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Geschäftsreisen: Schluss mit Business-Lounge und Frequent-Flyern

Handelszeitung-Logo Handelszeitung 24.06.2020 David Torcasso
Ein Passagier in der Businesslounge am Flughafen Zürich. © Keystone Ein Passagier in der Businesslounge am Flughafen Zürich.

Die Schweizer Konzernen fahren ihre Geschäftsreisen zurück. Das wird auch so bleiben – in Zeiten von Videocalls rechnen sich Business-Trips viel seltener.

Geschäftsreisen sind teuer – besonders, wenn sie den Reisenden die Annehmlichkeiten eines Business-Class-Flugs und einem gehobenen Hotels bieten. Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie waren solche Business-Trips von einem Tag auf den anderen nicht mehr möglich. Die meisten Meetings oder Konferenzen fanden nur noch virtuell statt. Und zwar auf allen Management-Ebenen. 

Nun scheint zwar die Lust auf Geschäftsreisen beim den Managern wieder da zu sein, aber oft wollen die Konzernleitungen weiter darauf verzichten. Einige sogar für immer. Zumal in der Corona-Zeit offensichtlich wurde, dass manch ein Meeting genauso effizient per Skype oder Teams stattfinden kann.

Die Mehrheit der deutschen Unternehmen rechnet wegen der Corona-Krise mit einer dauerhaften Einschränkung ihrer Geschäftsreisen. Besonders jetzt, da Unternehmen sparen müssen und Business-Reisen ein Budgetposten sind, der geschmälert werden kann. 

57 Prozent der deutschen Unternehmen halten eine solche Einschränkung für wahrscheinlich. Das zeigt eine neue Umfrage des Ifo-Instituts in München. In der Industrie sind es sogar 64 Prozent, bei den Dienstleistern 60 Prozent, die nicht mehr ans ausgiebige Reisen glauben.

«Die Folgen der Krise werden manche Branchen noch sehr lange begleiten, so Fluggesellschaften, Bahnen, Hotels und Restaurants», sagte Ifo-Forscher Stefan Sauer gegenüber «Reuters».

Seltener reisen dürften insbesondere Mitarbeiter der Pharmabranche und bei IT-Herstellern, so die Erhebung aus München. Aber auch Unternehmensberater wollen mit jeweils 80 Prozent künftig darauf verzichten, ferner Unternehmen aus Forschung und Entwicklung sowie Vertreter der Werbebranche.

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Auch in der Schweiz wollen die grossen Konzerne die Reistätigkeiten der Mitarbeiter stark zurückfahren – und zwar auch, wenn sich die Corona-Krise zunehmend entspannt. Hört man sich bei einigen SMI-Unternehmen um, werden Geschäftsreisen nur noch bedingt möglich sein.

«Reisekosten werden definitiv niedriger»

Bereits im ersten Quartal hat der Industriekonzern ABB «einen signifikanten Rückgang an Reisekosten verzeichnet», sagt Sprecher Daniel Smith. Das war wegen den Lockdown-Massnahmen. Aber auch mit den Grenzöffnungen will der Elektro-Spezialist diesen Kurs beibehalten: «Derzeit erlaubt ABB nur Reisen, die geschäftlich dringend notwendig sind», sagt Smith. Das gelte für Mitarbeiter auf allen Stufen, also auch für das Top-Management.

Man setze stattdessen auf virtuelle Tools für Kunden und Teambesprechungen. Bei ABB erwarte man, dass es wieder zu einer «Normalisierung» der Reisetätigkeiten kommen wird, aber nicht mehr zu einem Niveau wie vor der Corona-Krise: «Die Reisekosten werden in Zukunft definitiv niedriger sein», sagt Smith. Ob dieser Schritt eingeschlagen wird, um Kosten bei ABB zu sparen, bleibt offen.

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Der Nahrungsmittelriese Nestlé will künftig einen ähnlichen Weg beschreiten: «Reisen sollen durch alternative Kommunikationsmittel ersetzt werden», sagt Juliette Montavon von Nestlé. Man wolle weniger Geschäftsreisen unternehmen, um «Kosten und Zeit zu sparen».

Das sind aber nicht die einzigen Beweggründe für Nestlé, aufs Fliegen zu verzichten. Es geht auch um den ökologischen Fussabdruck: «Zwischen 2013 und 2019 haben unsere Mitarbeitenden in der Schweiz sowohl die Flugmeilen als auch die Emissionen um rund 35 Prozent reduziert», sagt Montavon. In der Krise habe die Zuverlässigkeit von Kommunikationsmitteln wie Telefonkonferenzen zugenommen. Das spiele Hand in Hand mit den Emissions-Zielen des Unternehmens. 

Die beiden Pharmariesen Roche und Novartis blasen ins gleiche Horn wie die Pharmabranche in Deutschland: Reisen nur noch, wenn nötig. 

«Reisetätigkeiten werden auf geschäftskritische Reisen beschränkt», sagt Roche-Sprecherin Nina Mählitz. Es gibt keine Meetings mehr, wo es nur um die Pflege und Austausch mit Geschäftspartnern geht. Seit dieser Anweisung von ganz oben ist das Reisevolumen bei Roche «signifikant zurückgegangen.» 

In der Zwischenzeit habe der Basler Pharmakonzern eine «etablierte IT-Infrastruktur mit diversen Tools wie etwa Video-Calls aufgebaut. Das funktioniere sehr gut und werde deshalb beibehalten, sagt Mählitz. 

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Einsparungen sind willkommen

Auch bei Novartis wird derzeit kaum mehr gereist. Es geht nur noch, wenn das Senior Management eine Bewilligung dafür gibt, sagt Sprecher Satoshi Jean-Paul Sugimoto. «Diese Umstellung hat zu Einsparungen geführt.» Wie hoch diese sind, will er nicht kommentieren.

Weil die meisten Mitarbeiter in den letzten Monaten im Homeoffice gearbeitet haben, gab es auch keine «klassischen Videokonferenzen» mehr, sagt Sugimoto. Das bedeutet, ein Team trifft sich in einem Meeting-Raum und spricht mit einer anderen Gruppe über Video-Call. Stattdessen hätte man geskypt oder sich über Microsoft-Teams besprochen. Die Akzeptanz von virtuellen Meetings habe sich «signifikant gesteigert», sagt Sugimoto.

Weniger ist mehr

Darauf will Novartis aufbauen. «Wir glauben, dass dies in Zukunft zu einer neuen Balance zwischen persönlichen und virtuellen Meetings führen wird», sagt Sugimoto. 

Das sei aber nicht erst seit der Corona-Krise so. Geschäftsreisen als «Goodie» für das Management sei «ein Mythos aus der Vergangenheit», so der Novartis-Sprecher. Geschäftsreisen seien ein persönlicher, zeitlicher und finanzieller Aufwand, der nur noch bei bei wirklichem Bedarf durchgeführt werde. Das Feedback von «früheren Vielreisern» sei eindeutig: Weniger reisen verbesserte die Lebensqualität.

Auch die UBS meldet, man habe die Reisetätigkeiten bereits vor der Corona-Krise gesenkt – und in den letzten Monaten praktisch ganz eingestellt. Die Kunden hätte man in dieser Zeit über Skype betreut, die Qualität der Dienstleistungen sei gleich geblieben. 

Man habe gesehen, dass vieles auch ohne Reisen möglich sei. Dank Technologien wird Reisen auch in Zukunft auf tiefem Niveau bleiben. 

Auslandsreisen stehen zur Debatte

Bei der Credit Suisse hingegen wagt Mediensprecher Ronnie Y. Petermann noch keine Prognose für künftige Reisetätigkeiten. «Wir analysieren die Situation, für konkrete Ankündigungen ist es noch zu früh.» Um die Gesundheit der Mitarbeiter und Kunden sicherzustellen, würden Meetings über Video und Telefon durchgeführt. Wünschen Kunden ein persönliches Treffen, sei das nur unter der Einhaltung der Distanz- und Hygieneregeln möglich. 

Zug oder Video ersetzt den Flieger

Die künftige Richtung der Bank hat Chef Thomas Gottstein aber bereits in einem Interview mit der «Schweizer Illustrierten» angeschnitten: «Die Leute werden sich mehr besinnen auf das, was wirklich wichtig ist im Leben. Vieles, was alltäglich war, wie häufige Auslandreisen, wird zur Debatte stehen. Homeoffice und digitales Arbeiten wird sich weiter etablieren.» 

Die Bank lege aber auch Wert auf ihre Umweltbilanz, wie es in ihrem Bericht zur unternehmerischen Verantwortung heisst: «Um die Anzahl der Geschäftsflüge zu reduzieren, hält unsere entsprechende Weisung unsere Mitarbeitenden deshalb an, für kürzere Strecken mit dem Zug zu reisen und primär Telefon- und Videokonferenzen einzusetzen.»

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Rückversicherer Swiss Re habe die Reisebudgets wegen Corona nicht verändert, sagt Willy-Andreas Heckmann von Swiss Re. Man wolle den «Footprint» aber weiter reduzieren. «Alle Mitarbeiter sind dazu angehalten, alle nicht geschäftskritischen Reisen zu vermeiden. Internationale Reisen aus geschäftlichen Gründen müssen genehmigt werden», sagt Heckmann.

Der Rückversicherer habe dank «hochauflösender Telepresence-Systeme» das  Geschäft im Lockdown «ohne Unterbrechungen» weiterführen können.

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