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In der Schweiz gibt es noch knapp 1500 Pensionskassen – verhindert diese Zersplitterung höhere Renten?

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 18.06.2021 Hansueli Schöchli
Nebst den Lohnbeiträgen helfen auch die Anlagerenditen bei der Finanzierung der Renten. Adrian Baer / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Nebst den Lohnbeiträgen helfen auch die Anlagerenditen bei der Finanzierung der Renten. Adrian Baer / NZZ

In der beruflichen Vorsorge gibt es drei Beitragszahler. Die zwei ersten sind die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer. Mehrbelastungen dieser Gruppen sind unpopulär. Im politischen Idealfall regelt der «dritte Beitragszahler» alle Finanzprobleme. Gemeint sind damit die Anlagerenditen auf den angesparten Kapitalien. Zurzeit beträgt die Kapitalsumme in der beruflichen Vorsorge etwa 1000 Mrd. Fr. Da macht ein Renditeunterschied von 1 Prozentpunkt satte 10 Mrd. Fr. pro Jahr aus.

Zur Erhöhung der Renditen hat der Nationalrat am Mittwoch eine Motion angenommen, die den Pensionskassen mehr Anlagespielräume geben will. Im Gegenzug verlangt die Motion mehr Finanzkompetenz von den Stiftungsräten der Pensionskassen. Unterstützt auch der Ständerat den Vorstoss, muss der Bundesrat die massgebende Verordnung ändern.

Eine diskutierte Frage dazu: Lägen höhere Renditen drin, wenn die Verwaltung der Alterskapitalien auf weniger Akteure verteilt wäre? Eine stärkere Branchenkonzentration sei nicht das Ziel der genannten Motion, aber eine mögliche Folge, sagt der Zürcher FDP-Nationalrat Andri Silberschmidt. Die Stiftungsräte sollten laut Silberschmidt mehr Finanzkompetenz haben und sich nicht mehr hinter den Leitlinien des Bundesrats zu den maximalen Vermögensanteilen bei den Anlagekategorien verstecken können.

Niederländer stechen heraus

Befürworter einer stärkeren Konzentration verweisen oft auf die Niederlande, wo es nur noch etwa 300 bis 400 Pensionskassen gebe, die jeweils ein Milliardenvermögen verwalteten. Die Schweiz zählt bei halb so vielen Einwohnern wie die Niederlande noch 1400 bis 1500 Vorsorgeeinrichtungen. Gemäss Daten des Ländervereins OECD waren die realen Anlagerenditen der Pensionskassen in der Schweiz von 2004 bis 2019 international nur durchschnittlich. Die Schweiz lag klar hinter den Niederlanden zurück – mit 3,4% pro Jahr gegenüber 4,8%.

Solche Vergleiche sind aber mit Vorsicht zu geniessen. So ist die reale Erstarkung des Frankens nicht berücksichtigt; da die Schweizer Pensionskassen in Franken abrechnen, weisen sie im Vergleich zu ausländischen Kassen für die gleichen Anlagen tiefere Renditen aus. Dieser Aufwertungseffekt erklärt etwa zwei Drittel der Renditedifferenz der Schweiz zu den Niederlanden. Das restliche Drittel kann verschiedene Ursachen haben – zum Beispiel Unterschiede in der Regulierung, in den Anlagekompetenzen oder in der Marktkonzentration. Auch der Zufall mit wechselnden Schicksalen verschiedener Anlagekategorien kann mitspielen. Ohne genauere Analyse bleibt die Bedeutung der einzelnen Faktoren unklar.

Spielt die Grösse der Pensionskasse eine wichtige Rolle, müsste dies in den Schweizer Daten aufscheinen. «Laut unseren Auswertungen hat die Grösse einer Pensionskasse nur einen marginalen Einfluss auf die Anlagerenditen», sagt Luzius Neubert von der Zürcher Beratungsfirma PPCmetrics. Vorteile haben die Grossen fraglos bei den allgemeinen Verwaltungskosten. Im Gesamtkontext fallen allerdings diese Kosten nicht allzu stark ins Gewicht.

Auffällige Renditeunterschiede

Bedeutender sind die Vermögensverwaltungskosten. Auch dort haben grosse Pensionskassen Vorteile. Laut Erhebungen der Swisscanto Vorsorge AG sind die Differenzen jedoch nicht riesig. So betrugen diese Kosten 2020 bei den Kassen mit Anlagen unter 500 Mio. Fr. im Mittel 0,5% des Vermögens, und bei grösseren Kassen waren es 0,47%. Laut dem Berater Luzius Neubert könnten heute Pensionskassen mit Anlagevermögen von 100 Mio. Fr. ihre Anlagen günstig für jährlich 0,2 bis 0,25% pro Jahr tätigen. Kostengünstige Anlagen sind typischerweise Passivanlagen, die zum Beispiel Aktienindizes repräsentieren.

Doch die kleinsten Pensionskassen scheinen bei den Renditen abzufallen. Das zeigt auf Anfrage eine Auswertung der Daten aus der jährlichen Pensionskassen-Umfrage von Swisscanto. Deren Daten reichen bis 2004 zurück. In den 17 Jahren bis 2020 lag die jährliche Durchschnittsrendite von Kassen unter 100 Mio. Fr. Anlagekapital um 0,2 bis 0,8 Prozentpunkte unter den Renditen von grösseren Kassen.

Unterschiede bei den Vermögensverwaltungskosten können die Differenzen höchstens zu einem kleinen Teil erklären. Bessere Durchschnittsrenditen deuten aber nicht zwingend auf bessere Anlagestrategien hin. Eine höhere Rendite könnte auch durch höhere Risiken erkauft worden sein; ob dies in der Praxis der Fall war, lässt sich laut Swisscanto mangels Daten nicht sagen. Gemäss den Swisscanto-Daten für 2020 hielten kleinere Pensionskassen im Vergleich zu den grösseren leicht höhere Kapitalanteile in Aktien, Immobilien und Obligationen; tiefer waren die Anteile in Alternativanlagen wie etwa Hedge-Funds. In der Tendenz sind Alternativanlagen mit höheren Risiken und höheren Verwaltungskosten verbunden.

Die Vergangenheit sagt nicht unbedingt viel über die Zukunft aus; wechselnde Schicksale der Anlageklassen könnten auch den Renditevergleich Kleine/Grosse künftig verändern. Laut einem Marktbeobachter dürften aber vor allem Pensionskassen mit Anlagevermögen unter 100 Mio. Fr. aus Sicht der Effizienz eher ungünstig positioniert sein.

Die Kleinen wiegen wenig

Gemäss Oberaufsicht der beruflichen Vorsorge hatten Ende 2020 knapp die Hälfte der Pensionskassen Aktiven unter 100 Mio. Fr. Gemessen am Anlagevolumen machten diese kleinen Kassen aber nur gut 2% aus. Über 80% entfielen auf Pensionskassen mit Aktiven über 1 Mrd. Fr.

Die Konsolidierung ist ein langfristiger Trend. 1987 gab es noch über 4000 registrierte Vorsorgeeinrichtungen mit erwerbstätigen Versicherten. Nun sind es unter 1500, und bis Ende des Jahrzehnts könnten es laut Oberaufsicht weniger als 1000 sein. Mehr Konzentration führt zu einer wachsenden Bedeutung von Sammelgefässen. Dies kann unter Umständen die Effizienz steigern. Ein Preis ist der Verlust der Nähe der Vorsorgeeinrichtung zu «ihren» Betrieben.

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