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Die Kanarischen Inseln suchen Alternativen zur touristischen Monokultur

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 16.07.2020 Ute Müller, Las Palmas de Gran Canaria

Noch bleiben die Badegäste aus Furcht vor der Ansteckung mit dem Coronavirus weg. Die Pandemie hat gezeigt, dass sich die Inselgruppe wirtschaftlich nicht nur auf den Tourismus abstützen sollte. Es gibt erste Versuche von Firmenansiedlungen.

Der Neubeginn nach drei Monaten Ausgangssperre für den Tourismussektor auf den Kanarischen Inseln war schwer, weil Flugverbindungen gestrichen wurden. Mercedes Menendez / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Der Neubeginn nach drei Monaten Ausgangssperre für den Tourismussektor auf den Kanarischen Inseln war schwer, weil Flugverbindungen gestrichen wurden. Mercedes Menendez / Imago

In der kanarischen Touristen-Hochburg Maspalomas-Costa Canaria bemüht sich die Bürgermeisterin Maria Concepción Narváez Vega persönlich um die ersten ausländischen Gäste. Das Küstengebiet – bekannt für seine hohen Dünen und seine beiden Sandstrände – konnte sich vor der Corona-Krise kaum retten vor Besuchern aus Nordeuropa. «Während des langen Lockdown konnte sich die Natur aber erholen, die Sanddünen formten sich neu, wir haben alles gesäubert, und jetzt zeigen sich wieder Tiere, die wir vorher so gut wie nie gesehen haben», sagt Narváez. Sie hat sogar vier Ranger angestellt, die darüber wachen, dass Besucher das Naturschutzgebiet nur auf den vorgegebenen Wegen betreten.

Harziger Neustart

Aber es fehlen die Badegäste. Im Ausland hat man nicht vergessen, dass der erste Corona-Fall in Spanien auf der Kanareninsel La Gomera gemeldet wurde; ein Tourist aus Deutschland wurde positiv auf das Virus getestet. Doch längst zählen die Kanaren neben den Balearen landesweit zu den Regionen mit der geringsten Infektionsrate: Man hatte von Anfang an konsequent Quarantänen verhängt und konnte die Verbreitung stoppen. «Zudem sind unsere Strände so weitläufig, dass die Einhaltung des Sicherheitsabstands für unsere Gäste kein Problem darstellt», fügt Narváez hinzu.

Trotzdem ist der Neubeginn nach drei Monaten Ausgangssperre für den Tourismussektor schwer, weil Flugverbindungen gestrichen wurden. Im vergangenen Jahr brachten jeden Tag mehr als 500 Flugzeuge Gäste aus dem Ausland auf die Inseln, darunter 260 000 Schweizer. Aber jetzt ist das Flugaufkommen derart zusammengeschrumpft, dass es 80% unter dem Vorjahresniveau liegt.

Hinzu kommt, dass den Briten – sie stellen die wichtigste Gästegruppe dar – die Reiselust wegen der steigenden Zahl von Covid-19-Fällen vergangen ist. Im vergangenen Jahr machten sie 30% der 13 Mio. ausländischen Touristen auf den Kanaren aus.

Paradiesische Ruhe

Nun profitieren die wenigen Gäste, die den Weg auf die Insel gefunden haben, von paradiesischer Ruhe. Für die Hoteliers aber ist die Lage ernst, und trotz dem reduzierten Angebot ist nur jedes vierte Zimmer belegt. Auf den anderen sieben Kanareninseln sieht es nicht besser aus. «Weil sie nicht gewinnbringend wirtschaften können, haben viele Hoteliers und Gastwirte erst gar nicht aufgemacht», erklärte Narváez.

Bürgermeisterin Maria Concepción Narváez. ; Ute Müller / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Bürgermeisterin Maria Concepción Narváez. ; Ute Müller / NZZ

Nun setzt die Inselregierung alles daran, zumindest die Hochsaison, die erst im Oktober beginnt, zu retten und die Kapazität der 415 000 Betten halbwegs auszuschöpfen. «Wir haben keine Alternative zum Tourismus», erklärte die kanarische Tourismusministerin Yaiza Castillo bei einem Treffen mit Medienvertretern aus Europa.

Der Fremdenverkehr steht für 35% des Bruttoinlandprodukts (BIP) der Inselgruppe und für 40% der Arbeitsplätze. «Ohne Hilfe von der EU werden wir dieses Jahr nicht über die Runden kommen», bilanziert die 34-jährige Ministerin. Sie geht von einem Einbruch der Besucherzahlen von 66% aus, bei den Einnahmen würde das einem Verlust von 10 Mrd. € entsprechen.

Aufwendiges Sicherheitsdispositiv

Jetzt wirbt die Inselregierung mit dem Thema Sicherheit um die Gäste. Seit dem 22. Juni, dem Tag, an dem der Lockdown in Spanien offiziell endete, gilt auf den acht Kanareninseln ein striktes Anti-Covid-19-Protokoll. «Die Ferien auf den Kanaren sollen keine Krankheitserfahrung werden. Daher haben wir das strengste Sicherheitsprotokoll in ganz Europa entwickelt, das in Hotels, Restaurants und allen öffentlichen Gebäuden sowie Museen gilt», sagt Castillo und rührt die Werbetrommel.

Wie ein solches Protokoll aussieht, kann man beim Fünf-Sterne-Haus Santa Catalina in Gran Canarias Hauptstadt Las Palmas sehen. Am Eingang des ältesten Hotels auf den Kanaren liegt ein mit Desinfektionsmitteln imprägnierter Teppich aus, blaue Bänder in der Länge von zwei Metern zeigen den Sicherheitsabstand, den die Gäste beim Gehen stets einhalten sollten.

Desinfektionsmittelspender sind allgegenwärtig, und für Hotelkunden und das Personal herrscht eine Maskenpflicht. Nur ein Teil der Tische ist eingedeckt, damit die Gäste genügend weit entfernt voneinander essen können. Besteck und Servietten sind in Plastiktüten verpackt, selbst die Schlüsselkarte für das Hotelzimmer wird in einem Umschlag überreicht.

Der Hoteldirektor Manuel Martínez-Fresno, der früher für die kanarische Landesregierung als Diplomat in Miami arbeitete, ist zufrieden. Die Gäste nehmen die Regeln klaglos hin, weil sie sich sicher fühlen wollen. «Wir holen unsere Angestellten nach und nach aus der Kurzarbeit zurück, und in der kommenden Woche sind unsere 200 Zimmer ausgebucht», erklärt Martínez-Fresno.

Bei den Gästen handelt es sich freilich vorwiegend um die Besucher eines Kongresses – Gran Canaria hat in den vergangenen Jahren mit drei Kongresszentren ganz bewusst auf diese Art Besucher gesetzt. Aber nach der Veranstaltung dürfte es wieder ruhiger werden. Auch sonst handelt es sich bei den Gästen, die man antrifft, vorwiegend um Spanier. «Juli und August standen schon immer im Zeichen des Inlandtourismus», sagt Martínez-Fresno.

Auf dem Wanderweg zum Inselwahrzeichen Roque Nublo. Ute Müller / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Auf dem Wanderweg zum Inselwahrzeichen Roque Nublo. Ute Müller / NZZ

Während man im Süden von Gran Canaria noch auf die Rückkehr der Pauschalreisenden aus dem Norden wartet, boomt der Tourismus im Landesinnern, etwa im romantischen Ort Tejeda. Die Gäste schätzen den Ausblick auf das Gebirgspanorama und die Wanderwege rund um das Insel-Wahrzeichen, den 1813 Meter hohen Roque-Nublo-Felsen.

Alternativen zur touristischen Monokultur

Seit 2014 zählt Tejeda offiziell zu den schönsten Dörfern Spaniens. Der staatliche Parador kann über Gästemangel nicht klagen. Alle Zimmer seien vermietet, die Belegungsrate liege 20% über dem Vorjahresniveau, betont Manager Gonzalo Alejo. Nun erweist es sich als Segen, dass man im pittoresken Ort auf den Bau von Hotelburgen verzichtet und auf nachhaltigen Tourismus gesetzt hat. Auf die 1900 Bewohner kommen nur rund 150 Hotelbetten.

«Die derzeitige Situation ist ein Chance, vom klassischen Sonnen- und Strandtourismus wegzukommen», sagt Maria del Pino León, die beim Tourismuspatronat von Gran Canaria für die Entwicklung neuer Produkte zuständig ist, etwa den Ausbau der archäologischen Route im Norden der Insel.

Laura Ramós fordert Alternativen zum Tourismus. Ute Müller / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Laura Ramós fordert Alternativen zum Tourismus. Ute Müller / NZZ

Doch dieser Ansatz geht Laura Ramós, einer jungen, aus Gran Canaria stammenden Betriebswirtin, die viele Jahre in den USA lebte, nicht weit genug. «Die touristische Monokultur ist auf Dauer keine Lösung und sehr anfällig, wie die Corona-Krise gezeigt hat», sagt sie.

Man müsse dringend andere Branchen ansiedeln, um die Erwerbslosenquote, die nach der Corona-Krise auf 20% stieg, zu senken. An eine Stärkung der traditionellen Landwirtschaft – auf den Kanaren werden Tomaten, Gurken und Ananas angebaut – sei angesichts der Wasserknappheit nicht zu denken. Man müsse das Meer nutzen und so die «blaue Wirtschaft» fördern.

Gran Canaria ist bereits der Sitz der spanischen Algenbank, einer Forschungsstätte für die Verwendung von Algen in der Kosmetik- und Lebensmittelindustrie. Potenzial sieht Ramos auch in der Ansiedlung von neuen Technologiefirmen, da diese im Gegenzug zu Investitionen und der Schaffung von Arbeitsplätzen von einem niedrigen Steuersatz von nur 4% profitieren. Und nicht zuletzt sieht Ramos weitere Chancen in der Filmindustrie. In der Vergangenheit dienten die kargen Landschaften Gran Canarias, Fuerteventuras und Lanzarotes bereits als Drehorte für grosse Filmproduktionen wie «Star Wars», «Exodus» oder den Spionagethriller «Vertraute Fremde» von Robert Zemeckis.

Auf einer Website bietet die kanarische Regierung hohe Steuervergünstigungen für diejenigen an, welche die Inselgruppe als Drehort wählen. Ramos gerät ins Schwärmen: «Die Möglichkeiten für die Diversifizierung unserer Wirtschaft sind immens, wir müssen sie nur stärker nutzen.»

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