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Der Klimawandel ist da – nur die Versicherer spüren ihn noch nicht

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 22.07.2021 André Müller (Text), Florian Seliger (Grafiken)
Die Hochwasser der letzten Jahrzehnte, hier ein Bild von 2014 aus Altstätten SG, führten dazu, dass die Schutzmassnahmen in der Schweiz deutlich ausgebaut wurden. Das beeinflusst die heutigen Schadensummen ziemlich stark. Ennio Leanza / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die Hochwasser der letzten Jahrzehnte, hier ein Bild von 2014 aus Altstätten SG, führten dazu, dass die Schutzmassnahmen in der Schweiz deutlich ausgebaut wurden. Das beeinflusst die heutigen Schadensummen ziemlich stark. Ennio Leanza / Keystone

Die Temperaturen sind hierzulande im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten bereits um 2 Grad gestiegen. In der Folge kommt es zu häufigerem und intensiverem Starkregen; eine wesentliche Vorbedingung für schwere Hochwasser.

So weit, so klar. Aber wie teuer kam der Klimawandel die Schweiz bisher zu stehen? Die Antwort ist komplizierter, als man denken könnte – das zeigt ein Blick in die Datenbanken der Versicherer.

Mensch statt Klima

«Wenn wir die historischen Schadendaten aufgrund der erfolgten Wertesteigerung bereinigen, können wir bis jetzt noch keinen Effekt des Klimawandels ausmachen», sagt Eduard Held. Mit anderen Worten: Der Mensch und seine Bauten sind bis anhin der entscheidende Faktor, nicht das Klima. Kaum einer kennt die Daten so gut wie er: Held ist der Geschäftsführer des Elementarschaden-Pools (ES-Pool) beim Schweizerischen Versicherungsverband (SVV), der eine zentrale Rolle bei der Bewältigung von Naturgefahren spielt (siehe Info-Box).

Andere Gründe prägten also die Entwicklung der Schäden in den vergangenen Jahrzehnten. Die meisten davon haben nicht mit dem Klima, sondern mit unserem eigenen Verhalten zu tun.

Die Schweiz blieb lange verschont

Für belastbare Aussagen braucht es historische Schadenzahlen. Diese muss man allerdings zu interpretieren wissen. Brauchbare Daten gibt es etwa seitens des Elementarschaden-Pools seit 1970. Die jährlich bezahlte Schadensumme variiert jedoch von Jahr zu Jahr sehr stark, einzelne Extremwerte prägen den Durchschnitt. Die Hochwasser von 2005 haben die Versicherer etwa ein Mehrfaches eines normalen Jahres gekostet; auch der Sturm Lothar (1999) war sehr teuer. Diese starke Variabilität lässt sich auch in den Schadenstatistiken der Vereinigung der Kantonalen Gebäudeversicherer (VKG) feststellen.

Hinzu kommt, dass es Schwächen und Lücken in den Ereignisdaten gibt. Catherine Berger, Mitglied der Geschäftsleitung und Hochwasser-Expertin beim geowissenschaftlichen Büro Geo7, führt das auf die sogenannte Katastrophenlücke zurück: «Wir hatten ab Ende des 19. Jahrhunderts bis 1976 eine Epoche mit sehr wenigen Hochwasserereignissen.»

Diese Lücke führte mit dazu, dass Naturkatastrophen in der Öffentlichkeit lange wenig Beachtung fanden und die Schäden weniger systematisch erfasst und dokumentiert wurden. Erst nach den Hochwassern von 1987, sagt Berger, habe sich die heutige Risikobetrachtung etabliert, und der Bedeutung der systematischen Dokumentation von Ereignissen sei stärker Rechnung getragen worden. Ältere Daten müssen daher mit einer gewissen Vorsicht behandelt werden.

Mehr und edlere Häuser

Der wichtigste Grund dafür, dass die Schadensummen angestiegen sind, ist der von Held angesprochene Wertzuwachs: In der Schweiz gehen vor allem deswegen bei Stürmen und Hochwassern immer mehr Häuser kaputt, weil es mehr davon gibt. Auch werden die Bauwerke immer teurer wegen der Inflation und weil sie werthaltiger sind.

Die Versicherungssummen haben sich beim ES-Pool seit 1970 jedenfalls mehr als versechsfacht, im Durchschnitt nahmen sie um fast 4% pro Jahr zu. Rechnet man diesen Effekt heraus, lässt sich in den Schadendaten erst recht kein Trend beobachten, der auf einen Einfluss des Klimawandels hindeutet.

Versiegelte Oberflächen

Klar ist aber, dass der Faktor Mensch eine wesentliche Rolle für die Entwicklung der Unwetterschäden spielt, im Guten wie im Schlechten. So ist bei einem Hochwasser entscheidend, wie viel Boden asphaltiert und anderweitig versiegelt ist und wo sich diese Oberflächen befinden.

Unverbaute Wiesen, Parks oder Wälder lassen bei einem Starkregen viel Wasser versickern, doch gerade in dicht bebauten Städten fehlen diese Puffer oft. Die Versiegelung erhöht aber auch in Dörfern die Hochwassergefahr, oft sehr lokal, also in einzelnen Strassenzügen oder Quartieren. In eher ländlichen Kantonen wie Freiburg, Obwalden oder Schwyz hat die versiegelte Oberfläche in den letzten Jahrzehnten besonders stark zugenommen (siehe Grafik).

Ein Paradebeispiel sind neue Bahnhöfe der SBB mit ihren uniformen, betonierten Unterführungen. «Solche Unterführungen wirken als Trichter», sagt Held. Hinzu kommt, dass sich rund um diese versiegelten Oberflächen immer mehr Werte ballen; die besagten Unterführungen werden heute mit Läden (und teurem Interieur) bestückt statt bloss mit einer gelben Info-Tafel zu den Abfahrtszeiten der Züge. Dass ein Sihl-Hochwasser für Zürich gefährlich und teuer werden kann, hängt auch mit dem Zürcher Shop-Ville unter dem Hauptbahnhof zusammen.

Inzwischen ist die Fachwelt auf das Thema sensibilisiert; das Bundesamt für Umwelt hat 2018 etwa eine Gefährdungskarte für den Oberflächenabfluss vorgestellt, auf welcher Bauherren und Planerinnen die Gefahren sogar für einzelne Strassen untersuchen können.

Fehlende Raumplanung

Im Zuge der Zersiedelung der Schweiz werden indes weiterhin auch an gefährdeten Orten immer mehr Häuser hingestellt. Dass die Elementarschadenversicherung, von Gesetzes wegen, eine Einheitsprämie verlangt, mag solidarisch sein, nimmt Hausbesitzern aber den finanziellen Anreiz, ihr Haus nicht neben den gefährlichen Wildbach zu stellen.

Als Korrektiv dafür wäre die Raumplanung vorgesehen: Es sollte möglichst nur noch an sicheren Orten gebaut werden. Auch die Behörden von Gemeinden und Kantonen stehen dabei in der Pflicht, etwa wenn sie neues Bauland einzonen. «Wir bauen zunehmend an Orten, an denen vor 50 oder 60 Jahren niemand wohnte», kritisiert Bruno Spicher, Präsident der Nationalen Plattform Naturgefahren. «Die Menschen gehen schlecht mit selten auftretenden Risiken um: Wenn die Entscheider, etwa in einer Gemeinde, in ihrer Generation noch nie ein Hochwasser erlebt haben, unterschätzen sie diese Gefahr.»

Grosse Präventionsprojekte

Immerhin wird in der Schweiz inzwischen mehr Geld investiert, damit besonders der Starkregen weniger Schäden verursacht als früher. Oft gaben schlimme Flutkatastrophen den Anstoss; zuletzt die verheerenden Hochwasser von 2005.

In der Sihl steht oberhalb Langnau am Albis bereits ein riesiger Schwemmholzrechen, der bei Hochwasser Treibholz herausfischt. Weiter plant der Kanton Zürich einen Entlastungsstollen, mit dem Wasser aus der Sihl nach Thalwil in den Zürichsee geleitet werden kann. Bei Thun ist ein solcher Stollen bereits in Betrieb, an der Sarner Aa in Obwalden im Bau. Ein weiteres, wichtiges Projekt wäre die nächste Rhone-Korrektion. Solche Grossbauten sind oft verknüpft mit einem besseren Wassermanagement: Die Pegel von Seen werden frühzeitig gesenkt, damit sie während eines Unwetters mehr Wasser zurückhalten können.

Den kombinierten Effekt all dieser Bauten schätzt Eduard Held, à la longue, auf rund einen Viertel oder Drittel der heutigen Schadensumme. Als Beispiel zieht er den Urner Talboden heran: Beim Hochwasser 1987 fiel ein Gesamtschaden von 500 Mio. Fr. an (ohne den Wertzuwachs einzubeziehen). Im Oktober 2020 und beim jüngsten Hochwasser verursachte ein ähnlicher Starkregen praktisch keinen Schaden. Ein Teil des Reuss-Wassers wurde über die Autobahn auf eine freie Fläche umgelenkt, die gefährliche Spitze des Hochwassers wurde damit gebrochen.

Dass es sich hierbei um handfeste Verbesserungen handelt, zeigen auch die Verhandlungen mit den Rückversicherern aus der ganzen Welt, die Held seitens des ES-Pools führt. Der Pool gibt Schäden oberhalb einer Grenze von 500 Mio. Fr. pro Jahr an Rückversicherer ab; diese interessiert also vor allem, wie gross die Gefahr von schweren, teuren Katastrophen ist.

Zwar kommt den global tätigen Rückversicherern auch entgegen, dass sie mit dem gut sortierten Portfolio des ES-Pools die geografische Konzentration auf Risiken vor allem aus den USA abmildern können. Doch die baulichen Massnahmen sind laut Held ein wesentlicher Faktor in diesen Verhandlungen. «Besonders das Beispiel Uri hat beeindruckt und war ein wichtiges Argument bei der letztjährigen Preisfindung.»

Wie wir unsere Häuser nutzen

Vorsorgen könnte jede und jeder auch auf kleiner Stufe: Indem man für sein Haus resistente Materialien und Bauweisen auswählt, bei Hagel die Storen hochfährt und das Auto in die Garage stellt. Für die gefährdeten Lamellenstoren bewerben die Versicherer, etwa die VKG, neue Warnsysteme: Die Storen werden via App kontrolliert und automatisch hochgefahren, sobald Meteo Schweiz für diesen Ort eine Hagelwarnung herausgibt.

In der Kombination können kleine Schutzmassnahmen durchaus einen grossen Effekt erzielen. Vor allem sollte man das wertvollste Hab und Gut nicht direkt auf dem Kellerboden lagern, wenn das Haus hochwassergefährdet ist.

Bruno Spicher erwähnt das Berner Matte-Quartier: Schon früher sei es hier immer wieder zu Überschwemmungen gekommen. Die Bewohner hätten daher vielleicht die Kartoffeln, aber kaum Wertvolles im Keller verstaut. Doch dieses Wissen gehe rasch verloren, sagt Spicher. Gerade Zuwanderer aus anderen Kantonen und Ländern würden die lokalen Risiken oft nicht kennen.

Und die Zukunft?

Wer all diese Effekte sauber gegeneinander aufrechnen könnte, käme am Schluss allenfalls auf einen unerklärten Restschaden pro Jahr, der sich dem Klimawandel zuschreiben liesse. Heute lässt sich das aber schlicht nicht berechnen.

Trendaussagen sind dagegen eher möglich. Catherine Bergers Team bei Geo7 hat etwa in einer Studie untersucht, welche Effekte in Zukunft einen grösseren Einfluss auf die Schäden aus Naturgefahren haben werden. Auch sie sagt, dass bisher in der Schweiz das menschliche Verhalten, also die Siedlungsentwicklung, allfällige Effekte des Klimawandels überprägt hat.

Die Entwicklung beider Faktoren sei zwar enorm schwierig vorherzusagen, sagt Berger, doch ausgehen kann man zumindest hiervon: In Zukunft werden sie sich die beiden Effekte weiterhin überlagern. «Aber in den nächsten dreissig Jahren könnte das Verhältnis kippen. Der Effekt des Klimawandels dürfte überwiegen», sagt Berger. Entscheidend für den Hochwasserschaden ist dabei insbesondere die weitere Zunahme von Starkregen.

Sicher ist: Die Schweiz muss weiter darauf hinarbeiten, den Klimawandel nicht bloss zu stoppen, sondern auch seine Folgen einzudämmen.

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