIHF) vorsteht. Er hat sich zwar bei der Besetzung diverser wichtiger Posten dieser WM grandios geirrt. Aber er hat diesen Fehler mehr als nur korrigiert, den Skandal verhindert und alles zu einem guten Ende gebracht.

René Fasel weiss im kritischen Moment genau, was zu tun ist. © FABRICE COFFRINI/KEYSTONE René Fasel weiss im kritischen Moment genau, was zu tun ist.

René Fasel hat gute Freunde in seiner Vaterstadt Fribourg. Einer davon ist Jean Tinguely. Ein weltberühmter Künstler. Fast so etwas wie eine helvetische Antwort auf Salvatore Dalî. Er interessiert sich für Eishockey. Wie René Fasel ist auch er ein leidenschaftlicher Gottéron-Anhänger.

Der Verbandsboss kann Jean Tinguely dazu überreden, eine Serie von signierten und nummerierten Gemälden zu schaffen und dem Verband zum Verkauf zu überlassen. Durch die Verkaufserlöse wird das drohende hoch sechsstellige Defizit in einen schönen Gewinn umgewandelt. Das Geld der «Gottéron-Mafia» rettet also die WM. Weil ich grad dabei bin, zu beichten, muss ich gestehen, dass bei mir zuhause heute noch eines dieser Tinguely-Kunstwerke an der Wand hängt. Es trägt die Nummer 236.

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Das Spiel Sowjetunion gegen Kanada in voller Länge., Video: YouTube/Bars10000

So kommt alles zu einem Happy-End. Die WM gewinnt übrigens die Sowjetunion und Norwegen muss gleich wieder absteigen. Aber der Leser wird verstehen, dass mir das ganze Drum und Dran besser in Erinnerung geblieben ist als das zeitweilig begeisternde Spektakel auf dem Eis. Der guten Ordnung halber sei noch erwähnt, dass Zustände, wie sie rund um diese WM von 1990 in Bern herrschten, bereits beim nächsten Turnier in unserem Lande 1998 in Zürich und Basel undenkbar, ja ausserhalb jeder Vorstellungskraft waren.

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