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Ein «Freund der Familie» und Vergewaltiger

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 09.06.2020 Tom Felber

Das Bezirksgericht Zürich spricht einen 51-jährigen Mann der Vergewaltigung einer jungen Frau schuldig. Das Opfer, eine geistig zurückgebliebene Tochter von Bekannten, sei nicht in der Lage, eine solche Geschichte zu erfinden, ist das Gericht überzeugt.

Die Verhandlung rund um die ;Vergewaltigung findet am Bezirksgericht Zürich statt. Ennio Leanza / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die Verhandlung rund um die ;Vergewaltigung findet am Bezirksgericht Zürich statt. Ennio Leanza / Keystone

Die Öffentlichkeit ist vom Prozess am Bezirksgericht Zürich ausgeschlossen. Gerichtsreporter müssen sich an Auflagen halten: Die Protagonisten sollen nicht identifizierbar sein. Dass sie ursprünglich aus einem anderen Kulturkreis stammen, wird in der Verhandlung aber immer wieder thematisiert. Der Beschuldigte ist ein 51-jähriger Mann, der im Ausland geboren ist, seit über 30 Jahren in der Schweiz lebt und inzwischen auch Schweizer Staatsbürger ist. Vorgeworfen wird ihm ein klassisches «Vier-Augen-Delikt», es gibt keine Zeugen.

In der Anklage steht, er habe die erwachsene Tochter einer befreundeten Familie vergewaltigt. Die Frau leidet an einer kognitiven Entwicklungsstörung, Teilbereiche des Gehirns sind auf dem Stand eines neunjährigen Mädchens. Sie lebte im betreuten Wohnen einer Stiftung. Der Beschuldigte arbeitet in der Gastronomie, war ein Kollege des Vaters, galt als «Freund der Familie» und fuhr die junge Frau zweimal wöchentlich an seinen arbeitsfreien Tagen mit dem Auto in eine spezielle Schule. Dabei soll er sie mehrfach sexuell belästigt haben. Schliesslich soll er mit ihr eines Tages in einen Wald gefahren sein und sie dort vergewaltigt haben. Die Staatsanwältin verlangt dafür eine Freiheitsstrafe von 54 Monaten.

Akt einer Romeo-und-Julia-Geschichte?

Ganz anders klingt die Version der Verteidigung: Die junge Frau wäre problemlos in der Lage gewesen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule zu fahren. Sie habe aber seit vier Jahren einen Freund gehabt, aus einem anderen Kulturkreis. Ähnlich wie in der Geschichte von Romeo und Julia seien beide Elternpaare gegen diese Beziehung gewesen. Der Beschuldigte habe die Frau auf Anweisung von deren Eltern nur deshalb chauffiert, damit sie ihren Freund nicht treffen konnte. Die Frau habe den Fahrer als «Störenfried» empfunden und die Vergewaltigung frei erfunden, um ihn loszuwerden. «Dass Menschen aus Liebe lügen, kommt häufig vor», sagt der Anwalt.

Auf Anraten des Verteidigers verweigert der Beschuldigte – wie auch in der Untersuchung – vor Gericht jegliche Aussage. Der zuvor völlig unbescholtene, nicht vorbestrafte Familienvater beteuert nur in seinem Schlusswort: «Ich wollte der Familie nur helfen. Ich weiss nicht, warum sie mir so etwas angetan haben. Das hat mich schockiert.» Er habe keinen Fehler gemacht und sei unschuldig. Er sass elf Tage in Untersuchungshaft, nachdem die junge Frau einer Betreuerin die Vorwürfe von sich aus erzählt hatte.

Die Staatsanwältin sieht die Straftatbestände der Vergewaltigung, der mehrfachen sexuellen Nötigung, der Pornografie und der mehrfachen sexuellen Belästigung erfüllt. Die Aussagen der Frau seien ehrlich und glaubwürdig, auch wenn sie diese in der sprunghaften Weise eines Kindes gemacht habe. Immerhin habe der Beschuldigte bei einer ersten polizeilichen Einvernahme auch zugegeben, der Frau Handy-Videos gezeigt zu haben, die ihn beim Sex mit Prostituierten zeigten.

Die Anwältin der Privatklägerin beantragt eine Genugtuung von 20 000 Franken. Die Schilderungen der jungen Frau seien oft derart speziell, dass sie ohne entsprechenden Erlebnis-Hintergrund gar nicht möglich seien. Im Falle, dass das Gericht Zweifel an der Schuld des Beschuldigten habe, beantragt die Geschädigtenvertreterin die Einholung eines aussagepsychologischen Gutachtens.

Für den Verteidiger sind die Aussagen der jungen Frau widersprüchlich und inkonsistent. Die Nötigungshandlungen seien in der Anklage nicht genau genug beschrieben. Die Art und Weise, wie eine Polizistin die junge Frau befragt habe, sei ein Lehrbuchbeispiel für unzulässige Suggestionen. Die sprachlich sehr limitierte Frau habe oft einfach die Formulierungen wiederholt, die ihr von der Polizistin vorgeschlagen worden seien.

Detailreiche Schilderung

Das Bezirksgericht Zürich verurteilt den Beschuldigten wegen Vergewaltigung, spricht ihn aber von den übrigen Anklagepunkten frei. Der Mann wird mit einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 36 Monaten bestraft, 10 Monate werden vollzogen, 26 aufgeschoben. Das Opfer erhält eine Genugtuung von 10 00o Franken. Das Gericht, das die Einvernahmen der jungen Frau auf Video ansehen konnte, habe auch ohne Glaubhaftigkeitsgutachten den Eindruck, dass die Frau nicht in der Lage sei, eine solche Geschichte zu erfinden, begründet der Vorsitzende. Es habe zu viele originelle Details darin. Das vom Verteidiger für eine Falschanschuldigung genannte Motiv wirke relativ weit hergeholt.

Die Kriterien für die Vergewaltigung seien nur knapp erfüllt und grenze an einen Versuch. Er habe keine körperliche Gewalt angewendet und sofort von ihr abgelassen, als sie über Schmerzen geklagt habe. Der für Vergewaltigung nötige psychische Druck liege vor allem darin begründet, dass er seine Vertrauensstellung und die geistigen Defizite der Frau ausgenützt habe.

Urteil DG190340 vom 8. 6. 2020, noch nicht rechtskräftig.

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