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Frust, Neid und Jubel auf der NZZ-Redaktion: von «Endlich – ich hab die erste Impfung erhalten» bis «Kommen Sie im August wieder»

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 07.05.2021 NZZ-Inlandredaktion
Momentan der Sehnsuchtsort Nummer eins für viele Schweizerinnen und Schweizer: die Impfkabine. Jean-Christophe Bott / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Momentan der Sehnsuchtsort Nummer eins für viele Schweizerinnen und Schweizer: die Impfkabine. Jean-Christophe Bott / Keystone

Die Corona-Krise hat es schonungslos ans Tageslicht gebracht: Der Föderalismus hat seine Sonnen- und Schattenseiten. Die unterschiedlichen Strategien beim Impfen sorgen nun dafür, dass man den Kantönligeist im wahrsten Sinn des Wortes am eigenen Leib erfährt.

Antonio Fumagalli (36, Waadt, einmal geimpft)

Erst Unglaube – und dann Euphorie. Die Gefühlslage ändert sich schlagartig, nachdem am 26. April um 12 Uhr 15 eine offizielle Mitteilung des Kantons Waadt in der Mailbox eingetroffen ist. Kann es wirklich sein, dass ausgerechnet der lange als Trödler verschriene Grosskanton als allererster die Impftermine für die gesamte erwachsene Bevölkerung freigibt? Ein Klick auf den angehängten Link zeigt: Ja, es ist kein schlechter Scherz – und der Buchungsprozess verläuft zumindest für jene Glücklichen, welche die behördliche Nachricht innerhalb der ersten halben Stunde gesehen haben, reibungslos. Ein Termin noch im April! Eine Viertelstunde früher wäre ich dankbar gewesen, bis zu den Sommerferien Ende Juli geimpft zu werden. Diese unsägliche Covid-19-Krise, sie scheint auf einen Schlag wie weggeblasen.

Die Zweifel kommen wenig später. Alle Waadtländer Erwachsenen dürfen sich nunmehr hochoffiziell und ganz legal impfen lassen. Aber war es wirklich richtig, mich jetzt schon einzuschreiben? Ich buckle zwar immerhin das doppelte Impfmindestalter, aber ich erfreue mich guter Gesundheit, lebe nicht mit Risikopersonen zusammen und hatte zuvor auch keine schlaflosen Nächte, weil meine Alterskategorie noch nicht freigeschaltet war. Muss die 49-Jährige mit dem schweren Atem – die Limite war in der Waadt vorher bei 50 Jahren – meinetwegen nun länger auf ihre Dosis warten? Ich lese nochmals die Begründung des Gesundheitsdepartements. Dort heisst es, dass von den Risikogruppen und Älteren praktisch alle, die es wollten, geimpft seien – und dass man der jüngeren Bevölkerung bewusst eine Perspektive bieten wolle. Also locker bleiben.

Am 30. April ist es dann so weit. Um 20 Uhr 50 erwarten mich eine Heerschar von Zivilschützern und eine Medizinstudentin mit spitzer Nadel. Sie injiziert den Moderna-Impfstoff – und das vorerst zwar unbegründete, aber dennoch hartnäckig verbleibende Gefühl, ein Stück Freiheit wiedergewonnen zu haben.

Erich Aschwanden (56, Luzern, einmal geimpft)

Für alle, die es noch nicht hinter sich haben, sei es klargestellt: Der Piks tut überhaupt nicht weh. Wer momentan mit Aussagen wie diesen um sich wirft, erweckt Neid. Umso stärker gilt es zu betonen, dass ich weder ein Impfdrängler noch ein Impfschleicher bin. Alles lief völlig legal und vor allem altersgerecht. Ausschlaggebend ist die Gnade des richtigen Wohnortes, in diesem Fall Luzern. Hier stürmten mobile Impftrupps bereits am 23. Dezember die Altersheime. Damals übte die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli noch, wie man Pfizer/Biontech buchstabiert.

Zwar liess das Tempo nach dem Blitzstart nach und trotz sofortiger Anmeldung blieb es auf dem Smartphone lange verdächtig ruhig. Nervös geworden, überlegte ich mir, den Wohnsitz in meinen Heimatkanton Uri zu verlegen, wo die Schweizer Meister im Impfen zu Hause sind. Ein Augenschein an der Altdorfer Anti-Corona-Demo erstickte diesen Gedanken relativ schnell.

Am Mittwoch, 28. April, um 11 Uhr 32 war die langersehnte SMS da: Termin Dosis 1: 6. Mai, 14 Uhr; Dosis 2: 5. Juni, 9 Uhr 35, jeweils im Impfzentrum Festhalle Willisau. Inzwischen habe ich die erste Dosis Pfizer/Biontech intus und das am Ausgang des Impfzentrums verabreichte Willisauer Ringli ebenso. Doch das Hochgefühl hielt nicht lange an. Schlimmer als jede Nebenwirkung ist die Erkenntnis, dass mein Kollege Antonio Fumagalli im zarten Alter von 36 Jahren früher als ich geimpft wurde. Das kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Ich verlange eine Piks-PUK!

Daniel Gerny (57, Basel-Stadt, ungeimpft)

Kaum etwas spiegelt die Befindlichkeit in der Pandemie so gut wider wie das Krisenvokabular: «Corona-Müdigkeit» beispielsweise oder «Querdenker». Derzeit dominiert der «Impfneid», etwa auf die Kollegen Antonio Fumagalli und Erich Aschwanden, die bereits ihre ersten Shots erhalten haben. In Basel kommt neuerdings die «Warte-SMS» zum Corona-Slang hinzu: Am Montag erhielt ich endlich die Nachricht, dass ich mich jetzt «auf der Warteliste» befinde. Klang extrem vielversprechend, hiess aber gar nichts: Die halbe Stadt wurde zur gleichen Zeit mit der Warte-SMS geflutet.

Nachdem Basel-Stadt seine Vakzine in den ersten Januarwochen so rasant verimpft hatte, dass der Stoff für die zweiten Dosen knapp geworden war, drückte der Kanton etwas auf die Bremse. Die Warte-SMS sollte die aufkeimende Ungeduld nach wochenlanger Funkstille etwas dämpfen. Viele hatten sich gefragt, ob sie vom System vergessen worden seien. Die einzige Botschaft der Warte-SMS lautet: Die Registration ist nicht gelöscht. Bitte weiter warten.

Wann ich die ersehnte Impfeinladung erhalte, bleibt ein Rätsel. Mit etwas mathematischem Genie lässt sich immerhin die maximale Wartefrist errechnen: 43 000 Personen erhielten die Warte-SMS. 6600 Impfungen wurden vom Gesundheitsdepartement in den sieben Tagen zuvor verabreicht. Ergibt eine theoretische Wartezeit von höchstens 6,547 Wochen ab Versand der SMS – also noch bis 14. Juni! Über diese halbe Ewigkeit kann nur ein Glas Twanner mit meinem Kollegen Georg Häsler am Bielersee hinwegtrösten – und Geduld. Ganz im Sinne der alten Drämmli-Schnitzelbank mit ihrer ikonischen Schlusspointe: «. . . uff di warti nämmli!»

Frank Sieber (46, Zürich, ungeimpft)

«Impfgruppe N» urteilte die Maschine bei der Registrierung im Kanton Zürich. N wie nachrangig. Also die Gruppe, die sich abgesehen von den Minderjährigen am längsten gedulden muss. Und die Letzten – das weiss man – beissen die Hunde. Damit gilt es weiterhin, das Virus zu meiden und den Vernunftanteil im Pandemiealltag bei den ungefähr 87 Prozent zu halten, die bis jetzt eine Ansteckung verhindert haben. Jedenfalls hat sich keine bemerkbar gemacht.

Mit dem Ziel vor Augen wird die Sache fast noch brenzliger, als sie es in den vergangenen vierzehn Monaten schon war. Es wäre weiss Gott der dümmste Moment, um sich noch etwas einzuhandeln, das im schlimmsten Fall einen Schatten aufs Restleben werfen könnte. Oder im allerschlimmsten Fall es sogar beenden. Im Unterschied zu vielem anderem, was der geneigte «Pschyrembel»-Leser ohnehin auf sich zukommen sieht, wäre dieses Virus ja eine Gefahr, die zwei Spritzen ziemlich sicher bannen könnten. Also zieht auf, liebe Erlöser, und macht dem Spuk ein Ende! So schnell wie nur irgend möglich.

Und siehe! Kaum ist das Flehen getippt, heisst es auch schon, der Kanton Zürich gebe alle Impfgruppen frei. Allerdings erweisen sich dann alle Termine als unterdessen schon von anderen gebucht. Bestimmt irgendwelche Mittdreissiger, die nicht den Anstand haben, jetzt erst einmal den etwas Älteren den Vortritt zu lassen. Befremdlich . . .

Kathrin Alder (35, Zürich, Impftermin gebucht)

Die Letzten werden die Ersten sein, heisst es doch in der Bibel? Als Analogie fürs Impfen taugt diese Redewendung jedenfalls nicht. Denn beim Impfen werden die Letzten auch garantiert die Letzten sein – dachte ich. Wie mein Kollege Frank Sieber wurde ich der Impfgruppe N zugeteilt. N wie nachrangig, meinte er. Noch bösere Zungen sprachen von N wie nie.

Dann brach am Freitagmorgen plötzlich Hektik aus: Push-Nachrichten auf dem Telefon vermeldeten, alle Gruppen seien nun freigeschaltet und könnten einen Impftermin buchen. Nach einigen Fehlversuchen klappte es: Bis Ende Juni werde ich geimpft sein. Ich konnte es kaum fassen. Gerade ging ich noch davon aus, N stehe für «no chli warte». Und nun plötzlich Gewissheit: Bald wird sich das Leben wieder etwas leichter und sorgloser anfühlen. Welch Überraschung.

Dabei hatte ich das eigentlich anders geplant. Vor meinem geistigen Auge reiste die ganze Inlandredaktion vergnügt ins Wallis zum Impfen. Dort soll sich ja impfen lassen können, wer will. Das hätte nicht nur die Gesundheit gestärkt, sondern auch die Moral, gerade nach den einsamen Monaten im Home-Office.

Mein Kollege Sieber, ursprünglich aus Naters, hätte das Redaktions-Reisli organisieren und mit Höhepunkten versehen können, die nur ein Ortskundiger bieten kann. Raclette und Weisswein wären sowieso gebucht gewesen. Wobei, die Immunreaktion soll ja besser sein, wenn man kurz vor und nach der Impfung auf Alkohol verzichtet. Und Impftourismus ist sowieso verpönt. Wir holen das längst fällige Redaktions-Reisli wohl doch besser erst nach, wenn alle geimpft sind.

Andri Rostetter (41, Thurgau, Impftermin gebucht)

Als bekennender Impfeuphoriker habe ich mich am ersten möglichen Tag registriert, am 22. Januar. Und ja, ich gebe zu: Ich habe es auch bei anderen Kantonen versucht. Aus rein beruflichen Überlegungen, man muss ja diese Systeme testen. Ausserdem kann man im Thurgau nie wissen. Der Kanton rühmt sich immer für seine schlanke Verwaltung. Behördenerfahrene Bürger wissen: Je schlanker die Verwaltung, desto grösser die Wartezimmer.

Anfang April kommt prompt ein Anruf aus dem Schwyzer Gesundheitsdepartement. Man müsse mich leider von der Warteliste streichen. Wenige Sekunden später erreicht mich eine SMS: «Guten Tag. Wir bestätigen Ihre Abmeldung.» Die SMS kommt von der Nummer, von der ich die Bestätigung für den Thurgau erhalten habe. Was jetzt? Hat mich die Schwyzer Löschung schweizweit sämtliche Wartelistenplätze gekostet? Ein Anruf in Frauenfeld bringt Klärung: Alles in Ordnung, die beiden Systeme hängen zwar zusammen, aber die Meldung betrifft nur Schwyz.

Am 23. April ruft der Thurgau alle Erwachsenen auf, sich für einen Impftermin zu registrieren. Ich versuche zur Sicherheit, mich ein zweites Mal anzumelden, wie immer wahrheitsgetreu: keine Vorerkrankungen, keine Kontakte zu gefährdeten Personen usw. «Mit den obigen Angaben ist eine Registrierung nicht möglich», meldet das Portal. Bin ich nun gesperrt? Ich rufe meinen Hausarzt an und frage nach einem Termin. Die Antwort: «Tut mir leid, wir haben keine Dosen mehr. Keine Ahnung, wann die nächste Lieferung eintrifft. Wie alt sind Sie? Rufen Sie im August wieder an!»

Am Freitag meldet sich ein Bekannter. «Brauchst du noch eine Impfung? Die haben noch kurzfristig Termine frei», sagt er und gibt mir die Nummer einer Zürcher Arztpraxis. Fünf Minuten später habe ich meinen Termin: nächsten Dienstag, 10 Uhr 45. Es herrscht Anarchie.

Michele Coviello (40, Aargau, ungeimpft)

Neid unter Ehepartnern wäre besonders verwerflich. Ich bin auch wirklich nicht neidisch, wirklich! Sagen wir es so: Ich bin bloss erstaunt. Schon am 22. Februar registrierte ich mich auf der Aargauer Plattform. Inzwischen habe ich bereits die vierte Vertröstungs-SMS erhalten. Mein Einbahn-Chat mit dem zweifelhaften Absender «ImpfCovid» ist eine Timeline der Sehnsucht und der geplatzten Träume.

Meine Frau hingegen bekam vergangene Woche den Bescheid, dass ihr Arbeitsplatz in Basel-Stadt zum Gesundheitswesen zählt. Zack: Vier Tage später bohrte sich im Messezentrum schon eine Nadel in ihren Arm. Das ist selbst für die zu Recht bevorzugte Kategorie rekordverdächtig.

Ganz schlecht läuft es im Aargau aber auch nicht. Die Eltern sind vollständig geimpft, mein Bruder als Risikopatient ebenso. Für jeden Piks empfinde ich nicht Neid, sondern Erleichterung, auch wenn ich mich selber gedulden muss. Ich zähle zur Zielgruppe 5, dem fünften Rad am Wagen? Jedenfalls sind wir die ausufernde Kategorie der 16- bis 64-Jährigen. Ab Mitte Mai sollten auch wir an der Reihe sein. Damit könnte ich leben. Die Dentalhygiene und die Linsenkontrolle können noch etwas warten.

Trotzdem macht sich im Aargau Ungeduld breit. Der Kanton priorisiert weiterhin Menschen jeglichen Alters, die privat Risikopersonen betreuen. Gibt also eine 20-Jährige bei der Registrierung an, regelmässig nach dem Grosi zu schauen, wird sie früher als der 63-jährige Single-Mann aufgeboten. Das soll offenbar so bleiben, obwohl die Risikogruppen weitgehend immunisiert sind. Man wolle die Regeln nicht mitten im Spiel ändern, sagte der Impfchef neulich gegenüber der «Aargauer Zeitung». Logisch. Eine Pandemie ist ja wirklich auch eine Zeit, in der man sich nicht einfach so laufend neuen Ausgangslagen anpassen kann.

Übrigens: Neid gegenüber meiner Liebsten ist wirklich unangebracht. Ihre Anmeldung im Aargau ist dank Basel-Stadt hinfällig. Ein Platz wird hier frei. Für mich?

Georg Häsler Sansano (48, Bern, ungeimpft)

Die Fallhöhen der Impfemotionen haben die Kraft eines Dramas aus dem «Sturm und Drang». Auf das Hochgefühl folgt der bittere Absturz in die Verzweiflung. Als Berner fühle ich mich derzeit wie ein Werther der heutigen Zeit. Doch statt der Liebe schüttelt der Kanton meine zarte Seele durch.

Denn ich hatte meinen Impftermin schon zweimal vor Augen: Eine Möglichkeit hätte sich mir diesen Samstag um 15 Uhr 30 im Inselspital geboten, die zweite kommende Woche im «Centre de vaccination de Tavannes» – mir schwebte bereits ein kleiner Ausflug an den Bielersee vor. Der Twanner soll sich ja mit dem Impfstoff vertragen. Aber zwei Mal schmierte die Berner Informatik ab, und die Termine waren weg. Jetzt stehen vom Gantrisch bis Langenthal «aktuell keine freien Termine» zur Verfügung.

Dabei war ich gerade wieder einmal stolz auf den Turbo-Bären. Das strukturierte und schnelle Vorgehen schien zu belegen, dass Bern wenigstens eine tolle Kantonsverwaltung hat. Klassischer Fall von «Denkste». Das Impfportal erwies sich als eine Art einarmiger Bandit. Der Weg zurück in die Freiheit gleicht im Kanon Bern einer Lotterie. Doch statt ein gutes Händchen mit Zahlen braucht es eine schnelle Internetverbindung und möglicherweise die Klick-Geschwindigkeit eines notorischen Gamers.

Ich gebe zu: Ich bin nach dem Euphorieschub von Anfang Woche ziemlich frustriert – und auch enttäuscht. Ganz loyal und als überzeugter Berner verzichtete ich auf den Versuch, mir in der Waadt, dem ehemaligen Sehnsuchtsort des bernischen Patriziats, einen Impftermin zu mischeln. Immerhin lebt dort mein Lieblingsmensch, also könnte ich den Impftourismus sogar argumentativ hinbiegen. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich glaube fest an ein Happy End meines persönlichen Impfdramas, selbst wenn ich meinen Ärmel zuhinterst im Kanton und ohne Twanner im Anschluss hochkrempeln muss.

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