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Deutschland und Frankreich beschliessen strenge Massnahmen, die Schweiz bleibt im Vergleich moderat

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 30.10.2020 Julia Monn

In einem sind sich die Regierungsvertreter Frankreichs, Deutschlands und der Schweiz einig: Die Bevölkerung soll ihre Kontakte beschränken, um Neuinfektionen, Hospitalisierungen und vor allem Todesfälle zu verhindern. Wie dieses Ziel verfolgt wird, ist unterschiedlich.

Spitalpersonal wie diesen Pfleger eines Spitals im französischen Laval gilt es mit den neuen Massnahmen zu entlasten. Stephane Mahe / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Spitalpersonal wie diesen Pfleger eines Spitals im französischen Laval gilt es mit den neuen Massnahmen zu entlasten. Stephane Mahe / Reuters

Es war ein Grosskampftag in Sachen Corona-Massnahmen, den die Regierungen in der Schweiz, Deutschland und Frankreich am Mittwoch bestritten. Alle sahen sie sich konfrontiert mit rapide steigenden Zahlen bei den Neuinfektionen, schwindenden Spitalbetten und mehr Corona-bedingten Todesfällen. In der Schweiz und Frankreich spitzte sich die Lage schon seit Anfang Oktober zu. Die Zahl der neu am Coronavirus erkrankten Menschen stieg exponentiell; einzig Tschechien und Belgien liegen derzeit im weltweiten Pro-Kopf-Vergleich noch vor der Schweiz und Frankreich. Besorgniserregend ist auch, dass diese beiden Länder relativ viele positive Sars-CoV-2-Tests verzeichnen: Die sogenannte Positivitätsrate liegt in Frankreich laut aktuellen Zahlen bei 10,1 Prozent, in der Schweiz liegt sie gar bei 26,4 Prozent. Damit sind beide Länder weit davon entfernt, mit dem Testing das eigentliche Infektionsgeschehen korrekt abzubilden. Die Dunkelziffer dürfte erheblich sein.

Bereits Mitte Oktober schlug das französische Gesundheitspersonal Alarm, weil es immer häufiger Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf auf den Intensivstationen behandeln muss. Die Bettenkapazitäten in den besonders betroffenen Regionen rund um die Grossstädte Paris, Marseille, Lyon oder Lille schrumpfen. Laut der Regierung sind inzwischen aber auch 58 Prozent der Intensivbetten landesweit bereits mit Corona-Patienten belegt.

In der Grossregion Paris wurde deshalb gar der «plan blanc» ausgelöst. Damit wurden notwendige Operationen bis auf weiteres verschoben und das Spitalpersonal mit einem Ferienverbot belegt. Die in der Folge getroffenen regionalen Massnahmen – wie eine Sperrstunde in der Gastronomie oder eine Ausgangssperre ab 21 Uhr in besonders betroffenen Regionen – haben die Ausbreitung der Pandemie allerdings nicht eingedämmt. Vielmehr trafen sich die Menschen einfach im privaten Rahmen, es kursierten auch Berichte von «Untergrund-Restaurants» und Bars, die plötzlich Speisen anboten, um im Geschäft zu bleiben.

Ähnlich gestaltete sich die Situation auch in der Schweiz. Nach einem Sommer, in dem die Zahl der Neuinfektionen, Hospitalisierungen und Todesfälle tief blieb, spitzte sich die epidemiologische Lage stetig zu. Die Kantone meldeten mehr und mehr Infizierte, die Zahl der Hospitalisierungen stieg. Laut den Fachexperten des Bundes stieg die Belegung der Intensivbetten in den letzten sieben Tagen um den Faktor 1,5. Forscher der ETH Zürich rechnen vor, dass sich die Situation auf den Intensivstationen in den kommenden Tagen verschärfen dürfte. Bereits nächsten Mittwoch könnten in zahlreichen Kantonen sämtliche Intensivbetten belegt sein.

Bei einer Pressekonferenz am Dienstag waren sich die Fachleute einig, dass die Schweizer ihr Verhalten noch nicht der epidemiologischen Lage angepasst hätten. Inzwischen überflügelt die Schweiz im Pro-Kopf-Vergleich der Neuinfizierten die um ein Vielfaches grösseren Nachbarländer Frankreich und Deutschland. Und auch in unserem Land scheinen kantonale Massnahmen wie eine Maskenpflicht in den obligatorischen Schulen oder eine Sperrstunde in der Gastronomie besonders betroffener Kantone wenig zu bewirken.

Obschon die Lage in den beiden Ländern ähnlich düster scheint, zeichnet sich in Frankreich zusätzlich eine besorgniserregende Tendenz bei den Corona-Todesfällen ab. Diese liegen im Vergleich zur Schweiz im Sieben-Tages-Schnitt doppelt so hoch und im Vergleich zu Deutschland rund sechsmal so hoch. Schon während der ersten Welle im Frühjahr hatte sich gezeigt, dass das französische Gesundheitssystem der Pandemie nicht gewachsen war. Schon damals verhängte Präsident Emmanuel Macron einen rigorosen Lockdown in ganz Frankreich.

Entsprechend wurde über einen landesweiten Lockdown spekuliert, als der Élysée-Palast am Mittwoch eine Rede des Präsidenten an die Nation ankündigte. So kam es denn auch: Ab Donnerstag gilt wieder eine landesweite Ausgangssperre. Das Haus darf nur für dringende Besorgungen und für die Arbeit verlassen werden, sofern Home-Office nicht möglich ist. Eine Stunde Sport am Tag ist gestattet, Besuche in Alters- und Pflegheimen sind möglich – alle anderen privaten Treffen sind untersagt. Entsprechend sind Kinos, Theater, Bars oder Restaurants geschlossen. Die Massnahmen gelten bis zum 1. Dezember. Einzig der obligatorische Schulbetrieb wird aufrechterhalten. Es gelte, die Kontakte auf ein absolutes Minimum zu reduzieren, sagte Emmanuel Macron.

In dasselbe Horn hatte Stunden zuvor auch die Schweizer Bundespräsidentin geblasen. Gleichwohl verkündete sie moderatere Beschränkungen, um eine ähnliche epidemiologische Lage in den Griff zu bekommen. Das öffentliche Leben wird in der Schweiz weitgehend aufrechterhalten. Die Schweizer können sich zu zehnt treffen, bis 23 Uhr in einem Restaurant oder an der Bar sitzen und sich drinnen wie draussen mit einem Mund-Nase-Schutz frei bewegen. Die obligatorischen Schulen bleiben geöffnet, Home-Office wird empfohlen. Anders als in Frankreich müssen nur Diskotheken und Tanzlokale ganz schliessen. Ein Ende dieser Massnahmen ist nicht festgelegt.

Merkel will weder Schweizer noch französische Zustände

Ähnlich und doch ganz anders gestaltet sich die Entwicklung in unserem nördlichen Nachbarland. Auch Deutschland verzeichnete im Vergleich zum Frühjahr neue Höchststände bei den Neuinfizierten, die Hospitalisierungen und Todesfälle nehmen auch hier zu. Im Vergleich zur Schweiz und Frankreich jedoch auf viel tieferem Niveau. Deutschland belegt Rang 30 im Pro-Kopf-Vergleich der europäischen Länder. Die derzeitige Positivitätsrate von rund 4 Prozent zeigt: Das deutsche Testing funktioniert. Die Dunkelziffer ist gering.

Aber sowohl Kanzlerin Angela Merkel als auch die Ministerpräsidenten der stark betroffenen Bundesländer Bayern und Nordrhein-Westfalen zeigten sich alarmiert über die Zunahme. Es müssten dringendst nationale Massnahmen in den föderalen Flickenteppich geflochten werden, verkündete Bayerns Ministerpräsident Markus Söder auch mit Blick auf die Nachbarländer. Dies, obschon nationale Massnahmen von der Kanzlerin nicht einfach beschlossen werden können, da weder ein Pandemiegesetz noch die nötige Exekutivmacht vorliegt. Entsprechend galt es, allfällige Massnahmen im Rahmen der Ministerpräsidentenkonferenz zu verhandeln. Das Resultat: Deutschland handelt trotz tiefen Zahlen strikt. Ab Montag dürfen sich nur noch Mitglieder zweier Haushalte treffen. Auch hier gilt eine Obergrenze von zehn Personen. Gastrobetriebe dürfen nur noch ausliefern, aber nicht mehr bewirten. Ins Hotel darf nur noch, wer auf unumgänglicher Dienstreise ist, Besuche im Alters- und Pflegheim sollen vermieden werden. Einzig die Schulen bleiben von grösseren Auflagen verschont. So will Deutschland eine angespannte Lage, wie sie in der Schweiz und Frankreich herrscht, vermeiden.

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