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Fall Carlos führte zu einem Umdenken

Basler Zeitung-Logo Basler Zeitung 28.05.2020

Die Geschichte von Brian, alias Carlos, wirft die Frage auf, wie mit besonders schwierigen Jugendlichen umgegangen werden soll – auch in den beiden Basel.

Das Kostenbewusstsein bei jugendlichen Straftätern habe sich auf jeden Fall verändert., so die Verantwortlichen. Carlos  Illustration: Robert Honegger © Bereitgestellt von Basler Zeitung Das Kostenbewusstsein bei jugendlichen Straftätern habe sich auf jeden Fall verändert., so die Verantwortlichen. Carlos Illustration: Robert Honegger

Sieben Jahre sind vergangen, seit Brian alias Carlos erstmals die Medien beschäftigte. Ein Aufschrei ging durch das Land, als die Kosten des sogenannten Sondersettings für den Jugendlichen bekannt wurden. Brians Jugendmassnahme wurde sofort abgebrochen, seine positive Entwicklung nahm schlagartig ab. Es ging nicht lange, bis er sich auch als Erwachsener etwas zuschulden kommen liess. Inzwischen befindet sich der 24-Jährige, der in seinen Jugendjahren auch in der Region Basel einsass, im Berufungsverfahren wegen verschiedener Delikte, die er während seines anschliessenden Gefängnisaufenthaltes begangen haben soll.

Gleichzeitig geht eine Klage gegen drei seiner ehemaligen Ärzte ein. Ihnen wird Freiheitsberaubung vorgeworfen, weil sie den damals 16-Jährigen für dreizehn Tage zu Unrecht ans Bett gefesselt haben sollen. Welche Folgen diese Handlungen auf die kriminelle Laufbahn von Brian gehabt haben könnten und ob diese gerechtfertigt waren, ist Thema des laufenden Prozesses.

Der kontrovers diskutierte Fall von Brian wirft die Frage auf, wie mit besonders schwierigen Jugendlichen umgegangen werden soll. Nicht nur auf politischer Ebene wird die Forderung nach einem härteren Vorgehen gegen straffällige Jugendliche und gegen die sogenannte Kuscheljustiz laut (siehe Box).

Mangel an kleinen Heimen

Hansueli Gürber, Brians ehemaliger Zürcher Jugendanwalt, steht dieser Diskussion kritisch gegenüber. Vielmehr müsse man sich zuerst einmal darüber Gedanken machen, warum es überhaupt zu solchen Fällen komme und wie man diese verhindern könnte.

Eine Erklärung sieht Gürber darin, dass es in der Schweiz zwar viele grössere Heime gibt, aber kleine Institutionen fehlen, die die Jugendlichen sehr eng betreuen. Für ihn erscheint es wenig sinnvoll, vierzig bis fünfzig gefährdete Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten zusammen am gleichen Ort unterzubringen. «Wenn ein Betroffener schon aus zehn Heimen rausgeflogen ist, probierte ich nicht noch das elfte aus», sagt er. Eine positive Entwicklung sei hier unwahrscheinlich. Würde man jedoch immer so weitermachen, bis man irgendwann am Ende des Jugendstrafrechts angelangt sei, sei es «kein Wunder, dass man auf die Idee kommt zu verwahren.»

Dass solche kleine Institutionen mehr kosten, sei ein Irrtum, sagt er. «Häufig sind sie sogar günstiger als die grösseren.» Dies werde jedoch erst auf den zweiten Blick ersichtlich, da die finanziellen Staatsbeiträge, die grössere Heime erhalten, nicht eingerechnet würden, erklärt er.

Leider sei seit der Diskussion um Brian die Bereitschaft von Jugendanwälten gesunken, Jugendliche gegebenenfalls untraditionell zu platzieren. Dies beobachte er zumindest im Kanton Zürich. «Ich vermute, dass das mit dem Medienrummel um das sogenannte Sondersetting zusammenhängt», so Gürber. Er könne sich vorstellen, dass dies zu einer gewissen Zurückhaltung und Scheu geführt hat, auch unkonventionelle Lösungen vorzuschlagen.

Individuelle Betreuung

Wie sieht das bei den Jugendstrafbehörden in der Region aus? Laut Peter Gill, Sprecher der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt, hat sich an der Arbeit der Jugendanwaltschaft seit dem Fall Carlos nicht viel geändert. Dem stimmt auch Lukas Baumgartner, stellvertretender Leiter der Jugendanwaltschaft Baselland, zu: «Jeder Fall ist einzigartig und muss nach wie vor individuell betrachtet werden. Nicht für alle sind die gängigen Lösungen geeignet.»

Die passende Institution zu finden, erweise sich vor allem bei «Systemsprengern» als schwierige Aufgabe. Es sei definitiv so, dass kleine Heime mit sehr fokussierter, individueller Betreuung in der Schweiz Mangelware sind. «Und die, die wir haben, sind voll», bedauert Baumgartner.

Was sich aber seit dem Fall Brian definitiv geändert habe, sei das Bewusstsein für die Kosten: «Wir sehen uns stärker mit der Frage konfrontiert: Wie viel darf das Jugendstrafrecht kosten?» Es sei also erforderlich, ständig zwischen der Bevölkerungsgefährdung, den Erfolgschancen einer Massnahme und den Finanzen abzuwägen. Man müsse jedoch langfristig rechnen: «Ein langjähriger Gefängnisaufenthalt eines Menschen ohne Ausbildung fällt dann deutlich schwerer ins Gewicht als eine Investition in einen Jugendlichen, der dann im besten Fall Steuern zahlt, statt Steuern zu brauchen.»

Ohne den nationalen Fokus auf das Setting von Brian wäre vielleicht auch er auf den richtigen Weg gekommen und hätte im Endeffekt weniger gekostet, mutmasst Baumgartner. Schliesslich sei es die Aufgabe des Jugendrechts, Jugendliche in die Gesellschaft zu integrieren, auch wenn sie ein paarmal gestolpert seien.

Nicht aufgeben

Raffaela Biaggi, Präsidentin des Jugendgerichts Basel-Stadt, ergänzt: «Gerade in sehr schwierigen Fällen ist es essenziell dranzubleiben.» Ein abrupter Abbruch der persönlichen Beziehungen und des teils aufwendig erarbeiteten Vertrauensverhältnisses könne für die Jugendlichen gravierende Auswirkungen haben. Es sei hier umso wichtiger, einen Jugendanwalt zu haben, der viele Strategien ausprobiere und nicht aufgebe. «Schliesslich sind es dann verschwindend wenige Jugendliche, die trotz dieser Bemühungen keine gute Entwicklung machen», so Biaggi.

Brians ehemaliger Jugendanwalt Gürber hat nur selten über einen Abbruch nachgedacht. Die schwierigsten Jugendlichen hätten ohnehin schon ein Leben voller Abbrüche hinter sich: Sowohl die Eltern als auch die Lehrer und später auch die Heimleiter hätten es irgendwann aufgegeben, mit ihnen zu arbeiten, erzählt er. «Sie sehen sich selbst als hoffnungslosen Fall.» Deshalb sei es gerade wichtig, ein gutes Vorbild zu sein. Erst wenn ihnen klar wird, dass immerhin die Jugendanwaltschaft an sie glaubt, findet ein Umdenken statt. Diese erste Phase müsste durchgestanden werden, denn: «Junge Menschen wollen immer etwas aus sich machen.»

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