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Im Hintergrund die Katastrophe

Der Bund-Logo Der Bund 24.05.2020

Verschobene Alben und Songwriting unter Quarantäne: Die Musikerinnen Charlie XCX und Kehlani Ashley Parrish verarbeiten die Corona-Pandemie je auf ihre ganz eigene Art.

Die Sängerin Charli XCX bei einem Konzert in Paris 2016. © Getty Images Die Sängerin Charli XCX bei einem Konzert in Paris 2016.

Das Thema ist, zum hoffentlich bald letzten Mal: Corona-Pop. Es wäre von einem Virus ja so oder so ein bisschen viel verlangt gewesen, dass es sich in der Popkultur konstruktiver niederschlagen sollte als, zum Beispiel, eine partielle Mondfinsternis oder ein Auffahrunfall auf der A1. Wenn wir in den letzten Wochen über Pop gesprochen haben, über die Bilder, Sounds und Körpergesten, die er heute schnellrasender produziert als je zuvor – dann ging es jedenfalls meistens ums Ökonomische, selten um Ästhetik. In Fotos vom leeren Venedig können besonders enthusiastische Zeitgenossen vielleicht noch eine verquere Poesie erkennen. Bilder von leeren Clubs oder Festival-Staubwiesen dagegen sagen einfach nur: Das Ende ist nah. Selbst wenn irgendwo noch ein einsamer DJ steht, der zum Geisterspieltanz auflegt und bei Instagram ein paar Spenden einsammelt.

Nun sind allerdings zwei Popalben erschienen, von relativ jungen Sängerinnen und Songautorinnen, die tatsächlich die Umstände kreativ zu verarbeiten versuchen; die mit einer künstlerischen Verbindlichkeit auf sie reagieren, sie in einer Werkform verewigen, die jenseits des derzeit noch dominierenden Von-Tag-zu-Tag-Geistes und der privilegierten Selbstmitleidsbekundungen Bestand haben könnte: «How I'm Feeling Now» von der aus dem englischen Cambridge stammenden Charlotte Aitchison, die sich Charli XCX nennt, und «It Was Good Until It Wasn't» von der Kalifornierin Kehlani Ashley Parrish. Zwei sehr unterschiedliche Projekte, die einen Ansatz teilen: Sie erzählen keine Geschichten von der Krise, sondern nehmen sie als Sprungbrett für eigene Twists.

Im Fall von Kehlani ist die Geschichte kompliziert. Die 25-jährige Sängerin aus Oakland wurde vor sieben Jahren durch eine Casting-Show bekannt, arbeitete sich im Netzmusik-Dschungel nach oben, fand dann als Strassensoul-Prinzessin mit wild zerstrubbelter Persönlichkeit Anschluss ans konzerngetriebene Showbusiness. Ihr neues, offiziell zweites Album war Anfang März fertig, doch das traditionsschwere Label Atlantic schob die Veröffentlichung ins Ungewisse. Aus Sicht der PR-Lieferkette ergab es keinen Sinn, die neue Musik in den ereignislosen Raum zu blasen.

Als könne man via Zoom oder Teams tatsächlich zusammen Songs spielen

Laut offizieller Geschichte liess Atlantic der Künstlerin die Option, das Album doch schon im Mai zu veröffentlichen – vorausgesetzt, sie würde sich unter den erschwerten Umständen selbst um Videos und begleitende Promotion kümmern. So zwirbelte Kehlani aus der Selbstbeschränkung einen Unique Selling Point, veröffentlichte Ende März ein als «Quarantäne-Stil» deklariertes Video zum Song «Toxic»: ein flackerndes Endlos-Selfie, inszeniert wie die Session einer Striptease-Webcam. In Verbindung mit dem glockenklaren Song über die Anziehungskraft schädlicher Geliebter konnte man selbst entscheiden, ob die Protagonistin narzisstisch um sich selbst tanzt oder als Long-Distance-Provokation für einen anderen (oder eine andere).

Kehlani anlässlich eines Konzerts in Surrey, Canada, im Jahre 2018. © Getty Images Kehlani anlässlich eines Konzerts in Surrey, Canada, im Jahre 2018.

Insgesamt ist «It Was Good Until It Wasn't» eine sahnige, schlafzimmerschläfrige Platte, Autoren-R'n'B, in dem Kehlani souverän zerknirscht die eigene Beziehungsfähigkeit auswürfelt. Natürlich hat sie das Corona-Thema erst nachträglich draufgesetzt, mit mittlerweile vier Quarantäne-Videos und dem Narrativ der selbstermächtigenden Veröffentlichung. Aber so bildet es nun eben die Folie, das erzählerische Gegenlicht, in dem das Drama der Songs erst zur Wirkung kommt. Deutlich wird es durchs Plattencover, in Quarantäne fotografiert: Man sieht die Sängerin von hinten, wie sie über die erhöhte Gartenmauer ins Ungewisse blickt. Auf ihrem Instagram-Account zeigt sie auch den Gegenschuss: Hinter ihr im Garten, auf dem ersten Bild unsichtbar, tobt eine Roland-Emmerich-hafte Katastrophe. Viel schlimmer als ihr Lebenschaos kann die pandemische Zukunft also auch nicht werden.

Musikvideo-Kompromisse gab es zuletzt noch weitere, von angeberischen Hip-Hop-Hausführungen über schmerzhaft kokette Küchenfilmereien bis zu den längst ikonischen, schlecht gefälschten Konferenz-Splitscreens, die leichtgläubige Betrachter in der Annahme zurücklassen, man könne via Videokommunikations-Softwares wie Zoom oder Teams tatsächlich zusammen Songs spielen. «Forever» von Charli XCX, Mitte April hochgeladen, ist ein wunderbarer Gegenentwurf dazu. Die Künstlerin, 27, bekannt als extrem zukunftsfähiges Hybrid aus Musikarbeiterin, Entertainerin und fluidem Avatarwesen, saß in der Abschottung in Los Angeles, hatte über ihre Kanäle die Follower aufgerufen, neue und alte Smartphone-Videodateien einzuschicken. Die Selbstbeobachtungen, Urlaubs-, Tier- und Sportszenen wurden zum Popclip montiert, der wie der Blick in die Erinnerungen eines Superhirns wirkt: Im Schatten der viralen Bedrohung zieht unser Leben an uns vorbei. Wie der Blick in Kehlanis Garten, nur in schön.

Die elf Stücke auf dem neuen Charli-XCX-Album «How I'm Feeling Now» sind offiziell alle während der Lockdown-Zeit entstanden, ein Stück Corona-Beschäftigungstherapie, die die Künstlerin sich Anfang April in aller Social-Media-Öffentlichkeit auferlegte. Da die Produktion von elektronischem Pop auch unter Normalbedingungen ja ein eher isoliertes Geschäft ist, unterscheidet sich diese Sammlung von Cyber-R'n'B und robotischen Bubblegum-Hymnen nicht allzu stark von früheren Charli-Veröffentlichungen. Die Krise fungiert auch hier vor allem als Projektrahmen, als Motivation für bestimmte Außergewöhnlichkeiten. So beschränkte sich Charli XCX nicht nur selbst auf sechs Wochen Produktionszeit, sie feierte die Phase als interaktives Happening, in dem Fans am Schreibprozess teilnehmen konnten. Das funktioniert bestens über Zoom. Zumindest so gesehen wird dieses Album ein historisches Monument bleiben.

Vielleicht auch wegen Zeilen wie «I hear no sounds when I'm shouting, I just wanna go to parties» aus dem Song «Anthems». Der Club-Pop, der sonst vom Moment der Ekstase oder der Autofahrt von einer Epiphanie zur nächsten handelt, erzählt ausnahmsweise davon, dass es keine Party gibt. Die Anwesenheit der Abwesenheit durch Sprache. Charli XCX und ihre Fans haben den ersten poststruktalistischen Discokracher geschrieben.

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