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Ein Putsch, ein Präsident und eine grosse Liebe

Tages-Anzeiger-Logo Tages-Anzeiger 07.04.2020

Unsere Autorin berichtete zehn Jahre lang aus der Türkei. Sie erlebte ein gespaltenes Land, das zwischen Aufbruch und Despotie schwankt. Ein wehmütiger Abschiedsgruss.

Unsere Autorin berichtete zehn Jahre lang aus der Türkei. Sie erlebte ein gespaltenes Land, das zwischen Aufbruch und Despotie schwankt. Ein wehmütiger Abschiedsgruss.

Hagia Sophia und Galatabrücke: Einen ersten Überblick verschafft man sich in Istanbul am besten mit einer Schifffahrt. © Foto: Gregory Gerault (Hemis/Laif) Hagia Sophia und Galatabrücke: Einen ersten Überblick verschafft man sich in Istanbul am besten mit einer Schifffahrt.

Als ich zum ersten Mal nach Istanbul kam, nahm ich ein Schiff. Es fuhr zu den Prinzeninseln. Ich hatte gehört, dass in den Klöstern dort einst byzantinische Prinzessinnen und Prinzen eingekerkert waren, sonst wusste ich wenig. Es war November, Nebel lag auf dem Wasser. Mein Begleiter, der Türkisch konnte und mich zu dieser Reise überredet hatte, wollte trotz der Kälte auf dem Schiffsdeck bleiben. Das war mein Glück.

Denn so sprach uns ein Mann an, er tat dies wohl aus Neugier. Damals, Anfang der Achtzigerjahre, kurz nach einem Militärputsch, waren Ausländer ein ungewöhnlicher Anblick auf einem der alten Linienschiffe, die den Bosporus und das Marmarameer befahren.

Der Mann, der so freundlich nach dem Woher und Wohin fragte, trug eine blaue Uniform und war der Kapitän. Er lud uns auf die Kommandobrücke ein. So standen wir beim Ablegen neben dem grossen Steuerrad und schwebten auf Augenhöhe vorbei an der filigranen Silhouette des Serails, an spitzen Minaretten und der hohen Kuppel der Hagia Sophia. Eine magische Kulisse, wie gebaut für den Blick vom Wasser.

Keine Scheu vor Fremden

Nun wäre dies schon zauberhaft genug gewesen, um sich in diese Stadt auf ewig zu verlieben. Aber dann entschuldigte sich der Kapitän, sagte, er wolle sich für einen Moment zurückziehen. Er übergab das Steuer seinem Ersten Offizier, nahm eine Aktentasche und holte einen Gebetsteppich heraus, so klein wie ein halbes Handtuch. Er trat zur Seite, kniete nieder, für sein Mittagsgebet.

Nach ein paar Minuten stand er wieder neben uns, setzte die Kapitänsmütze auf und übernahm mit einem Kopfnicken zum Ersten Offizier die Führung des Schiffs. Es war die Selbstverständlichkeit, mit der dieser Mann agierte, ohne Scheu vor zwei Fremden, die mir unvergesslich blieb. Er liess uns an seinem Alltag teilhaben und kam gar nicht auf die Idee, dass wir daran Anstoss nehmen könnten. Er war nun mal ein religiöser Mann.

Der Kapitän war in der zweiten Hälfte seines Lebens, und ich nehme mal an, sollte er das Jahr 2002 erlebt haben, hat er wahrscheinlich Recep Tayyip Erdogan gewählt. Der trat damals mit seiner AK-Partei erstmals zu einer Parlamentswahl an und hatte versprochen, sich um die sogenannten kleinen Leute zu kümmern, zu denen auch ein städtischer Angestellter auf einem Bosporus-Schiff gehörte. Erdogan versprach zudem, den religiösen Türken die gleichen Rechte zu verschaffen wie den säkularen, die gewöhnlich auf ihre frommen Landsleute eher herabblickten.

In den Achtzigern war die Angst allgegenwärtig. Jeder wusste von Verhaftungen und Folter.

In seiner Kindheit und Jugend hatte unser Kapitän schon zwei Militärputsche erlebt, 1960 und 1971. Auch das motivierte ihn womöglich, seine Stimme Erdogan zu geben, der sich ebenfalls zum Ziel gesetzt hatte, die politischen Einmischungen der Generäle ein für alle Mal zu beenden.

Noch ein Blick zurück: Zu Beginn der Achtzigerjahre erlebte ich Istanbul als graue, triste Stadt. In der Luft lag der beissende Geruch billiger Braunkohle. Einmal sah ich mitten in einer Gasse einen solchen Kohlehaufen, einfach von einem Laster gekippt. Mit Blecheimern holten sich die Leute das Brennmaterial. Die Angst vor einem falschen Wort, vor Militär und Polizei, war allgegenwärtig. Jeder wusste von Verhaftungen und Folter. Die bedrückende Atmosphäre teilte sich auch dem Fremden mit.

Frontstaat im Kalten Krieg

Aber wie häufiger in der türkischen Geschichte folgte auf eine bleierne Zeit ein neuer Aufbruch. Die Generäle gaben die Macht wieder ab, wirtschaftlich öffnete sich das Land, bald ging es etwas aufwärts. Vorher aber verhalf ausgerechnet das Militär dem politischen Islam noch zu einem soliden Fundament. Die Generäle machten Religion zum Pflichtfach an Schulen. Eine denkwürdige Intervention.

Republikgründer Kemal Atatürk hat der Türkei vor fast 100 Jahren ein strenges säkulares Korsett verpasst. Es war so streng, dass Frauen mit Kopftuch kein staatliches Krankenhaus, kein Gericht, keine Universität betreten durften. Offiziere wurden unehrenhaft entlassen, wenn sich herausstellte, dass ihre Gattin Kopftuch trug. Die Generäle wollten all das gar nicht ändern. Ihnen erschien ein gläubiges Volk nur weniger gefährlich als eines, das für linke Ideen anfällig ist. Die Kommunistenangst übernahmen sie vom Westen; es herrschte Kalter Krieg, die Türkei war ein Frontstaat gegen die Sowjetunion.

Die Geschichte zeigt: Die Türkei war selten frei von äusseren Einflüssen, auch wenn sie gern ihre Souveränität betont.

Religion sei «Privatsache», sagte Erdogan beim ersten Interview, und sein Verhältnis zu Gott «rein persönlich».

Als ich 2001 als Korrespondentin nach Istanbul zog, war mein Begleiter nicht mehr dabei. Er hatte schon zehn Jahre zuvor als Journalist in Jugoslawien sein Leben verloren. In die Türkei zurück wollte ich immer wieder seit damals, seit der Fahrt auf dem Schiff. Ich machte dann im selben Jahr das erste Interview mit Erdogan. Einer seiner Berater führte mich zu ihm. Dieser Mann war ein erfolgreicher Istanbuler Unternehmer, der stolz darauf war, mindestens ein halber Kurde zu sein. Er sagte mir, diesen Politiker müsse ich kennen lernen, «der wird einmal gross».

Ich fragte Erdogan nach seinem Verhältnis zur Demokratie, zu Europa und auch zur Religion. Und ich weiss noch, dass er sagte, Religion sei «Privatsache», sein Verhältnis zu Gott «rein persönlich». Erdogan hatte damals das, was man politisches Charisma nennt. Und er hörte zu, fragte zurück. Zwei Jahre später war er Premier, seine neue Partei hatte in einer tiefen Wirtschaftskrise 2002 fast alle anderen Parteien aus dem Parlament gefegt. Erdogan selbst musste noch ein paar Monate auf die Macht warten, denn er hatte zeitweise Politikverbot wegen der Rezitation eines Gedichts, in dem es heisst: «Die Minarette sind unsere Bajonette.»

Präsident Erdogan führt die Türkei mit Bauwerken wie dem Tunnel unter dem Bosporus in die Moderne – gesellschaftlich aber eher ins Abseits. © Foto: EPA Präsident Erdogan führt die Türkei mit Bauwerken wie dem Tunnel unter dem Bosporus in die Moderne – gesellschaftlich aber eher ins Abseits.

Eine tief gespaltene Gesellschaft

17 Jahre später regiert Erdogan immer noch, er ist Staatspräsident, wurde am 26. Februar 66 Jahre alt, und kein türkischer Politiker – ausgenommen Atatürk – hatte je mehr Macht. Kritik könne er inzwischen schwer ertragen, heisst es, zahlreiche Weggefährten haben über die Jahre das Weite gesucht. Aber Erdogan hat immer noch glühende Anhänger und ergebene Helfer. Aus der Nähe wirkt er eher starr, als höre er nur denen zu, die ohnehin sein Ohr haben. Seinem Schwiegersohn hat er das Finanzministerium und das Schatzamt anvertraut. Das Dynastische stösst auch Leute in seiner Partei ab, aber sie schweigen.

Die Spitäler sind so gut, dass sich die halbe arabische Welt in Istanbul behandeln lässt. Aber die Türkei sperrt einige ihrer klügsten Köpfe ein.

Die Gesellschaft ist tief gespalten. In Umfragen kommt Erdogan auf etwa 50 Prozent, aber nur noch mit einem ultranationalistischen Koalitionspartner, den seine Partei schon seit einer Weile an ihrer Seite hat. Die anderen 50 Prozent entfallen auf eine heterogene Opposition aus Säkularen in der Tradition Atatürks, linken Kurden, gemässigten Nationalisten und Menschen, die einfach genug haben von der AKP.

Erdogans Unterstützer halten ihm zugute, dass er das Land in die Moderne katapultiert hat – mit Tunneln unter dem Meer und Satelliten im All. Die Spitäler sind so gut, dass sich die halbe arabische Welt in Istanbul behandeln lässt. Aber die Türkei sperrt einige ihrer klügsten Köpfe ein, sie treibt kritische Akademiker aus dem Land, drangsaliert Journalisten. Es ist zum Verzweifeln.

Das ist wohl eher nicht im Sinne des Präsidenten: Transgender-Schönheitswettbewerb in einem Istanbuler Club 2014. © Foto: Furkan Temir (Metrography/Laif) Das ist wohl eher nicht im Sinne des Präsidenten: Transgender-Schönheitswettbewerb in einem Istanbuler Club 2014.

Die neue Türkei ist den alten Fehlern verfallen

Was dem Präsidenten nicht gelungen ist, und dieser Befund mag erstaunen: eine «religiöse Generation» zu erziehen. Das hatte er sich ebenfalls vorgenommen. Umfragen zeigen, dass junge Türken sich eher von einer politisierten Religion abwenden. In fast allen Istanbuler Stadtvierteln können Frauen heute alleine eine Wohnung mieten oder mit einem Partner unverheiratet zusammenleben. Vor 20 Jahren war dies undenkbar.

Ich halte es übrigens nicht für falsch, dass Frauen mit Kopftüchern heute Richterinnen und Abgeordnete werden oder bei Turkish Airlines arbeiten dürfen. Menschen, nur weil sie fromm sind, die Grundrechte zu entziehen, ist nicht akzeptabel. Wenn sich die Türkei von Europa entfernt hat, dann nicht, weil sie konservativer oder «religiöser» geworden wäre, sondern weil die «neue Türkei», von der Erdogan so viel spricht, den alten Fehlern verfallen ist. Die heissen: autoritärer Staat, Zentralismus, Nationalismus.

Ein Militärregime im 21. Jahrhundert überlebt in der Türkei nicht mal einen Twitter-Sturm.

Seit dem Militärputsch von 1980 sind vier Jahrzehnte vergangen – und bis vor vier Jahren haben wohl die meisten Türken – wie auch ich – geglaubt, es werde nie wieder einen Putsch geben. Und dann schickten im Juli 2016 im sommerlichen Freitagabendverkehr bis heute schattenhafte Verbrecher nichts ahnende Militärschüler auf eine Istanbuler Brücke. Die jungen Soldaten dachten, es gehe zu einer Übung. Ihre Anführer waren womöglich von der Idee verführt, der unzufriedene Teil des Volks werde ihnen nachlaufen, wenn sie nur Erdogan wegputschten. Womit sie nicht rechneten: Ein Militärregime im 21. Jahrhundert überlebt in der Türkei nicht mal einen Twitter-Sturm.

Was aus dem Kapitän geworden ist? Ich weiss es nicht. Aber wenn ich auf eines der alten Bosporus-Schiffe steige, schaue ich gelegentlich, wer auf der Kommandobrücke steht.

Christiane Schlötzer war Türkei-Korrespondentin von 2001 bis 2005, von 2012 bis 2015 und zuletzt von 2018 bis Februar 2020.

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