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Der Zürcher Psychiater Mario Gmür sagt zur Corona-Krise: «Eine der wichtigsten Fähigkeiten für das Leben ist die, das Beste aus der Situation zu machen.»

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 15.04.2020 Urs Bühler

Hilft Humor beim Meistern von Notlagen – und wie uneigennützig ist solidarisches Verhalten? Der Autor Mario Gmür ist jedenfalls überzeugt: Eine Krise lehrt uns mehr als tausend Psychologen.

Mario Gmür, hier in seiner Zürcher Praxis (Archivbild 2016), hält fest: «Jede Katastrophe ruft den Humor in all seinen Spielarten auf den Plan.» Goran Basic / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Mario Gmür, hier in seiner Zürcher Praxis (Archivbild 2016), hält fest: «Jede Katastrophe ruft den Humor in all seinen Spielarten auf den Plan.» Goran Basic / NZZ Mario Gmür, Sie haben als Gerichtsgutachter viele Häftlinge besucht. Fühlen Sie sich nun selbst als einer?

Es ist jedenfalls eine Art Freiheitsbeschränkung, die ja auch das Grundmuster der Bestrafung in unserem Sanktionssystem ist. Gewohnheiten und Lebensstandards sind beschnitten, Rituale wie Spaziergänge oder Kaffeehausbesuche fallen weg. Nennen wir es einen privaten Strafvollzug zu Hause, ohne dass man wüsste, wessen man sich schuldig gemacht hätte.

Das klingt kafkaesk. Amüsieren sich wohl «richtige» Häftlinge darüber, dass nun die halbe Gesellschaft eingesperrt ist?

In letzter Zeit hatte ich nicht mehr so Kontakt zu Inhaftierten. Was ich aber weiss: Viele Menschen in dauernder Not, sei sie nun körperlicher, seelischer oder materieller Art, fühlen sich jetzt besser verstanden, sozusagen weniger einsam in ihrem chronischen Elend. Es ist eine Art Aufgehobensein in der kollektiven Not. Gleichzeitig behindern die einschränkenden Verordnungen auch manche etwa in der Bewältigung einer psychischen Krankheit.

Woran leiden Gesunde jetzt am meisten?

Die Corona-Krise veranschaulicht die drei Quellen für unser Leiden, die Sigmund Freud nennt: die Übermacht der Natur, die Hinfälligkeit unseres eigenen Körpers und die Unzulänglichkeit der Einrichtungen, welche die Beziehungen der Menschen untereinander in Familie, Staat und Gesellschaft regeln.

Sie gehören altersmässig zur Risikogruppe. Haben Sie Angst?

Mein Urgrossvater väterlicherseits erkrankte 1874 als letzter Schweizer an Pocken und starb daran. Als Besitzer des Hotel Rössli in Flawil hatte er sich bei einem Touristen angesteckt, womöglich einem Flüchtling der Bourbaki-Armee. Das ruft in mir die Angst hervor, dass ich epidemiologisch in den Fussstapfen der Vorfahren unterwegs sein könnte, einer Art schicksalshaftem Wiederholungszwang unterworfen.

Die Gesellschaft projiziert allerlei Phantasien in das Phänomen der Corona-Krise. Welche Rolle spielen diese bei der Beurteilung der Gefahr?

Das Coronavirus und das Atom haben eine gemeinsame perfide Eigenschaft: Das unsichtbar Kleinste bewirkt das Grösste – Atompilz und Pandemie. Diese hat keine Wand wie eine Feuersbrunst, eine Flutwelle oder eine feindliche Heeresfront. Sie manifestiert sich nur in den Auswirkungen. Und grundsätzlich gibt es drei Formen der Reaktion auf Gefahren: Kampf, Flucht oder Erstarrung, also Resignation. Ein hereinbrechendes Unheil wirft zwei Fragen auf: Was könnte es sein? Was ist es? Die erste fordert unsere Phantasie heraus, sie kreiert Hypothesen und lässt Verschwörungstheorien ins Kraut schiessen, die unser Bedürfnis nach Kausalität befriedigen und Sinnfragen beantworten sollen. Für die zweite ist die Wissenschaft zuständig, die Ursprung, Verbreitungswege und Merkmale des Coronavirus erforscht. Sie hat diese Rolle jetzt auch klar übernommen, als Gegenpart zu den Schwätzern.

Die Schwätzer machen sich nicht rar.

Viele setzen in dieser beunruhigenden Phase ihre Gewohnheit fort, alles und jedes zu kommentieren und zu bewerten. Sie ergehen sich in aufgepeitschter Debattierlaune in Spekulationen über Ursachen und Prognosen. Und wie bei anderen politischen Auseinandersetzungen gibt es jetzt diesen Streit um Details, der vom Wesentlichen ablenken soll. Freud nannte das die «Verschiebung auf ein Kleinstes».

Das grosse Letzte wäre dann der Tod, der Jahr für Jahr zum Beispiel auch zahlreiche Grippekranke heimsucht. Jetzt scheint er plötzlich sehr präsent in der Gesellschaft.

Wir schieben den Sensenmann sonst in die räumliche und zeitliche Ferne, um zweckoptimistisch den Lebensmut zu erhalten. Nun stürzen so manche aus einer Selbstsicherheit, die durch diese Verdrängung angeschwollenen ist, in einen Zustand der Niedergeschlagenheit und Fassungslosigkeit. Und die Sorge um Risikogruppen, die Angst vor eigener Ansteckung und den desaströsen wirtschaftlichen Folgen macht das Coronavirus zum Strassenfeger, im doppelten Sinn. Er zieht, wenn auch diesmal erzwungen, Millionen an die Bildschirme, wie einst die Mondlandung oder die Olympischen Spiele in Sapporo mit Russi und Nadig. Diese Beispiele kommen mir jedenfalls in den Sinn.

In meiner Generation prägt eher 9/11 solche Erinnerungen. Sie haben ein Buch über Medienopfer verfasst und sind ein intensiver Zeitungsleser. Wie nehmen Sie die Berichterstattung über die Corona-Krise wahr?

Bei meiner täglichen Lektüre von «Tages-Anzeiger» und NZZ bin ich seit Jahrzehnten immer wieder hell verwundert, dass die Zeitung überhaupt stets herauskommt und nie einen weissen Fleck hat. In den letzten Wochen waren allerdings 90 Prozent der Zeitungsinhalte dem Thema Corona-Krise untergeordnet.

Loben oder tadeln Sie das?

Ich bin mir etwas unschlüssig. Jedenfalls ist es ein einmaliges Phänomen, wie sehr dieses Thema fast alle Journalisten vereinnahmt. Letztlich geht es auch um die Frage, ob die ganze Betriebsamkeit rundherum verhältnismässig sei. Das lässt sich erst im Nachhinein feststellen, vielleicht kommt man dann auch zum gegenteiligen Schluss, nämlich dass man dem Bedrohungscharakter auf den Leim gekrochen sei.

Man glaubte, durch täglichen Medienkonsum abgehärtet zu sein gegen die Notsituationen dieser Welt. Eine Illusion, wie sich jetzt zeigt.

Wir kennen die Katastrophen von fernen Ländern, etwa Ebola-Virus, Heuschreckenschwärme oder Hungersnot in Afrika. Wir kennen sie als im Fauteuil eingesunkene, Whisky trinkende und Zigarren rauchende Zuschauer. Und jetzt fühlen wir uns ein bisschen mehr wie ein unterentwickeltes Land und haben, bis in die gehobeneren Kreise, eine Ahnung von Misere am eigenen Leib. Das Leben in Saus und Braus ist aus. Die Berührungsängste haben uns alle erfasst. Wir sitzen nun auch in der Tinte.

Und wir werden es eine Weile bleiben, zumindest wirtschaftlich.

Das Problem mit der drohenden Wirtschaftskrise ist: Niemand will den Gürtel enger schnallen. Wir wollen nicht nur nicht arm, sondern auch nicht weniger reich sein.

Und weiterhin shoppen.

Die vorübergehenden Ladenschliessungen verursachen in der Wohlstandsgesellschaft Tantalusqualen: Komfort ist vorhanden, aber nicht greifbar. «Die kleine Niederdorfoper» gibt die beste Antwort darauf: «Quand on n’a pas ce qu’on aime, il faut aimer ce qu’on a!» Das Nutzen eines gehobenen Kultur- oder Sportprogramms allerdings ist ja für viele auch ein Pfeiler ihrer Identität und ihres Selbstwertes.

Wird die temporäre Schliessung der Schulen die Entwicklung des Nachwuchses bremsen?

In mancher Hinsicht könnte das Aussergewöhnliche eher positive Auswirkungen haben. Schule einmal anders! Das bleibt prägend in Erinnerung. Was ist für die Zukunft der Schüler wichtiger: Die Regeln oder die Ausnahmen? Lesen Sie dazu Freuds «Zur Psychologie des Gymnasiasten». Im Übrigen ist eine der wichtigsten Fähigkeiten für das Leben die, das Beste aus der Situation zu machen. Das gilt auch für Erwachsene: Eine Krise bedeutet immer eine Lebenserfahrung, die auch unser Einfühlungsvermögen verbessert. Eine Krise lehrt uns oft mehr als tausend Psychologen.

Alle reden nun von Solidarität. Wie altruistisch sind die jetzt praktizierten Formen?

Die moderne biologische Wissenschaft, in der Genetik wie in der Hirnforschung, geht seit einigen Jahren von der Annahme aus, dass es ein kooperatives Gen gebe, das für das Leben des Individuums als auch des Kollektivs unabdingbar ist. Das steht im Gegensatz zur darwinistischen Evolutionslehre, aber auch zu Hobbes’ Aussage, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei. Für mich stehen diese Thesen gleichberechtigt nebeneinander. Das Helferverhalten wurde bei Kleinkindern, noch bevor sie dazu erzogen waren, als Spontanreaktion beobachtet. Bei Erwachsenen erzeugt die Hilfeleistung, das Engagement in einer helfenden Tätigkeit, ob freiwillig oder bezahlt, oft ein Gefühl von Stolz, moralischer Integrität und Selbstzufriedenheit. Sie entlastet auch von unbewussten Schuldgefühlen und schafft Ausgleich für vermeintliche Schuldhaftigkeit. Diese Epidemie gibt einem die Möglichkeit, sich durch Hilfe beliebt zu machen. Feinde haben jetzt zudem einen gemeinsamen Feind und werden gezwungen, Freunde zu sein, zur Kooperation verdammt.

Das klingt nicht nach dauerhaften Allianzen.

Die politischen Parteien und Verbände wetzen ja jetzt schon ihre Messer, sozusagen für die Zeit nach dem Waffenstillstand. Aber zumindest vorübergehend schweisst die Pandemie Menschen, die durch soziale Schichtung oder unterschiedliche Interessen voneinander getrennt sind, zur Schicksalsgemeinschaft. Zwar bleiben auch Unterschiede des Komforts bestehen, aber im Angesicht des Todes verwischen sich die Differenzen. Es ähnelt dem Flugzeugabsturz oder Schiffbruch, der in der ersten oder zweiten Klasse das gleiche Ziel, Himmel und Hölle, anpeilt. «Die Asche macht alle gleich», sagt Seneca.

So weit ist es für die meisten von uns zum Glück noch nicht. Wie wichtig ist das Lachen, wenn vielen ums Weinen ist? Dem jüdischen Humor sagt man ja nach, als Überlebensstrategie entwickelt worden zu sein, nämlich um in furchtbaren Zeiten dem Schicksal eine Grimasse zu schneiden.

Es gibt den Humor aus der Not, die ja auch sonst erfinderisch macht. So ruft jede Katastrophe auch den Humor in all seinen Spielarten auf den Plan: ironisch, sarkastisch, zynisch, komisch. Dabei werden Angst und Unbehagen bewältigt durch Bagatellisierung oder Modulierung in heitere Formen. So sind Witzeleien eine legitime Form, um sich vor eigenen Aggressionen zu schützen, diese aufzufangen und in kreative Bahnen zu lenken. In Zeiten der Katastrophen dienen sie der Spannungsabfuhr, in Zeiten der Langeweile bauen sie Spannung auf, über die Schiene der Dramatisierung und Skandalisierung. Entsprechend ändert sich das Kinoprogramm. Zurzeit feiert tatsächlich die Identifikation mit dem Aggressor Urständ, die man vom jüdischen Witz her kennt.

Sie haben zahlreiche psychiatrische Gerichtsgutachten verfasst. Welche Diagnose würden Sie der Frau Corona ausstellen, die unter anderem der öffentlichen Unruhestiftung angeklagt ist?

Ohne gründliche Untersuchung eines Patienten stelle ich keine Diagnose. Und Corona müsste mich von der Schweigepflicht entbinden.

Kehren wir zurück zum Ernst: Behandeln Sie zurzeit noch Patienten in Ihrer Praxis mitten in Zürich?

Ich habe mit Seife, Desinfektionsmitteln und Plexiglas die nötigen Vorsichtsmassnahmen getroffen.

Es heisst, schönes Wetter verstärke bei vielen depressiv Kranken die Symptome. Lässt sich das auch auf unseren Heimarrest übertragen?

Wirklich depressive Leute ziehen sich gerne zurück, verdunkeln die Räume, das passt zur Stimmung. Das schöne Wetter hingegen verstärkt den Druck, fröhlich zu sein. Auch in der gegenwärtigen Situation würde Regen eher passen. Das goldglänzende Frühlingswetter, dessen Temperaturen verfrüht den Vorsommer anzukündigen scheinen, wirkt auf unser Gemüt provozierend wie ein Hohn oder übler Scherz. Auf der friedlichen Stille liegt ein Verhängnis. Für mich ist diese Epidemie der Beweis, dass Gott keine Supervision hatte, als er die Welt erschuf. Aber ich bin kein Theologe.

Schliessen wir mit der Poesie, für die Sie eine Ader haben: In Ihrem vorletzten Buch «Zitatgedichte» haben Sie selbst profanen Zeitungsartikeln poetisches Potenzial abgewonnen. Können Sie solches auch der jetzigen Situation abringen?

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es ja die sogenannte Trümmerliteratur. Ich könnte mir vorstellen, dass es nach dem Corona-Sturm eine kleine Corona-Literatur geben wird. Vielleicht entstehen neue Wortgebilde wie «coronaisch» oder «coronaesk», etwa «coronaeske Stimmung» und so weiter. Warten wir ab.

Das Interview ist teils schriftlich, teils fernmündlich geführt worden.

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