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In der Schweiz aufgewachsen, mit 16 im Ausland verheiratet: «Ich war doch noch ein Kind, als ich verheiratet wurde. Wieso billigt der Staat das?»

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 18.06.2020 Larissa Rhyn, Bern

Ehen von Minderjährigen sind in der Schweiz verboten. Eigentlich. Aber wenn ein Paar im Ausland heiratet, wird die Ehe «geheilt», sobald beide 18 Jahre alt werden. Betroffene und Menschenrechtler kritisieren die Praxis seit längerem – nun könnte sie geändert werden.

Minderjährige werden oft in den Sommerferien im Heimatland der Eltern verheiratet. Wenn sie danach wieder zurück in die Schweiz reisen, ist nichts mehr wie vorher. ; Christian Beutler / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Minderjährige werden oft in den Sommerferien im Heimatland der Eltern verheiratet. Wenn sie danach wieder zurück in die Schweiz reisen, ist nichts mehr wie vorher. ; Christian Beutler / Keystone

Amina* war 14, als sie «Ja» sagte. Ja zu einer Verbindung, die sie ihr ganzes Leben lang einhalten soll. Ja zu einem Leben, über das ihre Familie bestimmt statt sie selbst. Ja zu ihrem Cousin, der in Afghanistan lebt, etwas älter ist und das Mädchen am Telefon fragte, ob es ihn heiraten wolle. Neben ihr, im Kinderzimmer, in einer kleinen Wohnung in der Deutschschweiz, sassen ihre Eltern und ihr Bruder.

Diese erste «Zeremonie» war vor allem für die Familie wichtig. Zwei Jahre später wurden die beiden amtlich verheiratet, während der Ferien in einem Drittstaat. Amina wagte es nicht, das Versprechen zu brechen, das sie mit 14 gemacht hatte. Sie fürchtete, damit die Ehre ihrer Familie zu beschmutzen. Und sagte erneut Ja. Bis heute betont sie, ihre Eltern hätten sie nicht dazu gezwungen.

In der Schweiz sind Minderjährigenheiraten seit 2013 verboten. Aber wenn ein Kind im Ausland verheiratet wird, hat die Familie die Möglichkeit, die Ehe erst später zu melden. Und zwar dann, wenn beide Partner volljährig sind. In der Folge gilt die Ehe als «geheilt», so der offizielle Terminus, und ist rechtlich gültig. Verlässliche Zahlen dazu, wie viele Mädchen und Jungen aus der Schweiz im Ausland verheiratet werden, gibt es nicht. Im Rahmen eines Bundesprogramms wurden von 2015 bis 2017 rund 900 Fälle von Zwangsheirat gemeldet. In rund jedem vierten Fall war mindestens einer der Ehepartner unter 18. Doch nicht immer, wenn Minderjährige heiraten, gilt dies als Zwangsheirat. Darum dürften in dieser Statistik längst nicht alle Fälle erfasst sein.

Die Fachstelle Zwangsheirat hat letztes Jahr 123 Personen beraten, die als Kinder oder Jugendliche verheiratet wurden. Laut der Präsidentin der Fachstelle, Anu Sivaganesan, nehmen diejenigen Fälle zu, in denen die Mädchen bei der Heirat sehr jung sind – also erst 14 oder 15. Der Ehemann sei oft älter.

Kontrolle der weiblichen Sexualität und Jungfräulichkeitskult

An die Fachstelle wenden sich in der Regel betroffene Mädchen und Frauen. Sivaganesan sagt, Eltern, die ihre Tochter als Kind oder Jugendliche verheirateten, wollten oft sicherstellen, dass der Partner dieselbe Herkunft habe. Häufig stammen die Familien aus Syrien, der Türkei, dem Irak, Iran oder Afghanistan. Auch die Kontrolle der weiblichen Sexualität sei aus Sicht der Eltern entscheidend, betont die Juristin: «Der Jungfräulichkeitskult steht fast immer im Zentrum.» Die jungen Frauen würden zudem nicht aufgeklärt und drohten dadurch ungewollt schwanger zu werden.

Bei Beratungen setzt die Fachstelle stark auf das Thema Selbstbestimmung – sowohl in der Sexualität als auch bei der Partnerwahl. Das sei wichtig, weil die Jugendlichen mit unterschiedlichen Lebenswelten konfrontiert seien: «In der Schweiz ist die Heirat für unter 18-Jährige illegal, Sex jedoch nicht.» In Afghanistan sei es umgekehrt, dort sei Sex ausserhalb der Ehe strafbar, Minderjährige dürften jedoch heiraten. «Zwischen diesen beiden Normkomplexen aufzuwachsen, kann zu einer Zerrissenheit führen», erklärt Sivaganesan.

So war es auch bei Amina, deren Familie aus Afghanistan stammt. Ihre Freundinnen sprachen oft darüber, in wen sie sich verliebt hatten. Sie hingegen verriet ihnen nichts über die Hochzeit. Derweil schärften ihre Eltern ihr ein, sie müsse finanziell möglichst schnell auf eigenen Beinen stehen, um ihren Partner via Familiennachzug in die Schweiz holen zu können. Amina ist hier aufgewachsen und hat inzwischen den Schweizer Pass. Sie schloss eine Lehre im Gesundheitsbereich ab, bekam eine Stelle und wurde unabhängiger – aber nicht nur finanziell. Ihr wurde immer klarer, dass sie nicht mit einem Mann zusammenleben wollte, den sie kaum kannte. Doch sie traute sich nicht, mit ihren Eltern darüber zu sprechen. Schliesslich meldete sie sich bei einer Schweizer Lokalbehörde.

Nach einem Workshop meldeten sich über 30 Personen

Vielen jungen Frauen, die minderjährig verheiratet wurden, gelinge es nicht, aus dem familiären Umfeld auszubrechen, sagt Sivaganesan: «Ich habe mit Betroffenen gesprochen, die 23 sind, einen starken Freiheitswunsch hegen, aber es nicht schaffen, sich zu wehren.» Die Frauen würden nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von anderen Verwandten unter Druck gesetzt.

Die Fachstelle Zwangsheirat hat eine Hotline eingerichtet und berät Betroffene oder gefährdete Personen. Daneben ist aber auch die Aufklärung zentral. Sivaganesan erzählt von einem Workshop in einer Basler Schule, an dem rund 700 Personen teilnahmen. «Danach haben sich 31 Mädchen und einige Jungen bei der Fachstelle gemeldet.» Sieben von ihnen waren bereits verlobt.

Die Sommerferien sind statistisch gesehen besonders riskant. «Bei uns melden sich ab Juni jedes Jahr Mädchen und Frauen, die Angst haben, in die Ferien zu fahren», sagt die Präsidentin der Fachstelle. Die Eltern würden im Vorfeld Andeutungen machen oder gar bereits Hochzeitsvorbereitungen treffen.

Mit 14 verschickte sie ein Herz – und bereut es bis heute

Amina kam über eine Behörde zur Fachstelle. Dort wird sie inzwischen seit mehreren Monaten beraten. Sie spricht von Schuldgefühlen gegenüber ihrer Familie und hinterfragt vor allem ihre eigenen Handlungen. «Ich hätte ihm damals auf Whatsapp kein Herz schicken sollen», sagt sie in einem der Gespräche mit ihrer Beraterin. Wenn sie heute gegenüber ihren Eltern Zweifel an der Ehe äussere, würden sie nicht nur darauf verweisen, dass sie damals Ja gesagt habe. Sondern sie erinnerten sie auch an dieses Herz, das sie mit 14 verschickte. Ihr Mann zeigt es noch heute als «Beweis» vor.

Die Details von Aminas Geschichte sind schwer nachzuprüfen, die Fachstelle hat mit den Familien jeweils keinen Kontakt – zum Schutz der Betroffenen. Klar ist aber: In der Schweiz gilt die Ehe von Amina mittlerweile als automatisch «geheilt». Die heute 19-Jährige versteht das nicht, genau wie viele andere Betroffene. Sie stellt eine Frage, die das Beratungsteam immer wieder hört: «Ich war doch noch ein Kind, als ich verheiratet wurde. Wieso billigt der Staat das?»

Soll die Ehe einer 17-Jährigen für gültig erklärt werden?

Für ungültig erklärt wird eine Kinderehe nur dann, wenn sich eine Betroffene noch als Minderjährige dagegen wehrt – oder wenn sie nachweisen kann, dass sie zum Jawort gezwungen wurde. Was Menschenrechtlerinnen schon länger kritisieren, hat Anfang Jahr auch der Bundesrat als Problem anerkannt. David Rüetschi, Leiter des Bereichs Zivilrecht beim Bundesamt für Justiz, sagt, dass selbst die Behörden wegen der geltenden Regelung entmutigt seien: Einige Gerichte hätten versucht, Minderjährigenehen für ungültig zu erklären. Aber die Beweisfindung sei schwierig. «Und wenn die Betroffenen während dieser Zeit 18 werden, ist das Verfahren gelaufen, und die Heirat kann nicht mehr für ungültig erklärt werden.»

Wenn Minderjährige ihre Heirat melden, macht der Staat eine Interessenabwägung, um herauszufinden, ob die Ehe anerkannt werden soll. Die damalige Nationalrätin und heutige Zürcher Regierungsrätin Nathalie Rickli wollte das ändern. Sie hat vor einigen Jahren einen Vorstoss zum Thema eingereicht. Die Rechtskommission stellte sich im Februar einstimmig dahinter. In einer eigenen Motion geht sie nun sogar noch einen Schritt weiter. Sie fordert, dass eine Ehe ungültig ist, wenn ein Partner zum Zeitpunkt der Hochzeit minderjährig war – ohne Ausnahmen. Der Nationalrat hat die Motion am Donnerstag fast einstimmig – mit 150 Ja zu vier Nein Stimmen – angenommen. Der Entscheid im Ständerat steht noch aus.

Der Bundesrat kritisiert die Vorlage jedoch. Rüetschi vom Bundesamt für Justiz erklärt, die Motion hätte zwar eine wichtige Symbolwirkung, weil sie deutlich mache, dass die Schweiz Minderjährigenhochzeiten nicht toleriere. «Aber es ist ein Unterschied, ob jemand mit 12 oder mit 17 heiratet.» Seien Kinder im Schutzalter, also jünger als 16, sollte die Hochzeit in der Regel ohnehin als Zwangsheirat gelten – und könne dadurch auch später annulliert werden. «Wenn eine 17-Jährige Ja sagt, kann es aber sein, dass sie mit ihrem Partner zusammenbleiben will, wenn sie volljährig ist.» Darum solle man weiterhin jeden Einzelfall anschauen.

Anu Sivaganesan sieht das anders, sie spricht sich gegen eine Interessenabwägung aus: «Die minderjährigen Betroffenen werden von der Familie unter Druck gesetzt, da darf es keine Schlupflöcher geben.» Deshalb gebe es beispielsweise in den Niederlanden keine Interessenabwägung.

Mehr Zeit, um sich gegen eine ungewünschte Ehe zu wehren

Unklar ist, ob die neue Regelung auch rückwirkend gültig wäre. Dann müsste selbst eine Ehe von zwei 70-Jährigen, die vor über 50 Jahren minderjährig verheiratet wurden, annulliert werden. Für Rüetschi ist das problematisch: «Damit würde die Ehefreiheit beschränkt, und im Erbfall könnte ein Partner plötzlich mit leeren Händen dastehen.» Parlamentarier aus der Rechtskommission argumentieren, der Bundesrat habe Spielraum bei der Umsetzung, falls der Vorstoss angenommen wird. Aus dem Bundesamt für Justiz heisst es jedoch, das sei fraglich.

Der Bundesrat hat das Thema Minderjährigenehen bereits auf dem Radar. Er will dafür sorgen, dass Betroffene nach ihrem 18. Geburtstag sieben Jahre Zeit bekommen, um eine ungewünschte Ehe annullieren zu lassen. Erst mit 25 würde sie «geheilt» – und damit rechtlich gültig. Wird nur der Vorschlag des Bundesrats umgesetzt, hätten Frauen wie Amina zwar mehr Zeit, um sich darüber klarzuwerden, ob sie eine Ehe weiterführen wollen. Doch auf das eindeutige Signal, dass die Schweiz Minderjährigenheiraten in keinem Fall toleriert, würden sie umsonst warten.

Amina bleibt derzeit ohnehin nichts anderes übrig, als abzuwarten. Sie ist erleichtert, dass das Gesuch auf Familiennachzug bisher nicht bewilligt worden ist. Aber ihre Schwiegermutter macht Druck. Derweil sucht die Fachstelle Zwangsheirat Lösungen, um zu verhindern, dass der Ehemann in die Schweiz ziehen kann. Klärung könnte eine Scheidung bringen. Doch diese einzureichen, kommt für Amina derzeit nicht infrage. Zu gross ist die Angst, dass ihre Familie ihr das nicht verzeihen würde.

* Name geändert.

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