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Japanerinnen wollen die Wespentaille von Cinderella haben

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 18.09.2020 Felix Lill

In Japan gilt nur eine schlanke Frau als schön. Sogar werdende Mütter achten übermässig auf ihr Gewicht. Das hat gesundheitliche Folgen und kann sich auf die Lebenserwartung im Land auswirken.

Bis heute gilt sie als Vorbild: die japanische Pop-Sängerin ;Namie Amuro, die in den neunziger Jahren das Schlankheitsideal verkörperte. Kyodo News / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Bis heute gilt sie als Vorbild: die japanische Pop-Sängerin ;Namie Amuro, die in den neunziger Jahren das Schlankheitsideal verkörperte. Kyodo News / Imago

Aki Yamada hat klare Pläne. Nachdem die 27-Jährige ein paar Jahre im Personalwesen gearbeitet hatte, heiratete sie vor gut einem Jahr. «Bald werde ich den Beruf aufgeben, weil ich schwanger werden will», sagt sie. Mit der Geburt ist die Karriere dann vorbei.» Das sei immer so. Deshalb denkt die Frau aus Yokohama jetzt besonders an ihren Körper. Sie werde auf eine gesunde Ernährung achten, denn: «Ich will versuchen, nicht so sehr zuzunehmen.»

Sie wolle dickere Beine und Arme oder Falten am Bauch und unterm Kinn vermeiden. «Man legt in der Schwangerschaft zwar ein bisschen zu, aber später will ich ja meinen alten Körper zurück», sagt sie. Alles andere sei nicht nur ungesund, sondern auch nicht schön. «Ich will hübsch bleiben.» Aki Yamada ist 1,52 Meter gross und wiegt nur 42 Kilo.

So wie Aki Yamada denken viele in Japan. Das Schönheitsideal ist zur Norm geworden, das sieht man nicht nur im Alltag, sondern das zeigen auch Studien. Auch in vielen andern Ländern gilt als schön, wer schlank ist, weil er damit auch Charakterfestigkeit und Erfolg ausstrahlt. Im ostasiatischen Land geht das aber noch weiter: Frauen wird ständig gesagt, wie erstrebenswert Dünnsein sei. Eine Frau, die dünn bleibt, nimmt man gern zum Vorbild. Das betrifft sogar werdende Mütter.

Umfang der Oberarme: 18 Zentimeter

Vor ein paar Jahren sorgte ein Männermagazin für Aufsehen, als es auf einer ganzen Seite die Eigenschaften der vermeintlich perfekten Frau auflistete. Unter anderem stand da, ideal bei einer Grösse von 160 Zentimetern sei ein Gewicht von 48 Kilo. Immerhin: Auf Twitter wurde daraufhin heftig darüber diskutiert, ob das nicht zu viel verlangt sei.

In Japan werden schon Kinder mit solch strengen Vorgaben konfrontiert. Magazine, die sich an junge Frauen richten, erstellen für Mädchen verschiedener Altersklassen Listen mit den angeblich perfekten Körpermassen. Da geht es um die Dicke der Unterarme, der Oberschenkel, des Halses oder der Waden. Das Magazin «Nicola» zum Beispiel, das Pubertierende lesen, nennt folgende Massangaben: Eine 12- bis 14-Jährige erreicht das Ideal, wenn sie 1,55 Meter gross ist und 34 Kilo wiegt. Der Hüftumfang liegt bei 57 Zentimetern, jener des Oberarms bei 18 Zentimetern.

Aufgrund solcher Normen ist in Japan die sogenannte Cinderella-Diät beliebt. Dabei orientiert sich das Idealgewicht am Körper der Märchenfigur mit der Wespentaille aus dem Disneyfilm. Um das eigene Cinderella-Gewicht zu ermitteln, multipliziert man seine Körpergrösse in Metern mit sich selbst und das Ergebnis mit der Zahl 18. Bei 1,65 Metern wäre das Ideal 49 Kilo, was laut Body-Mass-Index für eine 30-jährige Frau schon leichtes Untergewicht bedeutet. Wer darüberliegt, dem wird eine Kalorienreduktion empfohlen.

Japaner stehen auf Normen

Nicht nur beim Schlanksein ist man in Japan eher streng mit sich. Japaner orientieren sich gerne an vagen Standards, manchmal gleich an konkreten Normwerten. Sie versuchen diese ohne viel Hinterfragen zu erfüllen. So ist von Frauen immer wieder zu hören, dass eine Geburt nach dem 30. Lebensjahr gefährlich sei für die Gesundheit des Kindes. Männer dagegen sagen sich, dass sie zuerst einen festen Job benötigen, um heiraten zu können, weil die Ehefrau danach wohl zu arbeiten aufhört.

Ob es um Geschlechterrollen, das Berufsleben oder das Aussehen geht – in Japan schätzt man tendenziell das, was als normal gilt. So spricht man oft von der «homogenen Gesellschaft», in der sich alle ähnlich sind. Ein Sprichwort lautet dann auch: «Ein Nagel, der aus der Wand sticht, wird wieder hineingeschlagen.» Uniformität ist Trumpf.

Zur Qual wird diese Art von Kollektivismus, wenn die Ideale kaum erreichbar sind. Die Idee, dass junge Frauen noch ein bisschen dünner sein sollten, etablierte sich in Japan spätestens in den 1990er Jahren. Damals begann die Karriere der sehr schlanken Sängerin Namie Amuro, die bis heute als «Queen des J-Pop» gilt. «Wir wollten alle so sein wie sie», sagt Chika Tsuda, eine 37-jährige Lehrerin aus Osaka, «und erstaunlicherweise wollen das Kinder und Jugendliche von heute immer noch.»

Für Chika Tsuda hat das Schlankheitsideal nicht an Macht verloren, das beobachtet sie bei ihren Schülerinnen. Zum Glück habe ihr ihre Mutter Diäten verboten, als sie ein Teenager gewesen sei. Dasselbe, als sie vor neun Jahren schwanger wurde: «Meine Mutter achtete darauf, dass ich ordentlich an Gewicht zunahm.» Heute geht rund jede vierte Frau in Japan mit Untergewicht in die Schwangerschaft. Dünne Frauen mit einem dicken, ballonförmigen Bauch werden lobend «mama talent» genannt, was so viel wie «Starmutter» bedeutet.

Leichtere Babys bei der Geburt

Über die Hälfte der Frauen in Japan will während der Schwangerschaft weniger als die von der Regierung empfohlenen 12 Kilo zunehmen. Das zeigt nicht nur das Beispiel der anfangs erwähnten Aki Yamada, sondern besagt auch eine 2018 in der Fachzeitschrift «Scientific Reports» veröffentlichte Studie. Die meisten der Befragten glauben, eine geringe Gewichtszunahme sei förderlich für eine sichere Geburt und daher auch für die Gesundheit des Kindes. Ein Irrglaube: Bei Frauen, die während der Schwangerschaft wenig zunehmen, ist die Wahrscheinlichkeit eines Kaiserschnitts gleich hoch. Eine geringe Gewichtszunahme mit Baby im Bauch ist insofern auch ungesund.

Dieses Streben nach Schlankheit scheint aber nicht nur für werdende Mütter gesundheitliche Folgen zu haben, sondern auch für das Kind und letztlich die ganze Gesellschaft. Die Autoren der Studie erwähnen, dass über die Jahre das Geburtsgewicht von Kindern auf durchschnittlich 3 Kilo gesunken ist. Gleichzeitig werden die Menschen in Japan kleiner. Zum Vergleich: Ende der siebziger Jahre war ein Mann durchschnittlich noch 1,715 Meter gross. Heute ist er 0,7 Zentimeter kleiner. Der Wert bei den Frauen hat von 1,583 Metern um 0,2 Zentimeter abgenommen.

Das niedrige Geburtsgewicht wurde in einer weiteren Studie der Jikei University School of Medicine in Tokio und der australischen Monash University zudem in einen Zusammenhang gebracht mit den häufigen Nierenleiden von Japanern. Diese Entwicklungen wiederum, so befürchten die Forscher, könnten sich über Generationen negativ auf die Lebenserwartung auswirken.

Weltweit hat Japan den Ruf als Land, in dem die Menschen so lange leben wie nirgendwo sonst. Japanische Männer werden heute im Schnitt 81,1, Frauen 87,1 Jahre alt. Es spricht einiges dafür, dass die Lebenserwartung weiter steigt. Doch durch die schwächeren Neugeborenen könnte auch das Gegenteil eintreten.

Kleine dicke Gegenbewegung

Nun regt sich gegen das Hungern nach Norm zaghafter Widerstand. In Japan sind nur 3 Prozent der erwachsenen Frauen übergewichtig. Diese kleine Minderheit stellt sich vermehrt gegen die Schlankheitsnormen. Eine ihrer Vertreterinnen ist die Modeunternehmerin Naomi Watanabe, die 110 Kilo wiegt und sich auf Instagram gern mit Süssigkeiten ablichten lässt, während sie ihren Körper zur Schau stellt. Watanabe versteht sich als «Sprachrohr der Plus-Size-Frauen». Nicht zuletzt wegen ihrer Modelinie für grosse Grössen erklärte die japanische Ausgabe des Magazins «Vogue» Watanabe im Jahr 2016 zur Frau des Jahres.

Auch die Pop-Musik zieht nach, die das problematische Schönheitsideal gewissermassen mitverantwortet. Die Girlgroup «Big Angel» besteht aus fünf stark übergewichtigen jungen Frauen. Die Bandleaderin Michiko Gotochi erklärte in einem Interview, wie es zu ihrem Markenzeichen kam: «Ich wollte Model werden und hungerte dafür. Nach einem halben Jahr wurde ich von der Agentur entlassen, und da begann das Frustfressen.» Einst wog sie 54 Kilo, heute etwas mehr als das Doppelte. Sie hätte nie gedacht, dass sie als dicke Musikerinnen Fans gewinnen würden. Doch gerade das macht die Band beliebt.

Das Schwimmen gegen den Strom der Dünnen mag wohltuend sein, und dennoch: Ein Umdenken findet in der japanischen Gesellschaft nicht statt. Vorstellungen vom perfekten Körper halten sich hartnäckig. In einer Umfrage wurden Frauen in Tokio nach ihrem Wunschgewicht gefragt. Die meisten wollten dünner sein, als sie es sind.

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