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Die Anbieter von Impfstoffen gegen Covid-19 können nur kurz frohlocken

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 23.12.2020 Dominik Feldges

Das Geschäft mit den Vakzinen wird Firmen wie Moderna oder Biontech im kommenden Jahr Milliarden in die Kassen spülen. Doch bereits 2022 droht ein Umsatzeinbruch. Zudem sind die Risiken im Management der komplexen Produktionsketten nicht zu unterschätzen.

Eine Spritze und ein Glasfläschchen mit dem Impfstoff braucht es für jede einzelne Impfung gegen Sars-CoV-2. Owen Humphreys / Getty ; © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Eine Spritze und ein Glasfläschchen mit dem Impfstoff braucht es für jede einzelne Impfung gegen Sars-CoV-2. Owen Humphreys / Getty ;

Die Impfstoffe gegen das Coronavirus kosten nicht die Welt. Laut einer Aufstellung der Marktforschungsfirma Bloomberg Intelligence haben die USA für ihre bereits bestellten Vakzine beispielsweise Preise zwischen 4 $ (im Fall des auf einer Nicht-Gewinn-Basis offerierten Produkts von AstraZeneca) und $ 24.80 (Impfstoff von Moderna) pro Dosis ausgehandelt. Wie Ende vergangener Woche ein belgischer Staatssekretär in einem Tweet auf Twitter ausplauderte, bezahlt die EU für den Impfstoff von Moderna 18 $ und für jenen der beiden Anbieter Pfizer und Biontech 12 €. Der Politiker löschte seinen Eintrag rasch wieder, doch waren Medien schnell genug, um über den Inhalt zu berichten.

Hohe Dunkelziffer

Allerdings macht auch bei Vakzinen die Masse das Geschäft. So hat allein die EU bei sieben verschiedenen Anbietern über 2 Mrd. Dosen für Impfungen gegen Sars-CoV-2 reserviert. Mitte Dezember bezifferte Bloomberg Intelligence den Gesamtwert aller bisher veröffentlichten Lieferverträge mit Impfstoffherstellern auf «mindestens 20,5 Mrd. $». In Tat und Wahrheit sei aber von einer deutlich höheren Summe auszugehen, konstatierten die Marktbeobachter. Gewisse Staaten hätten ihre Vereinbarungen mit der Pharmabranche nicht publik gemacht. Zudem sei nicht bei allen kommunizierten Verträgen die Kaufsumme bekannt.

Die Aussicht auf milliardenschwere Einnahmen hat Anleger bei einer Reihe von Unternehmen waghalsige Wetten eingehen lassen. Beim deutschen Unternehmen Biontech beispielsweise hat sich der Aktienkurs seit Anfang Jahr verdreifacht. Die Firma, die zurzeit erst rund 1300 Mitarbeiter beschäftigt, weist einen Börsenwert von gut 25 Mrd. $ auf. Hinter diesem Höhenflug steht die Erwartung, dass das Unternehmen aus Mainz im kommenden Jahr einen Umsatz von über 5 Mrd. € erwirtschaften wird – verglichen mit lediglich knapp 500 Mio. €, die Analytiker im Durchschnitt für das laufende Jahr einkalkulieren.

Das Unternehmen hat zusammen mit seinem Partner Pfizer weltweit bis anhin am meisten Zulassungen eingeheimst. So darf der Impfstoff der Firma unter anderem in Grossbritannien, den USA, der Schweiz und seit Montag auch in der EU verabreicht werden. Am zweitweitesten ist im Rennen um die ersten Vakzine gegen Covid-19 das US-Unternehmen Moderna vorangekommen. Es erhielt vergangene Woche grünes Licht von der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA. Die Zulassung in der EU und in der Schweiz wird für Anfang Januar erwartet. Auch der Aktienkurs von Moderna ist dieses Jahr in die Höhe geschossen. Mit rund 55 Mrd. $ ist das Unternehmen 7-mal so viel wert wie zu Jahresbeginn. Auch Moderna zählt zurzeit erst rund 1300 Mitarbeiter.

Für Pfizer nur ein Nebenschauplatz

Laut jüngsten Schätzungen von Analytikern sollte die Firma 2021 in der Lage sein, sogar einen Umsatz von über 9 Mrd. $ zu erwirtschaften. Ähnlich wie Biontech verfügte auch dieses Biotechnologieunternehmen bis anhin kaum über nennenswerte Einnahmen und verdankt den nun erwarteten Geschäftserfolg einzig seinem Vakzin gegen das Coronavirus.

Beim Produkt von Biontech verdient auch Pfizer mit, wobei für den amerikanischen Pharmariesen das Geschäft mit dem Impfstoff aber lediglich ein Nebenschauplatz sein wird. Der Börsenwert des Konzerns, dessen Umsatz schon im vergangenen Jahr bei rund 50 Mrd. $ lag, hat sich seit Anfang Jahr denn auch kaum verändert. Er beträgt gut 200 Mrd. $.

Lonza kassiert mit

Allerdings wird selbst in der Kasse von Moderna nur ein Teil des Geldes verbleiben, das Staaten dem Unternehmen für die Lieferungen seines Impfstoffs überweisen werden. Die Firma ist nämlich ähnlich wie Biontech und zahlreiche andere Biotechfirmen mit einem Impfstoffkandidaten gar nicht in der Lage, das Gros der Produktion aus eigener Kraft zu bewältigen. Sie hat sich die Dienste der Basler Lonza-Gruppe sowie weiterer Auftragsfertiger bei der Herstellung des Wirkstoffs sowie für die Produktion der fertigen Formulierungen und das Abfüllen in die einzelnen Glasfläschchen (Vials) gesichert.

Wie viel allein Lonza in Rechnung stellen wird, ist nicht bekannt. Allerdings hatte das Unternehmen bereits im Oktober an einer Investorenkonferenz verlauten lassen, es rechne in diesem Geschäft mit einer Marge, die nicht an das sonst übliche Niveau in der Belieferung von Kunden aus der Pharma- und Biotechnologiebranche herankomme. Den Umsatz aus dem Auftrag von Moderna bezifferte Lonza für 2021 auf lediglich 110 Mio. Fr.

Die Zusammenarbeit mit einer Reihe von externen Partnern birgt für die Anbieter von Impfstoffen beträchtliche Risiken. Wenn nur ein Betrieb in den komplexen Wertschöpfungsketten ausfalle, könne die gesamte Produktion ins Stocken geraten, meinen Branchenbeobachter. Im Zusammenhang mit Moderna haben kritische Stimmen darauf verwiesen, dass einer der Auftragsfertiger, auf den die Firma nun setzt, nämlich Catalent aus den USA, in der Vergangenheit wiederholt von der FDA gerügt worden sei. So hätten Arbeiter beispielsweise ihre Handschuhe nicht vorschriftsgemäss desinfiziert. Catalent beteuert indes, die Probleme, die 2019 bei Inspektionen aufgetaucht seien, mittlerweile behoben zu haben.

Wie lange haben Allianzen Bestand?

Im vergangenen Jahr, also noch vor dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie, teilten sich lediglich vier Konzerne, GlaxoSmithKline, Pfizer, Merck & Co. und Sanofi, ungefähr 80% des weltweiten Geschäfts mit Impfstoffen. Laut Schätzungen der Marktforschungsfirma Evaluate Pharma erreichte der Gesamtumsatz mit Vakzinen 32,5 Mrd. $.

In dieser vergleichsweise überschaubaren Welt war es kaum üblich, dass Impfstoffhersteller bedeutende Teile ihrer Wertschöpfungsketten auslagerten. An Vakzine werden besonders hohe Qualitätsanforderungen gestellt, weshalb viele Anbieter die Produktion lieber möglichst vollständig selber kontrollieren.

Dass die nun in der Branche hastig geschlossenen Allianzen mit einer Vielzahl von Drittfirmen längerfristig Bestand haben werden, bezweifeln viele Marktbeobachter. Ohnehin rechnen die meisten Branchenexperten nicht damit, dass das nun lockende Milliardengeschäft mit Vakzinen gegen Covid-19 von Dauer sein wird. Das Gros der Annahmen geht zurzeit noch immer davon aus, dass die Impfungen nicht regelmässig aufgefrischt werden müssen. Im Fall von Moderna prophezeien Finanzanalytiker im Durchschnitt bereits für 2022 einen Umsatzrückgang von 40%. Ein ähnlich schwerwiegender Einbruch wird für das Geschäft von Biontech (–44%) erwartet.

Konkurrenz aus China und Indien

Diese Prognosen beruhen auf der simplen Annahme, dass bis übernächstes Jahr dank Massenimpfungen die lukrativen Märkte in den Industrieländern weitgehend abgegrast sein dürften. Zudem ist zu erwarten, dass angesichts wachsender Konkurrenz durch Impfstoffe auch aus Schwellenländern wie China oder Indien der Preis pro Dosis verbreitet auf wenige Dollar sinken wird.

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