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«Für ein Heimkind gibt es nie etwas bedingungslos»

Basler Zeitung-Logo Basler Zeitung 13.10.2020

Ehemalige Basler Heimkinder wollen mit einem Care-Leaver-Netzwerk anderen Fremdplatzierten helfen. Die Mitglieder Franck und Gael sprechen über Einsamkeit, fehlende Chancen und darüber, was sie jetzt ändern wollen.

Gael fordert bessere Bildungschancen für Heim- und Pflegekinder. Er selber hat nach der Lehre selbstständig die Matura nachgeholt. © Foto: Kostas Maros Gael fordert bessere Bildungschancen für Heim- und Pflegekinder. Er selber hat nach der Lehre selbstständig die Matura nachgeholt.

Als Franck mit 21 Jahren aus der staatlichen Obhut entlassen wird, weiss er wenig über die Welt. Er scheitert daran, einen Einzahlungsschein auszufüllen, irgendwann zeigt ihm jemand auf der Post, wie das geht. Auch das Krankenkassensystem, die Steuererklärung oder der Umgang mit Gläubigern sind für ihn Neuland. Seine Eltern kann er nicht um Hilfe bitten: Franck ist ein ehemaliges Heimkind. Er ist 13 Jahre alt, als er «versuchsweise» zwei Wochen ins Basler Waisenhaus bei der Wettsteinbrücke gehen soll. Fünf Jahre zuvor hat ihn seine Mutter von der Elfenbeinküste in die Schweiz geholt, wo er bei den Grosseltern lebte.

In Basel findet Franck schnell Freunde, mit denen er in jeder freien Minute Fussball spielt. Er träumt von einer Profikarriere. In der Schule fällt er immer wieder negativ auf. Schliesslich fällt der Beschluss, ihn fürs Erste in ein Heim zu bringen. Franck denkt sich nicht viel dabei, er packt ein paar persönliche Sachen in eine Tasche und macht sich auf den Weg. «Als ich dort war, erfuhr ich, dass von Anfang an mindestens ein Jahr geplant war.» Für Franck war das ein Vertrauensbruch, der wehtat. Er hatte auch mit den vielen Regeln zu kämpfen: putzen, aufräumen, das Gelände nicht verlassen, um 21 Uhr ins Bett, zehn Minuten später das Licht löschen. «Ich war mir als 14-Jähriger viel mehr Freiheit gewohnt, meist war ich mit meinen Kollegen draussen unterwegs.»

«Ich war mir viel mehr Freiheit gewohnt. Meist war ich mit meinen Kollegen draussen unterwegs.»

Aus dem einen Jahr sollten viele werden. Nach der Schule wurde ihm eine Lehrstelle als Mechaniker angeboten, die er auf Anraten seiner Betreuer absolvierte. Erst als 21-Jähriger hat er nach weiteren Jahren im Heim und schliesslich im begleiteten Wohnen die staatliche Obhut endgültig verlassen. Und war auf einmal auf sich allein gestellt. «Ein Heimkind hat keinen Rückhalt, kein Fangnetz. Es ist nicht im Heim gelandet, weil da jemand ist, der sich kümmert», sagt er trocken. «Mit Dingen, mit denen andere zu ihren Eltern gehen konnten, sass ich allein da.» Ein Bekannter liess ihn ein paar Wochen bei sich wohnen, bis er durch Beziehungen eine eigene Wohnung fand. Es folgte ein Job, dann Arbeitslosigkeit, schliesslich Sozialhilfe. «Das war eine sehr harte Zeit», sagt er.

Ohne Unterstützung stürzen viele ab

Franck gelang der Ausstieg. Heute arbeitet er in einem Kleiderladen und macht daneben die Berufsmatur. Danach möchte er Wirtschaft studieren. Alles auf eigene Rechnung, Geld gibt ihm keiner. Zu seiner Mutter hatte er lange Zeit wenig Kontakt. Sie sei ihm durch die Zeit im Heim fremd geworden. Das erleben viele Heimkinder. Mittlerweile hat er den Kontakt zur Mutter von sich aus wieder aufgenommen und versucht, jeden Sonntag zu ihr zu fahren. «Sie ist alles an Familie, was ich hier habe.» Dass er es trotz der schwierigen Umstände so weit geschafft habe, sei nicht allein sein Verdienst. Franck hatte einen Sozialarbeiter im Waisenhaus, der sich auch nach dem Austritt um ihn kümmerte. «Ich konnte ihn um Rat fragen, wenn es Probleme gab. Und er half mir mit dem ganzen Papierkram.» Ohne diese Unterstützung hätte er es wohl kaum geschafft. Viele andere ehemalige Heimkinder, die er kenne, seien abgestürzt.

«Einigermassen gute Chancen haben diejenigen Heimkinder, die es schaffen, sympathisch zu wirken.» Gael verbrachte mehr als sein halbes Leben im Heim. © Foto: Kostas Maros «Einigermassen gute Chancen haben diejenigen Heimkinder, die es schaffen, sympathisch zu wirken.» Gael verbrachte mehr als sein halbes Leben im Heim.

Der 20-jährige Gael teilt Francks Erfahrungen. Der junge Mann wurde ebenfalls an der Elfenbeinküste geboren und hat die meiste Zeit seiner Kindheit und Jugend in diverse Heimen und Pflegefamilien in Basel verbracht. Auch er fand nach dem Austritt einen Sozialarbeiter, der ihn weiterhin unterstützte. Dazu kam ein American-Football-Trainer, der emotional und mit Ratschlägen zur Seite steht. «Einigermassen intakte Chancen haben diejenigen Heimkinder, die es schaffen, sympathisch und motiviert zu wirken», sagt Gael. «Sie finden im besten Fall Erwachsene, die sich um sie kümmern.» Die weniger charismatischen hätten schlechte Karten. «In die möchte niemand seine Freizeit investieren. So hart es klingt, aber für ein Heimkind gibt es nie etwas bedingungslos.» Er selber hat früh gelernt, allen zu zeigen, dass er sich «trotz allem durchbeisse».

Nachdem Gael die obligatorische Schule im A-Zug abgeschlossen hatte, machte er eine Lehre als Elektriker. Die Berufsmatura hängte auch er auf eigene Initiative an. Bis zum Beginn seines Studiums in International Management nächstes Jahr absolviert er nun ein Praktikum in einer Basler Firma – organisiert von seiner Mentorin, einer erfolgreichen Managerin, die durch das Basler Care-Leaver-Netzwerk vermittelt wurde (siehe Box). Sämtliche Care Leaver, also ehemalige Heim- und Pflegekinder, die er kennt, denen es heute beruflich und privat ähnlich gut geht, haben Menschen gefunden, die sich ihrer annahmen. «Die anderen sind nach dem Austritt aus dem Heim nicht nur in einigen Dingen schlecht vorbereitet, sondern schlicht und einfach allein.»

Hilfe für alle, die dasselbe durchmachen

Gael kritisiert die Bildungsmöglichkeiten innerhalb des Heimsystems. «Man traut den Kindern dort aufgrund ihrer schwierigen Geschichte nicht dasselbe zu wie anderen. Deshalb ist es irgendwie nicht vorgesehen, dass Heimkinder das Gymnasium oder eine andere höhere Schule besuchen.» Er kenne persönlich mehrere Jugendliche, die später wie er auf eigene Initiative die Berufsmatura absolviert hätten. «Wir hätten es schon im ersten Anlauf geschafft, aber das war im Heim nie ein Thema. Bei einem Heimkind ist man offenbar schon froh, wenn man ihm eine zweijährige Lehre vermitteln kann.» Die beiden jungen Männer wollen trotzdem nicht das System an sich anprangern. «Mir geht es nicht darum, zu sagen, was alles schieflief, sondern, was man noch gemeinsam verbessern kann», sagt Gael.

Dafür engagieren sie sich auch selber. Beide sind Teil des neuen Care-Leaver-Netzwerks in Basel. Das Konzept ist simpel: Ehemalige Heim- und Pflegekinder, denen es gelungen ist, im Leben Fuss zu fassen, wollen sich für die einsetzen, denen der Austritt noch bevorsteht. Mit praktischer Hilfe bei Alltagsaufgaben, bei bürokratischen Fragen, aber auch bei der Karriereplanung und emotionalen Nöten. Das Netzwerk möchte ausserdem auch auf politischem Weg Verbesserungen erreichen.

Die Kesb Basel-Stadt, die für Fremdplatzierungen von Kindern zuständig ist, steht dem Projekt positiv gegenüber. «Die besonderen Herausforderungen, die Care Leaving mit sich bringt, sind uns bewusst», beteuert Amtsleiter Patrick Fassbind. Mit dem Kinder- und Jugenddienst setze man alles daran, nahtlose Anschlusslösungen und weiterführende Hilfestellungen zu gewährleisten. «Wir als Kesb begrüssen das Care-Leaver-Netzwerk sehr. Niemand darf durch die Maschen fallen.»

Franck und Gael hoffen umso mehr, dass das Netzwerk künftig auch vom Kanton unterstützt wird. Ihr Ziel ist klar: Chancengleichheit für alle Care Leaver. So bedingungslos wie möglich.

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