Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Die Spur führt nach Deutschland – und aus dem Opferdasein

Der Bund-Logo Der Bund 04.06.2020

Die Eltern des verschwundenen Mädchens suchen seit 13 Jahren ihr Kind. Seitdem sind sie Gehetzte – verdächtigt, bedroht, beschimpft, vom Boulevard verfolgt. Jetzt sitzt ein Mann aus Deutschland in Haft, der vielleicht all ihre Fragen beantworten kann.

Es zerreisst ihnen das Herz, daran zu denken, wie sie jetzt wohl aussähe: Kate und Gerry McCann halten 2012 anlässlich einer Pressekonferenz zum damals fünften Jahrestag des Verschwindens ihrer Tochter ein dem Alter angepasstes Polizeifoto von Madeleine. © Foto: Facundo Arrizabalaga (Keystone) Es zerreisst ihnen das Herz, daran zu denken, wie sie jetzt wohl aussähe: Kate und Gerry McCann halten 2012 anlässlich einer Pressekonferenz zum damals fünften Jahrestag des Verschwindens ihrer Tochter ein dem Alter angepasstes Polizeifoto von Madeleine.

Vor einigen Wochen hätte Madeleine McCann Geburtstag gehabt, es wäre ihr siebzehnter gewesen. Oder muss es heissen: Vor Kurzem hatte Madeleine Geburtstag? Niemand weiss, ob sie noch lebt. Ihre Eltern feiern den Tag jedes Jahr zusammen mit Maddies jüngeren Geschwistern, Amelie und Sean. Als ihre Schwester verschwand, waren sie zwei.

Kate McCann backt einen Kuchen und kauft ein paar Geschenke, die dem Alter entsprechen, in dem Maddie jetzt wäre – und ihrem Geschmack als Teenager. Soweit man das als Mutter beurteilen kann, die ihre Tochter nicht mehr gesehen hat, seit sie drei Jahre alt war.

Die Geburtstagsfeier, sagten Kate und Gerry McCann der BBC am zehnten Jahrestag des Verschwindens von Maddie im Mai 2017, sei immer das Schwerste gewesen. Es war für sie kaum zu ertragen, das, was es zu ertragen galt; es zerriss ihnen das Herz, daran zu denken, wie sie jetzt wohl aussähe, was für ein Mensch sie geworden wäre, es war «der schlimmste Tag des Jahres».

Zurück an den Tatort

Geschenke gab es für die abwesende Maddie auch an Weihnachten, und am Tag ihres Verschwindens vor mittlerweile 13 Jahren fand alljährlich eine kleine Feier im Dorf statt. Maddies Zimmer in Rothley, Leicester, ist unberührt, die Kuscheltiere, die sie als Kind liebte, stehen aufgereiht auf dem Bett; das hat die Mutter einmal mit gepresster Stimme erzählt, als sie noch selbst mit der Presse redete.

Und jedes Jahr fliegt Kate McCann mindestens einmal nach Portugal, nach Praia da Luz, um ihrer Tochter nahe zu sein. Wer weiss, wo sie ist, aber ihren Geist, sagt die Mutter, könne sie dort spüren.

Dutzende kleine und grosse Rituale sollten helfen, zu trauern und weiterzuleben, und dabei doch das Undenkbare zu denken, zu verstehen, anzunehmen: dass Maddie entführt und von einem Pädophilen sexuell missbraucht, von einem Kinderschänderring benutzt, vielleicht ermordet worden ist. Sie habe immer wieder daran gedacht, sich umzubringen, schrieb Kate McCann in ihrem Buch «Das Verschwinden unserer Tochter und die lange Suche nach ihr»; manchmal habe sie nachts geträumt, sie gehe ins Meer, weiter und immer weiter, bis die Wellen sie verschlingen.

Die Spannung steigt wieder

Nun, kurz nach dem 13. Jahrestag des Verschwindens von Maddie McCann aus ihrem Bett in einer Ferienanlage in Südportugal, gibt es wieder Hoffnung. Nicht unbedingt die, dass die junge Frau noch lebt, auch wenn Scotland Yard, anders als die vor Jahren hinzugezogenen deutschen Behörden, die Untersuchung immer noch als «Vermisstenfall» betreibt – und nicht als «Mordermittlung». Aber mit der Bekanntgabe, dass es einen Tatverdächtigen gibt, der in einem deutschen Gefängnis einsitzt, hat die ganze Geschichte, die weltweit unendlich viel Aufsehen erregte, eine neue, rasante Wendung genommen.

Auch in diesem Jahr werden die McCanns Maddies Geburtstag feiern. Aber Ruhe und Einkehr dürften von innerer Anspannung und besorgter Erwartung überlagert werden: War er es? Kann er überführt werden? Wird er vielleicht gestehen?

Verschwand kurz vor ihrem vierten Geburtstag im Jahr 2007 in der Ferienwohnung der Familie in Praia da Luz, Portugal: Madeleine McCann. © Foto: Keystone Verschwand kurz vor ihrem vierten Geburtstag im Jahr 2007 in der Ferienwohnung der Familie in Praia da Luz, Portugal: Madeleine McCann.

Sie wollten selbst nicht in der Öffentlichkeit auftreten, liess das Paar am Mittwochabend wissen, als die Sensationsnachricht einer neuen, heissen Spur die Runde machte, um nicht von ihrer Tochter und den Ermittlungen abzulenken. Aber niemals hätten sie aufgehört, zu hoffen. Ihren Sprecher, Clarence Mitchell, schickte das Paar am Donnerstagmorgen in die Frühsendungen. Dies könne wirklich ein Wendepunkt sein, sagte der, aber wie auch immer der Ausgang sein werde: Die McCanns wollten vor allem wissen, was geschehen sei, um endlich ihren Frieden mit dem Verlust zu machen.

Vorsicht vor falschen Hoffnungen

Die Eltern seien vorsichtig, so Mitchell, es habe schon andere vermeintliche Durchbrüche gegeben, und sie wollten ihre Hoffnungen nicht zu hoch hängen. Aber: Vielleicht sei ja wirklich jemand da draussen, der mehr, der viel, der alles wisse? Was der Sprecher nicht sagte, was aber in der Berichterstattung über das Drama auch nach 13 Jahren noch mitschwingt: Kate und Gerry McCann haben die Nase voll Medien, von jahrelangen Beschimpfungen und Drohungen im Netz, von einer Netflix-Dokumentation 2019, die ihnen nur eine neue Welle von Beschimpfungen und Bedrohungen bescherte, von Zeitungen, die ihnen hinterherschnüffeln und irre Behauptungen verbreiten, von Ermittlern, die ihre eigenen Wahrheiten verkauften.

Seit das Paar eine Zeit lang selbst verdächtigt wurde, ihre Tochter ermordet zu haben, seit wilde Verschwörungstheorien über den Einsatz von Betäubungsmitteln und heimliche Absprachen mit Freunden kursierten, die bei der Vertuschung des Verbrechens geholfen haben sollen, seit ihre Telefone von Boulevardmedien angezapft wurden und englische Zeitungen sich in Vorwürfen von Verwahrlosung, Vernachlässigung und Missbrauch ergingen, haben sie genug. Die Eltern von Maddie McCann wollen nicht mehr doppelte und dreifache Opfer sein.

Im Visier der portugiesischen Polizei

Kaum noch jemand hatte zuletzt daran geglaubt, dass es im Fall des zeitweilig berühmtesten vermissten Kindes der Welt noch eine neue Entwicklung geben könnte. Maddie war aus einem Ferienappartement verschwunden, während die jüngeren Zwillinge schliefen und die Eltern 50 Meter weiter mit Freunden in einer Tapas-Bar zu Abend assen. Die beiden schauten halbstündlich abwechselnd nach den Kindern, gegen zehn Uhr war klar: Das Kind ist weg. Wie vom Erdboden verschwunden. Ein offenes Fenster, ein Luftzug, das Lieblingskuscheltier neben dem Bett am Boden. Verzweiflung, Tränen. Aufruhr.

Portugiesische Ermittler nahmen bald einen Tatverdächtigen fest, aber schon wenige Monate später gerieten die McCanns selbst in das Visier der portugiesischen Polizei. Der damalige Chefermittler Goncalo Amaral hielt das Paar für die Täter und gab dazu freimütig Interviews, bevor er suspendiert wurde, später schrieb er sogar ein Buch zu seinen Spekulationen: «Die Wahrheit der Lüge». Seine These: Maddie sei in dem Apartment ums Leben gekommen, die Eltern hätten die Leiche weggeschafft.

Die McCanns wollen vor allem wissen, was geschehen sei, um endlich ihren Frieden mit dem Verlust zu machen. © Foto: Luis Forra (Keystone) Die McCanns wollen vor allem wissen, was geschehen sei, um endlich ihren Frieden mit dem Verlust zu machen.

Die Eltern waren so unter Druck, dass sie sogar Haarproben der jüngeren Kinder auswerten liessen, um zu beweisen, dass sie diesen niemals Schlafmittel gegeben hätten, um sie zu sedieren. Kate McCann wurde als «kalt und abweisend» beschrieben, so trauere man nicht um ein Kind, so spiele man höchstens Trauer.

Die Suche wurde zur Lebensaufgabe

2008 wurden die Ermittlungen gegen das Paar eingestellt. Seither suchen Polizei und Eltern nach Maddie, manchmal gemeinsam, manchmal getrennt. Es gab nicht immer nur friedliches Einvernehmen zwischen Familie und Polizei. Die Eltern appellierten an die britische Politik, sie nicht zu vergessen; die Entscheidung des damaligen Premiers David Cameron, der Metropolitan Police Millionen für die Fortsetzung der Suche zu bewilligen, wurde landesweit als Geldverschwendung kritisiert. 2019 legte der Staat Geld für weitere Ermittlungen nach. Hinter den Kulissen gab es Bewegung, die Indizien verdichteten sich. Bekannt wurde das alles erst jetzt.

Kate McCann, Ärztin wie ihr Mann, hatte schon vor Jahren ihren Job aufgegeben und eine Stiftung gegründet: Find Madeleine. Es wurde zur Lebensaufgabe. Die Eltern sammelten Geld und Informationen, sie gaben nicht auf – auch wenn die Mutter darüber klagte, dass die portugiesische Polizei deprimierend langsam agiere, Anfragen nur schleppend beantworte und die Recherchen verzögere.

Und auch wenn Gerry McCann sich öffentlich darüber wunderte, dass die Ermittler von Scotland Yard bei ihrer Aktion unter dem Namen «Operation Grange» nicht enger mit den deutschen Behörden zusammenarbeiteten: Schliesslich gab es nach den zahlreichen Aufrufen und Sendungen, bei denen um Hinweise aus der Bevölkerung gebeten wurde, immer wieder Hinweise auf mutmassliche Verdächtige aus Deutschland. Ein Name tauchte über die Jahre mehrmals auf.

Endlich ein Tatverdächtiger

Jetzt die Bestätigung, endlich. Mittwochabend, 3. Juni 2020, 20.16 Uhr, «Aktenzeichen XY... ungelöst» im ZDF. «Wir beginnen mit einer Nachricht, die es in sich hat», sagte Moderator Rudi Cerne. «Im Fall Madeleine McCann, dem dreijährigen vermissten Mädchen aus England, gibt es einen Tatverdächtigen.» Laut ZDF-Statistik sahen mehr als fünf Millionen Zuschauer zu, der Bildschirm zeigte das weltberühmte Foto des verschwundenen Kindes, das selbst der Papst kennt. Auch ihn hatten die McCanns einst um Hilfe gebeten.

Cerne hat über die Jahre viele Kriminalfälle geschildert in der Sendung, die einst Eduard Zimmermann geleitet hatte. Dies war vielleicht sein prominentester. Ein kurzes Dokudrama erzählte noch mal die Geschichte aus Praia da Luz an der Algarve. «Es war ein kleiner, ruhiger Ort in der Vorsaison, wir waren völlig entspannt», berichtete darin ein Schauspieler, der Gerry McCann darstellte. «Die Kinder hatten Spass. Ein idealer Urlaub.» In nur einer Minute aber «hat sich unser Leben, das so perfekt erschien, verwandelt. In die schlimmste nur vorstellbare Situation.»

Der Tatverdächtige ist kein Unbekannter: Christian B. ist ein vielfach vorbestrafter Sexualtäter mit 17 Einträgen im Strafregister. © Foto: Facebook Der Tatverdächtige ist kein Unbekannter: Christian B. ist ein vielfach vorbestrafter Sexualtäter mit 17 Einträgen im Strafregister.

Es war nicht das erste Mal, dass «Aktenzeichen XY... ungelöst» über den Fall berichtete. Aber diesmal stand im Münchner Studio auch ein Experte vom Bundeskriminalamt Wiesbaden: Christian Hoppe. Cernes Frage, ob Madeleine McCann gefunden worden sei, müsse er «leider mit klarem Nein beantworten», so der Mann vom BKA. Doch die Ermittler der Metropolitan Police aus Grossbritannien, Policía Judicial aus Portugal und BKA seien auf einen möglichen Täter gestossen. Hoppe sah irgendwie zufrieden aus.

Lebensunterhalt aus Diebstählen und Drogen

Christian B. soll der Tatverdächtige heissen, und er ist in diesem Fall wahrlich kein Unbekannter. Ein erster Hinweis zu ihm war im Oktober 2013 hereingekommen, nach einem früheren Bericht über den Fall in der gleichen Sendung. Zum 10. Jahrestag des Verschwindens kamen dann 2017 weitere Angaben hinzu, seither sammelte die Polizei zusätzliche Beweise. Aber: Man brauche «weitere Belege», so Hoppe – als Tatnachweis oder aber umgekehrt, um den dringenden Tatverdacht auszuschliessen. Den Ermittlern fehlt, das wurde schnell klar, die Smoking Gun.

Bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig läuft gegen B. bereits ein Strafverfahren wegen Mordverdachts. Zum Tatzeitpunkt war er 30 Jahre alt, heute ist er 43 – und befindet sich wegen einer anderen Sexualstraftat und Rauschgiftdelikten in Haft in Kiel. Zwischen 1995 und 2007 hatte Christian B. überwiegend an der Algarve gelebt, das teilte das BKA nun auch in einem Zeugenaufruf in drei Sprachen mit: auf Englisch, Deutsch und Portugiesisch.

Er sei in der Gegend von Lagos Gelegenheitsjobs nachgegangen, unter anderem in der Gastronomie, und habe seinen Lebensunterhalt mit Diebstählen bei Einbrüchen in Hotels und Ferienwohnungen sowie mit Drogenhandel bestritten. Vor allem aber: Wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern war er zu Freiheitsstrafen verurteilt worden. «Den meisten seiner Kontaktpersonen dürfte dies nicht bekannt sein», so BKA-Mann Hoppe.

In einer alten Schule soll Christian B. während der Zeit des Verschwindens von Madeleine McCann gewohnt haben. © Foto: Keystone In einer alten Schule soll Christian B. während der Zeit des Verschwindens von Madeleine McCann gewohnt haben.

B. bewohnte demnach ein schlichtes Haus zwischen Lagos und Praia da Luz, düster, mit Kamin und Holzpfosten mitten im Wohnzimmer. Zugeschrieben wird ihm auch ein weiteres, verlassenes Haus in der Nähe. Escola Velha steht an der weissen Fassade, alte Schule. Gut möglich, so Hoppe, dass der Täter Madeleine McCann aus ihrem Bett entführt habe; vielleicht sei es ein Einbruch gewesen, bei dem der Täter «spontan auf das sexuelle Motiv wechselte».

Portugiesische Handynummern wurden veröffentlicht, eine von dem Tatverdächtigen und eine von einem Anrufer damals. B. sei in den Stunden des Dramas um Maddie im Mobilfunknetz beim Ferienresort eingeloggt gewesen. Die Polizei sucht nun nach dem Anrufer in diesen Momenten, er steht aber nicht unter Verdacht.

Dieser VW-Bus war in Portugal auf den mutmasslichen Täter eingetragen und könnte im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Maddie stehen. © Foto: Keystone Dieser VW-Bus war in Portugal auf den mutmasslichen Täter eingetragen und könnte im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Maddie stehen.

Sie veröffentlichte auch Fotos zweier Autos, die der mögliche Mörder benutzt haben soll: einen auberginefarbenen Jaguar XJR 6, dessen Kennzeichen mehrfach wechselte, liess der mutmassliche Täter einen Tag nach Maddies Verschwinden auf einen Halter in Deutschland eintragen. Auch ein VW-Bus T 3 Westfalia hatte ihm gehört; dieser könnte das Tatfahrzeug gewesen sein. Das BKA kennt die Halter beider Pkws, «wir schliessen sie als Täter und Mitwisser aus», heisst es.

Nach der Sendung vom Mittwoch liefen die Telefonleitungen heiss, das Netz war sofort überlastet. Denn jetzt suchen die Fahnder Menschen, die diese Autos am 3. Mai 2007 im Raum Praia da Luz gesehen haben könnten, sie suchen Fotos aus der Gegend und der Zeit, sie suchen Menschen, denen die genannten Telefonnummern bekannt vorkommen. «Denken Sie bitte an die Schwere der Tat und die Folgen für Opfer und Angehörige», mahnte Hoppe, als könne er im ZDF mögliche Mitwisser oder Mittäter überzeugen, jetzt auszupacken.

Die Polizei veröffentlichte zwei Fotos von Autos, die der mutmassliche Täter benutzt haben soll. Auch dieser Jaguar gehörte ihm. © Foto: Keystone Die Polizei veröffentlichte zwei Fotos von Autos, die der mutmassliche Täter benutzt haben soll. Auch dieser Jaguar gehörte ihm.

17 Einträge ins Strafregister

B. sitzt derzeit in Deutschland ein. Er muss nicht mehr gefasst werden, er ist längst gefasst. Vor einem halben Jahr wurde zuletzt gegen ihn vor dem Landgericht Braunschweig verhandelt. Der Mann ist ein vielfach vorbestrafter Sexualtäter mit 17 Einträgen im Strafregister. Seine letzte Verurteilung zu sieben Jahren galt einer Vergewaltigung vor langer Zeit: Im September 2005 hatte er eine 72-jährige Frau an der Algarve brutal missbraucht und bestohlen. «Maskiert und unter anderem mit einem Krummsäbel bewaffnet» drang er in das Haus der Amerikanerin ein, schrieb später der Bundesgerichtshof in einem Gutachten.

Er habe sie gefesselt und geknebelt und «rund 15 Minuten mit einem biegsamen Metallgegenstand auf Brust, Unterbauch, Arme und Gesäss» geschlagen, sie vergewaltigt «und sie zuletzt zur Übergabe von Bargeld» gezwungen.

In der Nähe von Lagos im portugiesischen Praia da Luz machte die Familie McCann Ferien.. © Foto: Luis Forra (Keystone) In der Nähe von Lagos im portugiesischen Praia da Luz machte die Familie McCann Ferien..

Es war ein Indizienprozess. Das Haus der Amerikanerin habe auf dem Weg zum Strand gelegen, schreibt die Braunschweiger Zeitung über den Fall. Ermittler hätten auf dem Bett des Opfers ein Körperhaar des Angeklagten gefunden. Konzentriert sei er bei der Verhandlung aufgetreten und habe «die schlimme Tat verurteilt» – «hätte ich sie begangen, hätte ich zehn Jahre verdient.»

B. behauptet, unschuldig zu sein. Es gibt aber ein Video aus einer offenbar gestohlen Videokamera, das zeigen soll, wie eine ältere gefesselte Frau von einem maskierten Mann gepeitscht und vergewaltigt worden sei. Deutsche Zeugen aus Portugal hatten ihn als Glücksritter mit Jaguar, Hemd und Jackett beschrieben. Er sprach vor Gericht vom Traum vom Auswandern, Portugal mit Freundin, er hatte schon mit 18 immer Ärger mit der Justiz. «Nach Lagos sind wir gefahren, weil uns der Name so gut gefiel. Wir hatten ein Zelt dabei und haben wild gecampt.» Von Hartz IV, Obdachlosigkeit und Alkohol ist die Rede und immer wieder von Portugal.

Ein Leben auf der Flucht

2016 begann ein Strafverfahren wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes samt Europäischem Haftbefehl durch die Staatsanwaltschaft Hannover; ein Gericht in Évora lieferte ihn 2017 aus, in Deutschland verbüsste B. dafür 15 Monate Haft. Ende August 2018 wurde er entlassen. Die Richter hatten mehrjährige Führungsaufsicht angeordnet, der Mann galt als gefährlich. Vom Amtsgericht Niebüll in Schleswig-Holstein war er 2011 bereits wegen Drogenhandels zu einem Jahr und neun Monaten Haft verurteilt worden. Für die Vollstreckung dieses Urteils erging Jahre später ein erneuter Europäischer Haftbefehl, Festnahme 2018, diesmal in Italien. Ein Leben unterwegs, auf der Flucht, immer wieder unter der Sonne des Südens.

Am 7. Juni 2020, also am kommenden Sonntag, hätte der Mehrfachtäter, der bereits in den Neunzigerjahren wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt worden war, zwei Drittel seiner Gesamtstrafe hinter sich. Dann würde geprüft, ob er entlassen wird. Vor dem Bundesgerichtshof hat der Mann aus formalen Gründen gegen seine Verurteilung im Sexualprozess 2019 in Braunschweig geklagt.

Auch in der Sache Madeleine McCann soll sein Name immer wieder aufgetaucht sein zwischen vielen anderen Verdächtigen. Ist das jetzt der Durchbruch, nach all den Jahren? Am Donnerstagmittag bestätigt die Staatsanwaltschaft Braunschweig in einem knappen Statement, was bereits bekannt ist: Es bestehe Mordverdacht, so Sprecher Hans-Christian Wolters. «Daraus können Sie entnehmen, dass wir davon ausgehen, dass das Mädchen tot ist.»

Polizei bat um weitere Mittel

Die britischen Medien halten längst nicht mehr daran fest, dass die Eltern von Maddie selbst schuld sind. Nun sind die Zeitungen voll von Schlagzeilen wie «Endlich die Wahrheit?», «Hat ein Deutscher Maddie entführt?» und «Es ist Zeit, den Hauptverdächtigen festzunageln». Immer wieder habe es Hoffnung gegeben, schreibt der Daily Mirror mitfühlend, die dann aber «zerstört worden ist».

560 verschiedenen Spuren sei allein Scotland Yard gefolgt, 60’000 Quadratmeter Brachland in Praia da Lutz wurden durchkämmt, dem Alter des Kindes angepasste Fotos veröffentlicht, 1338 Zeugenaussagen aufgenommen, 1027 Beweismittel gesammelt, die DNA von 60 Verdächtigen und 650 Sexualstraftätern wurde abgeglichen.

Erst im Frühjahr dieses Jahres hatte die Polizei noch einmal um weitere Mittel gebeten, um die Ermittlungen abschliessen zu können. Nun sind die deutschen Kollegen in die Offensive gegangen. Kriminalexperten im Königreich interpretieren das so, dass eine mögliche Freilassung von B. aus der Haft verhindert werden und letztgültige Beweise gefunden werden sollten. B. leugnet die Tat dem vernehmen nach. Kate, Gerry, Amelie und Sean McCann werden Maddies Geburtstag auch im nächsten Jahr feiern. Sie geben die Hoffnung nicht auf. Jetzt erst recht nicht.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr Von Der Bund

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon