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Da, wo die Rockstars nicht reinkamen

Tages-Anzeiger-Logo Tages-Anzeiger 07.05.2020

Die Clubs sind zu, die Dancefloors leer, die DJs daheim. Zeit, um in der Geschichtenkiste des Nachtlebens zu wühlen. Teil 3: das High Life, das Crazy Girl und das Blow Up.

Schwer angesagt: Das populäre Blow Up an der Schoffelgasse im Niederdorf Ende der 1960er-Jahre. © Foto: Sam’s Collection Schwer angesagt: Das populäre Blow Up an der Schoffelgasse im Niederdorf Ende der 1960er-Jahre.

An den «Club» Platte 27 könne er sich noch sehr gut erinnern, schrieb ein Leser. «Er hiess – oder wir nannten ihn so – ‹Coci-Club›. Man musste sein Getränk zum Teil selber mitnehmen. Irgendwo liegt bei mir noch ein Mitgliedsausweis herum. Es war eine tolle, recht unbeschwerte und aufstrebende Zeit. Und vor allem: kein Schickimicki.»

Das ist das Schöne an dieser Serie: Es gibt aus jeder Generation noch Zeitzeugen, die in diesen Clubs und Discos tanzten und tranken, diskutierten und flirteten – und die darum oftmals viel besser im Bilde sind als der Berichterstatter (der sich insbesondere da, wo es um Nachtlokale der 1960er- und 1970er-Jahre geht, als quasi Zu-spät-Geborener auf Hörensagen und Lektüren abstützen muss). So können sie eigene Erinnerungen einspeisen, falls nötig aber auch als Korrektiv wirken. Beides ist sehr willkommen.

Voilà, und damit zum letztmals gemachten Versprechen, in Teil 3 nochmals zu den «Clublands» zurückzukehren, wie sie sich gegen Ende der Sixties präsentierten. Gewisse Anhaltspunkte liefert dabei ein Archivpapier der Lärmbekämpfungsstelle der Stadtpolizei – weil es jene Etablissements auflistet, bei denen die Beamten wegen der Ruhestörungen hatten vorstellig werden müssen. Man findet da Namen wie Road-Shark-Club, Club am Pfauen, Club 13, Tiffany’s-Club, Grand-Boeuf-Club, Easy-Life-Club, Puschkin-Club, Old-Town-Club, Manhattan-Club, Jacaré-65-Club oder High-Life-Club. Leider fehlen auf der Liste aber sowohl die Adressen als auch eine Art Charakterisierung; es ist aber nicht anzunehmen, dass es sich in allen Fällen um Nightclubs nach heutigem Begriffsverständnis gehandelt hat.

Brian Jones, die «fesche Blondine»

Ganz im Dunkeln tappen wir dennoch nicht – und verdanken dies den Rockgrössen Mick Jagger, Brian Jones und Jimi Hendrix! Die zwei Stones-Musiker verspürten nämlich nach ihrem Konzert im Hallenstadion am 14. April 1967 noch Lust auf Party. Also führte sie der bekannte People-Reporter Jack Stark zum Privatclub High Life an der Lessingstrasse, wie er uns vor ein paar Jahren berichtete. Dort kontrollierte der nicht mehr ganz taufrische Securitas namens Stöckli den Einlass. Die Stones kannte er nicht, doch er wusste, wie Anstand aussieht – weshalb er dem für seinen Geschmack viel zu exzentrischen Jüngling (also Jagger) den Eintritt verwehrte, die attraktive «Blondine» mit Federboa und Schlapphut (also Jones) aber passieren liess.

Am 31. Mai 1968, im Anschluss an die zweite Show des «Monsterkonzerts» im Hallenstadion, wurde auch dessen Hauptattraktion Jimi Hendrix der Einlass verwehrt – für den Türsteher der Disco Crazy Girl an der Zwinglistrasse im Kreis 4, wo etliche von Hendrix’ Bandmitgliedern bis tief in die Nacht Party machten (man hatte extra eine verlängerte Polizeistunde bis 2.30 Uhr eingegeben), sei dessen Haut zu dunkel gewesen, schrieb Eugen Sorg 25 Jahre danach in einem «Magazin»-Artikel.

Hendrix habe dann ein Taxi gerufen und dem Fahrer gesagt, er wolle noch etwas essen, erfährt man in Sorgs Geschichte weiter. «Der Fahrer brachte ihn nach Zürich-Altstetten, dort stand ein Automat, der panierte Schweinsschnitzel ausspuckte. Anständige Leute schliefen nachts, Hunger nach Mitternacht war nicht vorgesehen. In Gesellschaft einiger Prostituierter, Strichjungen und Taxifahrer kaute der höfliche Star sein kaltes Menü und liess sich anschliessend ins Hotel zurückfahren, wo er sich beim Chauffeur mit einer 100-Dollar-Note bedankte», so der Autor

Das Krokodil kehrt zurück!

Ganz andere Schlagzeilen – nämlich «Schampar guet» – machte die Topdiskothek Blow Up an der Schoffelgasse: Dies war der Mundart-Titel eines Zeitungsartikels über den begeisternden ersten Auftritt der neu formierten Zürcher Rockband Krokodil am 19. April 1969. Im Bericht stand, dass Jürg Marquard, der Chefredaktor der Musikzeitschrift «Pop», dem Reporter diktierte: «Sie sind technisch wirklich perfekt.» Dass selbst der damals 35-jährige «anspruchsvolle Jazzspezialist» hingerissen gewesen sei. Oder auch dies: «Von Underground-Apostel Urban Gwerder über Jungfilmer Georg Radanowicz bis zu Claude Marion Xylander, der Minirock- und Maxilook-Königin Limmatathens, war Mitte vergangener Woche die gesamte Zürcher Pop-Prominenz ins Niederdorf – genauer gesagt: ins ‹Blow Up› an der Schoffelgasse – gepilgert, um bei der lautstarken Première der ‹Krokodile› dabeizusein. Sie wurde nicht enttäuscht!»

Die kultige Zürcher Rockband Krokodil 1969 beim ihrem allerersten Auftritt im Blow Up. © Foto: Archiv Düde Dürst Die kultige Zürcher Rockband Krokodil 1969 beim ihrem allerersten Auftritt im Blow Up.

An dieser Stelle ein Intermezzo: Auch wenn das nicht direkt in diese Club-Retrospektive gehört, möchten wir es der Musik-interessierten Leserschaft gleichwohl nicht vorenthalten: Wie wir aus verlässlicher Quelle (sprich von Mitgründer und Schlagzeuger Düde Dürst, im besagten Zeitungsartikel frech als «das bleichste Krokodil» charakterisiert) wissen, wird die unvergleichliche Zürcher Psychedelik-Rockband im Spätsommer 2020 ein «neues» Vinyl-Doppelalbum veröffentlichen.

Platte eins ist der erstmals wieder als Vinyl aufgelegte Longplayer «An Invisible World Revealed» von 1971, Platte zwei besteht aus neuen oder fundamental überarbeiteten Arrangements von früher. Passend zum Comeback heisst das neue Werk «An Invisible World Returns». Neben Dürst sind von der Ur-Formation noch Gitarrist Walty «das grösste Krokodil» Anselmo und Bassist Terry «das geduldigste Krokodil» Stevens mit dabei.

Hardy Hepp, Geiger und Saxofonist, «das älteste Krokodil» und ebenfalls Mitgründer, der in dieser Serie als DJ im Café Pony ja auch schon einen prominenten Auftritt gehabt hat, war beim Erscheinen von «An Invisible World Revealed» bereits aus der Band ausgeschieden, Mundharmonika-Virtuose Mojo Weideli, «das jüngste Krokodil», ist 2006 verstorben. Neu an Bord sind dafür Adrian Weyermann (Gitarre, Piano, Gesang) und Erich Strebel (Mellotron, Piano, Orgel). Intermezzo Ende.

Das Original-Plakat von den allersten Krokodil-Gigs, hübsch vor allem die Selbstpromo des Clubs als «Top-Diskothek» … und der nicht ganz unbekannte Getränkesponsor.    © Bild: Archiv Düde Dürst Das Original-Plakat von den allersten Krokodil-Gigs, hübsch vor allem die Selbstpromo des Clubs als «Top-Diskothek» … und der nicht ganz unbekannte Getränkesponsor.

Damit zurück ins Blow Up, wo an diesem Abend auch ein kleiner, grosser Mann im Publikum stand, der zumindest indirekt auch mit den oben erwähnten Vorkommnissen um Mick Jagger und Jimi Hendrix zu tun gehabt hatte. Über ihn und seinen Night-Club geht es dann im nächsten Teil 4.

PS: Wenige Stunden nachdem dieser Artikel in der Printausgabe des Züritipp erschienen war, klingelte das Telefon. Dran war ein Herr Schneider, und er hatte eine Berichtigung zu machen: Die Platte 27 und der Coci-Club seien also definitiv nicht ein- und dasselbe Lokal gewesen, meinte er, ein Zeitzeuge, energisch: «Der Laden an der Plattenstrasse 27 war ungezwungener, das Volk, das da verkehrte, war lockerer und legerer drauf, mehr Studis.» Der Coci-Club sei weiter oben gewesen, da seien eher «die feinen Pinkel» verkehrt. Wir danken auch im Namen der Leserschaft für diese Richtigstellung.

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