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GASTKOMMENTAR - Gentechnik: Die Grünen müssen gründlich umdenken

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung vor 6 Tagen Christian Jung

Wenn die Grünen das Sagen gehabt hätten, gäbe es heute keinen Covid-19-Impfstoff. Denn ein wesentlicher Grund für den Erfolg im Kampf gegen die Pandemie ist die Gentechnik. Gastkommentar von Christian Jung

Gentechnik ist heute Grundlage von Forschung und Entwicklung in allen Bereichen der Lebenswissenschaften sowie der Medizin. (Im Bild: ;Eine digitale Repräsentation des menschlichen Genoms.) Mario Tama / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Gentechnik ist heute Grundlage von Forschung und Entwicklung in allen Bereichen der Lebenswissenschaften sowie der Medizin. (Im Bild: ;Eine digitale Repräsentation des menschlichen Genoms.) Mario Tama / Getty

Derzeit werden mehr und mehr Menschen weltweit gegen Covid-19 geimpft. Dass schon knapp ein Jahr nach Ausbruch einer Viruspandemie massenhaft wirksame Impfstoffe verfügbar sind, hat es noch nie gegeben. Auch wurden schon nach kurzer Zeit Verfahren entwickelt, die es erlauben, das Virus mit all seinen Mutationen schnell und präzise zu identifizieren.

Gleichzeitig will in Deutschland die Partei Bündnis 90 / Die Grünen zur führenden politischen Kraft werden und die nächste Bundeskanzlerin stellen. Hätte diese Partei jedoch früher das Sagen gehabt, dann wären weder der äusserst wirksame und verträgliche Impfstoff Comirnaty der Firma Biontech noch andere Impfstoffe in so kurzer Zeit in Deutschland verfügbar gewesen.

Ein wesentlicher Grund für den Erfolg im Kampf gegen die Pandemie ist die Gentechnik – und die wird von den Grünen abgelehnt. Gentechnik ist heute Grundlage von Forschung und Entwicklung in allen Bereichen der Lebenswissenschaften sowie der Medizin. Sie birgt neben unbestreitbaren Chancen auch Gefahren und kann tiefgreifende ethische Probleme aufwerfen. Von Beginn an war die Gentechnik daher umstritten. Insbesondere die Grünen haben von Anbeginn an eine fundamentale Ablehnung dieser Technik verfolgt; neben der Kernenergie wurde kaum eine Technologie so radikal bekämpft wie die Gentechnik.

Die Debatte begann in den 1970er Jahren, also kurz nach der Erfindung der Gentechnik, als sich Wissenschafter Gedanken um mögliche Risiken machten. In Deutschland waren es Umweltverbände zusammen mit der grünen Partei, die zu Meinungsführern in dieser Debatte wurden. Tatsächlich war damals wenig über mögliche Risiken bekannt.

Diese wurden oftmals völlig übertrieben und zu Totschlagargumenten umfunktioniert. Die Nutzung dieser neuen Technologie sollte grundsätzlich verhindert werden, solange nicht alle Risiken ausgeschlossen waren. Man stelle sich einmal vor, welche Technologien, beginnend mit der Dampfmaschine, unter dieser Prämisse überhaupt hätten eingeführt werden können.

Umweltminister Joschka Fischers Verhinderungstaktik

Mit ihrer ersten Regierungsbeteiligung im Land Hessen nutzten die Grünen in den 1980er Jahren in Person ihres damaligen Umweltministers Joschka Fischer ihre politische Macht, um die erste gentechnische Produktionsanlage in Deutschland zu verhindern. Die Firma Hoechst AG, damals der grösste deutsche Industriekonzern, hatte beantragt, an ihrem Standort bei Frankfurt eine Anlage zur Produktion von Insulin zu bauen. Das Insulin sollte aus gentechnisch veränderten Mikroorganismen gewonnen werden.

Obwohl vergleichbare Anlagen in anderen Ländern bereits genehmigt waren und wissenschaftlich fundierte Gutachten Risiken für Mensch und Umwelt weitgehend ausschlossen, verweigerte Fischer die Zustimmung.

Immerhin führte die Debatte zu einem politischen Prozess in der Bundesrepublik, der 1990 mit dem ersten Gentechnikgesetz zu enden schien. Dieses Gesetz war nach Anhörung aller an der Debatte beteiligten Verbände, Organisationen und der Wirtschaft verfasst worden und setzte in seiner Präambel neben der Regulierung der Gentechnik als zweites Ziel die Förderung der Gentechnik. Letzteres wollten die Grünen als Teil der Regierung Schröder/Fischer anlässlich einer Novellierung des Gesetzes streichen lassen.

Das Gesetz trug Sicherheitsbedenken Rechnung. In Deutschland und in der EU wurden seit Anfang der neunziger Jahre Hunderte Millionen Euro für die wissenschaftliche Erforschung möglicher Risiken ausgegeben. Untersuchungen dazu kommen alle zu dem eindeutigen Schluss, dass die Anwendung der Gentechnik unter Beachtung der gesetzlichen Vorgaben sicher und beherrschbar ist.

«Grüne» und «rote» Gentechnik

Dessen ungeachtet führten die Umweltverbände und die Grünen ihren Kampf gegen die Gentechnik unvermindert fort. Dabei scheute man nicht vor Gewalt gegen Sachen und Personen zurück, die in umfangreichen Zerstörungen von Feldversuchen mündete. Auch die öffentlichrechtlichen Medien hatten ihren Anteil an der Verteufelung der Gentechnik.

Damals wurden die Begriffe «grüne» und «rote» Gentechnik verwendet, die sich auf die Unterschiede in der Anwendung von Gentechnik in Landwirtschaft und Medizin bezogen. Die Gegner führten jedoch weiterhin einen erbitterten Kampf gegen jede Art von Gentechnik. 1997 lehnten die Grünen Gentechnik «grundsätzlich für alle Anwendungsbereiche» ab und forderten, dass die Gentechnik «zurückgedrängt» werde. Daraus ergab sich die Forderung nach einem völligen Verzicht auf jede Art von gentechnischer Forschung und Entwicklung.

Im Kampf gegen die Gentechnik fand die damalige grüne Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast einen unerwarteten Verbündeten. Der heutige bayrische Ministerpräsident und damalige Umweltminister Markus Söder initiierte 2006 eine politische Halse seiner Partei vom Befürworter zum fundamentalen Gegner der Gentechnik. Die damalige breite Kampagne gegen den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen in Bayern schürte eine grundsätzlich ablehnende Stimmung gegen diese Technologie.

Chancen der Gentechnik

Von einer differenzierten Haltung gegenüber gentechnischer Forschung und Entwicklung oder gar deren Förderung, von einer umfassenden Aufklärung der Bevölkerung über die Chancen der Gentechnik, beispielsweise durch schulische Bildung, war in den offiziellen Verlautbarungen der Partei Bündnis 90 / Die Grünen nie die Rede. Vergleichbares muss man von den Medien, vor allem den Öffentlichrechtlichen, sagen.

Das ist wahrscheinlich ein Grund, warum ein grosser Teil der Bevölkerung sich über den Beitrag der Gentechnik zur Entwicklung von Diagnostika und Impfstoffen bezüglich Covid-19 im Unklaren ist. Wie ist es sonst zu verstehen, dass sich Hunderte Millionen Menschen «pure Gentechnik» – um nichts anderes handelt es sich bei den Impfstoffen – spritzen lassen? Wer hätte es für möglich gehalten, dass gentechnisch produzierte Impfstoffe in Rekordzeit hergestellt werden können? Von einer umfassenden Bewertung «aller» Risiken, die viele Jahre gedauert hätte, war hier nie die Rede. Und das ist gut so, denn diese Impfstoffe sind ein Segen für die ganze Welt.

Schwarzer Fleck auf der grünen Weste

Es gehört schon eine gewisse Unverfrorenheit dazu, wenn ausgerechnet grüne Politiker sich nun an die Spitze derer setzen, die eine umfassende und möglichst schnelle Impfung der Bevölkerung fordern oder die Bundesregierung dafür kritisieren, dass die Impfstoffe nicht schnell genug bereitgestellt wurden. Denn diese Partei hat die Gentechnik von Anfang an bekämpft und gibt bis heute kein Bekenntnis zu dieser wichtigen Zukunftstechnologie ab.

Die Gentechnik ist ein schwarzer Fleck auf der Weste der grünen Politik. Es wäre jetzt an der Zeit, sich differenziert und positiv zur Gentechnik zu positionieren. Das aktuelle Wahlprogramm erwähnt die Gentechnik kein einziges Mal, stattdessen propagiert man gentechnikfreie Produktion, die durch gesetzliche Regelungen geschützt werden müsse.

Im Falle des Klimawandels wird zu Recht auf zahlreiche wissenschaftliche Belege verwiesen. Im Falle der Gentechnik jedoch ignorieren die Grünen die Stellungnahmen wissenschaftlicher Organisationen für eine verantwortungsvolle Nutzung der Gentechnik. Das ist keine glaubwürdige Politik. Der neue amerikanische Präsident Biden hat in seiner Regierung ein Beratungsgremium institutionalisiert, das Massnahmen und Gesetze der Regierung daraufhin überprüft, ob sie auf wissenschaftlich fundierten Fakten beruhen. Ein derartiges Gremium wünscht man sich auch der nächsten Bundeskanzlerin oder dem nächsten Bundeskanzler.

Christian Jung, Pflanzengenetiker und Molekularbiologe, ist Professor und Direktor am Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung der Christian-Albrechts-Universität in Kiel.

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