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«Ich bin es leid, gefragt zu werden, ob ich Drogen verkaufe»

BZ BERNER ZEITUNG-Logo BZ BERNER ZEITUNG 04.06.2020

Was erleben People of Color im Alltag? Wie denken sie über Rassismus? Was sollten wir wissen? Ein Model,

eine Performerin, ein Rapper und ein Comedian erzählen.

Hunderte Schweizerinnen und Schweizer gingen am Pfingstmontag in Zürich, Bern und Genf auf die Strassen, um ihre Solidarität mit dem getöteten George Floyd zu bekunden und gegen Rassismus zu demonstrieren – aufgerüttelt durch die Proteste, die seit Tagen die USA erschüttern. Viele trugen selbst gebastelte Schilder mit Slogans wie «Stop Racial Profiling» oder «Silence Is Violence». Begleitet wurden die Demonstrationen von «Black Lives Matter»-Chören. Die Aussage ist klar: Dass People of Color diskriminiert werden, ist kein USA-spezifisches Thema. Rassismus ist auch in der Schweiz verbreitet und zeigt sich in vielen Formen und auf verschiedenen Ebenen: bei Behörden, in Schulen, im Ausgang, beim Einkaufen.

Davon erzählen das Model Saviour Anosike, die Performerin und Aktivistin Brandy Butler, der Rapper Nativ und der Comedian Gabirano.

Saviour Anosike, 21, Model

Saviour Anosike gewann 2018 die Casting-Show «Switzerlands Next Topmodel». Er kündigte seinen Job als Informatiker und konzentriert sich nun voll aufs Modeln. © Foto: Abby Matthews Saviour Anosike gewann 2018 die Casting-Show «Switzerlands Next Topmodel». Er kündigte seinen Job als Informatiker und konzentriert sich nun voll aufs Modeln.

«Am meisten irritiert es mich, wenn Leute das N-Wort benützen. Viele sind sich der Bedeutung des Wortes einfach nicht bewusst. Ich werde immer wieder damit begrüsst, im Ausgang zum Beispiel. Es ist schwer zu beschreiben, was es in mir auslöst. Ich fühle mich damit ausgegrenzt, allein. Ich habe schon so viele Diskussionen geführt, warum man das Wort nicht verwenden soll. Als Begründung muss genügen: Mich verletzt es. Da muss man gar nicht weiterdiskutieren. Das sollte ja ganz allgemein gelten: Was andere stört oder verletzt, hat keinen Platz. Das muss man respektieren.

«Wenn ich neue Leute kennen lerne, kommt spätestens nach drei Minuten die Frage: ‹Und, woher kommst du?›»

Ich habe nicht immer die Energie, etwas zu sagen oder zu erklären, das hängt auch von meiner Tagesform ab. Oft schweige ich. Aber es ändert nichts an meinem Gefühl. Dann denke ich immer: Wir sind noch nirgends. Wenn ich neue Leute kennen lerne, kommt spätestens nach drei Minuten die Frage: ‹Und, woher kommst du?› Ich verstehe, dass man das fragt. Was viele aber nicht verstehen, ist, dass ich dadurch ständig daran erinnert werde, dass ich anders angeschaut werde.

Ich bin auch immer ‹der grosse Schwarze›, und nicht ‹der Grosse mit den Tattoos› oder ‹der Grosse mit den gefärbten Haaren›. Dieses Thema ist für mich kein Trend. Das ist Alltag. Beim Arbeiten, im Bus, auf Social Media: Ich spüre jeden Tag, dass ich anders bin, das ist immer präsent. Meistens kann ich darüberstehen, oder ich ignoriere es. Mit den aktuellen Protesten kommt das aber wieder häufiger hoch.

Ich bin froh, bin ich in Biel aufgewachsen. Die Stadt ist sehr divers. In der Schule war ich zwar immer der einzige Schwarze in der Klasse. Es ist aber nie etwas wirklich Schlimmes vorgefallen. Natürlich gab es vereinzelt Sprüche über meine Haare oder so. Aber es kann auch ganz anders sein, das weiss ich. Die allermeisten meiner Freundinnen und Freunde haben Wurzeln in Afrika. Meine engste Freundin kommt aus einem kleinen Dorf. Sie wurde dort auch schon bespuckt.

«Ich finde, in der Schweiz sind wir noch weit weg davon.»

Ich bin mir sicher, dass ich in meinem Leben schon öfter aufgrund meiner Hautfarbe oder meines Namens diskriminiert worden bin, ohne es mir bewusst zu sein. Dass ich einen Job nicht bekommen habe. Oder dass mich jemand ignoriert. Das Ziel muss doch sein, dass wir alle einander auf Augenhöhe begegnen. Dass es okay ist, dass jeder und jede so ist, wie er oder sie ist. Dass es keine Rolle spielt, dass wir verschieden sind, und dass wir deswegen nicht komisch angeschaut oder anders behandelt werden. Ich finde, in der Schweiz sind wir noch weit weg davon. Was ich an den Kundgebungen besonders berührend und beeindruckend finde: Wie viele ganz unterschiedliche Menschen zusammengekommen sind. Ich habe gespürt, dass wir nicht alleine sind. Ich wünsche mir, dass wir mehr aufeinander zugehen und einander zuhören. Ich fühle mich in der Schweiz oft nicht gehört.»

Brandy Butler, 40, Contemporary-Arts-Performerin/Aktivistin

Brandy Butler hat in Philadelphia Jazz studiert. In der Schweiz war sie erst Backgroundsängerin bei Stars wie Sophie Hunger, Stress oder Steff la Cheffe und Kandidatin bei «The Voice of Switzerland». Heute verfolgt sie ihre eigene Karriere als Performerin, tritt auch als Schauspielerin auf  und unterrichtet Primarschüler in Musik. © Foto: Doris Fanconi Brandy Butler hat in Philadelphia Jazz studiert. In der Schweiz war sie erst Backgroundsängerin bei Stars wie Sophie Hunger, Stress oder Steff la Cheffe und Kandidatin bei «The Voice of Switzerland». Heute verfolgt sie ihre eigene Karriere als Performerin, tritt auch als Schauspielerin auf und unterrichtet Primarschüler in Musik.

«Wenn meine Gesellschaft leidet, betrifft mich das sehr. Ich bin gebürtige Amerikanerin. Meine Familie ist sehr aktivistisch und hat in mir früh den Sinn dafür geweckt, wie wichtig Community ist. Ich habe oft erlebt, dass sich viele nicht bewusst sind, was Rassismus für Menschen wie mich bedeutet. Vor ungefähr vier Jahren engagierte ich mich für eine Petition. Es ging darum, rassistische Namen von Süssigkeiten zu verbannen. Mohrenkopf zum Beispiel. Als Rückmeldung hiess es oft, das habe nichts mit Rassismus zu tun. Ich aber finde das beleidigend. Es ist nicht einmal mehr als Schimpfwort in Gebrauch – weil es zu rassistisch ist. Und die Süssigkeiten sind kein Einzelfall.

Nachdem ich diese Meinung bereits damals geäussert hatte, erhielt ich Morddrohungen. Als ich zur Polizei ging, fragte man mich dort, ob es denn wirklich echte Morddrohungen seien. Zwei andere Beispiele: Ich unterrichte an einer Primarschule. Im Lehrerzimmer fand ich eines Tages das Spiel ‹Zehn kleine Negerlein›. ‹Was ist das?›, fragte ich eine Lehrerin. ‹Wir entsorgen es gerade, mach kein Ding draus.› Das hat mich getroffen.

«Die Ablehnung, die mir jeweils entgegenkommt, wenn ich die Leute damit konfrontiere, ist gross. Nie fragt mich jemand, wie es mir damit geht.»

Ein anderes Mal hat eine Lehrerin zum Geburtstag Schokoküsse mitgebracht, auf deren Verpackung der rassistische Begriff stand. Niemand hat sich Gedanken gemacht, ob das richtig oder falsch ist. Auch wenn das mit den Süssigkeiten nicht böse gemeint war – die Ablehnung, die mir jeweils entgegenkommt, wenn ich solche Vorfälle anspreche und die Leute damit konfrontiere, ist gross. Nie fragt mich jemand, wie es mir damit geht. Du wirst nicht wahrgenommen.

«Es braucht noch viel Sensibilisierung für die Anliegen von People of Color. Schon die Formulierung ‹Dunkelhäutige› finde ich problematisch.»

Rassistische Beleidigungen sind wie eine Lebensmittelvergiftung. Du musst etwas schlucken, das dir nicht guttut. Es macht dich krank. Du brauchst Zeit, um es zu verdauen. Die Zeit vergeht zwar, aber es hat dich trotzdem verändert. Es braucht noch viel Sensibilisierung für die Anliegen von People of Color. Schon die Formulierung ‹Dunkelhäutige› finde ich problematisch. Die deutsche Sprache hat oft den richtigen Ton noch nicht gefunden. Dabei wäre das so wichtig.

Auch müssen die Leute in der Schweiz endlich verstehen, dass Rassismus hierzulande existiert. Nicht nur in den USA. Hier ist er anders, aber es gibt Parallelen. Viele denken, die Schweiz hätte nichts damit zu tun, weil sie nie Kolonialmacht war. Aber das stimmt nicht. Auch die Schweiz war beispielsweise in den Sklavenhandel verwickelt. Nur wird das im Geschichtsunterricht oder auch in den Medien oft ausgelassen.

Wir müssen mehr über Rassismus sprechen. In den USA hat man lange nicht hingehört. Jetzt wird das Land von gewaltigen Protesten erschüttert. Eigentlich hätte es nie so weit kommen müssen. Deshalb: Die Proteste sind eine Warnung an alle Länder. Die eigene Gesellschaft, die Bürgerinnen und Bürger, wahrzunehmen, ist wichtig.»

Nativ, 26, Rapper

Nativ ist als Teil des einstigen Berner Rap-Kollektivs S.O.S. bekannt geworden. Als Solokünstler hat er seit 2018 vier Alben veröffentlicht.  Seine jüngste Single «Rollercoaster» ist im Mai erschienen. In seinen Texten thematisiert Nativ auch immer wieder soziale Missstände. © Foto: PD Nativ ist als Teil des einstigen Berner Rap-Kollektivs S.O.S. bekannt geworden. Als Solokünstler hat er seit 2018 vier Alben veröffentlicht. Seine jüngste Single «Rollercoaster» ist im Mai erschienen. In seinen Texten thematisiert Nativ auch immer wieder soziale Missstände.

«Ich zähle nicht jedes einzelne Mal. Aber ich mache jede Woche sicher ein Mal Erfahrung mit Rassismus. Dafür, dass wir im Jahr 2020 sind und ich seit knapp 27 Jahren – seit meiner Geburt – in der Schweiz lebe, kommt es immer noch zu häufig vor. Ich werde in vielen Fällen auf Hochdeutsch angesprochen. Ich werde immer wieder gefragt, woher ich denn komme. Ich höre immer wieder das Wort Neger.

«Es gibt keinen einzigen positiven Aspekt an Rassismus.»

Am meisten nerven mich die ungerechtfertigten Kontrollen der Polizei. Das ist mir persönlich zwar schon länger nicht mehr passiert. Aber jedes Mal, wenn ich die Polizei sehe, fühle ich mich beobachtet und verdächtigt. Sogar, wenn ich mit meiner vierjährigen Nichte durch die Stadt gehe. Ich habe in meinem ganzen Leben keine positive Erfahrung mit Rassismus gemacht. Denn es gibt keinen einzigen positiven Aspekt an Rassismus.

«Ich bin es leid, dass ich oder mein Vater kontrolliert werden, ohne Rechtfertigung.»

Ich bin es leid, jemandem zu beweisen, dass ich nicht böse bin. Ich bin es leid, gefragt zu werden, ob ich Gras oder sonstige Drogen verkaufe. Ich bin es leid, dass Leute Afrika mit zwei f schreiben. Und ich bin es leid, dass ich oder mein Vater kontrolliert werden, ohne Rechtfertigung. Ich will Sprüche wie «Ich bin doch nicht der Neger, ich mache das nicht» nicht mehr hören. Und ich will nicht mehr der Sündenbock für Kriminalität jeglicher Art sein. Ich bin so vieles leid im Zusammenhang mit rassistischen Erfahrungen. Ich bin es leid, all das leid zu sein.

«Viele Weisse fühlen sich angegriffen zurzeit. Die ganze Sache ist vielen unangenehm.»

Ich fühle mich oftmals missverstanden. Oftmals nicht ernst genommen. Je nach Ort nicht willkommen. Trotzdem ist die Schweiz meine Heimat und mein Zuhause, und ich gehe nirgendwohin. Ich werde meine Stimme immer für die Stimmlosen erheben.

Viele Weisse fühlen sich angegriffen zurzeit. Die ganze Sache ist vielen unangenehm. Ich sehe keinen Grund für weisse Personen, dass sie sich nicht solidarisieren und aktiv etwas unternehmen. Informiert euch über die Geschichte der Schwarzen innerhalb einer vorwiegend weissen Gesellschaft. Expose Racism! Wenn ihr Rassismus erkennt oder miterlebt, steht nicht nur rum, sondern traut euch und erhebt eure Stimme. Wenn ihr Angst habt davor, dann holt euch Hilfe. Selbst wenn keine dunkelhäutige Person im Raum steht, könnt – oder müsst – ihr die Person, die rassistische Äusserungen macht, konfrontieren.»

Gabirano, 21, Comedian

Gabirano Guinand wurde mit kurzen Comedy-Clips schon als Teenager zum Instagram-Star. Auf der Plattform folgen dem Berner aktuell knapp 160’000 Personen. Gabirano tritt auch regelmässig als Stand-up-Comedian auf. © Foto: PD Gabirano Guinand wurde mit kurzen Comedy-Clips schon als Teenager zum Instagram-Star. Auf der Plattform folgen dem Berner aktuell knapp 160’000 Personen. Gabirano tritt auch regelmässig als Stand-up-Comedian auf.

«Ich gehe gern snowboarden. Als ich zum Mittagessen in eine Bergbeiz kam, hat einmal jemand gesagt: ‹Oh, ein Schwarzer.› Ich habe gelacht – weil ich gemerkt habe, dass die Person es nicht böse gemeint hat. Was ich schon öfter erlebt habe: Dass ich oder dunkelhäutige Freunde für eine Personenkontrolle angehalten werden. Das ist schon unangenehm, wenn man mitten auf der Strasse kontrolliert wird.

Ich bin 2,08 Meter gross, schon mit 17 Jahren war ich 1,90. Ich war sowieso immer das Alien, nicht nur wegen meiner Hautfarbe. Deshalb ist es für mich schwer zu sagen, warum mich Leute anschauen. Wenn jemand einen Spruch über mein Aussehen macht, kann ich gut drüberstehen. Menschen, die andere beleidigen oder diskriminieren, tun das, weil sie selbst frustriert sind, Angst haben oder unsicher sind. So erkläre ich mir das. Darauf will ich mich gar nicht einlassen.

«Die Menschen lernen dazu. Und die aktuellen Kundgebungen sind sicher gut, um Bewusstsein zu schaffen.»

Meine Mutter ist Burunderin, mein Vater Schweizer. Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter schon manchmal Sprüche anhören musste. Wenn wir mit dem BMW einkaufen gefahren sind, hiess es auch mal: ‹Was macht die in einem BMW?› So etwas passiert heute nicht mehr. Ich glaube, es verändert sich was. Die Menschen lernen dazu. Und die aktuellen Kundgebungen sind sicher gut, um Bewusstsein zu schaffen. Mir ist aber wichtig, dass alles friedlich und sachlich verläuft. Mit Hass und Gewalt kommen wir nirgends weiter.

«Ich glaube daran, dass wir uns Ende Jahr alle umarmen werden.»

Auf Instagram teile ich auch Videos von den Protesten in den USA, die ich inspirierend finde, damit sich meine Follower ein eigenes Bild machen können von der Situation. Ich sehe es so: Wir sind alle unterschiedlich, aber trotzdem können wir doch respektvoll miteinander umgehen.

In meinen Comedy-Videos hat meine Hautfarbe noch nie eine Rolle gespielt. Ich will sie nicht zum Thema oder Problem machen, sie soll keine Rolle spielen. In meinen Sketches gehts um Alltagssituationen, wie wir sie alle erleben. 2020 ist ein krasses Jahr. Es passiert so viel. Ich glaube daran, dass wir uns Ende Jahr alle umarmen werden.»

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