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Freie Sicht auf den Bühnenmatsch

BZ BERNER ZEITUNG-Logo BZ BERNER ZEITUNG 13.06.2020

Im Schiffbau lud das Schauspielhaus Zürich zur ersten Vorstellung unter Post-Corona-Bedingungen. Besser vorsorgen geht nicht, es gab gar Spritzschutz.

Gedränge ist anders: Das Schauspielhaus Zürich hat für seine erste Vorstellung nach dem Corona-Lockdown alles super organisiert. © Fotos: Urs Jaudas Gedränge ist anders: Das Schauspielhaus Zürich hat für seine erste Vorstellung nach dem Corona-Lockdown alles super organisiert.

Das Schauspielhaus ist endlich wieder aufgegangen! Und es war ein bisschen, wie wenn ein Gips am Bein wegkommt: Man freut sich riesig, ist aber auch etwas nervös. Schliesslich sind die Muskeln geschrumpft, die Haut hat gelitten, und jeder Schritt fühlt sich erst einmal merkwürdig an. Unsicher. Die Krücke hält man griffbereit.

Auch ich hatte am Freitag eine Schutzmaske im Rucksack stecken, für alle Fälle. Aber die zwei Hausherren Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg haben alle Unsicherheiten mitgedacht und zeigten sich vor der Eröffnungspremiere im Schiffbau als geübte Post-Corona-Therapeuten. «Wir gehen kein Risiko ein», beruhigte von Blomberg in der Ansprache der Intendanten. Und zu dem Zeitpunkt hatten wir das alle längst begriffen – wir 24 Zuschauer, die darauf als Erste nach dem Lockdown die heilige Halle betreten durften.

Ansprache zur Wiederöffnung: Das Intendantenduo Benjamin von Blomberg (links) und Nicolas Stemann. © Bereitgestellt von Tages-Anzeiger Ansprache zur Wiederöffnung: Das Intendantenduo Benjamin von Blomberg (links) und Nicolas Stemann.

Denn schon an den Glastüren wurde triagiert und klar kommuniziert: Das Schauspielhaus Zürich gibt Acht. Da wurde sorgsam getrennt zwischen «Eingang Foyer» und «Eingang Kasse», um ja jedes Gedränge zu vermeiden, und 2-Meter-Abstandskleber auf dem Boden takteten die Warteschlange. Bloss: Es gab gar keine.

Der typische Rundgang war also schnell erledigt. Von der Kasse, wo der Desinfektionsmittelspender hängt, zum kurzen Boxenstopp am Pressetisch: Unterlagen auf Papier sind passé, das Jahresprogramm ist in Plastik eingeschweisst (wie war das mit dem Plastikmüll?), nur das Ticket wird noch per Hand überreicht – anders, als dies teils an den zaghaft öffnenden Häusern in Deutschland gemacht wird. Die Garderobe ist jetzt unbewacht, die unhygienischen Token sind ausrangiert. Und die Schauspielhaus-Mannschaft, mit Masken und Handschuhen versehen, signalisiert den Weg zum Klo: eine Einbahnstrasse mit Abstandsklebern, sodass man sich Aerosole-mässig auf keinen Fall in die Quere kommen kann.

Tut man ohnehin nicht. «Ist das immer so?», fragte der Fotograf verwirrt angesichts der wenigen, weit versprengten Menschen im grossen Schiffbaufoyer. «Wir sind ausverkauft», erklärte Stemann und wusste nicht recht, ob er nun lachen sollte oder weinen.

Doch dann stellte es sich trotzdem ein, dieses Premierenkribbeln. Die Spannung. Diese Lust am Live-Event Theater, das, wenn es gut ist, die vielleicht intensivste Erfahrung eines Möglichkeitsraums bietet. Selbst in die Nase zieht es rein, wenn da beispielsweise Heuhaufen auf der Bühne liegen (Castorf!) oder gequalmt wird wie blöd. Theater, das ist eine Runde Schattenboxen, Training für Herz und Hirn.

So viel Beinfreiheit war nie! © Foto: Alexandra Kedves So viel Beinfreiheit war nie!

Und Schattenboxen hat kein Problem mit Abstandsregeln. Sie hätten zwar auf Wu Tsangs geplante «Composition III» verzichten müssen, sagte Nicolas Stemann – eben weil dort ein grosses, international mobiles Ensemble hätte proben und auftreten müssen. Doch dadurch, dass die 1982 in Massachusetts geborene Performerin und Filmkünstlerin zur Gruppe der acht Stammregiekräfte zählt, war die Chose nicht verloren. Wu Tsang schuf im Lockdown eine neue, eigenständige, wenn auch aus der Not und strikten Vorgaben geborene Ergänzung ihres Kompositionsreigens: «Composition (vor) IV». Sie stützt sich auf ein fixes, kleines Team.

Es habe sich seltsam angefühlt, als das Momentum von einer Minute auf die andere eingebrochen sei, erzählte die Künstlerin zwei Tage vor der Premiere. Während des Lockdown verliess sie Zürich nicht, schaute von aussen auf das Chaos in ihrer Heimat. «Die Krise hat vieles verändert. Die Leute scheinen bereit, grundsätzliche Neubewertungen vorzunehmen.» Polizeigewalt gegenüber Schwarzen sei seit Jahrzehnten angeprangert worden. «Nun endlich spricht jeder über den strukturellen Rassismus in den USA.» Und die ungleiche Vermögensverteilung werde neu in den Blick genommen. In Europa liege diese Thematik, angesichts der Flüchtlingskrise, oft näher, als die Leute wahrhaben wollten.

Nein, unmittelbar politisch sei ihre Kunst nicht, betont Wu Tsang, auch wenn sie – Kind eines chinesischen Vaters und einer schwedisch-amerikanischen Mutter – sich selbst schon als Aktivistin engagiert habe. Sie untersuche affektive, nonverbale Räume. «Eine Herausforderung in Corona-Zeiten. Ich versuche, die Angst vor Kontakt einzuschreiben; und das Ringen um Verbindung.»

Wir Besucher haben, an der Premiere, weniger Mühe mit den Einschränkungen: Wann sonst geniesst man im Theater so viel Bein-, Arm- und Taschenfreiheit? Einen Stuhl und zwei Meter Platz drumherum? Niemandem steht man auf die Füsse, wenn man durch die Reihe geht. Keiner sitzt einem direkt vor der Nase und versperrt die Sicht, niemand verursacht olfaktorische Probleme, hustet einem in den Nacken, kreischt oder schnarcht einem ins Ohr. Und beim Rausgehen – nach hinten, wohlgemerkt, auch hier gilt der Einbahnverkehr – keine Rempler; kein Anstehen an der Garderobe. Alles verläuft sich schnell, vermutlich in die prallvollen Bars und Cafés, die an diesem sommerlichen Abend ihre Aktivitäten ganz nach draussen verlagert haben.

Ehrlich gesagt: Wäre die Situation nicht die Folge einer medizinischen und die Ursache einer wirtschaftlichen Krise, würde man sich so ein Distanz-Theater durchaus auf Dauer gefallen lassen. Unsicherheit? I wo, es war ja kein Trump-Kundgebung. Die Maske blieb im Rucksack.

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