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Ins Spital kam sie, als sie keinen Puls mehr hatte

BZ BERNER ZEITUNG-Logo BZ BERNER ZEITUNG 01.06.2021 Thomas Hahn

Der Tod einer jungen Frau in Abschiebehaft wirft ein Schlaglicht auf ein brutales Gefängnissystem. Und auf eine Gesellschaft, die sich schwertut mit Ausländern.

Letzte Ehre für Wishma Sandamali in Tokio: Die japanische Abschiebehaft endete für die 33-Jährige tödlich. © Foto: Imago images Letzte Ehre für Wishma Sandamali in Tokio: Die japanische Abschiebehaft endete für die 33-Jährige tödlich.

Als Louis Christian Mballa vom Tod der jungen Frau aus Sri Lanka erfuhr, war er traurig, aber nicht überrascht. Er hat selbst einige Jahre in japanischer Abschiebehaft zugebracht. Nicht in Nagoya wie Wishma Sandamalis, die nach wochenlangen Schmerzen tot in ihrer Zelle lag, sondern in Ushiku. Aber die Bedingungen in Japans Gefängnissen für Ausländer ohne Aufenthaltsstatus sind überall gleich. «Ich habe das alles durchgemacht», sagt Mballa, ein gebürtiger Kameruner aus der Zentralafrikanischen Republik, der 2002 floh, weil seine Familie an einem erfolglosen Putsch gegen die Regierung beteiligt war.

Er sitzt in einem Donut-Laden in Tokio, legt Dokumente auf den Tisch. Fotos vom Blut, das er in seiner Zelle eineinhalb Jahre lang jeden Tag erbrach, bis der Staat ihn in ein Spital entliess. «Ich dachte, ich sterbe», sagt Mballa, «wenn du Schmerzen hast, ist ihnen das egal. So ist das in diesen Gefängnissen.»

Eine Welt der Schikanen und der Gewalt

Japan und die Ausländer, das ist ein ziemlich kompliziertes Thema, zumindest wenn es um eine Zuwanderung geht, welche die rechtskonservative Regierung des stolzen G-7-Staates als Gefahr für die Harmonie der heimischen Kollektivgesellschaft sieht. Der Tod der 33-jährigen Wishma Sandamali hat das in Erinnerung gerufen. Menschenrechtsaktivisten klagen schon lange über die Zustände in Japans Abschiebegefängnissen.

Der amerikanische Wahljapaner und Filmemacher Thomas Ash hat gerade eine Dokumentation über das Abschiebegefängnis in Ushiku vorgelegt mit heimlich gefilmten Aufnahmen, die in eine Welt der Schikanen und der Gewalt leuchten. Auch Christian Louis Mballa kommt in dem Film zu Wort. Im Donut-Shop sagt er: «In Japan verstehen nicht einmal alle Anwälte grundlegende Menschenrechte.»

Der Ermittlungsbericht beschreibt detailreich Wishma Sandamalis Beschwerden und Nahrungsaufnahme.

Doch wieso musste Wishma Sandamali sterben? Ihre Schwestern kamen zuletzt angereist, um diese Frage dem Chef des Immigrationsbüros in Nagoya persönlich zu stellen. Die Antworten überzeugten sie nicht. Die Familie sagte, die Behörde «rennt vor der Wahrheit davon».

Eine Untersuchung läuft beim nationalen Büro für Einwanderungs- und Flüchtlingsmanagement. Laut Zwischenbericht war Wishma Sandamali eine studierte Englischlehrerin, die im Juni 2017 mit einem Studentenvisum nach Japan gekommen war. Sie besuchte eine Japanisch-Schule in Chiba, aus der sie 2018 ausgeschlossen wurde, weil sie dem Unterricht ferngeblieben war und die Gebühren nicht mehr hatte bezahlen können.

Im Oktober stellte sie einen Asylantrag, der abgelehnt wurde. Sie zog mit einem Landsmann in Shizuoka zusammen und arbeitete bei einer Firma für Bento-Box-Snacks. Im August 2020 ging sie zur Polizei, weil ihr Freund gewalttätig sei. So kam heraus, dass sie illegal in Japan war. Ihre Abschiebehaft begann.

Suchen Antwort auf die Frage, warum Wishma Sandamali sterben musste: Protestzug der Schwestern der Toten zum japanischen Parlament. © Foto: Getty Images Suchen Antwort auf die Frage, warum Wishma Sandamali sterben musste: Protestzug der Schwestern der Toten zum japanischen Parlament.

Seit Januar klagte sie über Bauchschmerzen und Übelkeit. Sie wurde in ein Einzelzimmer mit ständiger Kameraüberwachung verlegt, es gab ärztliche Untersuchungen und die Diagnose: Speiseröhrenentzündung. Der Ermittlungsbericht beschreibt detailreich Wishma Sandamalis Beschwerden und Nahrungsaufnahme.

Sie bekam Medikamente, am Schluss auch Quetiapin, einen Stoff zur Behandlung psychischer Störungen, und das Beruhigungsmittel Nitrazepam. Kurz vor ihrem Tod untersuchte sie ein Psychiater. In japanischen Zeitungen stand, er habe ihre vorläufige Entlassung empfohlen. Ein Beamter des Einwanderungsbüros sagt: «Es war für uns nicht eindeutig, ob das eine Empfehlung war. Das ist ein Thema für weitere Ermittlungen.»

Ausländer müssen ihren Job beherrschen, Japanisch können, die Aufenthaltserlaubnis ist zunächst befristet.

Warum Wishma Sandamali starb, kann die Behörde noch nicht sagen. Als direkte Todesursache gab der Gerichtsmediziner «akutes Leberversagen» an. Am Morgen ihres Todestages beobachtete das Wachpersonal laut Zwischenbericht, dass sie schwer atmete und «immer wieder den Kopf auf und ab, nach links und rechts» bewegte. Die Bewegungen wurden schwächer. Ins Spital kam Wishma Sandamali, als sie keinen Puls mehr hatte.

Ausländer werden auch für Japan wichtiger. Die Bevölkerung schrumpft, es fehlen Arbeitskräfte. Ein neues Einwanderungsgesetz ermöglicht seit 2019 daher, dass mehr Fremde bleiben dürfen. Sie müssen ihren Job beherrschen, Japanisch können, die Aufenthaltserlaubnis ist zunächst befristet. Stand März 2021 erhielten so bisher 22’567 Personen ein Arbeitsvisum, 345’150 solcher Arbeitskräfte möchte Japan bis 2024 aufnehmen. Die Aufnahme von Ausländern aus rein humanitären Gründen bleibt minim: 47 Menschen erkannte Japan laut Einwanderungsbüro 2020 als Flüchtlinge an. 44 durften wegen besonderer Schutzbedürftigkeit bleiben. Von 3936 Bewerbern wurden demnach 2,3 Prozent angenommen.

Die japanische Höflichkeit hat klare Grenzen

Für Christian Louis Mballa ist Wishma Sandamali Opfer eines Systems, das darauf ausgerichtet ist, Menschen loszuwerden. Er selbst hatte mal das Gefühl, er könne Teil der Bürgerschaft werden. Er sprach irgendwann Japanisch, arbeitete als Autohändler, heiratete, seine Frau bekam eine Tochter. Dann nahm ihn die Polizei wieder fest, weil der Staat einst seinen Asylantrag abgelehnt hatte. Er erzählt, die Behörden hätten ihn bei seiner Frau schlechtgemacht, diese sogar gedrängt, das zweite Kind abzutreiben. «Wenn mir früher jemand erzählte, dass sie Ehen kaputtmachen würden, glaubte ich das nicht», sagt er, «aber es ist wahr. Das passiert vielen. Afrikanern, Südamerikanern, Asiaten.»

Im November kam er vorläufig frei, weil sein Gesundheitszustand zu schlecht war. Jetzt lebt er bei Freunden und versucht, sein Schicksal zu ordnen. Zu Frau und Tochter hat er keinen Kontakt. Fragt man den Beamten vom Immigrationsbüro nach der Geschichte von Louis Christian Mballa, sagt er, dazu könne er nichts sagen. Mballa weiss, dass die Polizei ihn jederzeit wieder festnehmen kann. «Aber das ist mir egal. Ich muss darüber reden.» Die Welt soll wissen, dass die berühmte japanische Höflichkeit sehr klare Grenzen kennt.

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