Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

«Glaubt nicht den Politikern, die Ärzte können nicht mehr helfen»

Der Bund-Logo Der Bund 01.07.2020

Auf dem Balkan steigen die Coronavirus-Fälle, dem Gesundheitssystem droht der Kollaps – ausgerechnet vor den Sommerferien, wenn Tausende aus der Schweiz in ihre früheren Heimatländer zurückkehren. Eine Übersicht über die Lage in Serbien und Kosovo. ​

Ein schlechtes Vorbild: Blasmusiker sorgten für eine feuchtfröhliche Stimmung im Hauptquartier der serbischen Regierungspartei SNS. © Foto: Marko Djurica (Reuters) Ein schlechtes Vorbild: Blasmusiker sorgten für eine feuchtfröhliche Stimmung im Hauptquartier der serbischen Regierungspartei SNS.

Rade Panic verlor diese Woche die Nerven und die Geduld. Der Chef der serbischen Ärztegewerkschaft sagte bei einem Fernsehauftritt: «Glaubt nicht den Politikern, glaubt nicht dem Krisenstab, achtet auf eure Gesundheit, weil die Ärzte nicht mehr helfen können.» Die Spitäler, warnte Panic, seien überfüllt mit Coronavirus-Patienten. Er erhob schwere Vorwürfe gegen die Regierung. Die Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie seien auf einmal gelockert worden, damit am 21. Juni Parlamentswahlen hätten stattfinden können.

Es war der erste Urnengang in einem europäischen Land seit dem Ausbruch der Seuche. Staatschef Aleksandar Vucic gewann die Wahlen haushoch, die von ihm kontrollierten Medien hatten zuvor das Bild eines erfolgreichen Krisenmanagers gezeichnet. Vucic wollte von dieser Stimmung politisch profitieren. Laut dem Gewerkschafter Panic wäre es sinnvoll gewesen, langsamer zur Normalität zurückzukehren. Die heftige Kritik wird von den Behörden zurückgewiesen.

Zwei Drittel der landesweiten Neuinfektionen werden derzeit offenbar in Belgrad registriert. Seit dem 1. Juni dürfen in Serbien Sportanlässe mit mehreren Tausend Zuschauern stattfinden. Mitte Juni spielten in der serbischen Hauptstadt die ewigen Rivalen: Roter Stern und Partizan Belgrad. Über 20’000 Fussballfans jubelten, tanzten und grölten beim Pokal-Derby – und sie standen dicht gedrängt und fast alle ohne Atemschutzmasken. Es war die grösste Menschenansammlung in Europa seit Februar.

Politiker infiziert

Ein schlechtes Vorbild gaben auch die führenden Politiker des Landes ab. Nach dem Wahlsieg der Regierungspartei SNS am vorletzten Sonntag wurde ausgiebig gefeiert. In den lokalen Medien kursieren Videoaufnahmen von Blasmusikern, die für eine feuchtfröhliche Stimmung in der Parteizentrale sorgten. Mehrere Politiker tanzten Hand in Hand den traditionellen Reigen, den Kolo. Kaum jemand war danach überrascht, als die Behörden bestätigten, dass zwei Minister und die Parlamentspräsidentin positiv auf das Coronavirus getestet worden seien.

Nach den Lockerungen reisten auch mehr Serben aus der Diaspora in die alte Heimat – mit dem Auto, mit dem Bus oder mit dem Flugzeug. Die serbische Fluggesellschaft Air Serbia verbindet Zürich und andere westeuropäische Städte mit Belgrad. Serbiens Hauptstadt gilt seit Jahren als günstige Partymetropole, eine Art «Berlin des Balkans», schmuddelig und prachtvoll zugleich. Noch mehr Besucher aus dem deutschsprachigen Raum werden während der Sommerferien erwartet, die in wenigen Tagen beginnen.

In der Schweiz leben Schätzungen zufolge etwa 150’000 Serben oder serbischstämmige Schweizer, in Österreich zählt die serbische Gemeinschaft etwa eine halbe Million Menschen, in Deutschland 400’000. Viele von ihnen besuchen im Juli und August ihre Familien in Serbien. Wer sich in der grossen Balkan-Community umhört, bekommt schnell das Gefühl, dass die jungen Menschen die Ferien auf dem Balkan als eine Möglichkeit sehen, sich auszutoben nach Wochen des Lockdown in der Schweiz.

«Kommt nicht nach Hause, denn das wäre unser Ende»: Staatschef Aleksandar Vucic appelliert an seine Landsleute in der Diaspora. © Foto: Andrej Cukic (Keystone) «Kommt nicht nach Hause, denn das wäre unser Ende»: Staatschef Aleksandar Vucic appelliert an seine Landsleute in der Diaspora.

Als Anfang März die ersten Corona-Fälle in Serbien gemeldet wurden, stellte die Staatsführung eine demonstrative Sorglosigkeit zur Schau. Mal wurde der traditionelle Pflaumenschnaps als Wundermittel gepriesen, mal hiess es, die Serbinnen seien durch Östrogen, das weibliche Sexualhormon, geschützt. Doch sehr bald war der Spass vorbei, und Präsident Vucic verhängte Ausgangssperren, die zu den strengsten auf dem Kontinent gehörten. Ältere Menschen durften ihre Wohnungen oder Häuser überhaupt nicht verlassen.

Um einen Kollaps des gebeutelten Gesundheitssystems zu verhindern, richtete Vucic Mitte März einen verzweifelten Appell an die Diaspora: Die Auslandsserben sollten dort bleiben, wo sie wohnhaft seien. «Kommt nicht nach Hause, denn das wäre unser Ende», so Vucic im dramatischen Ton. Mitte April sagte er, fast 400’000 Serben seien aus Pandemie-Hotspots nach Serbien zurückgekehrt – allerdings waren die meisten von ihnen serbische Staatsbürger, die sich auf Auslandsreisen befanden und einfach nach Hause wollten.

Viele Diaspora-Serben empfanden Vucics indirekte Drohung, man werde sie an der Grenze abweisen, als Beleidigung und Stigmatisierung. Er wolle nur die milliardenschweren Überweisungen seiner Landsleute, meinten einige Diaspora-Vertreter.

Manipuliert die Regierung die Zahlen?

Die Rechercheplattform Birn kam diese Woche nach einer Datenanalyse zum Schluss, dass in Serbien doppelt so viele infizierte Patienten gestorben sind als von den Behörden gemeldet. Offiziell sind bisher 277 Menschen dem Erreger zum Opfer gefallen, laut Birn sind es aber 632. Die Zahl der Infektionen blieb im Mai und Juni unter 100. Doch seit einer Woche steigen sie rasant an – am Dienstag waren es 270. Trotzdem lässt die EU ab heute Mittwoch serbische Bürger einreisen, die Schweiz will am kommenden Montag nachziehen.

Video wiedergeben

Besonders prekär ist die Lage in der muslimisch geprägten Region Sandzak im Südwesten Serbiens. Seit dem Wochenende wurden nach Angaben der Bewohner in der Kleinstadt Novi Pazar 35 Menschen bestattet. Die meisten, heisst es in den lokalen Medien, seien an der vom Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 gestorben. Die Behörden dementieren. Am Dienstag besuchten Regierungschefin Ana Brnabic und Gesundheitsminister Zlatibor Loncar Novi Pazar, wo sie von wütenden Männern ausgebuht wurden.

Ein Teil des Medizinpersonals kehrte der Delegation aus Belgrad aus Protest den Rücken. Nicht nur in Serbien, sondern auf dem ganzen Balkan bemühen sich die wenigsten Bürgerinnen und Bürger, die Abstandsregeln einzuhalten, geschweige denn, Schutzmasken zu tragen. Die Versuchung ist überall gross, auf die von autoritären Staatsführern aufgestellten Regeln zu pfeifen.

Wut gegen die neue Regierung: Anhänger der kosovarischen Oppositionspartei Vetevendosje bei einer Grosskundgebung in Pristina am 12. Juni. © Foto: Laura Hasani (Reuters) Wut gegen die neue Regierung: Anhänger der kosovarischen Oppositionspartei Vetevendosje bei einer Grosskundgebung in Pristina am 12. Juni.

In Kosovo droht die Lage ausser Kontrolle zu geraten. Anfang Juni wurden die Corona-Massnahmen gelockert, damals zählte das nationale Gesundheitsamt 1083 Infizierte, nun sind es knapp 2900. Das Land hat die jüngste Bevölkerung Europas: Die Hälfte der Bewohner ist jünger als 25 Jahre. Viele ignorieren die Gefahr, die «nur die Alten» treffe, in der Hauptstadt Pristina waren in den letzten Wochen die Restaurants und Strassencafés voll. Am 12. Juni organisierte die Oppositionspartei Vetevendosje (Selbstbestimmung) des gestürzten Premiers Albin Kurti eine Protestkundgebung gegen die neue Regierung. Auch hier wurden die Abstandsregeln meist ignoriert.

Kurtis Kabinett war es gelungen, die Pandemie einigermassen unter Kontrolle zu halten. Die neue Regierung ist schwach und unpopulär. Mit täglich 47 Neuinfektionen pro 100’000 Einwohner belegt Kosovo den dritten Platz in Europa – hinter Schweden und Nordmazedonien. Kosovos Regierungschef Avdullah Hoti warnte am Wochenende, in der Klinik für Infektionskrankheiten in Pristina gebe es keine freien Betten mehr.

Sein Gesundheitsminister dementierte. Patienten berichten von unhaltbaren Zuständen in den Spitälern. Seit Jahren verlassen junge Ärzte Kosovo und andere Balkanstaaten in Richtung Deutschland. Führende Politiker lassen sich bei gesundheitlichen Problemen in Zürich behandeln.

Friseure, Schönheitssalons, Juweliere und Volksmusiksänger forderten die Regierung auf, das Verbot für Hochzeitsfeste aufzuheben.

Nun steht das kleine Balkanland wie immer im Sommer vor einer Invasion der Schatzis, wie die Diaspora-Kosovaren zwischen Spreitenbach und Stockholm genannt werden. Es ist ein friedliches Einrücken: Die kaufkräftigen Männer und Frauen geben viel Geld aus. Da die meisten mit dem Auto anreisen, machen auch die Tankstellen das grosse Geschäft – und im Juli und August läuft die kosovarische Hochzeitsindustrie auf Hochtouren, einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes.

Friseure, Schönheitssalons, Juweliere und Volksmusiksänger forderten die Regierung auf, das Verbot für Hochzeitsfeste aufzuheben – sonst drohe ihnen die Pleite. Die jungen Diaspora-Albaner heiraten am liebsten in der Heimat der Eltern, Hochzeiten mit bis zu 400 Gästen sind die Regel. In diesem Sommer wären sie vermutlich «Superspreader-Events».

Der Gesundheitsexperte Lul Raka, der für die UNO in Liberia gegen Ebola gekämpft hat, sagt im Gespräch: «Für die Wirtschaft ist es gut, wenn die Diaspora die Heimat besucht. Aber wir sind jetzt ein Hotspot der Pandemie, die Menschen werden sich mit Familienmitgliedern und Freunden treffen, die infiziert sein könnten.» Es stünden auch nicht genügend Test-Kits zur Verfügung. «Was machen wir, wenn westeuropäische Staaten von uns verlangen, dass wir Personen testen, die Symptome zeigen und zum Beispiel in die Schweiz zurückkehren wollen?», fragt der Arzt.

Der 27. Kanton der Schweiz

Kosovo wird manchmal ironisch als der 27. Kanton der Schweiz bezeichnet. Etwa 200’000 Menschen mit kosovarischen Wurzeln leben in der Schweiz. «Wir hängen am Tropf der Diaspora. Ohne die Überweisungen aus Bern, Bachenbülach und Bellinzona kollabiert hier alles», sagt der Entwicklungsexperte und Kleinunternehmer Dardan Velija.

Seit dem Wochenende ist der Flughafen von Pristina offen. Bis Dienstag landeten dort 7514 Passagiere, die meisten Maschinen kamen aus Zürich, Basel, Genf und mehreren deutschen Grossstädten. Die Medienstelle des Flughafens rief die ankommenden Kosovaren dazu auf, wenigstens auf die üblichen Umarmungszeremonien mit Familienmitgliedern zu verzichten.

Die Zahl der Passagiere könnte in den nächsten Tagen aber zurückgehen, weil Österreich heute die höchste Reisewarnung für die Balkanstaaten verhängt hat. In Deutschland müssen Touristen, die aus der Region zurückkommen, sich in Quarantäne begeben. Der Druck wird jetzt vermutlich auch auf den Bund steigen, strengere Massnahmen für Einreisende aus dem Balkan zu beschliessen.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr Von Der Bund

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon