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Der staatliche Gesundheitsdienst ist der Nationalstolz der Briten, nun ächzt er unter den Folgen der Pandemie

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 15.04.2020 Niklaus Nuspliger

Keine Institution ist in Grossbritannien beliebter als der Nationale Gesundheitsdienst (NHS). In der Corona-Krise kämpft das Gesundheitswesen aber mit den Folgen einer chronischen Unterfinanzierung – und die Zahl der Corona-Toten in den Spitälern steigt bedrohlich an.

Die Corona-Krise hat nicht nur den Stolz der Briten auf ihren Gesundheitsdienst NHS, sondern auch die Schwächen dieses Systems offenbart. Lee Smith / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die Corona-Krise hat nicht nur den Stolz der Briten auf ihren Gesundheitsdienst NHS, sondern auch die Schwächen dieses Systems offenbart. Lee Smith / Reuters

Millionen von Britinnen und Briten treten derzeit jeden Donnerstagabend an die offenen Fenster und Türen, um den Einsatz des Gesundheitspersonals mit Applaus und Jubel zu würdigen. Solche Sympathiebekundungen gibt es in der Corona-Krise auch anderswo in Europa. Aussergewöhnlich ist aber die fast religiös anmutende Huldigung, die grosse Teile der britischen Bevölkerung und Politik dem National Health Service (NHS) und dessen Mitarbeitern entgegenbringen. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus an Ostern dankte der am Virus erkrankte Premierminister Boris Johnsons nicht nur seinen «brillanten» Ärzten und Pflegern, sondern setzte zu einem eigentlichen Loblied auf den NHS an. «Wir werden gewinnen, weil der NHS das schlagende Herz dieses Landes ist. Der NHS ist das Beste dieses Landes. Er ist unbesiegbar. Er ist von Liebe angetrieben.»

Der Stolz der Briten

Anfang April ging ein Umfrageinstitut der Frage nach, auf welche britischen Dinge, Menschen oder Eigenschaften die Briten am meisten stolz sind. Zuoberst auf der Rangliste stand der NHS – mit grossem Abstand vor dem Imbiss «Fish and Chips», einem typischen britischen Frühstück und der Queen. Kein Wunder überbieten sich Politiker mit Bekenntnissen zum NHS. Die Labour-Partei rühmt sich damit, unter Premierminister Clement Attlee 1948 das weltweit erste direkt aus Steuergeldern finanzierte Gesundheitswesen geschaffen zu haben, in dem sich alle Bürger kostenlos und ohne Versicherung behandeln lassen können. Trotz Reformversuchen haben auch die Konservativen das Prinzip des staatlichen Gesundheitswesens für alle nie infrage gestellt. Nach seinem Spitalaufenthalt hat sich Boris Johnson nun gar höchstpersönlich zum «Hohepriester des NHS» emporgeschwungen, wie es die «Financial Times» formulierte.

Die Corona-Krise hat freilich nicht nur den Stolz der Briten auf den NHS, sondern auch die Schwächen des Systems offenbart. Gemäss der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gab es im Vereinigten Königreich 2018 bloss gut 2 Krankenhausbetten pro 1000 Einwohner – in der Schweiz, Frankreich oder Deutschland waren es doppelt bis viermal so viele. Wegen des Mangels an Betten auf Intensivstationen musste der NHS nun mithilfe des Militärs in kürzester Zeit sieben Notspitäler mit Tausenden von Intensivbetten bauen, um sich für den erwarteten Andrang von Corona-Patienten zu wappnen.

Fehlende Ausrüstung, zu wenig Personal

Über 12 000 positiv auf das Virus getestete Personen sind in Grossbritannien bisher in den Spitälern gestorben. Der Verlauf der Kurve der Spital-Todesopfer ähnelt jener Italiens – mit rund dreiwöchigem Rückstand. Allerdings scheinen sich die Zunahme der Ansteckungen und die Zahl der Aufnahmen ins Krankenhaus zu stabilisieren, weshalb vorderhand wohl keine überfüllten Spitäler drohen. Dass viele Notfallaufnahmen halb leer sind, nährte jüngst vielmehr die Sorge, die Bevölkerung sehe aus Angst vor Corona von anderen dringenden Behandlungen ab.

Auch wenn nicht alle Betten belegt sind, ächzt der NHS unter der Last der Pandemie. Es mangelt an Beatmungsgeräten, Ärzte und Krankenpfleger klagen über fehlende Masken, Brillen und Schutzkleider. Der NHS besteht aus knapp 200 regionalen Unterorganisationen, leidet aber unter einem bürokratischen Zentralismus. So durften Corona-Tests zunächst nur in einem einzigen Londoner Labor durchgeführt werden – was zum Versäumnis der Behörden darin beitrug, genügend Kapazitäten für Tests bereitzustellen. Zum Problem wurde auch der Personalmangel. Dieser hat sich noch verschärft, seit Angestellte aus Kontinentaleuropa als Reaktion auf das Brexit-Votum in ihre Heimatländer zurückgekehrt sind. Die Regierung hat nun mehr als 20 000 pensionierte Ärzte und Pfleger, aber auch arbeitslose Flugbegleiter rekrutiert, um die Löcher zu stopfen.

Chronische Unterfinanzierung

Die Engpässe sind eine Folge einer chronischen Unterfinanzierung. Der NHS speist sich nicht aus kostenbasierten Versicherungsbeiträgen, sondern lebt von jährlichen Zahlungen aus dem Staatshaushalt, der allerhand politischen Einflüssen ausgesetzt ist. Inflationsbereinigt stagnieren die Ausgaben für den NHS, obwohl die Alterung und das Wachstum der Bevölkerung sowie der medizinische Fortschritt zu einem finanziellen Mehrbedarf führen. 2018 gab Grossbritannien gemäss OECD-Daten pro Kopf gut 4000 Dollar für seine Gesundheitsversorgung aus. In Deutschland oder der Schweiz waren es pro Einwohner knapp 6000 bzw. 7300 Dollar.

Eine Schweizerin, die 40 Jahre lang als Krankenpflegerin im britischen Gesundheitssystem tätig gewesen ist, schildert am Telefon die Folgen des Geldmangels: Während Qualität und Versorgung in der Notfallmedizin gut seien, dauere es oft Monate, bis ein Termin bei Spezialärzten oder ein nicht lebensrettender Eingriff wie eine Hüftoperation möglich sei. Auch kann der Zugang zu spezialisierten Leistungen je nach Wohnort variieren – ein Phänomen, das als «Postleitzahl-Lotterie» bekannt ist. Bagatellfälle werden mitunter gar nicht oder nur behelfsmässig behandelt. Um die Warteschlangen zu überspringen, leisten sich immer mehr Briten eine Privatversicherung, was eine Behandlung in einer Privatklinik ermöglicht.

Egalitärer Charakter

Es erstaunt daher nicht, dass der NHS auch im qualitativen Vergleich mit anderen Industrieländern weit weniger brilliert, als die Loblieder der Briten auf ihr «Weltklasse-Gesundheitssystem» suggerieren. Gemäss einer Studie des Forschungsinstituts Nuffield Trust ist in Grossbritannien die Sterblichkeit von Neugeborenen überdurchschnittlich hoch wie auch die Zahl der Patienten, die kurz nach einem Herzinfarkt oder einer Krebsdiagnose sterben. Besonders schlecht sind die Werte auch bei den «medizinisch vermeidbaren Todesfällen», die mit einer verfügbaren Therapie hätten verhindert werden können.

Am britischen Stolz auf den NHS ändert dies wenig, zumal dieser vor allem auf dem egalitären Charakter der Versorgung beruht. Dies ist insofern bemerkenswert, als Grossbritannien eigentlich nicht als besonders egalitäres Land gilt. Das Bildungssystem steht im Ruf, soziale Ungleichheiten eher zu reproduzieren als zu vermindern. Die Gesundheitsversorgung aber gilt als soziales Grundrecht. Viele Briten blicken mit moralischer Überlegenheit auf die amerikanische Gesundheitspolitik und blenden aus, dass in Westeuropa breit zugängliche Gesundheitssysteme eigentlich eine Selbstverständlichkeit sind.

Mehr Geld für das Gesundheitssystem?

Boris Johnson weiss nur zu gut um die Liebe der Briten zu ihrem Gesundheitssystem. Im Vorfeld des Brexit-Referendums tourte er in einem roten Bus durchs Land, den die Aussage zierte, statt 350 Millionen Pfund pro Woche nach Brüssel zu schicken, solle man mit dem Geld lieber den NHS finanzieren. Die Zahl entpuppte sich als Fiktion, doch hat die Regierung dem NHS Schulden erlassen und neue Mittel in Aussicht gestellt. Die Pandemie hat das Schicksal des Corona-Patienten Johnson nun auch politisch mit jenem des Gesundheitsdienstes verknüpft. Selbst wenn der NHS die akute Phase der Corona-Krise glimpflich übersteht, dürfte der Druck steigen, die Engpässe grundlegend anzugehen. Angesichts der sich anbahnenden Wirtschaftskrise wird der finanzielle Spielraum dafür aber deutlich kleiner werden.

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