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Der Fall Akim Aliu – und warum das Eishockey ein grosses Diskriminierungs-Problem hat

watson.ch-Logo watson.ch 20.05.2020 Adrian Bürgler
Teaserbild © AP Teaserbild Akim Aliu (rechts) wurde im Eishockey schon mehrfach Opfer von Rassismus. © Jeff McIntosh/keystone-sda.ch Akim Aliu (rechts) wurde im Eishockey schon mehrfach Opfer von Rassismus. Rassismus und Diskriminierung sind im Eishockey noch immer viel zu weit verbreitet. Das zeigt ein aktueller Fall – aber auch mehrere andere Vorfälle.

Akim Aliu ist Eishockey-Profi, spielte zuerst in Nordamerika, dann auch in Europa. Doch Akim Aliu wird nicht nur als solcher wahrgenommen und hat das in seiner Karriere immer wieder zu spüren gekriegt. Denn Akim Aliu ist schwarz.

In einem emotionalen Artikel in «The Players Tribune» schilderte der Kanadier gestern, wie er 2005 als Junior bei den Windsor Spitfires vom damaligen Star des Teams, Steve Downie, gezielt beleidigt und misshandelt wurde. Weil er «ein schwarzer Junge mit einem Akzent» war.

Als Aliu mit 16 Jahren zum Team stiess, und sich weigerte, sich für ein Aufnahmeritual nackt auszuziehen und in die Toilette des Manschaftsbusses einsperren zu lassen, stach Downie ihm später mit dem Hockey-Stock ins Maul. Und das alles, während Teamkollegen und Trainer einfach zuschauen.

«Hockey is for everyone» – Hockey ist für alle – lautet der Slogan einer NHL-Kampagne. Akim Aliu hat am eigenen Leib erfahren, dass das leider nicht stimmt.

Denn das Eishockey hat immer noch ein schweres Rassismus- und Diskriminierungsproblem.

Natürlich sind die Mehrheit der Eishockey-Fans, -Trainer und -Spieler keine Rassisten. Aber das Problem ist dennoch tief in der Szene verwurzelt. Das zeigt sich in mehreren Punkten.

Erstens: Alius Tortur in Windsor ist kein Einzelfall. Der Verteidiger wurde später im Jahr 2010 bei den Rockford Ice Hogs in der AHL von Trainer Bill Peters vor versammelter Mannschaft rassistisch beleidigt – weil der Coach Alius Musik nicht mochte.

Bill Peters war Headcoach der Calgary Flames, als der Vorfall mit Akim Aliu von 2010 im letzten November herauskam. Er wurde danach sofort freigestellt. © AP Bill Peters war Headcoach der Calgary Flames, als der Vorfall mit Akim Aliu von 2010 im letzten November herauskam. Er wurde danach sofort freigestellt.

Im vergangenen Herbst wurde dieser und diverse andere Fälle von Missbrauch und Diskriminierung seitens NHL- und AHL-Trainern bekannt. Die Coaches haben oft zu viel Macht und können sich fast alles erlauben. Selbst wenn sie per sofort freigestellt werden – was Bill Peters bei Calgary passiert ist – finden sie später doch wieder einen Job in der gleichen Industrie. Peters ist jetzt Trainer in der KHL. Dass er eine derart problematische Vorgeschichte hat, spielt offenbar keine Rolle.

Zweitens: Die Stars des Sports schweigen. Wenn ein Spieler sich verletzt hat, hagelt es von überall her Genesungswünsche. Wenn ein Spieler heiratet oder Vater wird, gratulieren alle. Aber wenn ein Spieler von Missbrauch oder Diskriminierung erzählt, bleiben die meisten still.

Im Fall von Aliu meldete sich keiner der weissen Stars des Sports und verurteilt die Vorkommnisse. Salim Nadim Valji, ein kanadischer Reporter der «New York Times», fragte bei diversen Spielern nach. Niemand wollte sich zum Fall äussern. Dabei wäre es für die Sidney Crosbys,Connor McDavids, Roman Josis oder auch Wayne Gretzkys dieser Welt ein Einfaches zu sagen: «Das ist abscheulich und wir müssen schauen, dass solche Dinge nie wieder vorkommen.»

Stattdessen hiess es von einigen ungenannten NHL-Spielern bei Alius Bus-WC-Geschichte: Das sei doch nur ein Spässchen gewesen.

In der Eishockey-Kultur werden diskriminierende Vorfälle einfach stillschweigend hingenommen.

Drittens: Die falschen Kreise schweigen eben nicht. Nachdem Alius Geschichte gestern veröffentlicht wurde, meldete sich Chicago-Blackhawks-Goalie Robin Lehner auf Twitter zu Wort. Sein erster Tweet seit zehn Tagen: «In den schlechtesten Zeiten meines Lebens gab ich immer allen anderen die Schuld. Erst als ich Verantwortung für meine eigenen Fehler übernommen habe, wendete sich mein Leben zum Besseren.»

Das kann man einfach als Motivations-Tweet sehen. Oder aber als Hieb in Richtung Akim Aliu – was aufgrund des Timings des Tweets und Lehners Nähe zu rechtskonservativen Kreisen nicht überraschen würde.

Noch schlimmer sind aber direkte Reaktionen auf Alius Geschichte. Fans, die Diskriminierung mit den Leistungen des Spielers rechtfertigen wollen. Fans, die sagen, dass er seine Opferrolle für ein paar Minuten Ruhm ausschlachten wolle. Das sind gefährliche Verharmlosungen von Rassismus.

Viertens: Es betrifft nicht nur Nordamerika. Auch im europäischen Eishockey ist Diskriminierung eine Realität. Aus den Fankurven werden gegnerischen Spielern homophobe und sexistische Begriffe entgegen geschleudert. In Davos ein Mann Stadionsponsor, der eine Journalistin öffentlich als «lügenhaft» und «hyperaktive Lesbe» bezeichnet hatte.

In Nordamerika beginnt das Problem schon bei den Kinder- und Juniorenligen. Man liest Geschichten, wonach Eltern und Trainer eines gegnerischen Teams schwarze Spieler beleidigen und so dieses Denken bei ihren Kindern einimpfen.

Deshalb muss von Grund auf ein Umdenken stattfinden. Rassismus und Diskriminierung müssen als solches erkannt und verurteilt werden. Sonst werden sich Menschen wie Akim Aliu in diesem eigentlich grossartigen Sport nie wohl fühlen.

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