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Die Extrem-Ruderin Gabi Schenkel überquerte als erste Schweizerin allein den Atlantik – vor zwei Jahren war sie noch im Anfängerkurs des Seeclubs Richterswil

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 15.06.2020 Rebekka Haefeli

Nach knapp 75 Tagen auf dem Ozean hat die Zürcher Ruderin Gabi Schenkel Ende Februar die Karibikinsel Antigua erreicht. Nun kehrt die Ausdauersportlerin in ihren Alltag zurück. Ausgebremst wurde sie nur durch die Corona-Krise.

Gabi Schenkel hat die Solo-Atlantiküberquerung im Rahmen des Atlantic-Challenge-Ruderrennens geschafft. Sie arbeitet als Osteopathin, die Aufnahme entstand in ihrer Praxis in Zürich Enge. Karin Hofer / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Gabi Schenkel hat die Solo-Atlantiküberquerung im Rahmen des Atlantic-Challenge-Ruderrennens geschafft. Sie arbeitet als Osteopathin, die Aufnahme entstand in ihrer Praxis in Zürich Enge. Karin Hofer / NZZ

Das ist sie also, die Frau, die mausbeinallein in einem Ruderboot den Atlantik überquerte – 5282 Kilometer auf dem offenen Meer, von La Gomera bis in die Karibik. Am 25. Februar spürte sie das erste Mal nach 74 Tagen, 23 Stunden und 56 Minuten wieder festen Boden unter den Füssen. Gabi Schenkel ist die erste Schweizerin, die allein das härteste Ruderrennen der Welt absolviert hat.

Nun ist sie wieder in Zürich, pendelt von ihrem Wohnort Au-Wädenswil in ihre Osteopathie-Praxis in der Stadtmitte. Und sie leidet unter Muskelkater. Denn vor zwei Tagen steckten ihre Füsse in einem Paar Wanderschuhe, die sie in den Glarner Alpen über ein paar Kilometer talwärts trugen. Auch wer allein über den Atlantik rudern kann, ist gegen Muskelkater in den Beinen also nicht gefeit. Eigentlich eine ganz beruhigende Tatsache.

Erfahrung mit Ultramarathons

«Mein Körper braucht nach dieser langen Anstrengung noch etwas Ruhe», sagt die 43-jährige Zürcherin, die mit der Ruder-Challenge eine aussergewöhnliche mentale und sportliche Herausforderung gemeistert hat. Das ist ihr durchaus bewusst, auch wenn sie ihre Leistung ständig relativiert. «Ich wusste einfach, dass ich das schaffen kann», sagt sie. «Im Herbst vor zwei Jahren wachte ich eines Morgens auf und entschied, allein an den Start zu gehen. Am Gelingen habe ich nie gezweifelt.»

Die Sternstunde, in der der Entscheid fiel, erlebte sie Mitte Oktober 2018. Das war einen Tag bevor sie im Seeclub Richterswil ihr Anfängerdiplom entgegennehmen konnte. Denn mit Rudern hatte sie bis vor zwei Jahren gar nichts am Hut. Auf die verrückte Idee, das Rennen in Angriff zu nehmen, war sie einige Monate vorher gekommen. Zufällig hatte sie aufgeschnappt, wie vier Schweizer Männer an der Atlantic Challenge teilnahmen, und hatte deren Weg über den Ozean verfolgt.

Ihr anfänglicher Plan, mit drei anderen Frauen zur Atlantic Challenge anzutreten, scheiterte an der Teamzusammensetzung. Da entschied sie: «Ich mache es allein.» Sie war fasziniert vom Gedanken, die Herausforderung anzunehmen. «Von Rudern hatte ich keinen blassen Schimmer, aber ich wusste, dass ich grosse mentale Fähigkeiten besitze.» Sicherheit gab ihr ihre Ultramarathon-Erfahrung – das sind Rennen über 50 oder 100 Kilometer, von denen sie bereits einige absolviert hat.

Eine «gwagglige» Angelegenheit

In der Vorbereitungsphase wurde der Zürichsee zu ihrer zweiten Heimat, obschon sie sich im Ruderboot anfangs überhaupt nicht wohl fühlte. «Cheibe gwagglig» sei es gewesen, und sie habe die Vorstellung, in einem Viererboot auf dem Ozean auf die anderen angewiesen zu sein, bald als «mega unangenehm» empfunden. Beim Rudern an sich habe sie im Anfängerkurs aber schnell an Sicherheit gewonnen. «Wobei das Rudern auf dem Ozean mit dem auf dem Zürichsee wenig zu tun hat.»

Gabi Schenkel investierte ihre ganze Freizeit in das Vorhaben, als Solo-Ruderin den Atlantik zu überqueren. Die Nächte seien ein Jahr lang kurz gewesen, sagt sie. «Frühmorgens ging ich mit dem Trainingsboot auf den See, zudem fuhr ich viel Velo und machte Krafttraining.» Und daneben arbeitete die Osteopathin wie zuvor zu achtzig Prozent weiter in der eigenen Praxis, baute eine Website für den Wettkampf auf, ging auf die Suche nach Sponsoren und Donatoren, um den Bau des Rennbootes zu finanzieren. Das Boot war fast zwei Meter breit und über sieben Meter lang und hatte vorne und hinten je eine Kabine fürs Equipment und zum Schlafen.

Die Tatsache, dass sie auch einen grossen Teil ihres Ersparten in die Atlantik-Überquerung gesteckt hat, wurde ihr fast zum Verhängnis. Bereits auf dem Boot hatte sie vom Coronavirus erfahren. Ihre Schwester und eine Freundin, mit denen sie in ständigem Whatsapp-Kontakt war, hatten ihr von der neuartigen Krankheit geschrieben.

Entspannt trotz knappen Finanzen

Während des Rennens war Gabi Schenkel mit anderen Schwierigkeiten konfrontiert. Einmal wurde sie von Wellen über Bord gespült, einmal kam sie während eines Sturms total vom Kurs ab. Bei der Ankunft in Antigua, zu der sogar ihre Eltern angereist waren, waren Corona oder Social Distancing aber kein Thema. «Ich hatte zweieinhalb Monate keinen direkten Kontakt zu anderen Menschen gehabt und sammelte Umarmungen.»

Als sie eine gute Woche später in Zürich eintraf, war der Flughafen schon auffallend leer, wie sie sich erinnert. Zwei Wochen darauf kam der Lockdown. Ihre Osteopathie-Praxis hatte sie vor dem Rennen aufgegeben. Bald war ihr klar, dass sie ihren Plan, Anfang April in neuen Praxisräumlichkeiten wieder mit der Arbeit zu beginnen, nicht würde umsetzen können.

Sie besichtigte zwar Räume im Enge-Quartier, wobei man sich schon damals nur noch mit dem Ellbogen begrüsste, verschob den Mietbeginn aber vorerst um einen Monat. Als Osteopathin kommt sie ihren Patientinnen und Patienten nahe, wenn sie durch manuelle Behandlungen beispielsweise Verspannungen löst oder Gelenk- und Muskelschmerzen lindert. Zudem hätte sie ohnehin nur Notfälle behandeln dürfen.

Seit Anfang Mai arbeitet Gabi Schenkel nun wieder. Die Pause hat sie finanziell zwar an Grenzen, aber nie aus der Ruhe gebracht. «Auch wenn ich zeitweise nur noch 140 Franken auf dem laufenden Konto hatte, blieb ich tief entspannt», sagt sie. «Ausschlaggebend dafür war die Erfahrung, dass ich allein über den Atlantik gerudert bin.» Wo es ging, ersuchte sie um Fristerstreckungen, und hin und wieder entspann sich aus diesen Anfragen ein lockeres Gespräch über ihre Zeit auf dem Ozean. «Ich liess meine Gegenüber in der Corona-Krise kurzfristig die Leichtigkeit des Lebens spüren.»

Neue sportliche Pläne

Das macht sie auch in ihrer Osteopathie-Praxis. «Ich versuche meine Patientinnen und Patienten ein Stück weit auf ihrem persönlichen Weg zu begleiten.» Ihre sportlichen Erfolge betrachtet Gabi Schenkel durchaus als Motivation für andere, den Fokus auf neue Ziele zu richten und mit Neugier durchs Leben zu gehen.

Neue Ziele hat sie sich selbstverständlich selber auch bereits gesteckt. Anfang September möchte sie an einem Ultramarathon über 50 Kilometer in Südengland teilnehmen. Und bereits bestätigt ist die Voranmeldung für einen 6-Tage-Lauf in Arizona, USA. 250 Meilen misst die Strecke, was rund 402 Kilometern entspricht. Auch wenn sie jetzt gerade noch unter Muskelkater leidet – ihr Bauchgefühl sagt: «Du wirst es schaffen.»

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